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Die Schwarzenberg-Legende

Geschichte und Mythos im Niemandsland

AutorLenore Lobeck
VerlagEvangelische Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr2018
ReiheSchriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 3
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783374054961
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,49 EUR
Schwarzenberg im Westerzgebirge erlangte vor allem durch die Legende von der »Freien Republik Schwarzenberg« Bekanntheit. Nach dem Kriegsende 1945 blieb der Landkreis unbesetzt. Erst Wochen später rückte die Rote Armee ein. Die Frage, was in dieser Zeit im scheinbaren Niemandsland wirklich geschah, bot Anlass vielfältiger Spekulationen. Mythen entstanden. Lenore Lobeck recherchierte in Archiven, sondierte Akten. Anhand von Dokumenten zeigte sie erstmals 2004 die Diskrepanz zwischen dem Mythos von der Enklave der Freiheit und der vor Ort erlebten repressiven Wirklichkeit. Die Autorin hat ihre Recherchen ausgeweitet und die Arbeit der Gemeinden im gesamten Landkreis, den Umgang mit Flüchtlingen und Verhaftungen in jener Zeit untersucht. Ein neues Kapitel bündelt diese Forschungsergebnisse. Auch neu sind die Passagen eines hinzugezogenen Experten, der die Spekulationen, warum der Kreis unbesetzt blieb, kenntnisreich entzaubert. Ein spannendes Buch, das mehr als nur Regionalgeschichte behandelt.

Lenore Lobeck, Jahrgang 1952, lebt als autodidaktische Fotografin in Schwarzenberg. In den achtziger Jahren arbeitete sie unter anderem zum Zerfall historischer Altstädte und zum Waldsterben in der DDR. Seit 2001 forscht sie über die politischen Vorgänge der Nachkriegszeit und veröffentlichte mehrere fotographische und geschichtliche Publikationen, u.a. »Die Schwarzenberg-Utopie« (2004). Seit 2015 ist sie auch ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig. Sie ist Mutter von vier Kindern.

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Leseprobe

4. Ein Mythos und seine Lesarten – Vier Versionen der Schwarzenberg-Legende


4.1. Die SED-Version

Das in der DDR gezeichnete Bild von der Machtübernahme der Kommunisten in Schwarzenberg im Mai 1945 benennt diesen Vorgang, der ihr eigenen Geschichtsklitterung entsprechend, als uneigennützig, gerecht und demokratisch. Neben der Vermittlung dieses Bildes auf lokaler Ebene, erschien 1964 in der Wochenpost ein als Tatsachenbericht gekennzeichneter Text von Johannes Arnold.10 Der Historische Führer für die Bezirke Leipzig und Karl-Marx-Stadt11 enthielt eine Information über die Ereignisse im besatzungslosen Schwarzenberg und der Atlas zur Geschichte12 kennzeichnete das Territorium um Schwarzenberg und Aue bis Mitte Juni 1945 als besatzungsfrei.

Werner Groß fixierte in seiner 1961 veröffentlichten Diplomarbeit Die ersten Schritte13 erste Untersuchungen über die Vorgänge im Schwarzenberger Gebiet. Er wollte mit seiner Arbeit die »von westlichen Historikern und Politikern […] strapazierte Behauptung vom ›russischen Export der Revolution‹«14 widerlegen. Gleichzeitig dokumentierte er die Verbundenheit der Schwarzenberger Kommunisten mit der Roten Armee und erklärte, dass diese als »Befreier und Freund gekommen war und daß die Freundschaft zur Sowjetunion ein unabdingbarer Bestandteil einer neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung sein mußte.«15 Er stellte die Schwarzenberger Vorgänge in größere politische Zusammenhänge unter Betonung des selbstständigen, uneigennützigen Handelns als eine »Anwendung der Lehren Lenins von der Revolution unter den damals in Deutschland herrschenden Bedingungen.« »Die Aktivisten der ersten Stunde hatten in der Stadt auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens Einfluß genommen […] die nazistischen Bürgermeister und leitende Beamte der örtlichen Verwaltungen und der Polizei verjagt, das korrupte Beamtenwesen beseitigt und die führenden Vertreter des Naziregimes sofort verhaftet […] An die Stelle des zerschlagenen faschistischen Verwaltungsapparates waren wirkungsvolle antifaschistische Machtorgane in Gestalt der örtlichen Selbstverwaltungen und einer aus bewußten Arbeitern gebildeten Polizei getreten.« 16 Vor dem Hintergrund der von den Kommunisten als Makel empfundenen Tatsache, die faschistische Diktatur nicht aus eigener Kraft besiegt zu haben, wurde die Möglichkeit einer eigenständigen sozialistischen Revolution in die Region um Schwarzenberg projiziert. Außerdem legte Werner Groß Wert auf die Darstellung der Aktionseinheit der Arbeiterklasse, die Einbindung bürgerlicher Kräfte und auf die aus Erfahrungen heraus als notwendig erkannte Zusammenarbeit mit der SPD. Stets ist jedoch die KPD als die bestimmende Kraft erkennbar.

Die für seine Diplomarbeit 1957 begonnenen Forschungen gründete er auf Dokumente und Akten, auf Befragungen und Aussagen von Personen, die 1945 an der Machtübernahme beteiligt waren und auf Aussprachen mit Arbeitern der großen Betriebe Schwarzenbergs.17 Die im Anhang seines Buches veröffentlichten Dokumente sind, soweit nachprüfbar, exakt wiedergegeben. Problematischer sieht es mit den Zeitzeugenaussagen aus. Die von Groß erwähnte Korrektur der Aussagen durch die Methode der Gruppenbefragung wird dadurch relativiert, dass der Kreis der Befragten tendenziös auf die 1945 an der Machtübernahme beteiligten Kommunisten beschränkt blieb. Beim öffentlichen Erinnern in einer Diktatur lässt das Wissen um die gewünschten Aussagen, vorurteilsloser Betrachtung, auch von selbst Erlebtem, wenig Raum. Das kann die Aussage verfälschen.

Aus den Dokumenten und Befragungsergebnissen entwickelte Werner Groß den Ablauf der Ereignisse. Er beschrieb das Zusammentreffen der Kommunisten am 11. Mai 1945, die Konstituierung des Aktionsausschusses und dessen Bewaffnung, die Okkupation des Rathauses und die Absetzung des Bürgermeisters Rietzsch, unter dem Vorwand, dieser habe eine Bürgerwehr gebildet, um die faschistische Ordnung aufrecht zu erhalten. Groß schilderte die Aktivitäten des Aktionsausschusses, die Bildung einer antifaschistischen Polizei, die Aushebung geheimer Lebensmittellager, den bewaffneten Kampf gegen in den Wäldern versprengte Wehrmachts- und SS-Truppenteile sowie Werwolfbanden, die Verhaftung führender Nazis, die Befreiung der Zwangsarbeiter, die Rückführung der Flüchtlinge und Evakuierten, die Übernahme von Post, Bahn und Betrieben, die Gründung der Antifa-Bewegung und vor allem die bei der Lebensmittelbeschaffung zu bewältigenden Schwierigkeiten. Die Darstellung der Beziehung zu den entfernt stationierten amerikanischen und sowjetischen Besatzungsmächten folgte der in der DDR üblichen Sichtweise. Groß deklarierte die Briefe des Landrates Hänichen und des Beierfelder Pfarrers Beyer an die amerikanische Kommandantur mit der Bitte um Besetzung des Landkreises als verräterisch und reaktionären Plänen folgend. Die Verbindung des Aktionsausschusses zur sowjetischen Kommandantur beschrieb er uneingeschränkt freundschaftlich und das Einrichten der sowjetischen Kommandantur in Ort und Kreis sah er als die endlich erfolgte Unterstützung und Entlastung für den Aktionsausschuss an.

Die Kreisleitungen der SED in Schwarzenberg und Aue, und der Kulturbund der DDR, Ortsgruppe Aue, gaben eine Reihe von Schriften zur Heimatgeschichte heraus.18 Die Verfasser dieser Texte übernahmen die von Werner Groß geschilderten Ereignisse des Mai 1945. Sie bekräftigten, dass die Kommunisten auf die Nachkriegssituation nicht unvorbereitet waren und betteten das Handeln der Aktionsausschüsse in die Richtlinien des ZK der KPD vom 11. Juni 1945 ein. Wissenschaftlichen Ansprüchen genügen die Schriften nicht. Soweit schriftliche Quellen überhaupt angegeben wurden, lassen sich diese meist nicht zuordnen. Der Hauptteil der Informationen stammt von denselben Zeitzeugen, die Werner Groß befragt hatte.

Eine Selektierung erfolgte neben der Quellenfilterung auch durch Auswahl der Herausgeber und Autoren. Alle Verfasser der genannten Schriften waren Mitglieder der SED, die Zugang zu den entsprechenden Akten erhielten. Herausgeber war die Partei selbst.

Johannes Arnold behandelte in seinem bereits erwähnten »Tatsachenbericht« vordergründig die Absetzung des Bürgermeisters, nannte jedoch keine Quellen. Der Bericht sowie der daraus entwickelte Roman Arnolds folgen den genannten Darstellungsmustern, die von der Heroisierung der Arbeiterklasse bis zur Verunglimpfung des Bürgertums und der Kirche reichen.

Helfried Wehner widmete dem unbesetzten Gebiet um Schwarzenberg und Stollberg ein Kapitel in seiner Habilitationsschrift von 1970.19 Er stützte seine Aussagen zu Schwarzenberg fast ausschließlich auf Werner Groß. Besonderen Wert legte er auf die Feststellung, dass die Aktionsausschüsse, ihre Mission kennend, bereits im Mai selbstständig nach den Direktiven des Aufrufes des ZK der KPD vom 11. Juni 1945 handelten.20 Wehner beschreibt die Absetzung des bisherigen Bürgermeisters Rietzsch durch die »entschlossene Haltung der Arbeiterwehr.«21 Das Belassen des Landrates Hänichen im Amt erklärte er als Fehler, da »er doch die von der faschistischen Partei betriebene volksfeindliche Politik« durchführte, obwohl er »formal nicht Mitglied der NSDAP gewesen war.«22

4.2. Die Heym-Version

Stefan Heym war als bekennender Kommunist mit der Politik der SED nicht immer einverstanden. 1984 erschien von dem in Ost-Berlin lebenden Schriftsteller in der Bundesrepublik der Roman Schwarzenberg.23 Darin projizierte er seine Utopie vom alternativen Sozialismus in das kleine, nach dem Krieg besatzungslos gebliebene Schwarzenberger Gebiet.

Im Kern seiner Handlung folgt der Roman den von Groß beschriebenen Begebenheiten sowie dem Roman von Johannes Arnold. Weitere Details erhielt Stefan Heym von Paul Korb, der 1945 die Leitung der städtischen Polizei übernommen hatte und deshalb offenbar als maßgebend sachverständiger Zeitzeuge angesehen wurde.

Divergent ist der Roman insofern, als Heym darin einen Konflikt konstruierte zwischen dem Utopisten, der die Hoffnung auf eine eigenständige, von jeglicher Besatzungsmacht unabhängigen sozialistischen »Republik Schwarzenberg« mit eigener Verfassung als reale Möglichkeit für den Landkreis gegeben sieht und dem auf den Kurs der Sowjetunion eingeschworenen, aus russischer Emigration heimgekehrten Stalinisten. Der Landkreis wird schließlich auch in Stefan Heyms Roman vom sowjetischen Militär besetzt und der Utopist verhaftet. Im Gegensatz zur SED-Legende brachte Heym der sowjetischen Besatzungsmacht jedoch nicht die uneingeschränkte Anerkennung entgegen. Er ließ Kritik an stalinistischen Verfolgungen sowie Verhaftungen anklingen und erwähnte ein mögliches Vorgehen gegen repatriierte Zwangsarbeiter seitens der Sowjetunion. Die als basisdemokratisch beschriebene Machtübernahme wurde vom real existierenden Sozialismus abgekoppelt und die Verwirklichung eines alternativen Sozialismus für möglich erklärt.

In der Darstellung des selbstlosen, selbstständigen, aufopferungsvollen und weitsichtigen Handelns der Kommunisten für eine gute Sache folgt der Roman dem DDR-Geschichtsbild. In sehr schlichter Weise bediente Heym noch 1985 die einfachsten kommunistischen Klischees vom beleibten, ausbeutenden Bürgertum in rosaseidener Unterwäsche und Negligees und vom armen selbstlosen Arbeiter, der, die historische Mission erkennend, ein Amt...

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