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E-Book

Die Seele deines Kindes

AutorHeinrich Lhotzky
VerlagBookRix
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl151 Seiten
ISBN9783730985731
Altersgruppe12 – 
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,99 EUR
Das folgende Buch hätte ich ohne Aufforderung des Herrn Verlegers nicht geschrieben. Denn ich habe mehr Jugend unter meinem Schutze aufwachsen sehen, als dass ich Lust hätte über Jugenderziehung zu schreiben. Nicht der Jugenderziehung, sondern dem Jugendschutze soll die Schrift gewidmet sein. Nie habe ich mir Mühe gegeben, die Jugend zu erziehen. Im Gegenteil kann ich kein junges Menschenkind mitleidlos ansehen: Ich fürchte, man könnte es erziehen. Nicht an Erzieher, sondern an solche, die Willens und fähig sind, sich erziehen zu lassen, sich selbst zu erziehen, wendet sich daher das Buch. Also nur an einen Teil der Eltern. An den kleineren Teil. Aber ich wäre glücklich, wenn das Schriftchen solchen in die Hände fiele, die einmal Eltern werden wollen. (Heinrich Lhotzky; 1859 - 1930) In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

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Leseprobe

2. Kinder und Eltern


»Eltern, die nichts von ihren Kindern lernen, können ihre Kinder nicht lehren.« (Baer)

 

Wer sind deine Kinder

Wenn ich nur das eine Einzige wüsste, wer meine Kinder sind. Ich kenne sie nicht. Das heißt, ich kenne sie in manchen Stücken ganz genau. Ich weiß ihre Art und Unart, viele starke und viele schwache Seiten an ihnen sind mir deutlich. Ich kann sie auch annähernd richtig für diese Welt beurteilen. Vieles wird ihre Entwicklung noch deutlich machen. Aber etwas ist da, das kenne ich nicht. Ein unenthüllbares Geheimnis.

Das dreht sich um die Fragen: Was sind wir für sie? In welchem Verhältnis steht das Kind zu Vater und Mutter? Sind wir ihre Schöpfer, die ihnen ein Werde! gebieten, wenn wir ihnen, oft ohne Wissen und Willen, den Eintritt in dieses Dasein ermöglichen; sind diese wunderbaren Wesen also unsere Zufallsschöpfung – wer sind dann wir? Oder sind's unsere Kinder, die sich an uns, durch uns auf diesen Wandelstern hereindrängen, und waren sie vorher schon, was wir sind – freie, selbstständige Geister? Steht niemand still vor diesen Fragen, die uns kommen müssen, wenn wir ihr zartes, wundervolles Wesen sich entwickeln sehen?

Nun, niemand wird diese Fragen lösen. Also kann niemand in vollem Umfange sagen, wer unsere Kinder eigentlich sind. Ein undurchdringliches Geheimnis hüllt die Wörter Vater, Mutter, Sohn, Tochter ein. Aber gewusst und bedacht soll es werden, dass hier tiefe, ernste Fragen verborgen liegen.

Aber was wissen wir wirklich? Eines wissen wir ganz genau, dass unsere Kinder ebenso freie, bewusste Wesen sind wie wir selbst. Sie sind nur zeitlich ein Weniges nach uns in diese Welt eingetreten, eine so geringe Zeitspanne, die kaum in Frage kommt, nämlich zwei bis drei Jahrzehnte.

Dieser kurze Zeitraum ermöglicht uns gerade, ihnen behilflich zu sein, sich hier einzurichten, um dann ihr Sonderleben in eigener, freier Selbstständigkeit zu führen.

Sie sind also nicht »unsere« Kinder im Sinne eines Eigentums. Sie gehören uns nicht an, sondern zunächst sich selbst.

Die Rechte, die wir an unsere Kinder haben, sind zugleich unsere Pflichten, ihnen in möglichster Selbstlosigkeit zu ihrem Eigenleben zu verhelfen. Indem wir ihnen das Leben ermöglichten, verpflichteten wir uns stillschweigend, es ihnen zu erhalten und tunlichst zu erleichtern.

Das schönste Ziel aller Kinderpflege ist demnach, sie so zu halten, dass sie unsere Freunde und Kameraden werden können. Wollen sie's einmal aus irgendeinem Grunde nicht sein, so haben wir uns auch zu bescheiden; denn Liebe ist ein ganz freies Geschenk, wenn sie echt sein soll. Es muss gänzlich dem anderen überlassen bleiben, ob er sich an uns anschließen will oder nicht. Aber wir müssen für ihn bereit sein.

Im Allgemeinen werden Kinder die Unseren sein wollen, denn sie sind ja durch unsere Pforte ins Leben getreten und haben sich mit grenzenlosem Vertrauen unserem Schoße anvertraut, in einem Vertrauen, das sogar sogenannte schlechte Menschen überwältigt, und Vater- und Mutterliebe bei ihnen auslöst.

Ich glaube in der Beobachtung nicht zu fehlen, wenn ich sage: Kinder lieben und vertrauen uns so lange, bis wir es ihnen unmöglich machen, ihre Anhänglichkeit zu bewahren.

Hast du also Kinder, so lass dir nie das Ziel aus den Augen kommen, dir wirklich gute Freunde an ihnen zu erwerben. Der köstliche Lohn vergilt reichlich alle Entsagung, die Kinderpflege dir auferlegt hat. Der Grund dazu kann aber nur in den Jahren gelegt werden, wo sie noch unbewusst und unbefangen sind, wo sie Kinder sind. Wer erst anfangen will, um ihre Freundschaft zu werben, wenn ihnen die Überlegung kommt, hat sich hoffnungslos verspätet.

Es sind ganz wenige Jahre, in denen wir scheinbar mit ihnen frei schalten können. Sehr bald werden sie unsere Beurteiler sein und werden uns ganz genau kennen lernen und ein sehr gerechtes, aber sehr strenges Urteil über uns fällen.

Es tut mir immer unendlich weh, wenn Kinder entschuldigend über ihre Eltern reden müssen, und man ihnen anmerkt, wie viel Unvollkommenheit sie liebend verdecken; wenn wir sie zum Mitleiden zwingen, wo sie gern freudiger Dankbarkeit bewusst würden.

Der ganze Jammer der Menschheit liegt beschlossen unter der Überschrift Kinder und Eltern. Der ganze Jammer oder die größte Herrlichkeit. Nahe beisammen liegen die Gegensätze.

 

Wir wissen noch ein Zweites ganz genau. Bekanntlich steht alles, was auf diesem Wandelstern, und wahrscheinlich auch im Weltall überhaupt, geschieht, unter dem Gesetz der Entwicklung. Das Gesetz selbst umschließt ein tiefes Geheimnis, aber seine Wirkungen beginnen uns deutlich zu werden.

Eltern und Kinder stehen also auch unter diesem Gesetze, und zwar so, dass die Kinder im Vorzug sind, im Fortschritt nämlich.

Es ist ein winziger Vorsprung, den sie vor uns haben, ein Vorsprung von wenigen Jahrzehnten, während die Entwicklung selbst nur mit Jahrtausenden und mehr rechnet. Aber doch ein Vorwärts.

Die Kunst der Eltern muss sein, sich den Fortschritt deutlich zu machen und ihm zu dienen.

Hier liegt ein bedeutsamer Ausgleich. Die Kinder haben den Vorsprung in der Entwicklung, die Eltern in der Reife und Erfahrung. Damit ist ein köstliches Nebeneinander geschaffen, das ein Abhängigkeitsverhältnis ziemlich ausschließt.

Offenkundig ist, dass sie uns zur Pflege gegeben sind. Sie gehen hervor aus dem Schoße des Alten, um ein Neues zu werden, das gliedlich das Alte fortführt. Das Neue ist dem Alten anvertraut, aber auch das Alte dem Neuen.

Folglich müssen beide zueinander aufblicken. Niemals darfst du hinabblicken, wenn du auf deine Kinder schaust. Hörst du, niemals! Sie sind dein eigenes Vorwärts, auch dann schon, wenn sie's noch nicht verstehen und sich ungeschickt dabei benehmen.

Auch die Kinder dürfen nie herabblicken auf die Alten. Erschwere ihnen dieses Gebot nicht unnötig, denn das Alte prägte ihnen den Stempel auf, den sie nie verlieren werden. Kinder tragen unzweifelhaft unsere Art. Ihr Lebenszweck ist jedenfalls, über unsere Unart ein Schrittchen hinauszukommen.

Das Ziel ist folglich, zwischen Altem und Neuem Einklang zu schaffen. Es muss sich ergänzen wie Suchen und Finden. Also muss die Erziehung Strenge mit Milde paaren, Altes und Fortschrittliches.

Die Strenge gibt die Festigkeit, das Rückgrat. Sie muss ihren Willen stärken, dass sie streng werden gegen sich selbst. Die Milde muss ihre Freiheit achten, die zum Fortschritt befähigt.

Einklang zwischen Eltern und Kindern ist die Forderung, die deutlich wird, wenn wir nachdenken, was Kinder sind.

Es ist bemerkenswert, dass die menschliche Entwicklung anders läuft, bisher wenigstens gelaufen ist. Der Jammer der Menschheit prägte sich in der Regel darin aus, dass die Kinder regelmäßig anders wollten als die Eltern. Die Sittengeschichte lehrt unzweideutig, dass jedes folgende Geschlecht das Gegenteil wollte und erstrebte vom vorhergehenden. Als seien zwei Geschlechter die Betätigungsgebiete zweier paariger Urkräfte, des Ja und des Nein.

Offenbar war die Spanne Zeit zwischen Eltern und Kindern zu kurz, um der Entwicklung inne zu werden. Dagegen lag es den Kindern meistens näher, sich an das Großelterngeschlecht anzuschließen. Die Jungen verlachten immer die Alten, aber ihre Kinder sagten: Lachet ja nicht, sie meinten etwas ganz Rechtes und setzten sich damit wieder in Gegensatz zu ihren eigenen Eltern. Paarige Kräfte der Entwicklung, die immer in einem Geschlecht ums andre ihr Wesen trieben.

Darum ist's die Hoffnung der Menschheit, die irgendwo einmal in das Wort zusammengefasst ist: Die Herzen der Kinder müssen zu den Vätern bekehrt werden, und die Väter zu den Kindern.

So kommen die waltenden Entwicklungskräfte zum Einklang, und dann wird's erst schön, dann haben die Kinder gefunden, was die Alten suchten.

Stellst du dich recht zur Seele deines Kindes, so stelle dich heute schon so, dass du dem Werden des Einklangs nicht hinderlich bist. Wer unsere Kinder sind, weißt du nicht. Aber erlebe sie und hilf ihnen zu ihrem Lebensrechte. Dann wird dir manches deutlich werden, was sich in Worte nicht fassen lässt.

 

Die Naturgeschichte der Erziehung

Kinder sind ebensolche Geister wie wir selbst. Eher mehr als weniger. Sie werden's nicht im Laufe ihrer Entwicklung, sondern sind's bereits. Was wir Entwicklung nennen, ist hauptsächlich seelische und körperliche Eingewöhnung in unsere Verhältnisse.

Wir haben das im Wesentlichen hinter uns. In den Entwicklungsstufen, in die wir als Eltern aufgerückt sind, geht alles sehr langsam vorwärts, bei vielen anscheinend gar nicht.

Die Kinder haben vor sich, was wir hinter uns haben. Sie müssen die Kräfte und Erfahrungen sammeln, ihr eigenes Leben zu leben. Wir haben bereits in der Hauptsache, was man hier erlangen kann.

Daraus folgt, dass die Kinder von der Natur so gebildet sind, vorwiegend an sich zu denken. Man darf also gar nichts anderes von ihnen erwarten als ungeschminkten Eigennutz.

Je mehr sie in einem bestimmten Entwicklungskreise erreichen müssen, umso entschiedener wird ihre Selbstsucht sein. Die Natur verlangt es geradezu so.

Je kleiner das Kind, um so erbarmungsloser ist seine Selbstsucht. Lange ehe ihm der Begriff Ich in Gedanken und Sprache...

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