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E-Book

Die Öffnung der Welt

Eine Globalgeschichte des Hellenismus

AutorAngelos Chaniotis
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl544 Seiten
ISBN9783806240542
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Angelos Chaniotis erzählt die spannende Geschichte der Griechen in einem wahrhaft kosmopolitischen Zeitalter. Von Alexander dem Großen (334 v. Chr.) bis zu dem römischen Kaiser Hadrian (138 n. Chr.) spannt er den Bogen und etabliert damit eine neue Epochengrenze, die den Hellenismus über Kleopatras Tod hinaus deutlich länger in das Römische Reich hinein fortschreibt. Inwiefern prägte die Kultur der Griechen das Römische Reich und darüber Europa bis heute? Mit seinen Eroberungen schuf Alexander zwar kein Weltreich von Dauer, dafür aber die Voraussetzungen für die Entstehung eines politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Netzwerks, das buchstäblich die gesamte damals bekannte Welt umfasste. Globalisierung und die Entstehung von Metropolen, technologische Innovationen und neue Religionen wie das Christentum, aber auch soziale Konflikte und Kriege gehören zu den Signaturen dieser Welt, die überraschend viele Parallelen zu unserer Gegenwart aufweist.

Nach Stationen an der New York University, der Universität Heidelberg und der Universität Oxford hat der Althistoriker Angelos Chaniotis seit 2010 eine Professur am Institute for Advanced Study in Princeton inne. Chaniotis gilt international als einer der Vordenker zur Alten Geschichte. Der Grieche hat sich insbesondere auf die hellenistische Geschichte und die griechische Epigraphik spezialisiert. Chaniotis wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Phönix-Orden der griechischen Republik, dem Forschungspreis des Landes Baden-Württemberg und dem mit 250.000 Euro dotierten Anneliese-Maier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt Stiftung. Zahlreiche Publikationen.

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Leseprobe

Einleitung


Alexander der Makedone, Sohn Philipps, … bezwang Dareios, den König der Perser und Meder und wurde König an seiner statt … Er führte viele Kriege, eroberte Festungen und erschlug die Könige der Erde. Er zog bis ans Ende der Welt und plünderte eine Vielzahl von Völkern … Alexander regierte zwölf Jahre lang und starb. Seine Gefolgsleute übernahmen die Macht, jeder in seinem eigenen Gebiet. Und nach seinem Tod setzten sie sich alle die Königskrone auf, und viele Jahre lang hielten es ihre Kinder nach ihnen ebenso und sie vermehrten das Elend auf Erden.

Diesen Auszug aus dem 1. Buch der Makkabäer, einem hebräischen Text aus dem späten 2. Jahrhundert v. Chr., der in griechischer Übersetzung erhalten ist, kann man als subjektive Zusammenfassung der „hellenistischen“ Epoche lesen, also der Zeit zwischen den Kriegszügen Alexanders (334–324 v. Chr.) und dem Tod Kleopatras (30 v. Chr.). Die Erzählperspektive ist dabei die eines militanten Vertreters einer eroberten Provinz, die gegen griechische Könige und ihre hellenisierten jüdischen Unterstützer zu den Waffen griff.

Es gibt gute Gründe dafür, ein Buch über die Geschichte der Griechen in einem kosmopolitischen Zeitalter mit einem Zitat aus einem jüdischen Text zu beginnen: Denn erstens zeigt das, dass es verschiedene Perspektiven und abweichende Meinungen gab; zweitens ist es bemerkenswert, dass ein Buch, das die kulturelle und politische Vormachtstellung der Griechen infrage stellte, ausgerechnet auf Griechisch gewissermaßen als Lingua franca Verbreitung fand; und drittens verdankt die hellenistische Epoche ihren Namen den „Hellenisten“, einer jüdischen Gruppierung, die die griechische Lebensart übernahm. Das 1. Buch der Makkabäer spiegelt daher einige der Gegensätze und Widersprüche dieser Epoche wider.

Was ist das hellenistische Zeitalter? Warum erforschen wir es? Und ist es angemessen, seinen traditionellen Endpunkt im Jahr 30 v. Chr. nach hinten zu verlagern und noch die ersten 150 Jahre der Kaiserzeit hinzuzunehmen, beides gemeinsam als „langes hellenistisches Zeitalter“ zu erfassen? Als bedeutender Wendepunkt in der Geschichte des antiken Griechenland kann Einleitung der Tod Alexanders des Großen in der Tat als Anfangspunkt beibehalten werden. Die durch seine Nachfolger begründeten Dynastien sind vermutlich der sichtbarste und sicherlich der neuartigste Aspekt der Jahrzehnte nach seinem Tod. Ohne Zweifel vermehrten sie das Elend auf der Welt, vielleicht nicht jenes Elend, das der jüdische Autor des Makkabäerbuches im Sinn hatte – die religiöse und kulturelle Unterdrückung der Juden –, aber mit Sicherheit jenes, für das endlose Kriege, private und öffentliche Verschuldung und bürgerkriegsähnliche Unruhen ursächlich waren. Natürlich wäre es einseitig und falsch, das hellenistische Zeitalter lediglich als eine Zeit des Elends zu charakterisieren. Die Epoche ist weit mehr als nur die Summe der Kriege zwischen den Nachfolgern Alexanders, den von ihnen begründeten Dynastien, Rom, barbarischen Stämmen, fremdländischen Königen, Städten und Städtebünden. Welche Aspekte dieser drei Jahrhunderte sind es sonst noch wert, genauer unter die Lupe genommen zu werden?

In unserer Alltagssprache sagen wir, dass jemand einen kolossalen Irrtum begangen hat oder dass eine Person etwas stoisch erträgt. Wir sprechen manchmal von einem Pyrrhussieg, und im Urlaub an einem fremden Ort gehen wir möglicherweise in ein Museum. Manche hatten zu Schulzeiten ihre Freude an euklidischer Geometrie, andere hassten sie. Wenn wir unerwartet die Lösung eines Problems finden, rufen wir „Heureka!“ Und auch wenn wir vielleicht nicht verstehen, wie sie funktionieren, sind hydraulische Pumpen und Zylinder aus unserem Leben nicht wegzudenken. Was die Begriffe kolossal, stoisch, Pyrrhussieg, Museum, euklidisch, heureka und hydraulisch verbindet, ist, dass sie ihren Ursprung in der hellenistischen Zeit haben. Die philosophische Schule der Stoiker wurde im späten 4. Jahrhundert v. Chr. gegründet. Pyrrhus war ein Kriegsherr des frühen 3. Jahrhunderts v. Chr. „Heureka!“ (Ich habe es gefunden!) rief angeblich Archimedes um 230 v. Chr., als er feststellte, dass das Volumen des Wassers, das er verdrängte, als er in eine Badewanne stieg, dem Volumen des Teils seines Körpers entsprach, der sich unter Wasser befand. Und Euklid war ein Mathematiker und Ingenieur, der im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. unter Ptolemaios I. in Alexandria lebte, dem König, der das Mouseion, den „Schrein der Musen“, gründete, ein seinem Palast angeschlossenes Bildungszentrum. In diesem Mouseion setzte der Mathematiker und Ingenieur Ktesibios sein theoretisches Wissen über Wasserkraft in die Praxis um und erfand die erste Pfeifenorgel (hydraulis), die mit Wasserdruck funktionierte. Der Koloss war eine riesige Statue des Sonnengottes, die 280 v. Chr. im Hafen von Rhodos aufgestellt wurde und zusammen mit dem Pharos – dem monumentalen Leuchtturm von Alexandria – zu den Sieben Weltwundern gezählt wurde. Die Wirkmächtigkeit einer historischen Epoche lässt sich oft an den Wörtern und Ausdrücken bemessen, die sie der Nachwelt vermacht hat.

Wissenschaftliche, künstlerische, intellektuelle und kulturelle Errungenschaften wie die eben erwähnten sollten nicht aus ihrem Kontext gerissen betrachtet werden. Das Mouseion von Alexandria, die ihm angeschlossene Bibliothek und die unzähligen Beiträge der dort tätigen Gelehrten und Wissenschaftler existierten nur, weil Alexander die Stadt gegründet hatte und weil die Könige des hellenistischen Ägypten über immense Ressourcen geboten, die sie für die Weiterentwicklung des Wissens zur Verfügung stellten. Dass sich die kulturelle Führungsrolle von Athen in Griechenland nach Ägypten und Asien verlagerte, war Teil eines Prozesses, der damit begann, dass griechische Einwanderer in den neugegründeten Städten in den von Alexander eroberten Gebieten angesiedelt wurden. Der Koloss wurde anlässlich eines militärischen Sieges errichtet; der Pharos von Alexandria stand in enger Verbindung mit der gestiegenen Bedeutung des Schiffsverkehrs im östlichen Mittelmeer; die stoische Philosophie stand in einem andauernden dialektischen Verhältnis zu politischem Leben und gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Geschichte der sozialen Konflikte, Kriege, politischen Experimente und Innovationen in den Städten und Königreichen des hellenistischen Zeitalters ist für ein Verständnis von Kunst und Wissenschaft, Philosophie und Literatur, Technologie und Religion unverzichtbar. Es lassen sich also gute Gründe für eine Beschäftigung mit der hellenistischen Epoche anführen.

Die Kriegszüge Alexanders sind ein guter Anfangspunkt. Aber wo hören wir auf? Man definiert das Ende des hellenistischen Zeitalters herkömmlicherweise mit dem Selbstmord Kleopatras 30 v. Chr. und der Annektierung ihres ägyptischen Königreichs durch Rom. Das ist sicher ein bedeutender Wendepunkt der politischen Geschichte. Er markiert das Ende des letzten großen hellenistischen Königreichs und den Beginn des Prinzipats – einer Ausprägung monarchischer Herrschaft, die unter Augustus und seinen Nachfolgern Gestalt annahm. In der Gesellschafts-, Wirtschafts-, Religions- und Kulturgeschichte hingegen stellt das Jahr 30 v. Chr. keine Zäsur dar. Entwicklungen, die wir in hellenistischer Zeit beobachten können, setzten sich in den zwei Jahrhunderten nach Kleopatras Tod fort. Um diese umfassend verstehen zu können, müssen wir auch spätere Quellen miteinbeziehen. Umgekehrt können wir die politischen Institutionen, die gesellschaftlichen Strukturen, die wirtschaftliche Situation, die Kultur und Religion des griechisch-römischen Ostens der ersten beiden Jahrhunderte der Kaiserzeit nur verstehen, wenn wir auch deren hellenistische Wurzeln berücksichtigen. Die Zeitspanne von Alexanders Kriegszügen im Osten bis ungefähr zu den Regierungsjahren Marc Aurels (161–180 n. Chr.) sollte daher als eine zusammenhängende historische Epoche ins Auge gefasst werden – ich nenne sie das „lange hellenistische Zeitalter“. Innerhalb dieses Zeitraums von annähernd 500 Jahren lassen sich rückblickend verschiedene Phasen ausmachen – die Kapiteleinteilung dieses Buches spiegelt sie wider –, die Entwicklung war jedoch kontinuierlich.

Der ereignisgeschichtliche Teil des Buches endet mit dem Tod Hadrians im Jahr 138 n. Chr., obwohl sich die Situation in den griechischsprachigen Provinzen unter seinem Nachfolger Antoninus Pius nicht wesentlich änderte. Erst mit dem Beginn der Partherkriege unter Marc Aurel 161 n. Chr. setzte allmählich ein Wandel ein. Ich habe die Herrschaft Hadrians nicht deshalb als Endpunkt dieses Buches genommen, weil dieser Kaiser etwa einer breiteren Leserschaft vertrauter wäre als sein Nachfolger oder weil er die Grenzen des Römischen Reiches befestigte und so die große Offensive unter seinem...

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