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E-Book

Die Suche nach der zweiten Erde

Illusion und Wirklichkeit der Weltraumforschung

AutorErhard Oeser
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783534704057
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Die Frage, ob es draußen im weiten Weltall wohl eine ?Zweite Erde? geben könnte, die unserer ähnelt und vielleicht sogar Bewohner beherbergt, hat die Menschheit von alters her umgetrieben. Beispielsweise glaubten griechische Philosophen der Antike an eine Bewohnbarkeit des Mondes - eine Vorstellung, die auch Jahrhunderte später noch aktuell war, wie Jules Vernes Roman »Reise um den Mond« zeigte. Spätestens die erste Mondlandung der Apollo 11-Mission im Jahr 1969 bewies, dass es kein Leben auf dem Mond gab. Doch die Fantasien von der Eroberung des Weltraums fingen jetzt erst richtig an. Neue Weltraumprogramme in der Realität führten zu neuen Formen der phantastischen Literatur und des phantastischen Films in der Fiktion. Bis heute befruchten und inspirieren sich beide Bereiche gegenseitig. Erhard Oeser bietet in seinem Buch einen Wissensschatz der Kulturgeschichte von realer Weltraumforschung bis hin zu phantastischer Science Fiction.

Erhard Oeser, geb. 1938, ist emeritierter Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften an der Universität Wien und Vorstand des Institutes für Wissenschaftstheorie. Er erhielt 2006 den Eugen Wüster Sonderpreis für Terminologie-Forschung. Seine bisherigen Buchveröffentlichungen bei der WBG: Geschichte der Hirnforschung (2. Aufl. 2010), Hund und Mensch (3. Aufl. 2009), Die Suche nach der zweiten Erde (2009), Die Jagd zum Nordpol (2008), Katze und Mensch (3. Aufl. 2008), Pferd und Mensch (2007), Das selbstbewusste Gehirn (2006).

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Leseprobe

Keplers Traum


Eine der wichtigsten Botschaften von Galileis „Sidereus Nuncius“, die Entdeckung der Jupitermonde, lieferte Johannes Kepler (1571 – 1630) ein Argument für die Bewohnbarkeit der Planeten des Sonnensystems. Im Jahre 1610 schrieb er in seiner „Unterredung mit dem Sternboten“ (Dissertatio cum nuncio sidereo) an Galilei: „Wenn vier Monde den Jupiter in ungleichen Abständen und Umlaufzeiten umkreisen, dann muss man fragen, wem das wohl nützen mag, wenn es keine Wesen auf dem Jupiterball gibt, die diesen wunderbaren Wechsel mit ihren Augen schauen könnten.“ Was aber die Bewohnbarkeit des Mondes anbelangt, so hatte Kepler bereits konkrete Vorstellungen entwickelt, die weit über Beobachtungen Galileis hinausgehen. Denn er sieht in den durch das Fernrohr sichtbaren Ringwällen ungeheure Bauten, die von den mit großartigem Geist und stolzen Kräften ausgestatteten Mondbewohnern errichtetet worden sind: „Da sie einen Tag haben, der 15 Erdentage lang ist, und unerträgliche Hitze zu verspüren bekommen, da sie vielleicht auch keine Steine haben, um Schutzmauern gegen die Sonne zu errichten, dagegen vielleicht lehmartige, zusammenhaltende Erde, so wird bei ihnen das also die übliche Bauweise sein, dass sie riesige Ebenen tiefer legen, indem sie Erde in einer Kreisform hinausschaffen und ringsum aufhäufen, vielleicht auch in der Absicht, in der Tiefe Wasser zu finden. So können sie auf dem vertieften Grund hinter den aufgeworfenen Wällen im Schatten liegen und in ihrem Innern mit der Bewegung der Sonne dem Schatten folgend herumwandern. Und es kann für sie eine Art Stadt entstehen: die Häuser als eine Menge Höhlen, in jenen kreisrunden Sockel hineingegraben, Äcker und Weideland in der Mitte, damit sie auf der Flucht vor der Sonne sich dennoch nicht allzu weit von ihrem Besitz zu entfernen brauchen“ (Kepler 1610, Ges. Werke IV, S. 299, dt. Übers. nach F. Hammer in der Faksimile-Ausgabe der Dissertatio, München, S. 22). Diese fantasievollen Vorstellungen hat Kepler später in seinem Traum vom Mond weiterentwickelt, den sein Sohn Ludwig nach seinem Tode im Jahre 1634 in Frankfurt veröffentlichte.

Keplers Traum vom Mond und seinen Bewohnern verbindet sich in eigentümlicher Weise mit der Gestalt seiner unglücklichen Mutter, die in einen Hexenprozess verwickelt war (vgl. Oeser 1971, S. 75 ff.). Am 7. August 1620 wird die „Keplerin“ unter dem Verdacht, Zauberei und Hexerei getrieben zu haben, in dem Ort Heumaden bei Stuttgart im Hause ihrer Tochter mitten in der Nacht verhaftet. Um kein Aufsehen zu erregen, wird die alte Frau in einer verschlossenen Truhe weggeschleppt. Man führt sie zum Gerichtsort Leonberg, wo endlich in größter Eile und Heimlichkeit die Endphase jenes Prozesses stattfinden soll, der schon mehr als sechs Jahre gedauert hat. Die Prozessakten aus dem Stuttgarter Staatsarchiv zeigen das düstere Bild einer Zeit, in der sich Aberglaube, Wahnsinn und menschliche Niedertracht zu einem fast unentwirrbaren Dickicht verflechten: Es ist von Giftmischerei, von verhexten Kühen und Schweinen, vom Totenschädel des Vaters, den sich die alte Frau hatte ausgraben lassen, um ihn als Trinkbecher zu benützen, und anderen Dingen dieser Art die Rede. Ein ganzes Jahr lang sollte dieser schändliche Prozess noch dauern. Ein Jahr lang kämpfte Kepler verbissen um das Leben seiner Mutter. Allein seinem Auftreten in diesem Prozess war es wohl zu verdanken, dass die hilflose, dem Schwachsinn nahe Alte dem sicheren Tod auf dem Scheiterhaufen entrissen wurde. Am 4. Oktober 1621 wurde sie aus der Haft entlassen, nachdem sie standhaft alle Leiden und Foltern ertragen hatte. Sie war jedoch bereits vom Tode gezeichnet: Im Frühjahr des folgenden Jahres starb sie, bis zum Ende ihres Lebens von den Einwohnern Leonbergs gefürchtet, gehasst und ständig mit Totschlag bedroht. Die damals 70-jährige Katharina Kepler hatte tatsächlich ungewöhnliche Wesenseigenschaften und merkwürdige Gewohnheiten, die durchaus im Sinne des Hexenaberglaubens missdeutet werden konnten. Kepler selbst hat in seiner Erzählung die hexenhaften Züge seiner Mutter in der Figur der alten Fiolxhilde festgehalten. Fiolxhilde ist in seiner Darstellung jene alte Frau, die in der Mitternachtssonne auf dem Gipfel des Berges Hekla auf Thule Kräuter sammelt und sie zu Hause unter mancherlei Zeremonien und Sprüchen zubereitet; sie ist auch diejenige, die sich mit Geistern über den Mond und seine Bewohner unterhält. Kepler hat diese Schilderung freilich erst nach dem Tode seiner Mutter aufgezeichnet. Zu ihren Lebzeiten hätte sie, wie er selbst in den Anmerkungen zu seiner Traumerzählung bemerkt (Kepler 1634, S. 30), als Bestätigung des allgemein verbreiteten, abergläubischen Verdachts gegolten. In seiner Erzählung verlegt Kepler die ganze Geschichte ins ferne Island und stellt sich selbst als den Sohn der alten Fiolxhilde Duracoto dar. Auch verwendet er für den Mond und die Erde andere Namen. Den Mond bezeichnet er mit dem hebräischen Namen „Levania“ und die Erde nennt er „Volva“, weil sie den Mondbewohnern in stetiger Umwälzung um ihre eigene Achse erscheint. Dementsprechend bezeichnet er die Bewohner auf der Vorderseite des Mondes als „Subvolvaner“ und die, welche auf der Rückseite des Mondes leben und niemals die Erde sehen können, als „Privolvaner“ (Kepler 1634, S. 14 f.).

Keplers Traumerzählung beginnt mit einer Reise zum Mond. Für die Geister, mit denen sich Fiolxhilde und Duracoto unterhalten, ist diese Reise keine gefährliche Angelegenheit. Der ganze Weg, so lang er auch ist, wird in der Zeit von höchstens vier Stunden zurückgelegt. Doch für einen Menschen, der manchmal von den Geistern auf diese Reise mitgenommen wird, ist sie mit großen Gefahren verbunden. Bei der Schilderung einer solchen Mondfahrt eines Menschen, der nicht fettleibig sein darf, sondern ausgemergelt und dürr sein muss, stechen vor allem die physikalischen und astronomischen Kenntnisse Keplers hervor: Er hat die richtige Vorstellung von der ungeheuren Kraft der Beschleunigung, die notwendig ist, um aus dem Schwerefeld der Erde zu gelangen; er weiß von der Kälte und der Schwerelosigkeit im Weltraum zu berichten; und selbst das Problem der weichen Landung auf der Mondoberfläche wird von ihm behandelt, wenn er die Geister über die Mondfahrt eines von ihnen auserwählten und begleiteten Menschen erzählen lässt: „Scharenweise stürzen wir uns auf den Auserwählten, unterstützen ihn und heben ihn geschwind empor. Diese Anfangsbewegung ist für ihn am schlimmsten, denn er wird gerade so emporgeschleudert, als wenn er, durch die Kraft des Pulvers in die Luft gesprengt, über Berge und Meere dahinflöge. Deshalb muss er zuvor mittels Opiaten betäubt und seine Glieder sorgfältig verwahrt sein, damit sie ihm nicht vom Leib gerissen werden, sondern vielmehr die Gewalt des Rückschlags auf die einzelnen Körperteile verteilt bleibt. Bald begegnen ihm neue Schwierigkeiten – ungeheure Kälte und Atemnot; gegen erstere schützt uns unsere angeborene Kraft, gegen letztere ein vor Nase und Mund gehaltener feuchter Schwamm. Wenn der erste Teil des Weges zurückgelegt ist, fällt uns die Reise leichter … Infolge der bei der Annäherung an unser Ziel unablässig zunehmenden Anziehung würden die Menschen aber durch den zu harten Aufprall auf dem Mond Schaden erleiden; deshalb eilen wir voran und schützen sie vor dieser Gefahr. Gewöhnlich klagen die Menschen, wenn sie aus der Betäubung erwachen, über große Mattigkeit in allen Gliedern, von der sie sich erst ganz allmählich wieder erholen können; schließlich sind sie wieder fähig zu gehen“ (Kepler 1634, S. 6 f.; dt. Übers. von Günther 1898, in: Kepler o. J., S. 60). Außer diesen Gefahren begegnen den Menschen, wenn sie auf den Mond gelandet sind, noch viele andere, die Kepler gar nicht aufzählen will. Vielmehr sind es ja die astronomischen Verhältnisse, die er am Beispiel des Mondes darstellen will. Und die von ihm aus zu beobachtenden Vorgänge am Himmel sollen ein Argument für die Bewegung der Erde liefern. Obgleich man auf dem Mond genau denselben Anblick des Fixsternhimmels hat wie hier auf der Erde, so gilt dort eine von der irdischen völlig abweichende Astronomie: Auf dem ganzen Mond gibt es, wie auch auf der Erde, den Wechsel zwischen Tag und Nacht. An den beiden Polen ist die Sonne zur Milderung der Nächte halb sichtbar, halb ist sie unter dem Horizont und läuft so im Kreis herum; ebenso wie für uns die Erde, so scheint auch der Mond für seine Bewohner stillzustehen, und die Sterne bewegen sich scheinbar im Kreis. Tag und Nacht zusammen dauern ungefähr so lange wie einer unserer Monate auf der Erde.

Die Unterschiede auf den beiden Halbkugeln des Mondes, die...

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