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Die Unvollendete

Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit

AutorBeatrice von Weizsäcker
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783838702940
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Der Fall der Mauer - erkämpft von den Ostdeutschen und bejubelt von allen. Zwanzig Jahre Vereinigung, doch der Tag der Deutschen Einheit wirkt noch immer wie aus der Retorte. Mag die staatliche Einheit vollendet sein, die der Menschen ist es nicht. Falsche Versprechungen von blühenden Landschaften und der einseitige Beitritt ohne Beteiligung des Volkes sorgten für Enttäuschung und Zwist. Immer noch zeigen Umfragen ein düsteres Bild.

'Gefallen kann einem das nicht', sagt selbst Angela Merkel - doch es ändert sich wenig. So darf es nicht bleiben. Ein starkes Land braucht eine innere Einheit und die Vielfalt der Menschen, es braucht endlich Versöhnung. Das geht.

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Leseprobe
III. Morgen: Vereint! Versöhnt! (S. 223-224)

Versöhnung – wie soll das gehen? Wie kann das gehen? Ein Beispiel zeigt’s. Das ist zwar nicht übertragbar auf andere, weil es nicht wiederholbar ist, aber ein Modell ist es allemal. Zum zwanzigsten Geburtstag der Deutschen Einheit soll Uwe Holmer hier im Mittelpunkt stehen. Denn was er tat, ist genau zwanzig Jahre her.

Der erste Versöhner: Uwe Holmer


Am 30. Januar 1990 hatte Uwe Holmer etwas Ungewöhnliches getan. Er hatte Erich Honecker und seiner Frau Margot »Asyl« gewährt, Asyl im eigenen Land. Holmer war Pfarrer in Lobetal, das liegt in Brandenburg, er leitete dort die Hoffnungstaler Anstalten, die Friedrich von Bodelschwingh 1905 für Obdachlose gegründet hatte. Fünfundachtzig Jahre später waren es die Honeckers, die obdachlos geworden waren. Aus dem Krankenhaus entlassen, konnte Honecker nicht zurück in sein Haus, die Politbürosiedlung in Wandlitz war zum 1. Februar aufgelöst worden. Eine Wohnung nehmen wollte er nicht, zu groß war die Angst vor dem aufgebrachten Volk. Die Honeckers hatten keine Bleibe mehr in der DDR. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel fragte auf Honeckers Bitte bei der evangelischen Kirche nach einem Zufluchtsort für sie. Bei Uwe Holmer wurde er fündig.

Dabei hatten Holmer und seine Familie keine leichte Zeit gehabt in der DDR. Keines seiner zehn Kinder hatte Abitur machen dürfen trotz guter Zensuren. Doch Holmer war Christ, er nahm den ehemaligen Staatsratsvorsitzenden und die frühere Volksbildungsministerin der DDR in sein Privathaus auf. Zehn Wochen hat er ihnen Unterschlupf gewährt. Einfach war das nicht. Es gab Morddrohungen, Protestanrufe und Schmähbriefe, aber auch Respekt.Warum macht ein Mann das? »Wir konnten doch nicht beten ›Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern‹ und danach nicht leben«, sagt Holmer.

»Wir dachten an das Außergewöhnliche der Stunde und an den Auftrag von uns Christen, Vergebung zu üben, Versöhnung zu leben«, schrieb er in seinen Erinnerungen. »Wenn überhaupt, dann wäre hier, mitten in der christlichen Gemeinde, der Ort, wo man der Rache von Menschen begegnet und ein Zeichen setzen könnte: Vergebung besiegt Hass.« Mit bis heute erstaunlicher Aktualität notierte er 1999: »Ein Neuanfang, den wir uns so sehr wünschten, auch für Genossen und Funktionäre, kann nur durch Vergebung und Versöhnung, wenigstens Duldung geschehen. (…) Wo Vergebung geschehen ist, wird der Weg frei zu einem normalen Verhältnis.«

Auf diese Weise, meint Holmer bescheiden, »haben wir einen kleinen Teil zur geistigen Bewältigung der DDR-Zeit und zum inneren Frieden in unserem Volk beitragen dürfen.«»Es ist (…) wichtig, dass wir in echter demokratischer Grundhaltung die Überzeugungen des anderen respektieren, auch wenn sie unserer eigenen entgegenstehen«, schrieb der Pfarrer wie nebenbei. Das ist ein unscheinbarer Satz. Aber bis heute von zentraler Bedeutung.
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