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E-Book

Die sadomasochistische Perversion

AutorFranco De Masi
Verlagfrommann-holzboog Verlag e.K.
Erscheinungsjahr2009
ReiheJahrbuch der Psychoanalyse. Beihefte 23
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783772830174
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis58,00 EUR
Franco De Masi, Psychoanalytiker und Supervisor der Italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft, ist bekannt für seine Forschungen zu psychotischen Phänomenen. Sein hier vorgelegtes Buch zur Perversion gibt zahlreiche Denkanstöße und Orientierungshilfen zum besseren Verständnis der komplexen Vorgänge und des Erlebens bei perversen Beziehungsmomenten und in strukturierten sexuellen Perversionen. De Masi untersucht die Beziehung zwischen Sadomasochismus und anderen psychischen Verfassungen, z.B. Depression, Psychosen und Borderline-Störungen, und erörtert die Natur des Bösen im Licht verschiedener psychoanalytischer Ansätze.

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Leseprobe
Kapitel 10 Grenzbereiche (S. 122-123)

Borderline-Strukturen und Formen perverser Abwehr

Ich möchte im folgenden einige Gedanken ausführen, die ich bereits im Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen pervers-zwanghafter Sexualität und strukturierten Perversionen angedeutet habe. Angst und Schrecken – das Vermächtnis der kindlichen Ohnmacht – können bekanntlich als Quelle der Erregung dienen. Charakteristisch für viele Borderline- Patienten ist die merkwürdige Mischung aus Angst, Schrecken und sexueller Erregung, mit der sie das Verfolgungsgefühl und die Angst vor Vernichtung unter Kontrolle zu bringen versuchen.

Im Falle des Borderline-Syndroms – im Grenzbereich zwischen Neurose und Psychose – ist es dem Patienten niemals gelungen, die Verfolgungs- und Vernichtungsängste der frühesten Kindheit zu bewältigen; ihm fehlte die Hilfe eines Objekts, das ihm bei dieser Aufgabe hätte beistehen können. Diese Patienten versuchen oft, mit Hilfe von schreckeneinflößenden Phantasien, zusammen mit der Lektüre gewisser Bücher oder dem Anschauen von Horrorfilmen, die Verfolgungsängste unter Kontrolle zu halten oder zu überwinden oder sich von ihnen zu kurieren. Die erregende Gratwanderung zwischen bedrohlicher und gebändigter Angst bereitet Lust.

Die so erlangte Lust kann perverser Natur sein, da sie ein gewisses Maß an Erregung durch Grausamkeit einschließt, ohne daß es sich hierbei um eine Perversion im engeren Sinne handeln müßte. Der Borderline-Patient wird also potentiell immer von solchen Ängsten gepeinigt, mit denen er sich unaufhörlich auseinandersetzen muß. Eine der Möglichkeiten für den Umgang mit den Ängsten ist die Sexualisierung, die Lust hervorruft.

Eine derartige Abwehrform kann zu vorübergehenden Kompromissen führen, die die Angst zu neutralisieren vermögen, bringt aber weitere Störungen des seelischen Gleichgewichts mit sich und begünstigt damit das Auftreten psychotischer Zustände.

Typisch für die Borderline-Patienten ist ein Oszillieren der persönlichen Identität und der aggressiven oder unterwürfigen Einstellung. Dadurch sind sie offener für Veränderungen und empfänglicher für Hilfe durch die Psychoanalyse als Personen mit strukturierten Perversionen. Hier einige knappe Falldarstellungen: Ein Analysand macht eine Krise durch, in der sich die Erfahrung kindlicher Angst nach dem Tod seiner Mutter, seiner einzigen positiven Bezugsperson, wiederholt.

In dieser Phase wird der Patient von beängstigenden Bildern gequält, in denen er sich vom Vater bedroht fühlt; er phantasiert eine sexuelle Begegnung mit ihm, bei der er Lust dadurch empfindet, daß er anal penetriert wird. So hält er die Angst, er könne getötet werden, von sich fern. In einem anderen Traum kann er einen Vampir, der ihn verfolgt, um ihm das Gehirn auszusaugen, dadurch besänftigen, daß er ihm seinen Penis anbietet.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort8
1 Einleitung34
2 Ein Vorläufer41
3 Probleme der Terminologie und Definition44
4 Sadomasochismus und Depression51
5 Der feminine Masochismus oder der Fall des Wolfsmanns54
6 Der asketische Masochismus59
7 Klinische Aspekte der Perversion64
Perversion und pervers-zwanghafte Sexualität64
Eine sehr private Fallgeschichte67
Eine tragische und exemplarische Geschichte68
8 Theorien der sadomasochistischen Perversion72
Die Psychosexualität76
Das erste Paradigma Die psychosexuelle Theorie77
Aktuelle Triebtheorien85
Das zweite Paradigma Die relationalen Theorien in der Nachfolge Kohuts und Winnicotts88
Das dritte Paradigma Kleinianische und postkleinianische Theorien94
Die Trauma-Hypothese Robert Stollers97
Einige Überlegungen zum biologischen Aspekt100
9 Nach den Theorien105
Die sadomasochistische Phantasie beim Kind106
Die Rolle der Vorstellungskraft bei der Perversion108
Die sadomasochistische Monade und die Einheit der Gegensätze111
Perversion und Sexualisierung113
Die Natur der sadomasochistischen Lust119
Die Rolle der Grausamkeit beim Sadomasochismus120
10 Grenzbereiche123
Borderline-Strukturen und Formen perverser Abwehr123
Perversion und Psychose128
Kriminalität und Perversion130
11 Kindheitstrauma und Perversion135
12 Abschließende Bemerkungen zu den drei Paradigmen142
Die Perversion als Resultat der infantilen Sexualität146
Die Kontinuität zwischen normaler und perverser Sexualität148
Die Aggressivität bei der Perversion150
Neuere Theorien153
Die Perversion als Akt der Wiederherstellung des Selbst153
Die Perversion als psychopathologische Organisation158
13 Zur psychoanalytischen Therapie der Perversionen162
14 Das Böse und die Lust aus psychoanalytischer Sicht169
Das Böse169
Die Lust172
Die Destruktivität173
Das unheilbare Böse175
Regression und seelische Zerstörung177
Nachwort181
Literatur190
Namenregister200
Sachregister203

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