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Die Symmetrie der Welt: Leonardo da Vinci und das Geheimnis seiner berühmtesten Zeichnung

AutorToby Lester
VerlagBerlin Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl304 Seiten
ISBN9783827075901
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Jeder kennt dieses Motiv: ein Mann, sorgfältig gezeichnet, die Arme und Beine ausgebreitet, steht in einem Kreis und einem Quadrat, die Körperteile befinden sich in einem idealen Verhältnis zueinander. Das Bild steht nicht nur für die Schönheit des menschlichen Körpers, sondern auch für die Universalität der Kunstund des menschlichen Geistes. Toby Lester spannt den Bogen vom ersten vorchristlichen Jahrhundert, in dem der römische Architekt Vitruv seine Theorie des wohlgeformten Menschen vorlegte, über das Mittelalter und Hildegard von Bingens Vorstellungen von der Rolle des Menschen im Mikrokosmos bis in die Tage Leonardos, als die Künstler, Baumeister undPhilosophen der Renaissance ihr Verhältnis zur Welt neu definierten. Lester zeigt, wie Kunst, Naturwissenschaften undPhilosophie an der Wende zum 15. Jahrhundert zu einer Einheit verschmolzen und Leonardo zu einer Darstellung inspirierten, die den Menschen in das Zentrum rückt - und die uns bis heute fasziniert.

Toby Lester lebt in Boston und schreibt für die Zeitschrift 'The Atlantic'. Im Berlin Verlag ist von ihm 'Der vierte Kontinent. Wie eine Karte die Welt veränderte erschienen' (2010).

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Leseprobe

Vorwort

Erzählen möchte ich die Geschichte der bekanntesten Zeichnung der Welt: die Geschichte von Leonardo da Vincis Mann in Kreis und Quadrat.

Kunsthistoriker nennen das Blatt den Vitruvianischen Menschen, denn die Zeichnung geht zurück auf eine Beschreibung menschlicher Proportionen, die der römische Architekt, Militäringenieur und Baumeister Vitruv vor rund zweitausend Jahren verfasst hat. Unter diesem Namen allerdings ist die Zeichnung den wenigsten bekannt. Wenn ich ihn im Gespräch verwende, stoße ich auf verständnislose Blicke bis ich beginne, die Zeichnung zu beschreiben. Dann blitzen die Funken des Wiedererkennens. »Klar«, sagte einer meiner Gesprächspartner, »du meinst den Typen, der wie ein Hampelmann in Kreis und Quadrat herumspringt

Mag man es nennen, wie man will, das Bild kennt jeder. Es ist allgegenwärtig, wird zu allen möglichen Zwecken herangezogen, soll Ideen und Vorstellungen schmücken und feiern helfen: die Großartigkeit der Kunst, das körperliche Wohlbefinden, Gesundheit, die Macht von Geometrie und Mathematik, die Ideale der Renaissance, die Schönheit des menschlichen Körpers, die Universalität des menschlichen Geistes und vieles mehr. Das Bild hat einen prominenten Platz in der Symbolwelt von Dan Browns Da Vinci Code und wird in Die Simpsons herrlich veralbert. Es ziert Kaffeebecher und T-Shirts, Buchumschläge und Plakatwände, taucht in Filmen und im Internet auf, in Unternehmenslogos und in der Wissenschaft, als Logo sogar auf internationalen Raumfahrzeugen. Selbst auf der italienischen Ein-Euro-Münze findet man den Mann in Kreis und Quadrat, tagtäglich gleitet er Millionen Menschen durch die Hand. Kurz, dieses Bild ist eine Ikone von unbestreitbarer Reichweite und Faszination seine Geschichte allerdings kennt fast niemand.

Ich bin auf diese Geschichte gestoßen, während ich an meinem letzten Buch gearbeitet habe. Der vierte Kontinent (2009) erzählt, wie es zu der bemerkenswerten Karte kam, die Amerika 1507 den Namen gab. Damals war ich tief eingetaucht in die geheimnisvolle und wundersame Welt uralter Karten, geographischer Ideen und Bildern des Kosmos und eines Tages bin ich auf eine mittelalterliche Weltkarte gestoßen, die meine Aufmerksamkeit auf der Stelle fesselte. Plötzlich sah ich die verblüffende Ähnlichkeit: Die Karte sieht aus wie der Vitruvianische Mensch (Abb. 1).

Abb. 1. Die Lambeth-Palace-Karte, um 1300. Christus, eingeschrieben in Kreis und Quadrat, verkörpert und umfängt das Weltganze.

Je mehr ich mich mit mittelalterlichen Handschriften beschäftigte, desto häufiger stieß ich auf ähnliche Illustrationen ich fand sie auf Weltkarten, in kosmischen Diagrammen, in Führern zu Sternbildern, auf astrologischen Schaubildern, auf Abbildungen in medizinischen Handschriften und so fort. Leonardo, dämmerte mir, kann den Vitruvianischen Menschen nicht aus dem Blauen beschworen haben. Dieses Bild muss eine Geschichte haben, eine tiefere Bedeutung, die Figur eine lange Linie von Vorgängern.

Nur kurz konnte ich in meiner Geschichte der Waldseemüllerkarte auf diese Figur eingehen, nämlich im Zusammenhang mit mittelalterlicher und Renaissancekartographie. In der Geschichte, die ich in diesem Buch erzählt habe, taucht das Bild nur peripher auf, schon bald musste ich den Mann in Kreis und Quadrat wieder verlassen.1 Doch auch als ich weiterging, habe ich die kleiner werdende Gestalt des Vitruvianischen Menschen nicht aus meinem geistigen Rückspiegel verloren. Was alles muss sich in diesem Bild verbergen? Welche vergessenen Welten mag es enthalten? Welchen Blick auf Leonardo und seine Zeit könnte es uns bieten? Warum hat bislang niemand versucht, die Geschichte dieses Bildes zu erzählen? Schon bald hatte mich auch diese Geschichte am Wickel, und was nach gut zwei Jahren herauskam, war dieses Buch.

Auf den ersten Blick scheint, was zu erzählen ist, nicht weiter spektakulär. Vitruv, der in der Morgenröte des gerade entstehenden römischen Kaiserreichs schrieb, behauptete, dass man eine Menschengestalt in einem Kreis und einem Quadrat einschreiben kann, und etwa fünfzehnhundert Jahre später gab Leonardo dieser Idee eine visuelle Gestalt. Aber das ist längst nicht alles. Vitruv hat seine Figur im Kontext eines Leitfadens für Baumeister und Architekten beschrieben und darauf bestanden, dass sich die Proportionen heiliger Tempel nach den Proportionen eines idealen menschlichen Körpers zu richten hätten. Er war davon überzeugt, dass dieser Körper in Entwurf und Aufbau der verborgenen Geometrie des Universums entspricht. Daher die Bedeutung von Kreis und Quadrat. Beiden Formen hatten antike Philosophen, Mathematiker und Mystiker schon lange Zeit zuvor symbolische Kraft zugesprochen. Der Kreis stand für das Kosmische und Göttliche; das Quadrat repräsentierte das Irdische und Säkulare. Und jeder, der behauptete, man könne einen Menschen in beide Formen einpassen, traf damit eine uralte metaphysische Feststellung: Der menschliche Körper ist nicht nur nach den Prinzipien gestaltet, die die Welt als Ganzes regieren er ist die Welt selbst, er ist eine »Welt im Kleinen«.

Diese Vorstellung, bekannt auch als Theorie des Mikrokosmos, war und das mit ganz erstaunlicher Kraft und weiter Verbreitung über Jahrhunderte hinweg Motor und Antrieb des religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Denkens in Europa. Auch Leonardo überließ sich Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ohne zu zögern diesem Gedanken. Wenn sich in der Gestalt des menschlichen Körpers tatsächlich auch die Gestaltung des Universums spiegelt, dann, so überlegte er, müsste er diesen nur genauer studieren, als dies je zuvor geschehen war, müsste seine einzigartige Beobachtungsgabe nutzen, um die eigene, die menschliche Natur zu ergründen. Damit würde er die Reichweite seiner Kunst so weit ausdehnen können, dass sie auch noch die entferntesten metaphysischen Horizonte erfassen würde. Durch minutiöse Selbstbeobachtung könnte er, der Beobachter und Maler, die Welt als Ganzes verstehen.

Im Vitruvianischen Menschen kondensiert sich dieser Traum zu einer visuell eindrucksvollen Form. Auf den ersten Blick mag das Bild schlicht erscheinen, lediglich als Studie individueller Proportionen. Aber es enthält Subtileres, ist hochkomplex, denn es fasst eine tiefgründige philosophische Spekulation zusammen und realisiert sie zugleich. Zudem ist die Zeichnung mit dem markanten Männerbild ein idealisiertes Selbstporträt, in dem Leonardo, bis auf sein Wesen entkleidet, sein eigenes Maß erfasst und damit gleichzeitig eine zeitlos menschliche Hoffnung verkörpert: dass wir nämlich über genügend Geisteskraft verfügen, um herauszufinden, wie wir in die große Ordnung der Dinge eingefügt sind.

So ist die Geschichte des Vitruvianischen Menschen eigentlich eine doppelte: eine individuelle und eine kollektive. Erstere ist Leonardos Lebensgeschichte. Ich habe versucht, diese für die Jahre, die zum Datum 1490 hinführen, so genau wie möglich nachzuzeichnen: den Weg, auf dem Leonardo schließlich dazu kam, seine berühmte Zeichnung anzufertigen. Und man wird es kaum glauben, diese Geschichte ist weitgehend unbekannt. Wie der Vitruvianische Mensch wurde auch sein Schöpfer Leonardo zu einer derart bekannten Ikone, die für so vieles stehen muss, dass man ihm kaum noch als einer wirklichen Person begegnet. Mehr oder weniger vollständig ist er, als dessen Geschöpf, in dem Mythos aufgegangen, der um ihn gesponnen wurde: Prophet und Magus, begabt mit nahezu übermenschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, seiner Zeit um Äonen voraus. Eine Historikerin unserer Tage hat das, als Echo der Worte unzähliger anderer Leonardo-Forscher, so formuliert: »Leonardo, der universelle Mensch der Renaissance, schreitet voran, von den mittelalterlichen Menschen so weit entfernt wie nur vorstellbar2 Genau das aber ist nicht die Gestalt, der Leserinnen und Leser in diesem Buch begegnen werden. Der Leonardo, der den Vitruvianischen Menschen zeichnete, war, wie wir sehen werden, in seinem Denken ebenso sehr mittelalterlich und von der Vergangenheit bestimmt, wie er ein Mensch der heraufziehenden Neuzeit war, ein Visionär der via moderna und gerade wegen dieser Vielschichtigkeit so faszinierend und geheimnisvoll.

Die zweite Geschichte, die in diesem Buch zu erzählen ist, greift viel weiter aus. Es ist die des Vitruvianischen Menschen, wie er als Idee vor über zweitausend Jahren in die Welt trat als Idee, die ihren Weg machte durch die Jahrhunderte bis zu ihrer schicksalhaften Begegnung mit Leonardo. Es ist eine Geschichte, die Jahrhunderte, ganze Kontinente und viele Wissenschaften umspannt, in der Menschen, Ereignisse und Ideen in den Blick geraten und wieder verschwinden: der Architekt Vitruv, uralte Theorien des Kosmos, antike griechische Bildhauer, der römische Kaiser Augustus, römische Feldmesser und ihre Vorstellungen und Techniken, die Idee von Imperium und Reich, frühchristlich geometrische Symbolik, die mystischen Visionen einer Hildegard von Bingen, Europas große Kathedralen, islamische Vorstellungen vom Mikrokosmos, die Künstlerwerkstätten der Handelsstadt Florenz, Brunelleschis Dom, die italienischen Humanisten, das höfische Leben in Mailand, sezierte Menschenkörper,...

Blick ins Buch

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