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Die Literatur im Zeitalter Neros

AutorChristiane Reitz
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl157 Seiten
ISBN9783534715329
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
In der Regierungszeit des Kaisers Nero (54 - 68 n.Chr.) erleben viele literarische Gattungen eine Blüte oder Renaissance. Für das Epos beschreitet Lucan neue Wege. Seneca verdanken wir die einzigen Tragödien, die aus dem römischen Altertum erhalten sind. Der Roman des Petronius stellt nicht nur ein schillerndes Sittengemälde, sondern auch ein literaturgeschichtliches Unikum dar. Die Satire erlebt mit den Gedichten des Persius einen Höhepunkt in ihrer Geschichte. Eingegangen wird u.a. auf die Fragen: Inwieweit sind die wenigen Verse, die aus Neros eigener Hand überliefert sind, für die Literatur der Epoche wertvoll? Kann unser Wissen über seine politische Entwicklung, das wir aus Sueton und Tacitus schöpfen, für die literarische Interpretation dienlich sein? Die Autorin stellt in einem Querschnitt durch die Epoche die einzelnen Autoren und Werke vor und ordnet sie in den kontextuellen Zeitrahmen ein.

Christiane Reitz, geb. 1953, ist Professorin für Klassische Philologie am Institut für Altertumswissenschaften der Universität Rostock.

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Leseprobe

 

 

II. Nero als Dichter


Im vorigen Kapitel ist der Aufstieg Neros zum Kaiser kurz dargestellt worden. Erinnern wir uns, dass er nicht als „Kronprinz“, als regulärer Nachfolger geboren wurde, sondern mehr oder weniger von seiner Mutter in die „Laufbahn“ des Kaisers manövriert worden ist! Als sein Adoptivvater Claudius im Jahre 55 ermordet wurde, übernahm er als Siebzehnjähriger die Macht.

Urteil und Vorurteil

Obwohl wir in biographischer Hinsicht viel über Nero zu wissen scheinen, ist seine künstlerische Leistung nur schwer nachzuvollziehen. Vorurteile und Urteile mischen sich in den Quellen: Der Kaiser und der Künstler Nero haben als kaum trennbares Amalgam auf die römische Gesellschaft eingewirkt, auf die Entwicklung von Kunst und Literatur zu seinen Lebzeiten wie auf das Urteil der Nachwelt.

1. Begabt oder nicht?


Tacitus’ Einschätzung von Neros Begabung

Darüber, wie begabt Nero tatsächlich war, differieren die Quellen stark. Vermutlich hatte er bereits als junger Mensch großes Interesse an den Künsten. Tacitus behauptet, dass Nero seinen lebhaften Geist schon in der Kindheit von der Redekunst ab- und anderen Dingen zugewandt hatte (ann. 13,3):

Nero puerilibus statim annis vividum animum in alia detorsit: caelare, pingere, cantus aut regimen equorum exercere; et aliquando carminibus pangendis inesse sibi elementa doctrinae ostendebat.

(Er meißelte, malte, übte sich im Gesang oder im Rosselenken; und gelegentlich zeigte er beim Verfassen von Gedichten, dass er über grundlegende gelehrte Kenntnisse verfügte.)

Später nimmt Tacitus eine verächtliche Haltung ein, wenn er von Neros Dichtertreffen, zu denen er seine Freunde einlud, spricht und aufgrund erhaltener Gedichte folgende Ansicht vertritt (ann. 14,16):

(Nero) carminum quoque studium adfectavit, contractis quibus aliqua pangendi facultas necdum insignis erat. hi considere simul et adlatos vel ibidem repertos versus conectere atque ipsius verba quoquo modo prolata supplere, quod species ipsa carminum docet, non inpetu et instinctu nec ore uno fluens.

(Er versuchte es auch mit dichterischer Tätigkeit, nachdem er Leute zusammengeholt hatte, die einiges Geschick im Verseschmieden besaßen, aber keines, das auffiel. Diese setzten sich nach der Tafel mit ihm zusammen, fügten die mitgebrachten oder eben erst gefertigten Verse aneinander und ergänzten seine eigenen, wie auch immer vorgetragenen Worte. Dies lehrt schon die äußere Form der Gedichte, denen es an begeisterndem Schwung und an einheitlichem Rhythmus fehlt.)

Suetons Einschätzung von Neros Talent

Die Darstellung Suetons stimmt mit der des Tacitus darin überein, dass der Kaiser zur Dichtung hingelenkt wird, weil seine Mutter ihm von der Philosophie, sein Erzieher von der klassischen Redekunst abriet. Aber es ist durchaus denkbar, dass Sueton die bei Tacitus geäußerte Kritik gehört oder gelesen hat und darauf antwortete (Nero 52):

Itaque ad poeticam pronus carmina libenter ac sine labore composuit nec, ut quidam putant, aliena pro suis edidit. Venere in manus meas pugillares libellique cum quibusdam notissimis versibus ipsius chirographo scriptis, ut facile apparent non tralatos aut dictante aliquo exceptos, sed plane quasi a cogitante atque generante exaratos; ita multa et deleta et inducta et superscripta inerant.

(Daher neigte er der Dichtkunst zu und schrieb gern und ohne Anstrengung Gedichte und gab auch nicht, wie einige meinen, fremde als seine eigenen aus. Mir sind Schreibtafeln und Notizbücher mit einigen sehr bekannten von ihm selbst geschriebenen Versen in die Hand gekommen, so dass unschwer deutlich wird, dass sie nicht übernommen oder nach jemandes Diktat geschrieben, sondern eindeutig von einem erarbeitet wurden, der dabei überlegt hat und schöpferisch tätig war; so viel war darin durchgestrichen, getilgt und darüber geschrieben.)

Das Autograph bezeugt also echtes kreatives Bemühen. Es dürfte kaum überraschen, dass des Kaisers Rezitationen seiner eigenen Werke ein herausragender Erfolg waren (Nero 10,2):

Recitavit et carmina, non modo domi sed et in theatro, tanta universorum laetitia, ut ob recitationem supplicatio decreta sit eaque pars carminum aureis litteris Iovi Capitolino dicata.

(Auch Gedichte trug er vor, nicht nur zu Hause, sondern auch im Theater, so sehr zu allseitiger Freude, dass wegen eines solchen Vortrags ein Dankfest beschlossen und der betreffende Teil seiner Geschichte dem Jupiter (lat. Iuppiter) Capitolinus in goldenen Lettern geweiht wurde.)

Auftritte vor den Neronia?

Auch hier liegt wieder eine Abweichung gegenüber Tacitus vor: Sueton setzt dieses Ereignis vor Neros Einrichtung der neuen Quinquennalien an, den alle vier Jahre stattfindenden Wettbewerben griechischen Stils, den Neronia, und zwar im Jahr 60 v. Chr. Tacitus jedoch erwähnt nicht, dass Nero vor den Neronia öffentlich rezitiert habe. Der Leser hat den Eindruck, dass Tacitus aus senatorischer Abneigung heraus schreibt, Sueton dagegen mit einem besseren Zugang zu mehr Informationen und in Reaktion darauf. Jedenfalls ist seine Darstellung von Neros Triumph bei diesen Spielen detaillierter als der kurze Bericht des Tacitus (ann. 14,20f.).

Karriere als Kitharöde

Tacitus stellt dem Bericht über die Spiele eine Art öffentlicher Auseinandersetzung an die Seite, indem er in den aufeinander folgenden Kapiteln ann. 14,20 und 21 die Argumente von Befürwortern und Gegnern der Spiele vorführt. Trotz dem Entsetzen, das Tacitus und auch Sueton zeigen sollten, als Nero allen Anstand ablegte, um eine künstlerische Karriere als Kitharöde zu beginnen und seinen Gesang einem Publikum von Gefangenen aufzuzwingen, ist Tacitus den relativ seriösen und intellektuell anspruchsvollen Spielen gegenüber fair. Er verleiht den Argumenten jener Gewicht, die die Spiele als einen neuen Beitrag zur Geschichte des Theaters in Rom billigen. Sie waren als Wettbewerbe in Redekunst und Dichtung gedacht, die sowohl die Begabung im Dichten selbst als auch im Vortag unter Beweis stellen sollten. Wie Tacitus berichtet, liefen die neronischen Spiele ohne Zwischenfall ab und riefen beim einfachen Volk nicht einmal leichte Anteilnahme hervor. Es blieb wahrscheinlich weg, weil die Pantomimenkünstler nicht mehr zu öffentlichen Ludi zugelassen wurden.

Preisträger

Den Preis für Redekunst gewann keiner der Teilnehmer, sondern Nero wurde zum Sieger erklärt. Der Preis für Dichtung ging an einen neuen Dichter, der zum ersten Mal öffentlich auftrat, nämlich an Annaeus Lucanus, den Neffen des Seneca und „offiziellen“ Freund des jungen Kaisers, für sein Lob des Nero (siehe unten S. 82ff. das Lucan-Kapitel).

In den wenigen darauffolgenden Jahren, bevor Nero starb, kamen seine außergewöhnlichen Gesangsdarbietungen in mythologischen Rollen wie Canace, Orest, Oedipus und Hercules zunächst auf private Bühnen und dann in öffentliche Theater. Sueton, Nero 21 spricht von cantare:

Mythologische Rollen Neros

Inter cetera cantavit Canacen parturientem, Oresten matricidam, Oedipodem excaecatum, Herculem insanum.

(Unter anderem sang er die gebärende Kanake, den Muttermörder Orest, den geblendeten Oedipus und den rasenden Herkules.)

Damit ist eher eine tänzerische Darbietung gemeint, weniger eine Art Opernarie. Es ist von einer Hercules- und einer Oedipusszene die Rede. Den Mythos von Canace hatte auch Ovid, vermutlich im Anschluss an Euripides’ verlorenes Drama, gestaltet. Es ist eine Geschichte von Inzest mit dem Bruder, Geburt und Selbstmord.

Im Verlauf von Neros weiterer künstlerischer Karriere wurde das Programm der Wettbewerbe von Neapel, Italien und Griechenland geändert, und der Sieger war schon im Voraus festgesetzt.

Sueton weicht in seiner Darstellung von Tacitus ab, denn er behauptet, dass Nero den Preis für lateinische Prosa wie für lateinische Dichtung entgegennahm (Sueton, Nero 12,3).

… et orationis quidem carminisque Latini coronam, de qua honestissimus quisque contenderat, ipsorum consensu concessam sibi recepit.

(… und nahm den Siegeskranz für lateinische Redekunst und Dichtung, um den die angesehensten Leute gestritten hatten und der nach ihrer eigenen einhelligen Meinung ihm zugesprochen worden war, entgegen.)

Suetons Exkurs in die Literaturkritik zeigt, dass das außerordentliche Interesse an Nero als Dichter oder zumindest als Komponist von Liedern anhielt. Das Andenken an den Kaiser war nach seinem Tode offiziell gelöscht worden, doch halten die literarischen Belege zu seiner Dichtung und seinen Liedern an und legen nahe, dass er tatsächlich ein besserer Dichter war als mancher Amateur aus der Oberschicht.

Was bedeutet carmen?

Das Wort carmina, wörtlich „Lieder“, ist vieldeutig, denn es bezeichnet zum Beispiel die rezitierte Dichtung des Catull, die Lyrik des Horaz und die Tragödie, die allesamt nicht von Musik begleitet waren, aber auch gesungene Texte und Zaubersprüche. Aus den vier Annalenbüchern des Tacitus, die die Jahre unter Nero schildern, lässt sich das Phänomen erschließen, dass in dieser Zeit nahezu jeder carmina schreibt oder rezitiert.

Um mit dem Alten und Ehrwürdigen zu beginnen: Seneca schreibt carmina –...

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