Sie sind hier
E-Book

Die Macht der Story

Zwischen Fakten und Fiktionen

AutorBernd Chibici
VerlagVerlagshaus der Ärzte
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl158 Seiten
ISBN9783990521052
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Erstmals gibt es mit 'Die Macht der Story' ein Buch, das sich bemüht, dem aufregendsten menschlichen Kommunikationskunstwerk in seiner langen Geschichte und unglaublichen Vielfalt gerecht zu werden. Die Story interessiert, fasziniert und animiert im Alltag, in erfolgreichen Unternehmen, in der Bildung und nicht zuletzt natürlich als das wichtigste Produkt der Medienwelt. Man sollte ihre geradezu magische Anziehungskraft einerseits unbedingt nützen, ihr andererseits aber auch mit Vorsicht begegnen. In diesem Sinne liefert dieses Buch viele spannende Storys über die Story, die sich zwischen Fakten, Fiktionen und einer menschlichen Erinnerung bewegen, auf die man sich leider ganz und gar nicht verlassen kann.

Bernd Chibici führt ein Unternehmen für Medien- und Kommunikationsberatung (iii-media) in Graz und war über drei Jahrzehnte als Journalist in Radio, TV und Printmedien tätig. Er ist Autor von drei weiteren Büchern: 'Alle reden, keiner hört zu' beschäftigt sich mit den Folgen der Informationsüberlastung, 'Auf Wiederhören' widmet sich der neuen 'Ohrzeit' und 'Die Lärmspirale' warnt vor einer viel zu lauten Welt.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Es war einmal…


… vor geschätzten zwei Millionen Jahren ein dem heutigen Menschen sehr ähnliches Geschöpf, das die Kunst dessen, was wir heute Kommunikation nennen, wahrscheinlich bereits passabel beherrscht hat. Man verständigte sich untereinander mit Gesten und Gesichtsausdrücken und mit Lauten. Womit sich gegenüber der zwischenmenschlichen Verständigung in unseren Tagen nicht so viel verändert hat, wie man glauben möchte. Nach einer berühmt gewordenen und vielfach bestätigten Erkenntnis des US-Psychologen Albert Mehrabian beziehen wir heute noch die überwiegende Mehrheit unserer Informationen nicht aus dem gesprochenen Wort. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) an kommunikativer Bedeutung haben jene Ausdrucksformen der Mimik, Gestik und Haltung, die wir Körpersprache nennen. Wobei speziell die Mimik, wie man mittlerweile weiß, eine Art Weltsprache ist, die in allen Kulturen verstanden wird.

Der Beweis dafür gelang in mühsamer wissenschaftlicher Arbeit dem US-Psychologen Paul Ekman, der das Gesicht als „Fenster des Geistes“ bezeichnet. Überraschend an zweiter Stelle (mit 38 Prozent Bedeutung) liegen Stimme und Tonfall des Gegenübers, also die akustischen Stimmungsbilder, die keiner Sprache bedürfen, wie wir von einem zufriedenen Brummen oder einem aggressiven Grölen wissen. Es dominieren also nach wie vor zwei Signalquellen, die es sehr früh in der Menschheitsgeschichte bereits gegeben hat. Damit bleiben für die nach unseren gängigen Vorstellungen so wichtige Wirkung von Inhalten, die in Worte gekleidet sind, bescheidene sieben (!) Prozent des kommunikativen Gewichtes. Was klar macht, dass sich der Mensch im Miteinander wie eh und je viel mehr auf seine Gefühle als auf Logik verlässt.

Was aber nichts daran ändert, dass die Entstehung von Sprache das herausragende Ereignis in der Geschichte der Menschheit war. Das wird einem bewusst, wenn man sie nicht allein als wichtiges Mittel zur Verständigung betrachtet, sondern auch bemerkt, dass unser ganzes Denken sprachlich strukturiert und unsere gesamte Sicht der Welt aus Sprache geformt ist.

Sie war, wie man aus heutiger Sicht annehmen darf, so etwas wie ein Turbolader der Evolution und hat enorm aufs Tempo gedrückt. Am besten erklärt das der bekannte Linguist Merritt Ruhlen, Dozent für Anthropologie und Humanbiologie in Stanford, mit einem Rückblick auf die menschliche Entwicklungsgeschichte.

Vor rund 160.000 Jahren hat der Homo sapiens die Weltbühne betreten, was zunächst nicht sonderlich spektakulär war. Es dauerte sehr, sehr lange, bis sich dann vor etwa 50.000 Jahren auf einmal in seinem Verhalten auffällig viel veränderte. Das „Letztmodell“ des Menschen begann zu dieser Zeit plötzlich innovativ zu werden, baute neue Werkzeuge, entdeckte den Fischfang und manches mehr. Die Dynamik ist für Ruhlen ein klares Indiz dafür, dass unsere Urahnen damals lernten, mit der Entstehung von Sprache völlig neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit zu nutzen.

Die Fähigkeit zur Sprache ist das wichtigste Unterscheidungskriterium zwischen dem modernen Menschen und den Menschenaffen. Allerdings haben erst anatomische Veränderungen im Laufe der Jahrtausende die technischen Voraussetzungen für jene Vielfalt an Lauten geschaffen, ohne die Sprache in unserem heutigen Sinn nicht gelingen könnte. Durch Schädelfunde wissen wir, dass zwei wichtige Merkmale – die Aufwölbung des Gaumens und die Absenkung des Kehlkopfes – vor etwa 100.000 Jahren bereits vorhanden waren.

Die Wissenschaft ist sich in der Frage, wann genau der Mensch zu sprechen begonnen hat, nicht einig. Manche Experten berufen sich auf interessante Spuren zur Anatomie des vor rund 1,8 Millionen Jahren lebenden ersten Geschöpfes der Gattung Homo, des Homo erectus. Sie zeigten, dass diesem zumindest theoretisch eine sehr einfache Form von stimmlicher Verständigung gelingen hätte können.

Unter Fachleuten wird heiß diskutiert, ob die heute gezählten rund 6500 Sprachen dieser Welt (von denen übrigens die Hälfte vom Aussterben bedroht ist) von einer Ursprache abstammen. Dazu sagt Merritt Uhlen nicht nur ein klares „Ja“, er hat sogar einen Namen für sie erfunden, nämlich „Proto-Sapiens“. Er und sein Kollege John Bengston betrachten ihre Entdeckung von genau 27 Wörtern, die in völlig unterschiedlichen Sprachfamilien auf der ganzen Welt zu finden sind, als Beweis dafür, dass es gemeinsame Wurzeln gibt.

Was auch immer vor Jahrtausenden geschehen sein mag, Sprache ist eine Errungenschaft, die wie wenig anderes in kürzester Zeit die Welt verändert hat. Sie wurde zu einem kraftvollen Instrument mit vielen Licht- und Schattenseiten. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass die Menschen sozialer und klüger wurden, trieb sie aber auch in Machtkämpfe und Kriege. Wahrscheinlich ließ sie das Recht des Klügeren als Alternative zum bislang gängigen Recht des Stärkeren entstehen und ganz sicher schuf nur sie den Raum für eines der wichtigsten Talente des Homo sapiens – die Kunst der Rede und damit die Gabe, Menschen überzeugen oder sogar begeistern zu können.

Das erste Medium


Sprache öffnete der Menschheit auch die Tore zu einer weiteren Errungenschaft: Mit dem Erzählen von Geschichten wurde ein großartiges Medium gefunden, das einerseits sehr unterhaltsam und andererseits vielfach einsetzbar war. Dadurch schaffte man es plötzlich, Erfahrung, Wissen, Glauben und vielerlei Anderes rasch zu vervielfältigen und auch gut über die Grenzen der Zeit zu bringen. So ist das soziale Gefüge um vieles komplexer und tragfähiger geworden – und das Medienzeitalter hat begonnen.

Im Kampf ums tägliche Überleben hatte sich bald herausgestellt, dass jene Menschengruppen in vielerlei Hinsicht erfolgreicher waren, die sich besser miteinander verständigen, Erfahrungsschätze nutzen und im Teamwork neue Ideen entwickeln konnten. Mit Hilfe der Sprache. Weil es heute noch zahlreiche sogenannte orale, also ausschließlich mündliche Kulturen gibt, die keine Schrift beherrschen, können wir uns ein gutes Bild davon machen, wie eine Gesellschaft funktioniert, die nur auf mündliche Überlieferung angewiesen ist.

So beschrieb die Ethnologin Sabine Dinslage von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main im journal-ethnologie.de ihre entsprechenden Erfahrungen im Rahmen von Forschungsaufenthalten bei drei ethnischen Gruppen in Westafrika, den Lyela in Burkina Faso, den Bulsa in Ghana und den Jukun in Nigeria. Sie tragen ihr kulturelles Erbe nach wie vor ausschließlich mündlich weiter. Es werden bei ihnen allen, so Dinslage, Geschichten erzählt, die traditionelle Werte, Normen und moralische Verhaltensmuster verdeutlichen und bewahren. Bei drei Großfamilien, mit denen die Forscherin jeweils für Monate eng zusammenlebte, war das Erzählen jeweils wichtiger Bestandteil des abendlichen Beisammenseins im großen Kreis der gesamten Familie.

Von oralen Kulturen weiß man, dass die Bewahrung und Weitergabe des Wissens der Vorfahren oft in den Händen von Sängern und Erzählern lag. Bei ihnen kam es allerdings naheliegenderweise weniger auf inhaltliche Genauigkeit als auf den Erfolg beim Publikum an. Wer die besseren Storys besang oder schilderte, hatte mehr Zuspruch. Ein Phänomen, das auch die moderne Mediengesellschaft prägt – die Quoten entscheiden.

Wer seine Zuhörer erobern wollte, drehte folglich an der Dramaturgieschraube und bediente sich seiner Phantasie. Wir können davon ausgehen, dass im Laufe der Zeit sehr vieles an Details und Fakten verloren gegangen, aber mindestens ebenso vieles neu hinzu gekommen ist. Selten Wahres und meist etwas, das die Spannung erhöhte.

Ganz abgesehen davon war die orale Weitergabe von Kulturgut häufig von Versuchen geprägt, die Überlieferungen an die Denkweisen der Mächtigen und an den Zeitgeist anzupassen, also neu zu interpretieren und zu modernisieren. Damit folgte man ganz dem Muster, das die Erinnerungsforschung nun –wie an anderer Stelle dieses Buches noch genauer beschrieben wird – für das so immens wichtige autobiografische Gedächtnis des Menschen entdeckt hat. Die eigene Geschichte wird durch neue Erkenntnisse und die eigene Phantasie immer wieder adaptiert oder gar umgeschrieben. Die Logik dahinter ist einfach: Es geht um Verhaltensanpassungen und nicht um Archivpflege.Oder gar um Wahrheit.

Das für unser Weltverständnis heute so bedeutsame geschichtliche Wissen war daher in den langen Zeiten der ausschließlich mündlichen Überlieferung, wie man auch an oralen Kulturen der Gegenwart erkennen kann, sehr gering. Es reichte wahrscheinlich nur über drei bis maximal vier Generationen zurück.

Dennoch gibt und gab es bei der oralen Überlieferung stets ein beträchtliches Bemühen um inhaltliche Genauigkeit. Man entwickelte Methoden, um die Gedächtnisleistung zu steigern und schuf damit ein kreatives Konzept, auf das heute in der Schule genauso wie im Kulturgeschehen noch gerne zurückgegriffen wird. Reime, Versmaße, Alliterationen, Rhythmen und Melodien lassen Worte viel besser und genauer in Erinnerung bleiben. Gedichte aus Kinderzeiten sind wahrscheinlich auch bei Ihnen, werte Leserinnen und Leser, noch tief im Gedächtnis verankert.

Wer war Homer?


In diesem Zusammenhang besonders interessant sind die seit Jahrzehnten teilweise auch leidenschaftlich geführten Expertendiskussionen rund um Homer, den wohl berühmtesten Dichter der Antike, der im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt haben soll. Mit der Ilias und der Odyssee schrieb er im klassischen Versmaß der Hexameter („Sage mir, Muse, die Taten des viel gewanderten Mannes“) die zwei frühesten Epen der Weltliteratur. Er markierte damit einen Wendepunkt von historischer Tragweite, denn mit seinen beiden großen Werken begann die...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Medien - Kommunikation - soziale Medien

Digital Signage

E-Book Digital Signage
Technologie, Anwendung, Chancen & Risiken Format: PDF/ePUB

Dieses Buch soll Ihnen einen umfangreichen Einblick in die Welt des Digital Signage geben.Ausgehend von der Begriffsbestimmung, der technischen Umsetzung und einer Vielzahl beispielhafter…

Handbuch Medienmanagement

E-Book Handbuch Medienmanagement
Format: PDF

Dieses Buch liefert einen Überblick über alle wichtigen Aspekte des Medienmanagements. Zusätzlich ermöglichen Grundlagenartikel zum Medienmanagement aus interdisziplinärer Perspektive ein…

Kooperative Kreativität

E-Book Kooperative Kreativität
Theoretische Basisentwürfe und organisationale Erfolgsfaktoren Format: PDF

Auf der Basis des Kommunikationsverständnisses von Niklas Luhmann entwickelt Stephan Sonnenburg ein neues Interpretationskonstrukt zur Beobachtung, Beschreibung, Analyse und Gestaltung von…

Praxishandbuch Filmrecht

E-Book Praxishandbuch Filmrecht
Ein Leitfaden für Film-, Fernseh- und Medienschaffende Format: PDF

Der Leitfaden zum Filmrecht erläutert in klarer Sprache und anhand zahlreicher Beispiele Rechtsfragen, die im Rahmen der Entwicklung, Herstellung und Auswertung von Film- und Fernsehproduktionen…

Geschäftsmodelle Quadruple Play

E-Book Geschäftsmodelle Quadruple Play
Eine Einschätzung der Entwicklung in Deutschland Format: PDF

Christian Hofbauer untersucht, wie sich die Geschäftsmodelle von Quadruple Play nach Einschätzung hochkarätiger Vertreter der beteiligten Branchen in Deutschland entwickeln werden. Er zeigt wichtige…

Heute Partner - morgen Konkurrenten?

E-Book Heute Partner - morgen Konkurrenten?
Strategien, Konzepte und Interaktionen von Fernsehunternehmen auf dem neuen Bewegtbild-Markt Format: PDF

Pamela Przybylski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Weitere Zeitschriften

AUTOCAD & Inventor Magazin

AUTOCAD & Inventor Magazin

FÜHREND - Das AUTOCAD & Inventor Magazin berichtet seinen Lesern seit 30 Jahren ausführlich über die Lösungsvielfalt der SoftwareLösungen des Herstellers Autodesk. Die Produkte gehören zu ...

Berufsstart Bewerbung

Berufsstart Bewerbung

»Berufsstart Bewerbung« erscheint jährlich zum Wintersemester im November mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren und ermöglicht Unternehmen sich bei Studenten und Absolventen mit einer ...

Bibel für heute

Bibel für heute

BIBEL FÜR HEUTE ist die Bibellese für alle, die die tägliche Routine durchbrechen wollen: Um sich intensiver mit einem Bibeltext zu beschäftigen. Um beim Bibel lesen Einblicke in Gottes ...

DER PRAKTIKER

DER PRAKTIKER

Technische Fachzeitschrift aus der Praxis für die Praxis in allen Bereichen des Handwerks und der Industrie. “der praktiker“ ist die Fachzeitschrift für alle Bereiche der fügetechnischen ...

die horen

die horen

Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik."...weil sie mit großer Aufmerksamkeit die internationale Literatur beobachtet und vorstellt; weil sie in der deutschen Literatur nicht nur das Neueste ...

DULV info

DULV info

UL-Technik, UL-Flugbetrieb, Luftrecht, Reiseberichte, Verbandsinte. Der Deutsche Ultraleichtflugverband e. V. - oder kurz DULV - wurde 1982 von ein paar Enthusiasten gegründet. Wegen der hohen ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...