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E-Book

Die Reise nach Jerusalem

Pilgerfahrten ins Heilige Land

AutorSabine Penth
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl144 Seiten
ISBN9783863127305
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Die Idee von der besonderen Wirkmächtigkeit heiliger Orten findet sich schon in den frühesten Religionen der Menschheit. So wurde auch unter den Christen im Lauf der Zeit die Sehnsucht immer stärker, die Orte mit eigenen Augen zu sehen, an denen Christus gelebt und gewirkt hatte - wobei Jerusalem zum wichtigsten Pilgerziel wurde. Was versprachen sich die Wallfahrer von ihrer Reise? Auf welchen Wegen gelangten sie nach Jerusalem, was begegnete ihnen unterwegs, was erlebten sie auf der weiten und gefahrvollen Reise durch den Vorderen Orient? Sabine Penth schildert die wechselvolle Geschichte der christlichen Jerusalem-Wallfahrt von der Antike bis ins Spätmittelalter und lässt dabei immer wieder auch die Pilger selber zu Wort kommen. Erzählt wird diese spannende Geschichte vor dem Hintergrund des wechselvollen Schicksals des Heiligen Landes: zwischen christlicher und muslimischer Herrschaft, zwischen Orient und Okzident.

Sabine Penth, geb. 1970, Dr. phil., ist freiberufliche Historikerin und Lehrbeauftragte an der Universität des Saarlandes für Mittelalterliche Geschichte sowie Ältere Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft. Mit dem Zeitalter der Kreuzzüge sowie mit Reise- und Pilgerberichten ins Heilige Land und den Vorderen Orient hat sie sich intensiv beschäftigt. ?Die Reise nach Jerusalem. Pilgerfahrten ins Heilige Land? liegt beim Primus Verlag als Buch in der Reihe Geschichte erzählt vor (2010).

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Leseprobe

Heil, das abfärbt: Von heiligen Orten und ihrer Wirkmächtigkeit


Uralt ist die Vorstellung von der besonderen Wirkmächtigkeit bestimmter Plätze, von der Existenz heiliger Orte. Sie findet sich schon in den frühesten Religionen der Menschheitsgeschichte. Nachdem die frühe Christenheit solche Ideen fast drei Jahrhunderte lang als heidnisch abgelehnt hatte, brachen sie sich seit dem Anfang des 4. Jahrhunderts nun im christlichen Gewand immer machtvoller Bahn.

Dabei unterscheidet sich das christliche Konzept heiliger Orte ganz entscheidend von dem der älteren heidnischen Religionen: Ein Platz ist nicht heilig aus sich heraus, aufgrund seiner natürlichen Beschaffenheit oder besonderer Eigenschaften, seine Heiligkeit ist vielmehr eine abgeleitete: Heilig wird ein Ort erst durch das, was einst an ihm geschah, und durch das fromme Gedenken der Gläubigen an diese Ereignisse in Gottesdienst und Gebet. Heilig sind solche Orte, an denen das Handeln Gottes in der Welt sichtbar wurde – sei es durch das Leben, Sterben und Auferstehen seines Sohnes in Palästina, sei es durch das Zeugnis, das Heilige und Märtyrer mit ihrem Leben und Sterben für ihn und ihren Glauben ablegten.

Der jungen Kirche waren solche Ideen noch weitgehend fremd. Sie lebte völlig in der sogenannten Naherwartung, d. h., sie rechnete täglich mit der Wiederkehr Christi zum Jüngsten Gericht und mit dem Ende der Zeiten. Außerdem war Jesus nach seiner Auferstehung an keinen irdischen Ort mehr gebunden – und Gottes Gegenwart war ohnehin universell.

Im Leben und Gottesdienst der christlichen Gemeinde spielte die Erinnerung an die Ereignisse der Heilsgeschichte, wie sie im Alten und Neuen Testament geschildert wurden, und insbesondere an das Erlösungswerk Christi eine zentrale Rolle. Je mehr Zeit ins Land ging, ohne die erwartete und erhoffte Wiederkunft des Auferstandenen zu bringen, desto wichtiger wurde diese kollektive Erinnerung. In der Liturgie einzelner Feiertage im Jahreskreis gedachte man bestimmter Ereignisse aus dem Leben und Wirken Jesu. Dazu kamen mit der Zeit weitere Anlässe zum Gedächtnis: Heilige und Märtyrer aus der Zeit der Christenverfolgung sollten nicht in Vergessenheit geraten und den Christen mit ihrem Glaubenseifer und ihrem mutigen Zeugnis als leuchtende Beispiele vor Augen gestellt werden.

Je weiter man sich von den Anfängen entfernte und je größere geographische Ausbreitung das Christentum fand, desto verbreiteter wurde die Sehnsucht unter den Gläubigen, nicht nur die biblischen Erzählungen und die Heiligenviten zu hören, sondern die Schauplätze dieser Ereignisse auch einmal mit eigenen Augen sehen zu können. „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, hatte Jesus den ungläubigen Apostel Thomas getadelt, als dieser handgreifliche Beweise für die Realität seiner Auferstehung und Gegenwart verlangte (Joh 20,29). Doch diese Mahnung vermochte wenig gegen den Wunsch vieler Christen, Jesus und den Heiligen auch räumlich nahe zu kommen, indem sie die Stätten ihres irdischen Lebens besuchten.

Nicht zuletzt versprach man sich von Reisen an diese Plätze Heil für Seele und Leib. Die Heiligen, die man aufsuchte, sollten als Mittler dienen und Fürsprache bei Gott für den Pilger einlegen – natürlich für dessen Seelenheil, aber auch durchaus in eher weltlichen Anliegen wie etwa der Heilung von einer Krankheit. Nicht von ungefähr häufen sich denn auch Berichte von Wundern, die sich an den Gräbern von Heiligen ereigneten und damit die Gottesnähe und Heiligkeit der dort Bestatteten unter Beweis stellten. Von den biblischen Stätten im Orient gibt es hingegen kaum solche Berichte, zumal es an deren Heiligung durch die leibliche Gegenwart des Gottessohnes keine Zweifel geben konnte.

Bei Reisen ins Heilige Land standen außerdem eher Kontemplation und Gebet im Mittelpunkt und damit die Mehrung des Seelenheils. Dieser Intention leistete die Kirche seit dem Hochmittelalter noch Vorschub, indem sie für den Besuch bestimmter Plätze und die Ableistung genau vorgeschriebener Gebete und Frömmigkeitsübungen an diesen Stätten Ablässe, also den Nachlass zeitlicher Sündenstrafen, in Aussicht stellte. Dies führte letztendlich dazu, dass einfache Pilger im späten Mittelalter oft gezielt nur noch dorthin gingen, wo ein Ablass zu erhalten war. So schreibt etwa der Konstanzer Ritter Konrad Grünemberg über seine Heilig-Land-Wallfahrt im Jahre 1487, dass die Führer seiner Reisegruppe die Pilger beim Rückweg von Bethlehem nach Jerusalem auf das abseits gelegene, schon verfallene Kloster St. Saba aufmerksam machten. Doch „daselbst ist gar kein Ablaß, darum es die Pilger auch nicht aufsuchen“, kommentiert er lakonisch.1

Auch den besuchten Orten selber schrieb – und schreibt – man außergewöhnliche Kräfte zu. Sie seien gleichsam von der Heiligkeit des einst dort Geschehenen durchdrungen, und auf den frommen Besucher könne quasi etwas von dieser Heiligkeit abfärben, so die verbreitete Vorstellung.

 

Gabe aus dem Gnadenschatz der Kirche: Der Ablass

Im 13. Jahrhundert entstand die Lehre vom „Gnadenschatz der Kirche“, den Christus, die Märtyrer und Heiligen durch ihr gottgefälliges Leben, ihr Leiden und Sterben angesammelt hatten. Über diesen Schatz konnte der Papst nach Gutdünken verfügen und daraus Gaben an reuige Sünder verteilen – die Ablässe. Dabei ging es zunächst um den Erlass von Strafen, die Sündern von der Kirche als Buße auferlegt worden waren, später bezog man auch die jenseitigen Strafen ein, die der Mensch im Fegefeuer zu erwarten hatte. Echte Reue sowie Leistungen in Form etwa von Almosen, Gebeten oder dem Besuch bestimmter Pilgerstätten waren die Voraussetzung für die Gewährung solcher Ablässe.

Das an den Wallfahrtsstätten erfahrene Heil blieb also nicht räumlich begrenzt, es konnte sozusagen mitgenommen werden und über den Besuch hinaus im Leben der Pilger Wirkung entfalten. – Die Idee des heiligen Ortes war auch im Christentum angekommen.

 

Heil zum Mitnehmen: Reliquien

 

Die gesamte christliche Welt wurde nach und nach mit einem Netz solcher heiliger Stätten überzogen – etwa Orte, an denen Heilige lebten, wirkten, starben oder begraben wurden. Zunächst galten die Körper der Heiligen noch als unverletzlich, doch seit dem Hochmittelalter verlor man diese Scheu und begann, einzelne Körperteile von der ursprünglichen Grabstätte zu entfernen. Als Reliquien wurden z. B. Arme, Beine, Hände, Finger, Kopf oder Zähne an Klöster, Domkirchen oder bedeutende Adlige verschenkt, um diesen eine besondere Ehre zu erweisen. Damit aber wuchs die Zahl der möglichen Wallfahrtsstätten immer stärker an.

Die wichtigsten Pilgerziele im Abendland waren Rom als das Zentrum der christlichen Welt und Santiago de Compostela mit dem Grab des Apostels Jakobus im äußersten Westen. Von überragender Bedeutung blieben jedoch stets Jerusalem und das Heilige Land, wo Jesus gelebt und gewirkt hatte. Als Schauplatz von Leiden, Tod und Auferstehung Christi musste Jerusalem, das man als Mittelpunkt und Nabel der Welt betrachtete, sämtliche anderen Wallfahrtsorte weit in den Schatten stellen.

Für die meisten Pilger war eine Wallfahrt, zumal zu einem der weit entfernten, berühmten Pilgerziele, aufgrund der Kosten und Gefahren ein einmaliges Erlebnis. So ist es nur zu verständlich, dass sie den Wunsch hegten, die dort gemachte Heilserfahrung zu perpetuieren und auch den zuhause gebliebenen Angehörigen einen Anteil daran zu verschaffen. Dies sollte nach Meinung der Volksfrömmigkeit, aber auch vieler Theologen, durch die Mitnahme von Reliquien ermöglicht werden. In deren Gestalt glaubten die Pilger, ein Stück des heiligen Ortes, ja seine Heiligkeit selbst, mit nach Hause bringen zu können. Doch Körperreliquien lagen außerhalb der Reichweite einfacher Pilger; für sie kamen eher die sogenannten Kontaktreliquien infrage, wie etwa Kleidung, Schmuck oder Gebrauchsgegenstände, die der Heilige in seinem Leben benutzt hatte, aber auch Materialien, die nach seinem Tod mit dem Leichnam oder mit dem Sarg in Berührung kamen.

Im Heiligen Land waren die Herrenreliquien besonders begehrt, d. h. Reliquien, die in direkter Beziehung zu Christus standen. Besondere Verehrung genoss das „wahre Kreuz“, das die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, der Legende nach im Jahr 326 unter einem Venustempel der römischen Kolonie Aelia Capitolina – wie Jerusalem nach der Niederschlagung des Bar-Kochba-Aufstandes im Jahr 135 durch Kaiser Hadrian genannt wurde – ausgegraben hatte. Ein Teil dieser als Kreuz Christi hoch geehrten Reliquie befand sich in Konstantinopel, der andere Teil wurde in der Grabeskirche in Jerusalem aufbewahrt und den Gläubigen gezeigt.

Dieser Jerusalemer Teil des „wahren Kreuzes“ hatte eine sehr wechselvolle Geschichte. Die persischen Sassaniden erbeuteten 614 die Reliquie, als sie Jerusalem eroberten; erst der byzantinische Kaiser Herakleios konnte die Perser 628/629 zurückschlagen und das Kreuz im Rahmen eines Friedensvertrags zusammen mit den verlorenen Gebieten wiedergewinnen. In feierlichem Triumph kehrte der siegreiche Kaiser am 14. September – dem Tag der „Kreuzerhöhung“, an dem die Kirche damals die Auffindung des Kreuzes durch Helena feierte2 – mit der wertvollen Reliquie nach Konstantinopel zurück und zog in die Hagia Sophia ein, wo sie in einem Dankgottesdienst vor dem Hochaltar aufgerichtet wurde. Herakleios persönlich brachte das Heilige Kreuz im Jahr darauf wieder nach Jerusalem.

In den folgenden Jahrhunderten erfahren wir nichts mehr über die Jerusalemer Kreuzesreliquie. Erst mit der Eroberung der Heiligen Stadt durch die Kreuzfahrer am 15....

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