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E-Book

Die Kanzler und ihre Familien

Wie das Privatleben die deutsche Politik prägt

AutorHolger Schmale, Jochen Arntz
VerlagDUMONT Buchverlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783832189495
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Konrad Adenauer hatte acht Kinder, das weiß heute kaum jemand mehr, weil es damals kaum der Rede wert war. Helmut Kohl versuchte in den Siebzigern und Achtzigern, den Deutschen das Ideal der heilen Kleinfamilie zu demonstrieren. Gerhard Schröder machte dann Patchwork auch im Kanzleramt bekannt. Und Angela Merkel? Sie hat keine Kinder, konzentriert sich auf die Arbeit, auch das kennen viele Deutsche. Wie sich unsere Gesellschaft verändert hat, zeigt sich auch an den Menschen, die dieses Land regiert haben. Ihre Vorstellungen von Familie wiederum haben Deutschland geprägt. So sprach sich Helmut Kohl vor dem Bundestag für die Hausfrauenehe aus. Dominierten Sicherheit und Wirtschaft die Politik des Exsoldaten Helmut Schmidt. Und Gerhard Schröder tat so viel für die Gleichberechtigung von Mann und Frau wie kein anderer Kanzler. Die Journalisten Jochen Arntz und Holger Schmale entwerfen anhand der Kanzlerfamilien ein faszinierendes Panorama dieses Landes.

HOLGER SCHMALE, 1953 in Hamburg geboren, ist Autor der DuMont Hauptstadtredaktion. Er arbeitete ab 1979 als dpa-Korrespondent in West- und Ost-Berlin, Bonn und Washington. Seit 2001 war er politischer Korrespondent und Leiter des Bundesbüros der Berliner Zeitung, ab 2010 Chefkorrespondent der DuMont Hauptstadtredaktion. JOCHEN ARNTZ, 1965 in Köln geboren, ist Chefredakteur der Berliner Zeitung. Nach dem Volontariat bei der Berliner Zeitung war er u. a. zehn Jahre lang verantwortlich für deren Reportage-Seite 3. 2007 wechselte er zur Süddeutschen Zeitung. 2014 wurde er Chefredakteur der DuMont Hauptstadtredaktion. 2013 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis für ein Porträt von Helmut Kohls zweiter Frau, Maike Richter.

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Leseprobe

2

ZEITENWENDE –
KONRAD ADENAUER

Es gibt Bilder, die graben sich für Generationen in das kollektive Gedächtnis einer Nation, bevor auch sie zu verblassen beginnen. Die Bilder vom letzten Weg Konrad Adenauers gehören dazu. Vor allem das weiße Schnellboot Condor, das am 25. April 1967 den mit der Bundesflagge bedeckten Sarg des ersten Kanzlers der Bundesrepublik rheinaufwärts von Köln zur Insel Grafenwerth bringt, von wo aus er den letzten Weg zum Begräbnis auf dem Waldfriedhof von Rhöndorf nimmt. An den Ufern und auf den Rheinbrücken stehen Zehntausende Bürger, um dem alten Mann noch einmal Respekt zu erweisen. 18 Schiffe, darunter einige aus Frankreich, Großbritannien und Holland, folgen der Condor, begleitet von 91 Salutschüssen, einem für jedes Lebensjahr.

Es ist die erste große politische Inszenierung des Staates Bundesrepublik Deutschland. Sie währt mehrere Tage, nachdem Adenauer am 19. April in seinem Haus in Rhöndorf gestorben ist. Es gibt anrührende Momente, wie die Fahrt von seinem Zuhause, ein letztes Mal ins Kanzleramt im Bonner Palais Schaumburg. Der motorisierte Trauerzug folgt dem Weg, den Adenauer seit 1949 fast täglich und fast bis zuletzt zu seiner Arbeit im Parlamentarischen Rat, im Bundestag, im Kanzleramt, in der CDU-Zentrale genommen hat.

Ein Unimog des Bundesgrenzschutzes transportiert den Sarg, gefolgt vom Mercedes 300 Adenauers, gelenkt von seinem langjährigen Chauffeur Peter Seibert. Dann ein Polizeiwagen mit den vier Leibwächtern und schließlich Limousinen mit seinen Kindern und ihren Partnern. So setzen sie mit der Rheinfähre von Königswinter nach Bad Godesberg über und fahren über die Koblenzer Straße – die noch am gleichen Tag in Adenauerallee umbenannt wird – zum Palais Schaumburg. Dort wird der Altkanzler für zwei Tage aufgebahrt und Tausende ziehen am Sarg vorbei, von morgens früh bis tief in die Nacht.

Und es gibt die repräsentativen Momente. Noch nie hat sich in der Bundeshauptstadt so viel politische Prominenz aus aller Welt versammelt wie zum Staatsakt für Konrad Adenauer. Es werden drei Staatspräsidenten und 19 Regierungschefs gezählt, darunter US-Präsident Lyndon B. Johnson und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle. Viele nehmen auch am folgenden Pontifikalamt im Dom von Köln teil, der Heimatstadt Adenauers, in der seine politische Karriere als Oberbürgermeister der Jahre 1917 bis 1933 einst begonnen hatte.

Das Ganze ist ein Staatsakt ohnegleichen in der noch kurzen Geschichte der Bundesrepublik. Der Abschied von diesem Jahrhundertmann ist auch ein erster Abschied von der Nachkriegszeit und die stilsicher inszenierte Demonstration der Rückkehr Deutschlands in den Kreis der geachteten Nationen. Zumindest die des westdeutschen Staates, dessen Gründung und Gedeihen auf das Engste mit Adenauers Wirken verbunden sind. Bundespräsident Heinrich Lübke würdigt ihn als denjenigen, der »unseren Weg zurück in die Gemeinschaft der freien Völker vorgezeichnet hat«.

Doch sosehr diese Feierlichkeiten unter den Augen der Öffentlichkeit mit damals ungewohnter vielstündiger Live-Übertragung im Fernsehen zelebriert werden, es gibt auch die ganz privaten Momente, in denen Konrad Adenauer nur seiner Familie gehört. Die Familie war ihm wichtig , und sie war immer schon groß und zeitlebens ein wichtiger Halt. Am Ende nun sind es seine Kinder aus zwei Ehen und ihre Partner, die ihn den ersten und den abschließenden Teil seines letzten Weges begleiten. Es gibt ein Foto von der kleinen Gruppe, die dem schon mit der Bundesflagge bedeckten Sarg auf dem steilen Weg von seinem Haus auf der Rhöndorfer Höhe folgt, den Grenzschutz-Offiziere mühsam bergab tragen. Sein drittältester Sohn, der Geistliche Monsignore Paul Adenauer, führt die kleine Trauergemeinde an. Paul stand seinem Vater am nächsten. Als elfjähriger Junge besuchte er seinen Vater immer wieder im Kloster Maria Laach, wo er sich vor den Nazis versteckte.

Konrad Adenauers Tochter Libet (li) übernahm oft die protokollarischen Pflichten der Kanzlergattin an der Seite des Witwers, hier 1962 bei einem Besuch in Washington mit den Kennedys [3]

Er hat von langen heimlichen Spaziergängen in jener Zeit berichtet, auf denen Vater und Sohn einander nahekamen. Und so ist es dann auch noch einmal in den letzten Lebensjahren Adenauers. Sie wohnen gemeinsam in dem Rhöndorfer Haus und verbringen manchen späten Abend nach den Dienstgeschäften des Kanzlers im Gespräch und bei der Betrachtung der von Adenauer gesammelten Gemälde. Paul spricht am Abend des 25. April die letzten Worte am Grab des Altkanzlers auf dem Rhöndorfer Waldfriedhof, wo er neben seinen beiden Ehefrauen Gussie und Emma die letzte Ruhe findet. Männer in den Uniformen der Rhöndorfer Sankt-Hubertus-Schützenbruderschaft haben den Sarg vom Schiff zu dem Friedhof getragen. Es ist eine sehr altdeutsche Zeremonie, die noch einmal daran erinnert, aus welcher Zeit der Tote stammt.

Doch sosehr die Trauerfeierlichkeiten den Blick zurück richten auf das lange Leben Konrad Adenauers und die Brüche der jüngeren deutschen Geschichte, sie sind auch schon Ausdruck einer neuen Zeitrechnung in der Bundesrepublik. Sie wird nicht mehr allein von Adenauers CDU bestimmt. Noch sind nur wenige rote Flecken in der schwarzen Fronde der christdemokratischen Staatsspitze auszumachen, aber es gibt sie. So sitzt in der ersten Reihe beim Staatsakt im Bundestag auch der SPD-Vorsitzende Willy Brandt, seit wenigen Monaten Vizekanzler und Außenminister der Großen Koalition. Das war eine Konstellation, die zu verhindern Adenauer in seiner aktiven politischen Zeit stets und erfolgreich getrachtet hat.

Es ist interessant, Willy Brandts Blick auf diesen großen alten Mann der Republik zu folgen. In seinen Erinnerungen hat er eine aufschlussreiche Skizze von dessen Persönlichkeit gezeichnet. »Aus kleinbürgerlicher Familie kommend, ins Großbürgertum hineingewachsen, von tief konservativer Grundüberzeugung, nicht ohne liberale Zutaten«, schreibt Brandt. »Fest im Katholizismus wurzelnd, wenn auch nicht klerikal. […] Auf den Weltkommunismus oder das, was er dafür hielt, war er auch ohne höheren Auftrag fixiert und wusste davon Gebrauch zu machen. Sein Denken im vorigen Jahrhundert wurzelnd; er war immerhin ein erwachsener Mann, als das unsere begann.«

Brandt beschreibt seinen Kontrahenten im Wahlkampf 1961 als einen Mann mit wenig Emotionen und noch weniger Skrupeln. »Menschliche Schwächen unterstellte er und verstand er auszunutzen. […] Wo es Wirkung versprach, kam eine gute Portion Rücksichtslosigkeit hinzu. Schläue mischte sich mit Starrsinn, der Zweck heiligte manches Mittel, und die patriarchalische Verschlagenheit konnte entwaffnen.« Mit einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung konstatiert er die Begabung Adenauers, komplexe Sachverhalte grob zu vereinfachen: »Er sprach noch weniger kompliziert, als er dachte.« Als Beispiel führt er einen Auftritt des Kanzlers in der Debatte um die Westbindung an: »Mit dem Osten wollen wir doch nicht gehen, meine Damen und Herren; zwischen den Stühlen können wir auch nicht sitzen, das wollen ja nicht einmal die Sozialdemokraten. Also müssen wir mit dem Westen gehen.«

Brandt fasst Adenauers Nachkriegspolitik in wenigen Sätzen so zusammen: »Er wollte das Sagen haben. Er wollte seiner politischen Sammlungsgruppierung das Kleid einer Staatspartei anpassen und eine halbwegs satte Gesellschaft im europäischen Westen – mit amerikanischer Rückendeckung – verankern.« Der bei diesem 1989 verfassten Resümee selber schon altersweise und -milde Willy Brandt fügt an: »Hätte den Deutschen, im größeren Teil ihres Landes, nicht Schlimmeres widerfahren können?«

Als Adenauer zu Grabe getragen wird, heißt der Kanzler Kurt-Georg Kiesinger. Er ist schon der zweite Nachfolger des »Alten«. Der hatte sich 1961, nach der nicht mehr ganz so glänzend gewonnenen Bundestagswahl, dem Druck der Jüngeren in der CDU/CSU nicht mehr erwehren können und seinen Rücktritt zur Mitte der Legislaturperiode eingeleitet. Was ihn hart ankommt, ist die Wahl des Nachfolgers: Alles läuft auf Ludwig Erhard zu. Ein Mann, dessen Name eng mit dem Erfolg Adenauers verbunden ist, denn er war der Architekt des Wirtschaftswunders, als Wirtschaftsminister seit dem ersten Kabinett stets an der Seite des Kanzlers.

Doch der schätzt allein dessen wirtschaftspolitisches Genie und hält ihn für gänzlich ungeeignet, an die Spitze der Regierung zu treten, wie er schon 1959 in einem Brief an den Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heinrich Krone, unverblümt schreibt: »Herr Erhard ist der beste Wirtschaftsminister, den wir uns haben wünschen können. Aber auf dem so empfindlichen und gefährlichen Gebiete der Außenpolitik hat er keine Erfahrungen. […] So ausgezeichnet Herr Erhard als Wirtschaftsminister ist, so gefährlich würde bei den immer stärker werdenden außenpolitischen Gefahren seine Wahl zum Bundeskanzler sein, da er ja als solcher die Richtlinie der Außenpolitik bestimmen muss.«

Dennoch muss er 1963, nach 14 Jahren als Kanzler, sein Amt an Ludwig Erhard abgeben. 1897 geboren, ist Erhard schon ein Mann des 20. Jahrhunderts, aber auch ist er geprägt von zwei Weltkriegen und dem vollkommenen politischen, moralischen, militärischen und ökonomischen Zusammenbruch Deutschlands. Er und seine Frau Luise bringen erste moderne Züge in das so lange von Adenauer bestimmte politische Leben der Bundesrepublik, auch wenn sich das scheinbar nur schwer mit...

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