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E-Book

Die Kellnerin, der Heilige und die Bienenkönigin. Kärntner Melancholien

AutorMarlene Faro
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711751232
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Österreichs südlichstes Bundesland provoziert Emotionen. Gleich nach Kärnten kommen Italien, Slowenien und die Adria, das färbt ab und verleiht mediterranes Flair. Am Wörthersee trifft sich die Schickeria, in den Gasthöfen wird nach friulanischen und slowenischen Rezepten gekocht. Aber die Kärntner Seele kennt auch die Wehmut, die aus der Vergangenheit als Grenzland rührt. Die berühmten Kärntner Lieder und die Werke unzähliger Künstler erzählen davon. Marlene Faro ist für dieses Buch ans Ende der Welt gereist, das sich mitten auf dem Kontinent finden lässt. Sie hat den winzigen Käfig einer Bienenkönigin bewundert, die einst ins ferne Russland verschickt wurde, und das Schloss entdeckt, in dem Wallis Simpson mit ihrem abgedankten englischen König flitterte. Ist mit dem rechten Bein in Slowenien gestanden und mit dem linken in Italien, hat in einer Klosterzelle übernachtet und ein deftiges Holzfällerfrühstück nur mithilfe von Schnapserln überstanden. Menschen haben ihr von den Rissen erzählt, die sich noch immer durch Dörfer und Familien ziehen, und von den Hoffnungen, die sie in die Zukunft setzen. Ein altes Grenzland ist in Aufbruchsstimmung und dockt an Europa an. Eine liebevolle Annäherung an den widersprüchlichen Süden Österreichs zwischen Aufbruch und Tradition

Marlene Faro, geboren in Wien. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft, Dr.?phil. Schrieb Reisereportagen für den 'Stern', 'Geo', 'Globo', den 'Feinschmecker' und 'Cosmopolitan'. 1996 erschien ihr erster Roman, 'Frauen die Prosecco trinken', der auch verfilmt wurde. Seither mehrere Romane. Im Picus Verlag erschienen der Erzählband 'Alte Schachteln' sowie die Lesereise Kärnten.

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Leseprobe

Lesachtal – Mittendrin am Ende der Welt


Von Pilgern und Patres, Marge Simpson und Harley-Fahrern


Finis terrae, Ende der Welt. Um dorthin zu gelangen, bin ich vor Jahren weit gereist. Quer durch Europa, dann an seinem südwestlichsten Saum entlang bis nach Cabo de São Vicente, wo der Atlantik beginnt und am Horizont abbricht wie eine dunstige Kante. Von wo aus dereinst die allerverwegensten Portugiesen aufbrachen, um hinauszufahren aufs Meer, auch wenn sie glaubten, dass die Welt eine Scheibe sei und sie an ihrem Rand abstürzen würden in ein namenloses Nichts. Das Ende der Welt lässt sich aber auch in gegensätzlicher Weise aufsuchen, sozusagen im Innersten des Kontinents, wo Bergkämme wie spitze Wellen ein Tal begrenzen. Die Expedition beginnt am Wiener Südbahnhof und führt über den Semmering, Klagenfurt, vorbei am Wörthersee bis nach Villach. Dort umsteigen in den Regionalzug nach Kötschach-Mauthen, wo vor dem Bahnhofshäuschen die Gleise abrupt enden. Dann beim Chauffeur des Postautobusses, der schon gegenüber wartet, eine Fahrkarte lösen hinauf ins Lesachtal. Das Gepäck verstauen und sich festhalten, die Lesachtaler Chauffeure kommen alle in den Himmel, weil in ihren Bussen immer so viel gebetet wird, heißt es nicht zu unrecht. Wie ein Korkenzieher schraubt sich die Straße in die Felsen hinein, in Haarnadelkurven vorbei an Schluchten, die in einer uneinsehbaren Tiefe enden. Souverän überholt der Chauffeur ein Urlauberauto mit holländischem Kennzeichen, der Fahrer sitzt ziemlich blass hinterm Lenkrad. In Birnbaum steigt eine alte Bäuerin zu und hält dem Chauffeur vertrauensvoll ihr Geldbörsel hin, der kramt und lacht: »Du host jo noch lauter Schilling!« Sie bekommt trotzdem ihr Ticket und die Fahrt geht weiter. Liesing, Sankt Lorenzen, Tuffbad, Sterzen, und dann taucht endlich Maria Luggau auf, das Ziel meiner Reise. Zwar würde sich die Straße noch weiterschlängeln, über Obertilliach und Kartitsch bis hinaus nach Lienz oder gar ins Italienische hinüber nach Innichen, aber hinter Maria Luggau erhebt sich wie eine Wand aus Glas die Grenze zu Osttirol und das bedeutet »draußen«. Draußen, wo die Leute ganz anders sprechen und andere Trachten tragen und andere Speisen essen.

Im Herbst 2007, als der Papst in Österreich zu Besuch war, ist Maria Luggau kurzfristig in die internationalen Schlagzeilen geraten. Plötzlich hat sich nämlich wie eine Feuersbrunst das Gerücht im Ort verbreitet, der Heilige Vater wolle dem uralten Wallfahrtsort einen spontanen Besuch abstatten und würde innerhalb der nächsten Stunden vom Himmel herabschweben, mit einem Hubschrauber. Ganz Maria Luggau hat sich in Windeseile herausgeputzt, die Trachtenkapelle hat Aufstellung genommen, hohe Herren sind mit ihren Dienstlimousinen herangeprescht. Dann hat das große Warten begonnen, eifrig dokumentiert von den umherschwirrenden Fotografen und Reportern und Fernsehteams, so willkommen wie Fliegen über einem Speckbrot. Aber nichts ist passiert, es hat sich ganz eindeutig um ein Gerücht gehandelt, das ein Spaßvogel in die Welt gesetzt hatte, der Schlingel ist bis heute unauffindbar. Seither kämpfen die Maria Luggauer mit einem Image, das an die Schildbürger erinnert, nur langsam wächst Gras über die Sache und im Ort mag niemand auf diesen Tag angesprochen werden. Aber mir ist dieses Warten auf den Papst immer wie ein Beweis von großem Selbstbewusstsein erschienen. Ein kleiner Ort im allerhintersten Österreich hält sich für bedeutsam genug, um vom Papst höchstpersönlich besucht zu werden, das sollen sie den Maria Luggauern erst einmal nachmachen, die Leut’ da draußen.

Herz des gesamten Tales ist die Basilika, die mit dem angeschlossenen Servitenkloster wie ein mächtiger Vierkanthof plus Glockenturm auf einem Bergrücken thront. Die Servitenpatres bieten Wallfahrern, aber auch ganz gewöhnlich weltlich Reisenden Übernachtungsmöglichkeiten an und so kommt es, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben in einem Kloster einchecke, sozusagen. Mein »Komfortzimmer« mit Bad ist karg und freundlich zugleich, kein Fernseher, kein Radio, aber ein Spiegel über dem Waschbecken, immerhin. Neun Stunden hat die Fahrt von Wien nach Maria Luggau gedauert, nun bin ich rechtschaffen müde. Ein kurzer Spaziergang noch in der Abendsonne, es riecht nach trockenem Heu, das Holz vor den Stadeln ist so kunstvoll geschlichtet wie für eine Installation auf der Biennale, die steilen Matten sind von einem Grün, wie es Schulkinder mit Jolly-Buntstiften gerne aufs Papier kritzeln. So stehe ich da und genieße das friedvolle Bild und höre den Bach rauschen. Und dann fällt mir, mitten in die Idylle hinein, der Engelbert Obernosterer ein. Der ist in Sankt Lorenzen geboren und aufgewachsen, hat das Knabenseminar Tanzenberg bei Klagenfurt besucht, doch dann ist er nicht Pfarrer geworden, wie von der Mutter erhofft, sondern Lehrer und Schriftsteller. Aber einer, der nicht mit Deftigkeiten die Heimat verkauft, sondern Sätze schreibt, die sich wie ein Brennglas auf Alltagssituationen richten: »Die Sommerfrischler aber, wie wir sie nannten, tappten mit ihren Wanderschuhen hinweg aufwärts, der Kapelle zu. Sie sahen nur, wie friedlich das Tal lag. Das Wort schön, das sie des Öfteren vor Dinge hinsetzten, die mir nichtssagend erschienen, habe ich als Kind nie verstanden. Wenn ich über einen als schön bezeichneten Feldweg zur Arbeit ging, spürten meine Fußsohlen nur seine teils erdig trockenen, teils grasig weichen, dann wieder mit Steinspitzen zustechenden Bodenbeschaffenheiten … Landschaften sind immer schön, zumal wenn sie einem zu Füßen liegen.« Ertappt, du Romantikerin! Das Buch »Mythos Lesachtal« wird mich in den kommenden Tagen begleiten und so manchen Eindruck geraderücken, der daherkommt wie ein kitschiges Postkartenmotiv.

Am nächsten Morgen gibt es Frühstück im Refektorium, dem Speisesaal des Klosters, einem altehrwürdigen Saal mit frommen Ölgemälden an der Wand und einem einladenden Büffet in der Mitte. Insgeheim habe ich mich ja auf Tee und ein Stück Brot eingestellt, aber von den freundlichen Frauen aus der Küche werden Schinkenspeck und Käse aufgetragen, Müsli und Orangensaft und Nutella, eine Pilgergruppe steht davor mit andächtigen Augen. Am Tisch gegenüber sitzen die Patres, fünf ältere Herren in Zivil, die genauso gut Großbauern aus der Umgebung oder höhere Beamte auf Urlaub sein könnten. Pater Bernhard belegt gerade ein Brötchen und erzählt von seiner Operation vor einem Jahr, die Mitbrüder rühren in ihren Tassen um und sehen drein, als ob sie die Geschichte von der Operation schon ein paarmal gehört hätten. Am Nebentisch wagt ein Pilger leise Kritik: »Die Glocken haben die ganze Nacht geläutet! Ich habe kein Auge zugemacht!« Prior Andreas rückt diesen Eindruck zurecht: »Das war nur das Uhrwerk! Richtig geläutet wird erst ab sechs Uhr früh!« Dann zerstreuen sich alle und gehen ihren Pflichten nach, Messen lesen und Beichte ablegen und Beichte anhören, administrieren und kochen und putzen, weiterwandern.

Frau Maria, die die weltlichen Belange des Klosters managt wie eine tüchtige Hotelchefin und trotz der vielen Arbeit so erstaunlich jugendlich wirkt wie so viele Einheimische, bleibt noch ein bisschen bei mir sitzen. Als Mädchen ist sie weggegangen, um der Enge zu entkommen, dem Abgeschnittensein. An eine Szene aus ihrer Kindheit kann sie sich noch gut erinnern: »Damals ist noch mein altes Elternhaus gestanden, das war einfach schrecklich, so feucht und kalt. Und davor hat einmal ein dickes Auto aus Wien angehalten und ein Herr ist ausgestiegen und hat alles fotografiert. Der war ganz begeistert und hat gesagt, dass er noch nie so ein schönes altes Bauernhaus gesehen hat. Aber ich hätt’ ihm was erzählen können, wie das Leben bei uns wirklich war! Im Winter war es so kalt, dass die Bettdecken in der Früh voller Raureif gewesen sind von unserem Atem!« Trotzdem ist sie Jahre später zurückgekommen und hat als Köchin im Kloster zu arbeiten begonnen. »Höchstens einen einzigen Winter lang wollte ich bleiben und jetzt sind es zweiundzwanzig Jahre geworden!« Ihr Sohn, den sie alleine großgezogen hat, ist nie ein Problem gewesen, das rechnet sie den Patres hoch an.

Die Macht der Kirche hat Sprünge bekommen, auch im gottesfürchtigen Lesachtal. Noch vor einer Generation wurde hier, wie in vielen anderen Alpengemeinden, das »Aufsegnen« gepflogen. Wöchnerinnen, die durch den Akt der Geburt »unrein« geworden waren, mussten vor der Messe an der Schwelle zum Kirchenportal knien und wurden vom Pfarrer mit Weihwasser und Gebeten wieder in die Gemeinde aufgenommen. »Es war offensichtlich, dass die Frau allerlei Unkeuschheiten getrieben hatte«, beschreibt Engelbert Obernosterer, was ihm als Bub bei solchen Zeremonien durch den Kopf gegangen ist. Die Männer blieben von der Buße verschont, auch wenn sich in alten Dokumenten nachlesen lässt, wer der Herr war im Bett und wer sein Leben riskierte. Bartlmä Guggenberger, geboren 1788 in Luggau, ehelichte 1819 die Anna, die ein Jahr darauf im Kindbett starb. Drei Monate später heiratete er die Agnes, die erst einmal vier Töchter zur Welt brachte, bis endlich der Sohn geboren wurde. Es folgten weitere Kinder, dann starb auch die Agnes. Bartlmä freite nun eine gewisse Juliana, die ein Jahr später ihr erstes Kind nur um einen Tag überlebte. Zehn Monate später heiratete Bartlmä Guggenberger die Franziska und zeugte seinen letzten Sohn. In den Gängen des Klosters hängen alte Votivbilder, die den bitteren Alltag zum Wunder erhöhen: »Blasius Schmid von Innichen hat im Jahre 1518 sein todtgeborenes Kind in die Luggau gebracht, und mit festem Vertrauen auf den Altar gelegt, und nachdem der Vater und das ganze Volk mit lauter Stimme zur Mutter der Gnaden um Hilfe gerufen, bekam das todte Kind...

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