Sie sind hier
E-Book

Die kleine Welt des Vatikan

Alltagsleben im Kirchenstaat

AutorAldo Maria Valli
VerlagKlett-Cotta
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783608107340
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Aldo Maria Valli wirft einen einzigartigen Blick auf den Vatikan mit viel Liebe fürs Detail: Er schildert, wie man den Vatikan betritt, zeigt Kuriositäten auf, wie z. B. die Garage des Papstes ein Rundgang durch die päpstlichen Gemächer das Essen in der Mensa, Einkaufen im Supermarkt und in der berühmten Apotheke Geld abheben am EC-Automaten auf Latein Besuch auf dem Gutshof und eines Hühnerstalles in Castel Gandolfo die Suche der Astronomen nach Außerirdischen im dortigen Observatorium zahlreiche mysteriöse Vorfälle im Vatikan, vom Selbstmord des Kommandanten der Schweizergarde bis zum »Maulwurf«-Fall und dem Fall Orlandi.

Aldo Maria Valli, geboren 1958, ist Journalist und Publizist. Valli gilt als einer der besten Kenner des Vatikan. Er hat Johannes Paul II. und Benedikt XVI. auf ihren Reisen begleitet und darüber im Fernsehen, im Rundfunk und in Zeitungen berichtet. Zahlreiche Publikationen über die Welt der Kirche und ihre weltlichen, gesellschaftlichen, politischen und immer auch historischen Bezüge.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

EIN HEILIGER STUHL


CATHEDRA UND PAPSTTHRON  Anspruchsvoller könnte der Name nicht sein: Heiliger Stuhl. Der »Stuhl« hat auch etwas mit dem »Sitz« zu tun, und im Fall der Päpste handelt es sich um einen besonders wichtigen Sitz, weil er zugleich Thron und Bischofssitz, Cathedra, ist. Der Thron bedeutet, dass der Papst ein Souverän ist, und Cathedra, dass er als Nachfolger Petri die Aufgabe hat, die rechte Lehre zu verkünden und seine Brüder im Glauben zu stärken.

Die Cathedra, der Bischofsstuhl des Papstes, findet sich nicht im Petersdom, sondern in der Kirche San Giovanni in Laterano. Der Name Lateran geht auf die römische Familie der Laterani zurück. Sie waren die Eigentümer des Grundstücks, auf dem im 4. Jahrhundert die Basilika errichtet wurde. Der Heilige Stuhl im buchstäblichen Sinn steht also in San Giovanni, der Kathedrale der Diözese Rom, dem offiziellen Bischofssitz des Papstes und der ersten der vier Papstbasiliken Roms. Die anderen Basiliken sind Sankt Peter, San Paolo fuori le Mura und Santa Maria Maggiore. San Giovanni ist überdies die älteste Basilika des Abendlandes.

Dass sich die Cathedra des Papstes in San Giovanni und eben nicht im Petersdom befindet, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Pontifex seine Aufgabe der kirchlichen Lehre aus seinem Amt als Bischof von Rom bezieht. Trotzdem ist eine echte Cathedra auch im Petersdom erhalten geblieben: integriert in ein barockes Monument, das Gian Lorenzo Bernini im 17. Jahrhundert zur Verherrlichung des Papstes und seiner Macht geschaffen hat. Es waren die Jahre der Gegenreformation, die die katholische Kirche als Antwort auf die protestantische Herausforderung bestritt, und Bernini stellte seinen Genius in den Dienst der großen Sache. Der Legende nach gehörte die Cathedra, die Bernini hoch oben, gut sichtbar, in der Apsis des Petersdoms anbrachte, Petrus selbst. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich um einen Holzstuhl aus dem 9. Jahrhundert: Der Frankenkönig Karl der Kahle schenkte ihn dem damaligen Papst Johannes VIII., als er im Jahr 875 Rom besuchte, um sich am Weihnachtstag zum Kaiser krönen zu lassen.

Seitdem wurde dieser hölzerne Thron, der nur aus viereckigen Teilen zusammengesetzt und von sehr schlichter Machart war, als Sitz bei liturgischen Feiern genutzt und wie eine Reliquie verehrt. Bernini arbeitete ihn schließlich 1666 im Auftrag Alexanders VII. in ein majestätisches Kunstwerk ein. Damit verlieh er ihm zwar noch mehr Bedeutung und Glanz, entzog ihn aber zugleich auch der Bewunderung der Gläubigen.

Um der Wahrheit willen sei hinzugefügt, dass dieser Stuhl trotz der ihm entgegengebrachten Wertschätzung nie der wichtigste Gegenstand der Verehrung für die Besucher der alten konstantinischen Basilika war. Viel lieber beteten sie vor dem Schweißtuch der Veronika, die der Legende zufolge mit diesem Tuch das Gesicht Jesu Christi auf seinem Leidensweg zur Kreuzigung säuberte, wodurch seine Gesichtszüge auf dem Tuch haften blieben. Möglicherweise wurde diese Reliquie später in die Kirche von Manoppello (Schleier von Manoppello) in der Provinz Pescara verbracht. Ein Beweis dafür lässt sich allerdings nicht finden.

Der Sitz war jedenfalls sichtbar und legte Zeugnis von der jahrhundertealten Macht des Papstes ab. In der Absicht, ihn zu überhöhen, integrierte ihn Bernini in den Thron im Zentrum seines Monuments, sodass er einerseits von einer wahren Lichtflut umgeben wurde, andererseits verhindert wurde, den päpstlichen Thron in seiner irdischen Schlichtheit zu sehen.

Man könnte diesen Umstand auch als zweitrangig abtun, aber das ist er keineswegs. Mit dem Verschwinden der Cathedra wurde es für die Gläubigen schwieriger, sich eine Vorstellung von der Macht und der Autorität des Papstes zu machen. So hat man sie wohl noch im 17. Jahrhundert einige Jahre lang regelmäßig aus dem gewaltigen Reliquiar Berninis herausgezogen, um sie öffentlich auszustellen. Allerdings erwies sich das als ein durchaus schwieriges Unterfangen, und so beschloss man 1681, den Sitz für immer an seinem Platz zu belassen. Zum letzten Mal wurde er nach dem Willen Pius’ IX. zwischen dem 28. Juni und dem 9. Juli 1867 öffentlich ausgestellt. Im Jahr 1968 schließlich erteilte Paul VI. auf Anfrage einiger Forscher die Genehmigung, den Sitz neuerlich aus dem Monument herauszunehmen und wissenschaftlich zu prüfen. Das Objekt wurde in die Sakristei gebracht, abgemessen und sein Alter entweder mit der dendrochronologischen Methode (nach Jahresringen) oder mit der Radiokarbon-Methode bestimmt. Resultat: Der Stuhl wurde überwiegend aus Eichenholz gefertigt; das Datum der Herstellung lässt sich ungefähr auf das Jahr 870 eingrenzen.

Während der Stuhl des Papstes in ein großes Kunstwerk integriert wurde, schrumpfte der päpstliche Stuhl im übertragenen Sinn nach und nach zusammen, bis er schließlich dem winzigen vatikanischen Territorium entsprach. Konnte dennoch seine Heiligkeit bewahrt werden? An diesen Punkt reihen sich weitere Fragezeichen. In welchem Sinne ist er heilig? Ist es überhaupt möglich, dass sich eine von Menschen geschaffene Organisation mit einem so anspruchsvollen Attribut schmückt?

Hier kann man sofort erwidern, der Heilige Stuhl sei nicht in dem Sinne heilig, dass er perfekt und frei von Irrtümern und Sünden ist. Seine Heiligkeit bezieht sich stattdessen auf den Bereich, mit dem er sich befasst, und nicht auf sein Wesen. So wie die Kirche nach einem beliebten Ausspruch der Protestanten semper reformanda, also immer wieder reformiert werden muss, braucht auch der Heilige Stuhl stets Reform und Wandel, um sich besser dem Willen Gottes anzunähern. Und dies umso mehr, als sich der Heilige Stuhl als eine Recht sprechende Institution nicht anmaßen kann, sich heilig zu nennen, weil er vollständig rechtschaffen und tugendhaft sei. Aber die Wörter haben trotz allem ihre eigene Macht, und so vermittelt der Ausdruck »Heiliger Stuhl« unmittelbar eine höhere, erhabenere Realität, die man bei anderen Staaten oder internationalen Organisationen nicht erkennen kann – was den Repräsentanten des Heiligen Stuhls gewiss nicht missfällt.

Wirklichkeitsnäher als »Heiliger Stuhl« wäre etwa die Bezeichnung »Apostolischer Stuhl«, verweist sie doch weniger auf eine mögliche moralische Qualität als vielmehr auf eine historische Gegebenheit: Apostolischer Stuhl wird er genannt, weil sein Ursprung auf den ersten Apostel, auf Petrus zurückgeht. Aber im Vergleich zu »Heiliger Stuhl« ist »Apostolischer Stuhl« für die Kirche nicht so eindeutig definiert, weil es ursprünglich auch außerhalb Roms, in Antiochia und im ägyptischen Alexandria, einen Apostolischen Stuhl gegeben hat; insofern entspricht diese Formel nicht der Vorstellung von der überragenden Stellung, die der Katholizismus für den Papst in Rom beansprucht.

Welche Bezeichnung man nun auch vorzieht, vor allem sollte die Unterscheidung zwischen »Heiliger oder Apostolischer Stuhl« oder / und »Staat der Vatikanstadt« im Gedächtnis bleiben: Die erste Bezeichnung betrifft die Regierung und die Jurisdiktion des römischen Pontifex, der die juristische Person im Bereich des internationalen Rechts darstellt und dementsprechend diplomatische Beziehungen mit vielen Ländern der Erde unterhält. Die zweite Bezeichnung dagegen betrifft das Territorium, über das der Heilige Stuhl verfügt, um dort seinen Aktivitäten nachzugehen. Daher gibt es hier auch zwei Wirtschaftsverwaltungen.

Das Thema Einkünfte, die dem Heiligen Stuhl wie auch der Vatikanstadt den Unterhalt ermöglichen, erläutere ich weiter unten, aber alles der Reihe nach. Ich beginne mit dem Heiligen Stuhl und zeige, aus welchen Gremien und Abteilungen er zusammengesetzt ist und welche Aufgaben diese haben.

EIN MANN ALLEIN AUF DER KOMMANDOBRÜCKE  An der Spitze von allem und allen steht der Papst – eine vielschichtige Figur: Er ist das Oberhaupt der katholischen Kirche, aber auch Staatsoberhaupt. Seine vornehmste Pflicht ist es, die Brüder im Glauben zu stärken, also den Katholiken aller Kontinente die dogmatischen, theologischen und moralischen Lehren zu erteilen, aber er ist auch eine Autorität, die sich auf einer viel größeren Plattform zu ganz unterschiedlichen Problemen auf der ganzen Welt zu Wort meldet: von den Kriegen bis zur wissenschaftlichen Forschung, vom Hunger bis zum Umweltschutz.

Wenn man im Annuario Pontificio blättert, dem dickleibigen (über 2350 Seiten umfassenden) Staatskalender und eine Art Who is Who der katholischen Kirche, liest man, dass der Papst (von griechisch páppas, »Papa«) trotz dieses schlichten, vertraulichen Namens zahlreiche, überaus anspruchsvolle offizielle Titel führt. Er ist, der Reihe nach:

  • Bischof von Rom
  • Stellvertreter Jesu Christi
  • Nachfolger des Apostelfürsten (oder Petri)
  • Summus Pontifex der universalen Kirche
  • Primas von Italien
  • Erzbischof und Metropolit der Kirchenprovinz Rom
  • Souverän des Staates Vatikanstadt
  • Diener aller Diener Gottes

Früher hieß er auch Patriarch des Abendlandes, aber Papst Benedikt XVI. hat auf diesen Titel verzichtet. Diese Liste ist nicht nur ziemlich lang, sondern auch heterogen, weil sie ausschließlich religiöse Kompetenzen mit anderen mischt, die eher Leitungsfunktionen und die politische Stellung beschreiben.

Dazu gehört aus politischer Sicht die ganz eindeutige Definition von »Souverän«. Aber es stimmt schon: Der Papst verkörpert eines der heutzutage seltenen Beispiele...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Gesellschaft - Männer - Frauen - Adoleszenz

Managed Care

E-Book Managed Care
Neue Wege im Gesundheitsmanagement Format: PDF

Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich in einem radikalen Umbruch. Ansätze zur Bewältigung dieser Herausforderungen finden sich in den vielfältigen Managementinstrumenten und Organisationsformen…

Die große Panik

E-Book Die große Panik
Das Wettrennen zur Rettung der Weltwirtschaft Format: PDF

Als der legendären Vorstandsvorsitzenden Alan Greenspan die Geschicke der Fed in die Hände seines Nachfolgers Ben Bernanke legte, waren die USA bereits in ernsthaften wirtschaftlichen Schwierigkeiten…

Die kommende Euro-Katastrophe

E-Book Die kommende Euro-Katastrophe
Ein Finanzsystem vor dem Bankrott? Format: PDF

Mit großem Jubel wurde vor 10 Jahren der Euro begründet und im Jahr 2002 endgültig eingeführt - und das, obwohl damals laut Umfragen 90 Prozent der Bevölkerung gegen die neue Währung waren. Und…

Die Geschichte der DZ-BANK

E-Book Die Geschichte der DZ-BANK
Das genossenschaftliche Zentralbankwesen vom 19. Jahrhundert bis heute Format: ePUB/PDF

Die DZ BANK ist das Spitzeninstitut der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Deutschland und zählt zu den wichtigsten Kreditinstituten des Landes. Ihre Geschichte ist der breiteren Ö…

Eigentum

E-Book Eigentum
Ordnungsidee, Zustand, Entwicklungen Format: PDF

Band 2 der Bibliothek des Eigentums gibt einen umfassenden Überblick über die geistige Befindlichkeit Deutschlands in Ansehung des privaten Eigentums. Die Beiträge stellen den politischen Blick auf…

Madeleine Schickedanz

E-Book Madeleine Schickedanz
Vom Untergang einer deutschen Familie und des Quelle-Imperiums Format: ePUB

Madeleine Schickedanz ist die Frau hinter dem Quelle-Konzern. Sie lebt zurückgezogen, man weiß wenig über sie. Anja Kummerow hat sich an ihre Fersen geheftet, um herauszufinden: Wer ist diese Frau?…

Gustav Schickedanz

E-Book Gustav Schickedanz
Biographie eines Revolutionärs Format: ePUB

Jahrzehntelang war er eine Institution in Millionen deutschen Haushalten: der Quelle-Katalog. Er war das Medium, das nicht nur für eine besonders enge Verbindung zwischen dem Unternehmen und seinen…

Weitere Zeitschriften

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin informiert über Themen, die das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft bestimmen -und dies konsequent aus Perspektive der Betroffenen. Die Menschen, um die es geht, ...

Augenblick mal

Augenblick mal

Die Zeitschrift mit den guten Nachrichten "Augenblick mal" ist eine Zeitschrift, die in aktuellen Berichten, Interviews und Reportagen die biblische Botschaft und den christlichen Glauben ...

Burgen und Schlösser

Burgen und Schlösser

aktuelle Berichte zum Thema Burgen, Schlösser, Wehrbauten, Forschungsergebnisse zur Bau- und Kunstgeschichte, Denkmalpflege und Denkmalschutz Seit ihrer Gründung 1899 gibt die Deutsche ...

crescendo

crescendo

Die Zeitschrift für Blas- und Spielleutemusik in NRW - Informationen aus dem Volksmusikerbund NRW - Berichte aus 23 Kreisverbänden mit über 1000 Blasorchestern, Spielmanns- und Fanfarenzügen - ...

DGIP-intern

DGIP-intern

Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie e.V. (DGIP) für ihre Mitglieder Die Mitglieder der DGIP erhalten viermal jährlich das Mitteilungsblatt „DGIP-intern“ ...

Die Großhandelskaufleute

Die Großhandelskaufleute

Prüfungs- und Praxiswissen für Großhandelskaufleute Mehr Erfolg in der Ausbildung, sicher in alle Prüfungen gehen, im Beruf jeden Tag überzeugen: „Die Großhandelskaufleute“ ist die ...