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Die Sinn-Diät

Warum wir schon alles haben, was wir brauchen - - Philosophische Rezepte für ein erfülltes Leben

AutorRebekka Reinhard
VerlagLudwig
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783641033224
FormatePUB/PDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
»Werde, der du bist.« Friedrich Nietzsche
Das perfekte Leben - mit weniger geben wir uns nicht zufrieden. Schließlich haben wir alle Optionen, ob es um den Partner, den Job oder die richtige Weltanschauung geht. Doch was, wenn wir bei der unermüdlichen Suche nach dem Optimalen das Leben selbst einfach verpassen? Ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den Un-Sinn des Perfektionismus - weil wir schon alles haben, was wir brauchen.
Die Suche nach Perfektion hat nach wie vor Hochkonjunktur. Wir suchen nach dem perfekten Körper, dem perfekten Partner, dem perfekten Frühförderungsprogramm für unsere Kinder, der perfekten Work-Life-Balance, dem perfekten DSL-Paket. Perfekt heißt dabei: effizient, effektiv, produktiv, schnell zu kriegen, teuer anzusehen, günstig zu haben - und mit dem größtmöglichen Lustgewinn ausgestattet. Ewig unzufrieden, warten wir verzweifelt darauf, dass das perfekte Leben endlich beginnt. Dabei haben wir schon alles, was wir für ein erfülltes Leben brauchen. Wir haben es nur vergessen. Wir brauchen nicht mehr Sinn, wir brauchen weniger Un-Sinn. Deshalb empfiehlt uns Rebekka Reinhard eine Sinn-Diät. Gegen die fruchtlose Jagd nach dem Optimum verschreibt sie eine Auseinandersetzung mit Gut und Böse, Zeit und Endlichkeit, Liebe und Tod. Die Rezepte sind in der Philosophie zu finden. Verständlich und unterhaltsam zeigt Rebekka Reinhard, wie uns die Botschaften von Denkern wie Epikur, Kierkegaard, Schopenhauer oder Fromm helfen können, Leben und Alltag vom Un-Sinn zu befreien und frei zu werden für Glück und Sinn. Sie vermittelt auf nachdenkliche und witzige Art Einsichten über das »Wozu« unserer beruflichen und privaten Anstrengungen - und gibt praktische Ratschläge.
Praxisnah, mit Selbst-Test und vielen Fallbeispielen.


Dr. Rebekka Reinhard promovierte über amerikanische und französische Gegenwartsphilosophie. Ihr Portfolio 'philosophy works!' umfasst Vorträge und Beratungen. Rebekka Reinhard ist als Redakteurin der Philosophie-Zeitschrift Hohe Luft wie auch als Keynote Speaker für Unternehmen tätig. Nach dem Spiegel-Bestseller Die Sinn-Diät, erschienen 2009 im Ludwig-Verlag, folgten 2010 Odysseus oder die Kunst des Irrens, 2011 Würde Platon Prada tragen? und 2013 Schön!.

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Leseprobe
1
Perfektionismus bei der Generation Option
Ich kann immer wählen, aber ich muss mir bewusst sein, dass ich, wenn ich nicht wähle, trotzdem wähle.
JEAN-PAUL SARTRE
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
»Werde, der du bist!«, fordert Friedrich Nietzsche. Sollten wir uns angesprochen fühlen? Wir, die wir uns mit tausend Dingen gleichzeitig beschäftigen müssen? Wir sind ja schon, was wir sind. Ziemlich perfekt. Fast ganz perfekt. »Werde noch perfekter, als du bist!« Ist es das, was Nietzsche meint?
Wir sind im besten Alter, weder zu jung noch zu alt. Wir stehen mitten im Leben. Wir wissen, welche Tasten wir drücken müssen, um gleichzeitig telefonieren, Musik hören und eine Grafik erstellen zu können. Wir klicken, tippen und scrollen, bis alles perfekt ist. Perfektion ist für uns kein Ideal – es ist ein Kampf. Wir sagen: »Ich muss nicht alles haben.« Schließlich gehören wir zu den Privilegierten – zur Generation Option: In unserer Position, mit unserem Status und unserem Einkommen können wir wählen, was wir zu wollen haben und was nicht. Denken wir. Und suchen immer nur das Optimale: den perfekten Körper, den perfekten Partner, das perfekte Frühförderungsprogramm, die perfekte Work-Life-Balance, das perfekte DSL-Paket. Perfekt heißt für uns keineswegs: absolut vollkommen. Wir sind schließlich realistisch (nur Idealisten streben nach absoluter Vollkommenheit). Unter perfekt verstehen wir: effizient, effektiv, produktiv, schnell zu kriegen, teuer anzusehen, günstig zu haben – und mit größtmöglichem Lustgewinn ausgestattet. Unser Generalziel ist klar: das perfekte Leben. Solange wir das nicht erreicht haben, müssen wir uns mit einem Zustand der Vorläufigkeit zufriedengeben. Deshalb bemühen wir uns, alles noch perfekter zu machen. Wir stemmen Gewichte, gehen mit dem Laptop ins Bett, meditieren, beschränken uns auf Bio-Produkte, vergleichen unaufhörlich die Preise.
Irgendwann glauben wir, das Perfekte irgendwie verfehlt zu haben. Tief in unserem Inneren fühlen wir uns ein klein wenig schuldig. Könnte es sein, dass es Optionen gab, die wir übersehen haben? Wir fangen an zu warten. Wir warten, dass sich uns eine nie da gewesene – die optimale – Option eröffnet. Dass irgendetwas Großartiges passiert. Einfach so. Nebenbei. Als Lohn für unsere Anstrengungen im Kampf um die Perfektion. Wir warten darauf, endlich zu verstehen, warum wir uns so anstrengen.
 
Es ist ganz natürlich, dass wir irgendwann an diesen Punkt kommen. Machen wir uns klar, in welcher Welt wir leben. Diese Welt ist bis zur Unübersichtlichkeit komplex – hyperkomplex. Realitäten (Managergehälter, Arbeitslosigkeit, Inflation, Eisbären, Migranten, Kriege, demografischer Wandel, Gesundheitssystem, Finanzkrise) konkurrieren mit Virtualitäten (Internet, MySpace, PlayStation, TV, Lara Croft, Ego-Shooter). Alles hat seine eigene Wahrheit. Alles hat seine Vor- und Nachteile. Vor diesem Hintergrund sind die Optionen, wie wir unser Leben gestalten können, potenziell unendlich. Wir können faul, fleißig oder sehr fleißig sein. Wir können Gucci oder ZARA lieben. Mit einer guten Ausbildung können wir Key Account Manager werden oder Hartz-IV-Empfänger. Wir können heiraten, Kinder kriegen oder Karriere machen. Oder wir können erst Key Account Manager werden, heiraten, Kinder kriegen und dann Hartz-IV-Empfänger werden. Dazwischen liegen jeweils zahlreiche Optionen, die wir ergreifen können oder nicht. Eine Option reiht sich an die andere. Hinter jeder Option lauert eine nächste. Wenn ein Bekannter, den wir nicht besonders mögen und der uns beruflich oder privat nicht weiterbringt, zu einer Party lädt, fragen wir uns vielleicht: »Soll ich jetzt zusagen, absagen oder einfach nicht reagieren?« Wenn wir vermuten, auf dieser Party Leute zu treffen, mit denen wir ebenfalls nicht besonders warm werden und die uns auf unserem Weg zum perfekten Leben ebenso wenig nützen wie jener Bekannter, werden wir wahrscheinlich nicht zusagen. Wir werden absagen. Noch wahrscheinlicher ist es, dass wir überhaupt nicht reagieren. Wozu auch? Was sollte uns das bringen?
 
Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813-1855) schrieb mit großer Ehrlichkeit von der Gabe des modernen Menschen, aus einem vielversprechenden Leben ein sinnloses Leben zu machen. Er sagt: Solange man ein Kind ist, kann man allein in einem dunklen Zimmer ohne Weiteres viel Spaß haben. Einfach deshalb, weil man als Kind alles neu und fantastisch findet. Als Erwachsener dagegen ist man vom Weihnachtsbaum schon gelangweilt, bevor man ihn zu sehen bekommt.
Mit anderen Worten: Je älter wir werden, desto mehr verlieren wir die Fähigkeit zu staunen. Wir glauben, die Menschen, Dinge und Sachverhalte zu kennen, und nehmen sie deshalb für selbstverständlich – selbstverständlich gut, selbstverständlich schlecht. Aber je selbstverständlicher uns alles wird, desto unzufriedener werden wir. Und je unzufriedener wir werden, desto unmäßiger wird unser Anspruch auf Perfektion. Uns wird klar, dass dieser Anspruch nicht das erfüllt, was wir uns von ihm versprechen. Wir beginnen zu glauben, dass uns etwas fehlt. Warum? Alles in allem kommen wir in unserem Leben doch gut voran. Vielleicht ist unser Job interessant und nicht schlecht bezahlt. Vielleicht ist unser Ehepartner attraktiv und liebevoll. Vielleicht machen unsere Kinder uns sehr stolz. Vielleicht haben wir auch tolle Freunde. Oder sogar alles zusammen. Trotzdem glauben wir, es gäbe da noch andere Optionen. Wir glauben, wir bräuchten noch etwas anderes, Besseres. Wir wollen mehr.
Vielleicht geht es uns manchmal wie jener Frau, die Blumen wollte und deshalb Rosen, Veilchen, Nelken und Krokusse in den Müll warf. Schließlich wollte sie nicht Rosen, sondern Blumen. Nicht Veilchen, sondern Blumen. Nicht Nelken, sondern Blumen. Nicht Krokusse, sondern Blumen. Seien wir ehrlich: So wie jene Frau den einzig sicheren Weg wählte, um gerade nicht zu bekommen, was sie wollte – Blumen -, so wählen auch wir manchmal mit erstaunlicher Geschicklichkeit Wege, die gerade nicht zu dem führen, was wir wollen. »Ich muss nicht alles haben«, sagen wir. Trotzdem fehlt uns immer etwas. Uns ist das, was wir haben, selbstverständlich geworden. Dieses Phänomen ist in unserer hyperkomplexen Welt weit verbreitet.
Kürzlich kam ein junger Mann zu mir in die Philosophische Beratung. Seine Kleidung und Gestik waren perfekt auf seinen Typ abgestimmt. Äußerlich schien ihm nichts zu fehlen.
»Erzählen Sie doch mal, wo Ihr Problem liegt«, sagte ich.
»Keine Ahnung. Ich dachte, das sagen Sie mir«, meinte er.
»Wie kann ich etwas zu Ihrem Problem sagen, wenn ich nichts von Ihnen weiß?«
»Ja, also: Ich arbeite im kreativen Bereich und habe eine Freundin, eigentlich Ex-Freundin. Die wollte ein Kind. Jetzt möchte ich mich vielleicht beruflich umorientieren.«
»Wunderbar.«
»Meine Geschwister sind alle Anwälte und ich … hm, das ist schwierig … keine Ahnung.«
»Sie befinden sich in einer Situation der Neuorientierung und müssen ein paar wichtige Entscheidungen treffen?«
»Kann sein. Weiß nicht. Aber was ich Sie fragen wollte: Wie war das noch mal mit der Rechnung? Kann ich die irgendwie absetzen?«
Das Problem war klar: Der junge Mann erwartete die perfekte Beratung. Sie sollte effizient, effektiv, produktiv, schnell zu kriegen, teuer anzusehen, günstig zu haben sein – und mit größtmöglichem Lustgewinn ausgestattet. Dafür kämpfte er. Er wollte sich nicht vorschnell festlegen. Es gab schließlich viele Optionen. Und er wollte auf keinen Fall zu kurz kommen. In Wirklichkeit dauerte unser Gespräch viel länger, aber die Länge der Zeit änderte an seiner Erwartungshaltung nichts. Der sympathische Mensch sagte, er werde sich im Laufe einer Woche wieder bei mir melden. Tatsächlich aber hörte ich nie wieder von ihm. Er sagte nicht zu. Er sagte nicht ab. Er reagierte überhaupt nicht.
 
Ein wichtiger Grund, weshalb Perfektion im Leben der Bewohner einer hyperkomplexen Welt eine so große Rolle spielt, sind die Anderen. Die Anderen sind die...
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