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Die Manns

Der >Zauberer< und seine Familie

AutorDirk Hempel
VerlagVerlag Friedrich Pustet
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl144 Seiten
ISBN9783791760032
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Thomas Mann und seine Familie - Mutter und Ehefrau, Geschwister wie Kinder - haben einen Großteil ihres Lebens in Bayern verbracht. Doch das Verhältnis zu ihrer Umgebung war spannungsreich, von Anziehung und Abneigung gleichermaßen geprägt. Die Schwestern verzweifelten, der Nobelpreisträger kam in München zu Ruhm und Ehren, musste 1933 jedoch emigrieren, seine Kinder Klaus und Erika flohen schon früh hinaus in die Welt. Diese Biografie erzählt die spannende, abwechslungsreiche und bewegte Geschichte der Manns, dieser 'sonderbaren Familie' (Klaus Mann).

Dirk Hempel, Dr. phil., geb. 1965, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft. Er ist Privatdozent an der Universität Hamburg und arbeitet als Autor und Kurator.

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Leseprobe

2  Ankunft in München


Von Lübeck nach Bayern


Thomas Mann kam Ende März 1894 nach München. Er war 18  Jahre alt und hatte das Gymnasium in seiner Heimatstadt Lübeck nach dreimaligem Sitzenbleiben in der Obersekunda vorzeitig verlassen. »Ein verkommener Gymnasiast«, wie er später schrieb, der »faul, verstockt und voll liederlichen Hohns über das Ganze« die Jahre abgesessen hatte. Einen, seinen Abschied aus der »engen Vaterstadt« verarbeitete er neun Jahre später in der Erzählung »Tonio Kröger« (1903): »Und er verließ die winklige Heimatstadt, um deren Giebel der feuchte Wind pfiff, verließ den Springbunnen und den alten Walnußbaum im Garten, die Vertrauten seiner Jugend, verließ auch das Meer, das er so sehr liebte, und empfand keinen Schmerz dabei. Denn er war groß und klug geworden, hatte begriffen, was für eine Bewandtnis es mit ihm hatte, und war voller Spott für das plumpe und niedrige Dasein, das ihn so lange in seiner Mitte gehalten hatte.«

Seine Mutter und seine jüngeren Geschwister wohnten schon seit dem Juli 1893 an der Isar. Der vier Jahre ältere Bruder Heinrich lebte als freier Schriftsteller an wechselnden Orten. Der Vater Thomas Johann Heinrich Mann, ein wohlhabender Kaufmann, war 1891 im Alter von 51 Jahren an Blasenkrebs gestorben. Der niederländische Konsul und Lübecker Senator, Minister der norddeutschen Stadtrepublik, hatte immer ein wenig extravagant gelebt, seine Anzüge in London schneidern lassen, russische Zigaretten geraucht und französische Romane gelesen. Thomas war als Nachfolger in der Firma vorgesehen gewesen, aber kurz vor seinem Tod hatte der Vater das Testament geändert. Die 100 Jahre alte Getreidehandlung wurde liquidiert, das Vermögen angelegt.

Die Mutter Julia, geboren 1851, war als Tochter eines Lübecker Kaffeeexporteurs in Brasilien aufgewachsen. Sie galt in der noch mittelalterlich engen Hafenstadt an der Ostsee als exotische Schönheit. Als Witwe zog sie den kunstsinnigen Süden, »die heitere, freiere Luft«, wie sich ihr Sohn Viktor später erinnerte, dem ungeliebten, protestantisch strengen Norden vor. Die Senatorin bezog mit ihren Kindern Julia, genannt Lula, Carla und Viktor eine herrschaftliche Wohnung mit acht Zimmern an der Rambergstraße 2, einer kleinen Straße hinter der Königlichen Akademie der Bildenden Künste an der Grenze zu Schwabing. Die Wohnung lag im Parterre eines Neubaus, der im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Die Nachbarn waren standesgemäß: ein Kaufmann und Königlich Württembergischer Konsul und ein adeliger Major, hoher Beamter der Militärjustiz.

 

 

Abb. 1  Thomas Mann, Fotografie von 1894

 

 

Die Familien Mann und Bruhns

Die Manns stammten ursprünglich aus Nürnberg und waren Handwerker. Seit dem frühen 16. Jahrhundert sind sie nachzuweisen. Wann sie nach Mecklenburg kamen, ist nicht belegt. In Grabow waren sie im 17. Jahrhundert als Ratsherren tätig, im 18. Jahrhundert in Rostock als Kaufleute und Seefahrer. Von dort ging Johann Siegmund Mann 1775 nach Lübeck, wo er ein »Commissions- und Speditionsgeschäft« gründete, das sich später zum Getreidehandel wandelte. Im Jahr 1794 erhielt er das Bürgerrecht. Er brachte es bis zum »Äldermann der Bergenfahrer«, einer Korporation von Kaufleuten. Er besaß ein geräumiges Haus und Speicher an der Trave. Sohn Johann Siegmund übernahm den Getreidehandel. Er wurde niederländischer Konsul, heiratete die Tochter eines Schweizer Kaufmanns, Elisabeth Marty. Im März 1848 starb er an einem Schlaganfall. Sein ältester Sohn, Kaufmann und Konsul Thomas Johann Heinrich Mann, geboren 1840, führte die Firma ab 1862 fort und wurde später Senator für Wirtschaft und Finanzen der Stadtrepublik, der wichtigste Politiker nach dem Bürgermeister, Minister eines deutschen Bundesstaates. Er heiratete 1869 Julia da Silva Bruhns, die Tochter des Weinhandelskaufmanns Johann Ludwig Bruhns, dessen Vorfahren ebenfalls aus Rostock nach Lübeck gekommen waren. Er gründete 1841 in São Paulo eine Exportfirma für Kaffee und Zucker, heiratete die Portugiesin Maria da Silva und wurde ein reicher und angesehener Mann. Als sie 1856 starb, brachte der Witwer seine sechs Kinder nach Lübeck zurück, unter ihnen die fünfjährige Julia. In Lübeck wuchs sie in einem Pensionat auf. Thomas Johann Heinrich Mann lernte sie auf einem Ball kennen. Sie bezogen ein Haus in der Breiten Straße. Hier und bald im neugebauten repräsentativeren Haus in der Beckergrube wurden ihre fünf Kinder geboren: Luiz Heinrich (geb. 1871), Paul Thomas (1875), Julia (1877), Carla (1881) und Viktor (1890).

 

 

Das Familienleben in München


Wenig ist bekannt über das Leben der Familie Mann in den ersten Jahren in München; es existieren nur spärliche Aufzeichnungen. Viktor Manns Lebenserinnerungen »Wir waren fünf« (1949) stellen die wichtigste Quelle dar, neben einigen literarisierten Schilderungen in den Werken Thomas Manns. So lässt er etwa in dem Roman »Doktor Faustus« (1947) den Komponisten Adrian Leverkühn, die Hauptperson, nach München ziehen: »Er wohnte in der Rambergstraße, nahe der Akademie, als Untermieter einer Senatorswitwe aus Bremen namens Rodde, die dort in einem noch neuen Hause mit ihren beiden Töchtern eine Wohnung zu ebener Erde innehatte. Das nach der stillen Straße gelegene Zimmer, gleich rechts neben der Entreetür, das man ihm abtrat, sagte ihm wegen seiner Reinlichkeit und sachlich-familiären Einrichtung zu, und bald hatte er es sich mit seiner persönlichen Habe, seinen Büchern und Noten vollends gerecht gemacht.«

Das Esszimmer der Familie Mann dominierten ein hohes Büfett und ein ausladender Tisch, von Löwenpranken gehalten. Im Salon stand ein Bechstein-Flügel, auf dem einst der Erste Kapellmeister des Lübecker Stadttheaters die Senatorin begleitet hatte. Julia Mann spielte immer noch täglich darauf und sang dazu Lieder von Grieg, Chopin und Wagner. Die Wohnung lag dem historistischen Geschmack der Zeit entsprechend im Halbdunkel schwerer Samtvorhänge. Kübelpalmen, chinesische Bodenvasen, Büsten griechischer Göttinnen auf Postamenten, hohe Bücherschränke mit dem bilderreichen »Deutsch-Französischen Krieg«, dem von den älteren Brüdern zerblätterten »Land der Pyramiden«, an den Wänden niederländische und italienische Landschaftsdarstellungen, ein Dutzend feine, von Heinrich für die Mutter bemalte Porzellanteller mit bärtigen Sultanen, Rittern und Damen. Die Attraktion bildete ein ausgestopfter sibirischer Braunbär mit einer Schale für Visitenkarten in den Tatzen. Thomas Mann schilderte ihn später in dem Roman »Buddenbrooks« (1901). Der Zigarrenschrank des verstorbenen Vaters, dem noch der Duft des Tabaks entströmte, verbreitete für den kleinen Viktor das »Arom ›Lübecks‹«. Das gab es auch an Weihnachten, mit Niederegger Marzipan, Äpfeln, Feigen, Nüssen, Datteln, Braunen Kuchen und dem in »Buddenbrooks« geschilderten »Plettenpudding«.

 

 

Abb. 2  Carla Mann mit dem ausgestopften Bären, Fotografie um 1896

 

Jedes Kind hatte ein eigenes Zimmer. Selbst für den gelegentlich anreisenden Heinrich wurde ein Raum vorgehalten, ihm war aber »München und das Familienleben gleichmäßig immer unleidlicher geworden«, wie er schon 1893 in einem Brief schrieb. Dazu gab es Kammern für Kinder- und Hausmädchen. Zur Wohnung gehörte ein Garten, der von einer Steinmauer und Fliederbüschen eingefasst war. Von der Terrasse führten Stufen zum Rasen hinunter. Im Sommer trank die Familie an den geruhsamen Münchner Nachmittagen unter einem braunen Segeltuchzelt ihren Tee. Von der Straße drang das leise Geräusch von Pferdehufen und Droschkenrädern herein. Hinter der Mauer spielten die Straßenjungen. Ein Kiesweg führte zu Stallungen, in denen die Offiziersburschen die Pferde striegelten. Dahinter leere Flächen, Bauplätze, das sich eben erst von einem Bauerndorf zum Stadtteil wandelnde Schwabing.

Die Geschwister


Thomas Mann und seine Geschwister: Julia, mit ihren 17 Jahren ein »wortgewandtes Wesen mit stolzer Haltung und ausgesprochenem Hang zur Repräsentation«, wie sich Viktor später erinnerte, und die zu Ohnmachten neigende, bleichsüchtige Carla, ein 13-jähriges Mädchen »mit enormem Appetit«, dichtende Backfische in weißen Kleidern. Der vierjährige Viktor hingegen in kurzer Lederhose, mit langen wilden Locken, der Löwenmähne, in der Obhut eines Kindermädchens, das mit ihm im Englischen Garten spazieren ging. Bayerische Dialektausdrücke durfte er nicht benutzen, aber von den Nachbarskindern konnte sie ihn nicht lange fernhalten: Er befreundete sich mit dem Sohn des Hausmeisters, aß Schmalzbrote in der Bedienstetenwohnung.

Der Umzug nach München bedeutete für Thomas Mann auch ein Wiedersehen mit dem damals noch verehrten Bruder Heinrich, der Ende April aus Italien zurückkehrte, wo er eben seinen ersten Roman beendet hatte. Im Jahr 1889 hatte Heinrich das Lübecker Gymnasium ohne Abschluss verlassen und in Dresden eine Buchhändlerlehre angefangen. Im folgenden Jahr zog er nach Berlin, begann ein Volontariat im dortigen S. Fischer Verlag, dem führenden deutschen Verlag der literarischen Moderne, und hörte daneben Vorlesungen an der Universität. Lungenblutungen brachten ihn ins Sanatorium, zu Kuraufenthalten nach Wiesbaden und Lausanne. Der Vater hatte in seinem Testament bestimmt, es sei »den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer s. g. literarischen Tätigkeit entgegenzutreten. Zu gründlicher, erfolgreicher Tätigkeit in dieser Richtung fehlen ihm m. E. die Vorbedingnisse, genügendes Studium und umfassende Kenntnisse. Der Hintergrund seiner...

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