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E-Book

Die Macht der Ehrlichen

Eine Provokation

AutorBernhard Bueb
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783843706247
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Ob in der Politik, im Job oder in den sozialen Netzwerken - wir lügen, um uns Vorteile zu verschaffen. Welch katastrophale Folgen das hat, können wir jeden Tag beobachten: Dopingaffären, Bankenkrise oder der Fall Guttenberg. Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der man einander misstrauen muss? Bernhard Bueb fordert, dort etwas zu verändern, wo das Übel seinen Ausgang nimmt: bei der Erziehung der Kinder. Sie sollen früh erfahren, wie mächtig die Ehrlichen sind, wenn sie Mut zeigen.

Bernhard Bueb, 1938 in Tansania geboren, studierte Philosophie und katholische Theologie. Von 1974 bis 2005 war er Schulleiter der Eliteschule Schloss Salem am Bodensee. Seine Buchveröffentlichungen, Lob der Disziplin (2006) und Von der Pflicht zu führen (2008), waren wochenlang auf der Bestsellerliste. Bueb ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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Das Ende der Aufrichtigkeit

In der Mitte des Dorfes liegt der Marktplatz, hier befinden sich nicht die Wohnhäuser, nicht die Kirche und nicht das Rathaus. Wie phantasievoll, wie anstrengungsbereit und wie klug die Teilnehmer des Marktes ihren Vorteil suchen, entscheidet über die Lebendigkeit des Dorfes. Ob die Dorfbewohner aber ein gutes Leben führen können, hängt davon ab, wie ehrlich Verkäufer und Käufer miteinander umgehen, wenn sie ihren Vorteil suchen. Der Wert der Ehrlichkeit ergibt sich nicht aus dem Markt. Menschen streben von Natur aus nach Ehrlichkeit, die Religion lehrt Ehrlichkeit als oberste Tugend, und die Politik (das Rathaus) setzt sie voraus. Doch der Trieb, seinen eigenen Vorteil zu suchen, ist so stark, dass er den Trieb zur Wahrhaftigkeit ständig gefährdet. Wenn daher der Marktplatz die Werte diktiert und der Primat der Wahrhaftigkeit nicht mehr selbstverständlich ist, gerät das Leben des Dorfes aus den Fugen.

Aus der Sicht von Wissenschaftlern und fachkundigen Journalisten ist die Welt längst aus den Fugen geraten: Der homo oeconomicus, der eigennützig denkende, auf seine Vorteile bedachte Mensch, begründe die Werte unserer Zeit. Er sei ursprünglich eine von der Wissenschaft entwickelte Kunstfigur, die dazu diene, Theorien aufzubauen und Vorhersagen zu machen. Nun aber habe sie die Denklabo­ratorien der Wirtschaftswissenschaft verlassen und entfalte in der wirklichen Welt eine eigene Macht. Sie sei zur Leitidee der Märkte geworden.

Bereits 2008 verurteilte Bundespräsident Horst Köhler, ein Wirtschaftsfachmann, in einem Interview das Gebaren der internationalen Finanzmärkte: Sie hätten sich zu einem »Monster« entwickelt, das in seine Schranken gewiesen werden müsse. Die Politik müsse wieder die Vorherrschaft über die Märkte gewinnen. Heute wird in Talkshows, in Zeitungskommentaren und täglichen Gesprächen die Ökonomisierung unseres gesamten Lebens für die vielen Missstände und sozialen Katastrophen verantwortlich gemacht – ein Dauerverdacht, der inzwischen selbst zur Realität, zu einer self-fulfilling prophecy geworden ist. Wie reagieren wir auf die Kassandrarufe der Fachleute? Und welche Sorgen und Ängste quälen uns?

Das Ideal des ehrbaren Kaufmanns bildete einmal das Leitbild der Wirtschaft. Seine Geschichte ist die Geschichte eines Glaubens an den absoluten Wert von Wahrhaftigkeit. Es war für Kaufleute eine Ehrensache, der Versuchung zu widerstehen, um wirtschaftlicher Vorteile willen unehrlich zu handeln. Diese Haltung machte den Stolz auf ihren Beruf aus und schaffte das Vertrauen, das wirtschaftliches Handeln zum Erfolg führt. Niederlagen vermochten die feste Burg ihrer Ethik nicht zu erschüttern. Ist das ein vergangenes Ideal?

Das heute weitverbreitete Vorteilsdenken gefährdet das ethische Handeln von Kaufleuten immens. Doch nicht nur Kaufleute sind gefährdet, auch Menschen, die Dienstleistungen »verkaufen«. Ärzte lassen sich verführen, Operationen vorzunehmen, weil sie Geld eintragen; selbst eine Autoreparaturwerkstatt könnte versucht sein, Kfz-Teile auszutauschen, die gar nicht verschlissen sind. Wer aber anfängt, solchen Versuchungen nachzugeben, wird das Ethos der Wahrhaftigkeit aufgeben.

Der Zeitgeist, der einst den ehrbaren Kaufmann stützte, scheint sich der Wahrhaftigkeit nicht mehr verpflichtet. Die Vatikanbank reiht sich in den Reigen der Lügenbanken ein. Der angesehene Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, geschätzt als Mann des Gemeinwohls, hinterzieht Steuern. Bankberatern trauen wir nicht mehr über den Weg, weil sie den Kunden zu Anlagen raten, die vor allem der Bank nützen. Sie verschweigen versteckte Kosten und die Tatsache, dass mögliche Provisionen ein Motiv der Beratung sind. Wir fühlen uns Internetriesen wie Amazon ausgeliefert, die Menschen unter schlechten Arbeitsbedingungen ausnutzen, um ihren Profit zu vermehren. Berichte über solche Machenschaften nähren unser Misstrauen. Lebensmittelskandale sind an der Tagesordnung. Die Werbung schreckt vor keiner Lüge zurück. Alle diese Nachrichten scheinen die Thesen der Propheten des 21. Jahrhunderts hinsichtlich der Ökonomisierung unseres Lebens zu bestätigen.

Doch im Alltag begegnet uns noch der ehrbare Kaufmann. Wie oft verlassen wir uns auf Handwerker, auf Mitarbeiter mittelständischer Unternehmen oder auf Verwaltungsbeamte und werden nicht enttäuscht. Aber manchmal kommen uns Zweifel, ob ihre Nachfolger dieser Moral noch folgen werden. Denn das egoistische Gebaren von Banken und global agierenden Konzernen macht uns misstrauisch. Ebenso schwindet unser Vertrauen in Politiker. Ein Bundespräsident tritt zurück, weil er die Wahrheit vernebelt, Ministern und Abgeordneten werden Plagiate in ihrer Doktorarbeit nachgewiesen. Ihre Reaktion: Dementis. Die Lügen von Wahlkämpfern registrieren wir nur noch fatalistisch. Im Sport, einst ein Eldorado der Fairness, reißen Berichte über Dopingmissbrauch nicht ab, die Entdeckung und die Leugnung solchen Fehlverhaltens sind mittlerweile feste Bestandteile der Berichterstattung zu Olympischen Spielen und anderen Sportereignissen. Wett­skandale erschüttern den internationalen Fußball – Lügen über Lügen, so weit das Auge reicht. Steht eine Person ehrlich zu ihrer Verfehlung wie die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, dann wird sie wie eine Heilige verehrt. Das, was Margot Käßmann getan hat, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Nur weil es nicht mehr so ist, konnte sie zur Ausnahmeerscheinung werden.

Es entsteht der Eindruck, es sei in unserer Zeit so schlecht um die Ehrlichkeit bestellt wie noch nie. Historiker können freilich schnell belegen, dass vor hundert Jahren ebenso gelogen wurde wie heute. Allerdings wurden Lügen noch nie so schnell und schonungslos wie heute ans Licht gebracht. Das ist moderner Medienkultur zu verdanken – ein Segen und ein Fluch zugleich. Lügen als Lügen anzuprangern ist segensreich. Aber nicht nur die Lügen der Mächtigen werden öffentlich, auch ihr Zynismus wird es. Dieser Zynismus kratzt an unserem immer noch optimistischen Menschenbild.

Zynismus war unter den Mächtigen immer verbreitet. Ihre moral- und menschenverachtende Haltung beschert ihnen Erfolg, weil sie auf den Anstand und die Ehrlichkeit der einfachen Bürger bauen. Um diese Haltung der Mächtigen zu begreifen, lohnt es sich, eine Szene in Schillers Kabale und Liebe nachzulesen, in der sich der Präsident der Hofkammer eines Fürstenhauses und sein Sekretär Wurm eine Intrige ausdenken, um die nicht standesgemäße Liaison des Präsidentensohnes mit einem Bürgermädchen zu hintertreiben. Erpressung übelster Art ist im Spiel. Der Präsident und sein Sekretär müssen erreichen, dass die Erpressten, das Mädchen und seine Eltern, Stillschweigen wahren. Sie sollen einen Eid darauf leisten, dass sie schweigen werden. Präsident: »Einen Eid? Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf?« Wurm: »Nichts bei uns, gnädiger Herr. Bei dieser Menschenart alles.«

So müssen wir uns Dialoge in manchen politischen Gremien oder Bankvorständen vorstellen. Sie vertrauen zynisch auf diese »Menschenart«, die ein Versprechen hält, einen Eid nicht bricht und deren Wort gilt. Kann es aber nicht sein, dass diese »Menschenart« ausstirbt oder zumindest zu den gefährdeten Arten zählt? Zur Zeit Schillers erfuhren wenige Menschen vom Zynismus der Mächtigen, heute vernehmen wir durch die Medien, dass sie sich frech auf Kosten der Gemeinschaft bedienen.

Unehrlichkeit, Unanständigkeit und Trägheit wirken ansteckend – Ehrlichkeit, Anstand und Fleiß allerdings ebenso. Wir haben vor Jahren in Salem einen Jungen aufgenommen, der sich in seiner Heimatstadt einer Gruppe Gleichaltriger angeschlossen hatte, die ihn zu Alkoholkonsum, Nichtstun und notorischem Lügen verführten. Die Eltern konnten ihn überzeugen, dass er sein Umfeld verändern müsse. Er stimmte zu und kam zu uns. Die Rechnung ging auf, er fand schnell Anerkennung in einer Gruppe, die ihn für Sport begeisterte. Er brauchte nicht mehr zu lügen, weil er nichts mehr zu verbergen hatte.

An einen umgekehrten Fall erinnere ich mich ebenfalls. Ein begabter, tüchtiger Junge wollte mehr aus seinen Talenten machen, kam zu uns, fand aber Gefallen an den Streichen und Albernheiten einer Gruppe von pubertierenden Mitschülern. Die Noten sanken ins Bodenlose, er verlor seinen Heiligenschein und brachte es zum meistgenannten Schüler in den Konferenzen. Er hatte in Salem das Lügen gelernt.

Ich berichte von beiden Jungen, um zu zeigen, was soziale Ansteckung im Guten und im Bösen anrichten kann. Erwachsenen geht es nicht anders. Denn leider sind wir von Natur aus schwach und brauchen zur Stärkung ein moralisch intaktes Umfeld. Umgekehrt höhlt es unsere Moral aus, wenn wir unter Menschen leben, die egoistisch handeln und lügen, wenn es ihnen nützt.

Wenn die Bürger unseres Landes beinahe täglich erfahren, dass viele Herrschende lügen und betrügen, wenn die verlässlichen Vorbilder rar werden und wenn immer wieder neue Skandale nachwachsen, verbreitet sich das Gift der Lüge durch soziale Ansteckung. Auch Zynismus wirkt ansteckend.

Viele Jugendliche nehmen die öffentliche Lügerei wahr und akzeptieren sie wie das schlechte Wetter, manche entwickeln ihrerseits ein zynisches Verhältnis zur Moral der Mächtigen. Sie verlieren die Achtung vor Politikern, Wirtschaftsführern und den Funktionären der großen Verbände, auch vor Vertretern der Kirchen. Wenn ein Politiker oder Wirtschaftsführer als ehrlich gilt, gehen sie davon aus, dass seine Lügereien nur noch nicht entdeckt wurden. Ihre Vorbilder wählen sie sowieso eher aus ihrem näheren Umfeld: Gleichaltrige, Eltern, Lehrer, Freunde...

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