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E-Book

Die Politik der großen Zahlen

Eine Geschichte der statistischen Denkweise

AutorAlain Desrosières
VerlagSpringer-Verlag
Erscheinungsjahr2005
Seitenanzahl439 Seiten
ISBN9783540270119
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR

Statistik ('Staatenkunde'), Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Philosophie der Wahrscheinlichkeit sind auch als 'siamesische Drillinge' bekannt. Das Buch analysiert den Werdegang der Statistik und zeigt Verbindungen zwischen der internalistischen Geschichte der Formalismen und Werkzeuge sowie der externalistisch orientierten Geschichte der Institutionen auf. Der Spannungsbogen erstreckt sich vom Vorabend der Französischen Revolution bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei Frankreich, Deutschland, England und die USA ausführlich behandelt werden. Was haben Richter und Astronomen gemeinsam? Wer waren die 'politischen Arithmetiker'? Was ist ein 'Durchschnittsmensch'? Wie ändert sich im Laufe der Zeit das, was man 'Realismus' nennt? Kann man vom Teil auf das Ganze schließen? Und wenn ja, warum? Welche Rolle spielt der Franziskanerorden? Wir begegnen Adolphe Quetelet, Karl Pearson, Egon Pearson, Francis Galton, Emile Durkheim und vielen anderen. Glücksspiele, Zufall, Bayesscher Ansatz, das St. Petersburger Paradoxon, der Choleravibrio, Erblichkeit, das Galtonsche Brett, Taxonomie, Wahlprognosen, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit, die Entstehung der Arten, die Ordnung der Dinge und die Dinge des Lebens - das sind die Themen des Buches.

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Leseprobe

5 Statistik und Staat: Frankreich und Großbritannien (S. 165-166)

Der Begriff der Statistik im ältesten Sinne des Wortes geht ins 18. Jahrhundert zurück und beinhaltet eine Beschreibung des Staates durch ihn und für ihn (vgl. Kapitel 1). Zu Anfang des 19. Jahrhunderts kristallisierte sich in Frankreich, England und Preußen um das Wort "Statistik" eine Verwaltungspraxis heraus und man entwickelte Formalisierungstechniken, bei denen die Zahlen im Mittelpunkt standen.

Spezialisierte Bureaus wurden damit beauftragt, Zählungen zu organisieren und die von den Verwaltungen gef¨uhrten Register zu kompilieren, um für den Staat und für die Gesellschaft Darstellungen zu erarbeiten, die den Handlungsweisen und dem Ineinandergreifen von Staat und Gesellschaft in angemessener Weise entsprachen. Die Formalisierungstechniken bestanden aus Zusammenfassungen, Kodierungen, Totalisierungen, Berechnungen und Konstruktionen von Tabellen und gra.schen Darstellungen. Diese Techniken ermöglichten es, die durch die Staatspraxis gescha.enen neuen Objekte mit einem einzigen Blick zu überschauen und miteinander zu vergleichen. Man konnte jedoch keine logische Trennung zwischen Staat, Gesellschaft und den Beschreibungen vornehmen, die von den statistischen Bureaus geliefert wurden.

Der Staat setzte sich aus besonderen – mehr oder weniger organisierten und kodiffizierten – Formen von Beziehungen zwischen den Individuen zusammen. Diese Formen ließen sich – vor allem mit Hilfe der Statistik – objektivieren. Aus dieser Sicht war der Staat keine abstrakte Entität, die außerhalb der Gesellschaft stand und in den verschiedenen Ländern identisch war. Es handelte sich vielmehr um eine singuläre Gesamtheit von sozialen Bindungen, die sich verfestigt hatten und von den Individuen in hinreichender Weise als Dinge behandelt wurden. Und zumindest für den Zeitraum, in dem der betreffende Staat existierte, waren diese sozialen Tatbestände tatsächlich Dinge.

Innerhalb der Grenzen, die durch diese historische Konsolidierung der staatlichen Zusammenhänge abgesteckt waren, stellen die statistischen Bureaus und ihre Tabellierungen Quellen für den Historiker dar. Aber der Historiker kann auch die Peripetien und Besonderheiten der allmählichen Errichtung dieser Bureaus als Momente der Bildung moderner Staaten betrachten, wie sie im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden sind. In den beiden vorhergehenden Kapiteln hatten wir – vom Standpunkt der wissenschaftlichen Rhetoriken und deren Darlegung – die Konsistenz der von der Statistik produzierten Dinge untersucht und unsere Untersuchung erstreckte sich von Quetelet bis hin zu Pearson. Aber diese Konsistenz hing auch mit der Konsistenz der staatlichen Einrichtungen und deren Solidität zusammen, und sie hing mit dem Umstand zusammen, der die Individuen veranlaßte, diese Institutionen als Dinge zu behandeln, ohne sie ständig infrage zu stellen. Diese Solidität kann ihrerseits das Ergebnis einer Willkürherrschaft oder einer konstruierten Legitimität sein, wie es in unterschiedlichen Formen in den Rechtsstaaten der Fall war, die gerade im 19. Jahrhundert aufgebaut wurden.

Diese Legitimität war nicht per Dekret vom Himmel gefallen. Vielmehr wurde sie Tag für Tag geformt und gewoben, vergessen, bedroht, infrage gestellt und unter erneuten Anstrengungen wiedererrichtet. Innerhalb dieser Legitimität der staatlichen Institutionen nahm die Statistik eine Sonderstellung ein: sie setzte einen allgemeinen Bezugsrahmen, der mit zwei Garantien ausgestattet war – der Garantie des Staates und der Garantie von Wissenschaft und Technik. Das subtile Ineinandergreifen von Staat, Wissenschaft und Technik verlieh der amtlichen Statistik eine besondere Originalität und Glaubwürdigkeit.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort des Übersetzers7
Inhaltsverzeichnis10
Einleitung: Soziale Tatbestände als Dinge13
Eine anthropologische Sicht auf die Wissenschaften16
Beschreibung und Entscheidung19
Wie man dauerhafte Dinge macht22
Zwei Arten der historischen Forschung26
1 Präfekten und Vermessungsingenieure31
Deutsche Statistik: Identifizierung der Staaten34
Englische politische Arithmetik:Entstehung der Expertise38
Franz¨osische Statistik des Ancien R´egime:Intendanten und Gelehrte42
Revolution und Erstes Kaiserreich:Die”Adunation“ Frankreichs48
Peuchet und Duvillard: schreiben oder rechnen?52
Wie man Diversität durchdenkt58
2 Richter und Astronomen63
Aleatorische Verträge und faire Abmachungen64
Konstruktiver Skeptizismus und Überzeugungsgrad70
Der Bayessche Ansatz76
Der "goldene Mittelweg" :Mittelwerte und kleinste Quadrate82
Messungsanpassungen als Grundlage für Übereinkünfte87
3 Mittelwerte und Aggregatrealismus89
Nominalismus, Realismus und statistische Magie91
Das Ganze und seine Trugbilder93
Quetelet und der ”Durchschnittsmensch“96
Konstante Ursache und freier Wille100
Zwei kontroverse F¨alle aus der medizinischen Statistik105
Eine Urne oder mehrere Urnen?111
Der angefochtene Realismus: Cournot und Lexis115
Durchschnittstyp und Kollektivtyp bei Durkheim120
Der Realismus der Aggregate126
4 Korrelation und Ursachenrealismus129
Karl Pearson: Kausalität, Kontingenz und Korrelation132
Francis Galton: Vererbung und Statistik139
Schwer zu widerlegende Berechnungen150
Fünf Engländer und der neue Kontinent156
Kontroversen über den Realismus der Modelle164
Yule und der Realismus der administrativen Kategorien168
Epilog zur Psychometrie:Spearman und die allgemeine Intelligenz174
5 Statistik und Staat:Frankreich und Großbritannien177
Französische Statistik – eine diskrete Legitimität181
Entwurf und Scheitern eines Einflußnetzwerks187
Statistik und Wirtschaftstheorie – eine späte Verbindung194
Britische Statistik und öffentliche Gesundheit198
Sozialenqueten und wissenschaftliche Gesellschaften205
6 Statistik und Staat:Deutschland und die Vereinigten Staaten211
Deutsche Statistik und Staatenbildung212
Historische Schule und philosophische Tradition218
Volkszählungen in der amerikanischen politischen Geschichte223
Das Census Bureau: Aufbau einer Institution230
Arbeitslosigkeit und Ungleichheit: Die Konstruktion neuer Objekte234
7 Pars pro toto: Monographien oder Umfragen247
Die Rhetorik des Beispiels250
Halbwachs: Die soziale Gruppe und ihre Mitglieder255
Die Armen: Wie beschreibt man sie und was macht man mit ihnen?258
Von Monographien zu systematischen Stichprobenerhebungen263
Wie verbindet man ”was man schon weiß“ mit dem Zufall?269
Wohlfahrtsstaat, Inlandsmarkt und Wahlprognosen270
8 Klassifizierung und Kodierung275
Statistik und Klassifikation276
Die Taxonomien der Lebewesen278
Die Durkheimsche Tradition:sozio-logische Klassifizierungen282
Die Zirkularität von Wissen und Handeln286
Gewerbliche Tätigkeiten: instabile Verbindungen289
Vom Armen zum Arbeitslosen:Die Entstehung einer Variablen295
Ein hierarchischer, eindimensionaler und stetiger sozialer Raum300
Vom Gewerbe zur qualifizierten T¨atigkeit305
Vier Spuren der Französischen Revolution309
Eine Urne oder mehrere Urnen: Taxonomie und Wahrscheinlichkeit314
Wie man einer Sache Zusammenhalt verleiht318
9 Modellbildung und Anpassung323
Wirtschaftstheorie und statistische Beschreibung326
Glaubensgrad oder Langzeithäufigkeit329
Zufälligkeiten und Regelmäßigkeiten: Frisch und der Schaukelstuhl335
Mittel gegen die Krise: Das Modell von Tinbergen340
Ingenieure und Logiker345
¨Uber den richtigen Gebrauch der Anpassung348
Autonomie und Realismus von Strukturen355
Drei Methoden zur Berechnung des Nationaleinkommens359
Theorien testen oder Diversität beschreiben?363
Schlußfolgerung: Das Unbestreitbare in Zweifel ziehen371
Ein zu praktischen Zwecken konstruierter kognitiver Raum372
Mittelwerte und Regelmäßigkeiten, Skalen und Verteilungen375
Ein Raum für Verhandlungen und Berechnungen380
Statistische Argumentation und soziale Debatten384
Nachwort: Wie schreibt man Bücher, die Bestand haben?387
Einige zwischen 1993 und 2000 veröffentlichte Arbeiten387
Wie verbindet man die Aspekte der Geschichte der Statistik?390
Wie bedienen sich die Sozialwissenschaften dieser Aspekte?392
Kritiken und Diskussionsthemen397
Anhang: Abkürzungen401
Literaturverzeichnis405
Namensverzeichnis425
Stichwortverzeichnis433

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