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E-Book

Die Körperlichkeit des Kinos von Gaspar Noé

AutorTimur Kücükince
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl56 Seiten
ISBN9783656613251
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2013 im Fachbereich Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen, Note: 1,1, Universität Siegen (Philosophische Fakultät), Sprache: Deutsch, Abstract: Diese Bachelorarbeit befasst sich mit dem Kino vom französischen Kultregisseur Gaspar Noé. Die Anfänge des französischen Kinos sowie die sich darauf entwickelnden Stilrichtungen bis zum cinema du corps, zu dem auch Gaspar Noé Kino zählt werden einleitend aufgeführt. Die anschließende Analyse befasst sich mit Gaspar Noés bisherigen drei Spielfilmen Seul Contra Tous, Irréversible und Enter the void. Der Analyse Schwerpunkt liegt dabei auf dem performativen Stil seiner Filme. Gaspar Noés Filme werden vielmehr körperlich erfahren als einfach nur 'gesehen' Diese körperliche Erfahrbarkeit wird in dieser wissenschaftlichen Abhandlung näher betrachtet.

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Leseprobe

2. Analyse des Körperkinos von Gaspar Noe


 

2.1 Seul Contre Tous


 

Gaspar Noes erster Langfilm SEUL CONTRE TOUS (1998), der fast nahtlos an den Kurzfilm CARNE (1991) anschließt, zeigt, wie der Pferdeschlachter (Philippe Nahon) mittlerweile zusammen mit der von ihm geschwängerten Kneipenbesitzerin (Frankie Pain) und deren Mutter in Lille in einer kleinen Wohnung lebt. Nachdem ihm seine Geliebte, den Wunsch einer zuvor zugesagten eigenen Metzgerei verweigert, muss er sich mit einem Job in einem Altenheim zufrieden geben. Bei einem Streit schlägt er seiner Geliebten mit der Absicht, ihr ungeborenes Kind zu töten, mehrfach auf den Unterleib. Nur mit einer Pistole und etwas Geld in der Tasche macht sich der Schlachter daraufhin wieder auf den Weg zurück nach Paris. Nachdem er dort angekommen, keine Arbeit finden kann, beschließt er, seine Tochter aus dem Heim zu holen und sich selbst sowie seine Tochter umzubringen, wozu er aber letztendlich nicht im Stande ist.

 

Gaspar Noe verwendet in seinen Filmen gern auffällige Motive, wie zum Beispiel in IRREVERSIBLE die Zeit und in SEUL CONTRE TOUS die Moral. Das Motiv der Moral zieht sich wie ein roter Faden durch SEUL CONTRE TOUS. Unter anderem wird der Zuschauer anhand von kurzen Einblendungen des Wortes Moral mehrfach darauf aufmerksam gemacht. Zusätzlich wird das Thema häufig vom Schlachter in Form der Aussage: „Jedem sein Leben, jedem seine Moral“[35] verbalisiert.

 

Zu diesen Motiven vermittelt Noe pessimistische Botschaften, die er wohl auch „[...] [als] seine persönlichen Meinungen, [. ] verstanden wissen möchte“[36]. Diese Botschaften treten meistens im Laufe des Films u.a. in Form von „Slogans“[37] auf, wie zum Beispiel in IRREVERSIBLE: Die Zeit zerstört alles oder in SEUL CONTRE TOUS: Leben ist ein egoistischer Akt, Überleben ist genetisches Gesetz.

 

Durch die weitere Filmhandlung werden die Botschaften dann kontinuierlich „[...] aufs Bitterste affirmiert“[38]. Letztendlich überlässt es Noe in SEUL CONTRE TOUS dem Zuschauer, ob er die Ansicht des Schlachters teilt, dass jedem das Recht auf seine persönliche Vorstellung und dementsprechende Auslebung von Moral zusteht. Kurz vor Ende bezieht der Film nämlich insofern Stellung, dass er es mittels einer letzten Texteinblendung bei dem einfachen Fakt: „DER MENSCH HAT EINE MORAL“[39] belässt.

 

Bei der Betrachtung der auffälligen Stilmittel in SEUL CONTRE TOUS werden deutliche Parallelen zu dem österreichischen Film ANGST (Ö:1983; Gerald Kargl) sichtbar. Noe selbst bezeichnete ANGST in einem Interview als seine größte Inspirationsquelle für SEUL CONTRE TOUS: “This film, still poorly known film in Anglo-Saxon countries, was my perpetuell point of reference while shooting Seul Contre Tous”[40]. Noes Motivationen für den jeweiligen Einsatz bestimmter Stilmittel können durch eine Gegenüberstellung der Filme ANGST und SEUL CONTRE TOUS einfacher gedeutet werden.

 

2.1.1 Im Kopf des Schlachters


 

Die performative Komponente in der Inszenierung von SEUL CONTRE TOUS wirkt weitaus subtiler als bei Noes späteren Werken, IRREVERSIBLE (2002) und ENTER THE VOID (2009). Dennoch bezieht auch schon Noes erster Langfilm SEUL CONTRE TOUS seine starke Wirkung nicht über seine narrative Form, sondern durch konzentriert eingesetzte audiovisuelle Stilmittel, welche dem Zuschauer das Gefühl verleihen, den Film in einer momentanen körperlichen Erfahrbarkeit zu rezipieren. Dies erreicht Noe vor allem damit, dass der Zuschauer mittels einer subjektiven Erzählweise „[...] in den Kopf eines zutiefst zermürbten Mannes [...]“[41] gezwungen wird. Der Off-Kommentar des Protagonisten begleitet in Form eines nicht enden wollenden Gedankenstroms dessen Vorstellungen und Handlungen. Der Zuschauer wird damit dauerhaft den häufig sehr schockierenden Meinungen und Begierden des Schlachters ausgesetzt. Diese kontinuierliche Konfrontation mit dessen tiefster Gedankenwelt auf der Tonebene wird von einer visuellen Fixierung auf den Schlachter auf der Bildebene ergänzt.

 

Daneben existieren nur wenige weitere Figuren, die nur oberflächlich in Erscheinung treten. Durch diese Fixierung auf den Protagonisten wird es dem Zuschauer schwer gemacht, sich von den extremen Äußerungen des Schlachters sowie von seiner Person an sich zu lösen. Die meisten Protagonisten in Filmen sind so konzipiert, dass der Zuschauer sich mit ihm oder ihr auf einem emotionalen Level verbünden kann. Die gefühlte Sympathie des Zuschauers zum Protagonisten schafft die Basis für das Interesse am Film bzw. an den Handlungen des Protagonisten. In Gerald Kargls Film ANGST ist der Protagonist dagegen nur mit negativen Attributen besetzt und durch seine pathologische Psyche für die meisten Menschen nur schwer zugänglich.

 

Der Film basiert lose auf dem Leben des Serienmörders Werner Kniesek. Kargl ging es darum, den Zuschauern einen Einblick in die Psyche eines enorm gestörten Menschen zu ermöglichen.[42] Dafür ließ er seinen Protagonisten genauso wie in SEUL CONTRE TOUS seine Handlungen in Form eines fast durchgehenden Off-Kommentars erklären und beschreiben. Auch in ANGST existieren so gut wie keine Dialoge und nur wenige andere Figuren, die nicht wirklich Einfluss auf das Geschehen nehmen.

 

Dr. Marcus Stiglegger ist der Meinung, dass man bei dieser Inszenierungsform zwar davon ausgehen könne, dass „[..] eine gewisse Einfühlung in diesen gefährlichen Charakter ermöglich[t] [...]“[43] werde, doch das Gegenteil sei der Fall, nämlich durch die Verbalisierung der grauenvollen Handlungen werde „[...] der Zuschauer noch weiter entfremdet [..]“[44].

 

Es ist richtig, dass die meisten Äußerungen des Mörders in ANGST oder des Schlachters in SEUL CONTRE TOUS bei dem Zuschauer zu Ablehnung führen und dadurch Distanz generiert wird, dennoch ist die Empfindung von Nähe und Distanz auch abhängig vom jeweiligen Erfahrungs- und Sozialisationshintergrund des Zuschauers. Daher ist es schwierig, eine allgemein gültige Aussage diesbezüglich zu treffen. So wecken die Kindheitserzählungen des Mörders über die Misshandlungen der Mutter in dem Film ANGST eher Empathie beim Zuschauer und führen somit zu einer Annäherung, während wieder andere Aussagen des Protagonisten, zum Beispiel über das Lustempfinden beim Töten, bei den meisten Zuschauern eine abstoßende Wirkung haben wird. Deshalb ist die Beurteilung von Nähe und Distanz relativ schwierig und hängt vor allem von den jeweiligen individuellen Erfahrungen und Persönlichkeitsprofilen ab.

 

Allerdings lässt sich eine allgemeingültige Aussage in diesem Zusammenhang treffen, nämlich dass durch den ständigen Off-Kommentar, der Zuschauer gezwungen wird, sich mit den Gedanken des Protagonisten überhaupt auseinanderzusetzen. Denn durch dieses spezielle Spannungsverhältnis entsteht eine vermeintliche Austauschbeziehung zwischen Protagonist und Zuschauer, die in ihren jeweiligen Einzelheiten sowohl positiv wie auch negativ behaftet sein kann, unabhängig davon aber eine Form von Gegenwärtigkeit generiert.

 

2.1.2. Der Schlachter und sein Publikum


 

Durch die häufig auftretende direkte Ansprache des Publikums wird die Empfindung von Gegenwärtigkeit im Zuschauer nochmals verstärkt. Die Adressierung des Zuschauers erweckt in ihm das Gefühl, er nehme an einer vermeintlichen LIVE­Performance teil, indem das Hier und Jetzt betont wird. Dem Zuschauer wird damit eine passive Konsumierung des Films verweigert, weil er durch seine Einbeziehung immer wieder aktiv mit seinen Reaktionen konfrontiert wird. Die starke Verbindung zwischen Zuschauer und Protagonist, die sich im Sinne einer performativen Ästhetik bemerkbar macht, weist einen filmischen Bezug zu dem französischen Theatertheoretiker und Regisseur Antonin Artaud auf. Artaud wandte sich als einer der ersten von einem narrativen Theaterkonzept ab und wollte schon Mitte des 20. Jh. durch „[...] Licht, Bewegung, Körperlichkeit, Klänge [und] exzessive Veräußerlichung“[45] das Publikum in das Geschehen mit einbeziehen.[46]

 

Bereits in den ersten Szenen von SEUL CONTRE TOUS wird immer wieder direkter Kontakt mit dem Publikum aufgenommen. Nachdem dem Zuschauer als erstes Bild der Umriss Frankreichs für eine grobe Einordnung des Handlungsortes präsentiert wird, erscheint das Wort „MORAL“[47] fett auf der Leinwand, das mit einem lauten, dumpfen Klang wieder verschwindet. Anschließend befinden wir uns als Zuschauer in einer Arbeiterkneipe, in der ein offensichtlich angetrunkener Mann scheinbar mit einer anderen Person spricht, aber aufgrund der nahen Einstellungsgröße und der direkten Anrede, wir das Gefühl haben, der Mann würde uns meinen, wenn er sagt: „Weißt du was das ist, Moral?“ [48]; dann eine Schwarzblende, wieder untermalt von demselben lauten, dumpfen Klang, der den Eindruck macht, als solle er dazu dienen, auf aggressive Weise unsere Aufmerksamkeit einzufordern.[49] Diese Angriffe auf die sensiblen Gehörgänge des Zuschauers treten im Laufe des Films noch häufiger in abgewandelter Form in Erscheinung, z.B. in Form von Pistolenschüssen, welche bei gelegentlichen schnellen Kamerafahrten an das Gesicht des Schlachters auf der Tonebene als Stilmittel eingesetzt werden. Der Mann aus der Kneipe versichert uns, dass er uns jetzt erklärt, was...

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