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Die sanfte Wandlung des Bullen

Die zehn Bullenbilder - Eine spirituelle Reise

AutorMyokyo-ni Irmgard Schlögl
VerlagWerner Kristkeitz Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl Seiten
ISBN9783932337741
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Dieser Text ist auch unter dem Titel 'Der Ochs und sein Hirte' bekannt. Die zehn Bullenbilder des chinesischen Zen-Meisters Kuo-an (Kakuan, 12. Jh.) sind bis in unsere Zeit ein häufig gebrauchtes Mittel zur Ergründung des Zen. Sie dokumentieren das Heranreifen des Schülers auf dem Weg zur Klarheit des Geistes und spiegeln in einzigartiger Weise die einzelnen Stufen des Trainings und ihre Verwobenheit mit dem Alltag. Das tiefgründige Vorwort zu dem Werk wurde verfasst von Chi-yuan, einem Mönch aus der direkten Linie Kuo-ans, und er schrieb auch die kurzen Einführungen zu jedem der Bilder. Zen-Meisterin Myokyo-ni Irmgard Schlögl erklärt uns in diesem Band sowohl den historischen Kontext der Bilder als auch ihre Bedeutung für unser Zen-Training heute. In ihren Kommentaren erläutert sie, wie die Bullenbilder die verschiedenen, einander durchdringenden Ebenen unserer Suche nach spiritueller Vervollkommnung repräsentieren und uns auch dabei helfen, häufige Fehler zu vermeiden und unseren Fortschritt auf dem WEG richtig einzuschätzen.

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Leseprobe

Die Bullenbilder


Vor der Betrachtung der Bullenbilder ist es empfehlenswert, sich mit der Landschaft vertraut zu machen, in der wir diesem Bullen begegnen. Unser Kommentar verwendet, wie traditionell üblich, immer wieder Hinweise auf den Originaltext, wobei auch Analogien und häufige Wiederholungen auftauchen, um verschiedene Aspekte und Entwicklungen in ihrer Tiefe und Feinheit zu veranschaulichen.

Die buddhistischen Lehren, besonders diejenigen des Mahāyāna-Buddhismus, gestalten die Landschaft, in welcher dieser Bulle herumstreift.

Die wirkliche Herkunft aller Buddhas ist dasselbe wie die ursprüngliche Natur, die uns allen innewohnt; sie findet sich in allem, was lebt und wieder vergeht. Demnach ist sie in den veränderlichen und somit unbeständigen Formen enthalten, welche erscheinen, für eine Weile fortbestehen und dann wieder verschwinden. Dies gilt nicht nur für Lebewesen; auch Stühle, Tische, Löffel, Blumen oder Bäume haben Buddha-Natur. Und weil das wahre Wesen von jedwedem Existierenden auch die ursprüngliche Natur aller Buddhas ist, kann unser wirklicher Ursprung nicht von dem der Buddhas verschieden sein. Aber: «durch Irrtum sind wir in die Drei Welten hineingefallen», nur «durch Erwachen springen wir befreit aus den Vier Entstehungsarten heraus».

Hiermit befinden wir uns schon inmitten der buddhistischen Landschaft. Was bedeuten diese Drei Welten eigentlich? In buddhistischen Texten begegnen wir ihnen immer wieder; es sind die Welt der Begierden, die Welt der Formen und der formlose Bereich. Alles in diesen Drei Welten Befindliche ist entstanden, verändert sich und wird früher oder später wieder vergehen. Das zeigt auch das Bild vom «Rad des Wechsels» mit seinen Sechs Bereichen und den ständigen Veränderungen. Dieses Rad des Wechsels wird auch als Rad des Werdens, oder von uns aus gesehen, als Lebensrad bezeichnet. Es ist eine Stätte des fortdauernden und immer wieder neu entstehenden Leidens. Daher streben Buddhisten nach Befreiung von dem Rad, nach Erlösung von dieser ununterbrochenen und jammervollen Daseinsrunde. Zumindest erhoffen sie sich durch «gute Lebensführung» eine Wiedergeburt in einem der drei besseren Bereiche.

Durch Verblendung sind wir also irrtümlich in diese Drei Welten hineingelangt, in denen die Existenz gelegentlich angenehm sein kann, aber doch größtenteils von Leiden geprägt ist. Obwohl unsere wahre Natur nicht an diese Drei Welten gebunden und somit auch frei von Leiden ist, sind wir durch Verblendung – durch unser «klebriges Anhaften» – in sie hineingefallen und daher den Leiden und Konflikten, dem Streit und dem Kummer und allen möglichen Problemen ausgesetzt. Wer unter uns wäre davon nicht betroffen?

Durch Erwachen entkommen wir beinahe sprunghaft den Vier Entstehungsarten. Nach buddhistischer Lehre entsprechen sie dem Mutterleib, dem Ei, der Feuchtigkeit, oder sie entstehen durch Umwandlung (auf dem Rad des Wechsels). Die buddhistische Bühne, auf der sich das ganze Drama abspielt, besteht also aus den Drei Welten und dem Rad mit seinen Sechs Bereichen. Die Aussicht auf ein endloses Kreisen auf diesem Rad mit der stetigen durch Verblendung hervorgerufenen Leidensrunde ist für einen Buddhisten kaum erträglich. Er sehnt sich daher nach Erlösung vom Rad und nach Erwachen zur wahren Natur, zu dem also, was wir wirklich sind.

Die Vier Entstehungsarten bestimmen die Art und Weise, wie alles Existierende hervorgebracht wurde. Begriffe wie Mutterleib und Ei sind eindeutig, die Vorstellung von Feuchtigkeit ist in diesem Zusammenhang schwieriger zu verstehen. Wenn man sich aber einmal während der Regenzeit in einem tropischen Land aufgehalten hat und beobachten konnte, wie innerhalb eines Tages aus einer kleinen Pfütze eine grüne Masse sich schlängelnderLebewesen wird, dann wird auch dieser Begriff klar verständlich.

 

Mit Ausnahme des formlosen Bereiches ist die Vierte Entstehungsart als Vorgang einer Umwandlung oder Transformation aufzufassen, als karmisches Kreisen auf dem Rad des Wechsels, als Werden im Samsāra, wodurch unsere Welt von Unzufriedenheit und Leiden geprägt wird. Lebewesen kreisen auf diesem Rad und tauchen endlos im Meer von Geburt und Tod auf und nieder. In den Sechs Bereichen des Rades sieht man zunächst die Himmelswesen, die eher als «begriffliche» geistige Kräfte und nicht als «Götter» zu verstehen sind; dann gibt es die Bereiche der kämpfenden Dämonen, der hungrigen Geister, der elenden oder Höllenwesen, diejenigen der Tiere und letztlich den menschlichen Bereich. Nirgendwo ist der Aufenthalt von Dauer; die Zeit des Verweilens hängt von karmischen Faktoren ab. Das bedeutet, dass wir selbst die Gestalter unseres eigenen «Schicksals» sind, weil unsere Aktionen und Reaktionen sowohl über die Dauer als auch den Bestimmungsort entscheiden. Immer wieder kreisen wir durch diese Sechs Bereiche – was auch oft als ein Wandern «von Leben zu Leben» verstanden wird. Doch das wissen wir eigentlich nicht. Sicher ist dagegen, dass wir mehrfach täglich diese Bereiche durchstreifen und daher mit unserem Umherkreisen sehr vertraut sind. Morgens beim Aufwachen geht es schon los: «Ach, wenn ich doch nicht aufstehen müsste»; damit befinden wir uns bereits in dem unglücklichen Bereich der elenden Wesen. Beim Frühstück ist mein Ei nicht so gekocht, wie ich es mir vorstellte, so kommt es zum Streit mit meiner Frau – jetzt bin ich bei den kämpfenden Dämonen angelangt. Dann verpasse ich den Bus: «Ach, wäre nur der öffentliche Verkehrsbetrieb besser organisiert, wenn ich nur ein Auto hätte, wenn es nur Parkgelegenheiten beim Büro gäbe, wenn nur…», und an dieser Stelle befinde ich mich bei den hungrigen Geistern. Nur sporadisch erreichen wir im Tagesablauf für kurze Zeit den menschlichen Bereich. Für uns ist er ein seltener Aufenthaltsort, obwohl wir alle menschliche Körper besitzen.

Nach buddhistischer Lehre ist Befreiung von dem Rad nur aus dem menschlichen Bereich heraus möglich. Diese ewig kreisende Daseinsrunde wird durch die Drei Feuer in Bewegung gehalten. Diese Drei Feuer sind erstens Begierde, Verlangen, unaufhörliches und ungestümes Habenwollen; zweitens Jähzorn und drittens Verblendung. Wenn man bedenkt, wie viele Milliarden von Lebewesen es gibt, dann wird ersichtlich, wie außergewöhnlich selten es rein zufällig dazu kommt, in einem menschlichen Körper geboren zu werden. Hierfür gibt es eine traditionelle Analogie, welche dieses Ereignis veranschaulicht: Auf dem Weltmeer treibt ein Brett umher, welches in seiner Mitte ein Loch aufweist. Im Meer lebt auch eine blinde Schildkröte, die einmal in hundert Jahren zum Atemholen an die Oberfläche auftauchen muss. Die Wahrscheinlichkeit, beim Hochkommen mit ihrem Kopf durch das Loch in diesem Brett zu stoßen, ist äußerst gering. Vergleichbar gering ist auch der Glücksfall, in einem menschlichen Körper geboren zu werden.

Selbst wenn wir in dieser glücklichen Lage sind, bedeutet das noch lange nicht, dass wir auch Bewohner des Bereiches der Menschen sind, denn wir durchwandern täglich alle Bereiche auf dem Rad und sind folglich nur für kurze Zeitabschnitte wahrhaft menschlich. Erlösung ist aber nur aus dem menschlichen Bereich heraus möglich. Daher müssen wir uns darum bemühen, Menschen zu werden, ständige Bewohner des menschlichen Bereichs und nicht nur vorübergehende Besucher oder heimatlose Vagabunde.

Ein traditionelles Zen-Training zielt deshalb darauf ab, uns wahrhaft menschlich zu machen, sodass wir stets aus dieser Menschlichkeit heraus handeln, fühlen, sprechen und denken können und dass wir auch wirklich unter allen Umständen, seien sie nun gut, schlecht oder indifferent, wahrhaft menschlich fühlen, sprechen und denken. Es ist leicht und natürlich, volle Menschlichkeit in den seltenen Augenblicken zu zeigen, wenn alles nach «meinen» Wünschen geht; das bringt unsere besten Seiten zum Vorschein: Dann sind wir freundlich, versöhnlich, hilfsbereit, fürsorglich und glücklich. Aber wenn irgendjemand aus Versehen auf meinen Fuß tritt? Dann kommt es zu einem elementaren Ausbruch in diesem guten, liebenswürdigen Wesen – nicht nur durch den Schmerz allein!

Ein entsprechendes Training ist aufgrund dieser Reaktionsweise anzuraten. Was sich in mir in dem Augenblick zusammenbraut, wenn mir etwas in die Quere kommt oder meine Pläne durchkreuzt, und wessen ich mir normalerweise gar nicht einmal bewusst bin, wird in unserer Analogie als Bulle bezeichnet. Es ist der wilde Aspekt unseres menschlichen Herzens, das allen Menschen gemeinsam ist.

Es wäre grundfalsch, diesen Bullen als Feind zu betrachten. Zuerst wollen wir ihn loswerden, was aber zum Glück nicht möglich ist, denn der Bulle verkörpert jene ungeheure Lebensenergie, welche nicht «mir» gehört, sondern die wahre Natur und der Ursprung von allen Buddhas und von allem Existierenden ist. In ihrer Intensität übertrifft sie bei weitem die Kraft, welche ich durch einen bewussten Willensakt aufbringen könnte. Meistens bin ich mir dieser Energie nicht bewusst – oder ich habe nur Angst vor ihr.

In der Nördlichen Tradition des Buddhismus heißt es: «Die Leidenschaften sind Buddha-Natur», und umgekehrt. Diese Aussage bezieht sich direkt auf die Energie, welche als «meine» Reaktionen auflodert, aber ohne «Ich» wieder zu dem zurückkehren kann, was sie immer war. Hierüber wird später noch ausführlicher zu reden sein.

Die eben gemachte Aussage, dass die Leidenschaften die Buddha-Natur sind, darf niemals dahingehend missverstanden werden, dass ich mich jetzt nach eigenem Gutdünken ausleben könnte, um dieser «meiner» Buddha-Natur Ausdruck zu verleihen. Solange ich sie als mein Eigentum betrachte, solange «ich» noch da bin, wird der Bulle mich immer wieder davontragen.

Wer unter uns hat noch nie diese aufbrausende...

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