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E-Book

Die Reise

Roman

AutorMahmud Doulatabadi
VerlagUnionsverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl128 Seiten
ISBN9783293305106
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Seit Monaten wartet Chatun auf ein Zeichen ihres Mannes, auf das versprochene Geld, auf einen Brief. Weil keiner mehr Dreschflegel und Hakenpflüge kauft, seit es Traktoren gibt, musste er in den Golfstaaten Arbeit suchen. Wie soll eine Frau, allein mit Tochter und Grossmutter, überleben? Nachts, wenn keiner es sieht, schleicht sich der junge Marhab in das kleine Haus zwischen dem Bahndamm und der Müllhalde. Aber was hilft die Liebe, wenn es keinen Verdienst gibt? Da taucht eines Tages, an Krücken, ein Mann auf. Abends steht er am Bahndamm, schaut zum Haus hinüber und wagt sich keinen Schritt näher. Er sieht es hell erleuchtet, Männer gehen aus und ein. In der Schenke am Bahndamm wird jedem klar: Über diesem Mann hängt ein Fluch.

Mahmud Doulatabadi, geboren 1940 im Nordosten Irans, arbeitete in der Landwirtschaft und als Handwerker. Später absolvierte er die Theaterakademie in Teheran und war eine Zeit lang Schauspieler. Aus politischen Gründen war er zwei Jahre in Haft. Mahmud Doulatabadi gilt als bedeutendster Vertreter der zeitgenössischen persischen Prosa; er lebt mit seiner Familie als freier Schriftsteller und Universitätsdozent für Literatur in Teheran.

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Leseprobe

1


Eine bedrückende Dämmerung füllte den Raum von Meister Safis Laden. Es war weder Tag noch Nacht. Die Luft war trübe, wie eine Staubwolke, vermischt mit Rauch. In dieser dicktrüben Luft verschwanden die Flecken und Risse an den Wänden. Die kleine Schmiedeesse war erloschen. Mochtar stand da, versunken in seine Gedanken. Es schien, als habe er um sich herum alles vergessen. Starr und reglos stand er neben dem Ofen, als suche er in der kalten Asche etwas Bestimmtes.

Meister Safi, ein abgezehrter, hinkender Mann mittleren Alters, saß draußen vor der Tür auf einem kleinen Hocker an der Wand und rauchte. Er hatte sich dem Flug seiner Gedanken hingegeben. Offenbar hatte es zuvor zwischen Meister Safi und Mochtar einen Wortwechsel gegeben, und beide grübelten nun darüber nach.

Schließlich brach Meister Safi die lastende Stille, erhob sich halb von seinem Hocker, streckte seinen Kopf in den düsteren Laden und sagte: »Gott soll dich segnen und mich gesund erhalten. Den Laden gebe ich auf und überlasse ihn der Stadtverwaltung. Ich werde versuchen, selbst einen Trödlerladen aufzumachen. Vielleicht werde ich mich auch am Trödelgeschäft meines Bruders beteiligen. Wer soll denn noch, seit es Traktoren gibt, bei dir und mir Hakenpflug und Dreschflegel kaufen? Und die paar Droschken, die noch am Rande der Stadt hin und her fahren, werden bald auseinander brechen. Die haben längst ausgedient und sind nichts mehr wert.«

Mochtar kam zu sich, hob den Kopf, ging zur Wand, nahm seine Jacke vom Haken und kam auf den Meister zu. Er blieb im Türrahmen stehen.

Meister Safi stand auf. »Bete auch für mich, selbst wenn ich nicht immer gut zu dir war.«

Ohne dem Meister noch einen Blick zu gönnen und ohne ein Wort zu sagen, verließ Mochtar den Laden und machte sich auf den Weg. Er spürte nicht einmal seinen eigenen Schritt. Die Beine führten ihn, der Gewohnheit gehorchend, einfach fort. Er war nicht traurig, auch nicht wütend. Er war des Lebens überdrüssig, er empfand eine Art quälende Gleichgültigkeit, als gehöre er nirgends hin, als sei er ein Mensch ohne Vergangenheit. Er fühlte eine Haltlosigkeit, wie wenn er vom Himmel herabgestürzt wäre und nun in der Luft schweben würde. Was war aus seinem Leben geworden? War es nun verloren? Ist das möglich – plötzlich stellt ein Mensch fest, dass er sein Leben verloren hat? Was geschieht dann mit seinem Leib, seinen Gliedern?

Unwillkürlich schaute Mochtar auf seine Hände. Sie waren leer, rau und voller Schwielen. Er zog einen Flügel seiner Jacke, die von seiner Schulter herabgeglitten war, wieder hoch und setzte seinen Weg fort. Vor dem Bäckerladen hielt er inne, kaufte ein Brot und ging weiter. Das machte er jeden Abend. Als er den Blick wieder hob, befand er sich schon außerhalb der Stadt. Ein trüber Dunst, vermischt mit Rauch, hüllte die Landschaft ein. Er ging an einigen zerfallenen Pferdekarren und Droschken, an einem demolierten Wasserbehälter und einer elektrischen Straßenlaterne vorbei und lief in Richtung Bozzu den Gleisen entlang. Ein Weilchen ging er auf dem kleinen Pfad neben den Eisenbahnschienen, dann spürte er Lust, auf den Schwellen zu laufen. Er kletterte zu den Gleisen hoch und begann auf den rauen Schwellen zu hüpfen.

»Meister Mochtar, Meister Mochtar!«

Mochtar drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam. Eine Droschke hielt neben den Schienen an.

Bibi streckte ihren Kopf aus einer Ecke der Droschke heraus und rief ihm zu: »Komm, steig ein, lass uns zusammen fahren.«

Mochtar sprang vom Bahndamm herunter, lief zur Droschke und sprang auf das Trittbrett. Die Droschke setzte sich in Bewegung. Die Großmutter hatte wie immer ein Reisebündel dabei. Als Mochtar in die Droschke stieg, nahm sie das Bündel auf ihren Schoß, um ihm Platz zu machen. Sobald Mochtar richtig Platz genommen hatte, fragte er Bibi nach ihrem Befinden. Statt ihm zu antworten, sagte sie: »Warum gehst du auf den Schienen?«

Mochtar fragte zurück: »Möchtest du ein Stück Brot?«

Bibi fragte: »Wie geht es deiner Frau und deinem Kind?«

»Es geht ihnen gut, es geht ihnen nicht schlecht. So spät noch unterwegs?«

»Meine Herrin hatte gestern bis spät in die Nacht Gäste. Bis gerade vorhin habe ich Geschirr gespült und sauber gemacht. Erst vorgestern ist mein Herr aus dem Ausland zurückgekehrt.«

»Ausland?« Mochtar merkte selbst nicht, in welchem Ton er das Wort aussprach.

Die Droschke bog in eine Unterführung ein und setzte auf der anderen Seite des Bahndamms ihren Weg fort. Geradeaus, in weiter Entfernung, war ein schwacher Lichtschein zu sehen – aus dem Fenster von Mochtars Zimmer. Die Droschke hielt neben der Mauer. Bibi und Mochtar stiegen aus. Bibi bezahlte das Fahrgeld. Mochtar nahm das Bündel, lief zum Hauseingang und klopfte mit der Schuhspitze an die Tür. Chatun öffnete ihrem Mann, er trat in den Flur, übergab das Bündel seiner Frau und ging ins Zimmer, legte das Brot in die Wandnische, setzte sich auf den Boden und lehnte sich gegen die Matratze.

Chawar lief von dem Nischenvorhang zu ihrem Vater, setzte sich auf seinen Schoß und rieb die Maus, die ihr die Mutter aus einem Tuch genäht hatte, ein paar Mal an seiner Nase. Als sie merkte, dass er nicht besonders gut aufgelegt war, lief sie zur Tür und schmiegte sich an die Beine der Großmutter, die sie mit Mühe hochhob. Die Großmutter umarmte ihre Enkelin, trug sie in eine Ecke, öffnete ihr Bündel und überreichte die mitgebrachten Kleidungsstücke und das Obst, das sie gepflückt hatte.

Chatun, die sich schon auf dem Flur nach dem Befinden ihrer Mutter erkundigt hatte, setzte sich neben den Samowar, schenkte ihr Tee ein. Auch ihrem Mann setzte sie ein Glas Tee vor. Mochtar nahm mürrisch das Glas, stellte es auf eine Untertasse, stand auf, warf seine Jacke auf das Bettlager, krempelte seine Hemdsärmel hoch und ging hinaus. Seine Frau folgte ihm, füllte eine Gießkanne mit Wasser. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln hockte Mochtar an der Grube, seine Frau goss ihm Wasser über die Hände. Mochtar rieb seine kräftigen rauen Hände gegeneinander, nässte auch die Arme bis zum Ellbogen, wobei er Gebete murmelte.

»Hast du mit jemandem gestritten?« fragte die Frau.

»Seit wann bin ich denn streitsüchtig?« antwortete er.

»Was ist denn mit dir los?«

»Nichts.«

»Nichts? Runzelst du ohne Grund die Stirn?«

Mochtar beendete die Waschung seiner Hände. Er stand auf, fuhr sich mit nassen Fingern durch das Haar. »Meister Safi will einen Trödlerladen eröffnen.«

»Und was wird aus dir?«

Statt einer Antwort ertönte das lang gezogene Pfeifen der Eisenbahn. Mochtar ging durch den Flur ins Zimmer und trocknete Hände und Gesicht mit dem Vorhang. Das Wasser im Samowar kochte leise vor sich hin. Chatun goss Wasser nach. Chawar spielte mit der Apfelsine, die ihr die Großmutter mitgebracht hatte, und die Großmutter war gerade dabei, ihrer Enkelin ein Paar nicht zusammenpassende Socken anzuziehen. Mochtar nahm das Gebetbuch von der Wandnische, legte es auf den Boden und begann zu beten. Chatun achtete nicht auf ihren Mann, setzte sich zornerfüllt mit dem Rücken zu ihm neben den Samowar. Und während sie den Deckel hob und ihren Kopf zur Seite neigte, um den heißen Wasserdampf nicht ins Gesicht zu bekommen, sagte sie: »Was wird dann aus der Schmiedewerkstatt? Was wird aus dir?«

Mochtar hatte schon zu beten begonnen. »Gott ist groß«.

Nach dem Beten wurde gegessen. Auch beim Essen gab Mochtar auf die Fragen seiner Frau und der Großmutter keine Antwort. Er blieb still. Bald nach dem Essen gingen Chawar und Bibi in die Hinterkammer, richteten ihr Bettlager. Nicht dass sie schliefen, sie legten sich einfach hin. Vor allem die Großmutter lauschte mit offenen Augen und sorgenvollem Blick hinter dem Vorhang, um kein Wort zu verpassen.

Im Zimmer lagen Mochtar und Chatun nebeneinander. Die Flamme der Petroleumlampe war niedriggestellt, ein fahler Lichtschein erhellte die Gesichter des Ehepaares. Beide lagen mit offenen Augen da und schienen in ihre Gedanken versunken. Die Frau hatte das Gesicht ihrem Mann zugewandt und ihre Hand unter den Kopf gelegt. Mochtar lag auf dem Rücken, mit dem Unterarm auf der Stirn, und starrte ins Dunkel der Decke. Er war still, man spürte, dass Schweres auf ihm lastete.

»Ich denke, ich fahre nach Kuwait«, sagte Mochtar.

»Kuwait, wo ist Kuwait?« fragte die Frau.

»Ein Ort, ungefähr wie andere Orte auf der Welt.«

»Sind da viele Schmiedewerkstätten?«

»Nein, aber es gibt andere Arbeit. Da sollen die Löhne ziemlich hoch sein.«

»Woher weißt du das?«

»Alle sagen das.«

»Ein fremdes Land.«

»Da leben viele Iraner.«

»Und wir? Was wird aus uns?«

»Ich werde euch Geld schicken.«

»Meine Mutter sagte, sie werde ihren Herrn um eine Arbeit für dich bitten.«

»Ich habe keine Lust, als Dienstbote zu arbeiten. In fünf Jahren bin ich alt. Ich kann nicht bis an mein Lebensende für andere schuften. Ich werde nach Kuwait fahren, vielleicht kann ich etwas Geld zurücklegen und später hier eine eigene Bude aufmachen.«

»Hier gibt es doch in den Häusern genug Arbeit für...

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