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Die USA und Europa nach 1945 in 38 Kapiteln

AutorRolf Steininger
VerlagLau-Verlag & Handel KG
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl312 Seiten
ISBN9783957681997
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Im Winter 2016/17 hat Professor Rolf Steininger auf Rai Südtirol in 38 Folgen jeden Samstag um 19:40 bis 20:00 Uhr - mit Wiederholung am Sonntag - für ein größeres Publikum über 'Die USA und Europa nach 1945' berichtet, über eine Zeit, in der die USA die Weltmacht schlechthin waren. Es ging um den Kalten Krieg, um das Verhältnis zwischen den USA und Deutschland, Italien, Südtirol, Griechenland und Österreich, dann um die großen Themen, die in der Folge das Verhältnis USA - Europa bis zu den Terroranschlägen 9/11 ausmachen. Der Schwerpunkt lag dabei auf der politischen Geschichte, d. h. im Mittelpunkt standen die diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und diesen Ländern. Die 38 Folgen werden hier zum Nachlesen gesammelt vorgelegt.

Rolf Steininger, Dr. phil., geb. 1942 in Plettenberg/Westfalen, ist Ordentlicher Universitätsprofessor; er studierte in Marburg, Göttingen, München, Lancaster und Cardiff, war bis 1983 Professor an der Universität Hannover und von 1984 bis zu seiner Emeritierung 2010 Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck und lehrt seit 2008 auch an der Freien Universität Bozen; er ist Senior Fellow des Eisenhower Center for American Studies der University of New Orleans und Jean Monnet-Professor; er war Gastprofessor an den Universitäten Tel Aviv, Queensland (Australien) und New Orleans sowie Gastwissenschaftler in Hanoi, Ho-Chi-Minh Stadt (Saigon) und Kapstadt; 2010 erhielt er den Tiroler Landespreis für Wissenschaft; zahlreiche Veröffentlichungen sowie preisgekrönte Fernseh-, Film- und Hörfunkdokumentationen zur Zeitgeschichte.

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Leseprobe

Die USA und Europa nach 1945 in 38 Kapiteln


1. Nachkriegsplanungen für Deutschland


Im Ersten Weltkrieg waren die USA mit ihrem Kriegseintritt im Jahr 1917 zur kriegsentscheidenden Macht geworden – hatten sich dann aber enttäuscht von Europa abgewandt. Sie wurden nicht einmal Mitglied des Völkerbundes, dessen Gründung auf ihren Präsidenten Woodrow Wilson zurückging. Unter F. D. Roosevelt, seit 1933 US-Präsident, war das anders. Lange vor dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor im Dezember 1941 war er entschlossen, gegen Japan und Nazideutschland vorzugehen. Bei Europa ging es dabei von Anfang an um die Frage, wie die Welt in Zukunft vor 70 Millionen Deutschen in Sicherheit leben konnte. Was sollte mit Deutschland nach dem Krieg geschehen? Die immer wiederkehrende Frage in den zahllosen Memoranden, die die späteren Sieger während des Krieges erstellten, lautete: »What to do with Germany?« Ein Begriff beherrschte dabei lange Zeit die Diskussion: bedingungslose Kapitulation. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg sollte Deutschland diesmal bedingungslos kapitulieren.

Am 24. Januar 1943, wenige Tage vor dem Ende der 6. deutschen Armee bei Stalingrad, formulierte Roosevelt beim Treffen mit dem britischen Premierminister Winston Churchill in Casablanca – und mit dessen Wissen – zum ersten Mal öffentlich als Kriegsziel der Alliierten diese »bedingungslose Kapitulation« Deutschlands, Japans und Italiens. Bis dieses Ziel erreicht war, musste zwar noch ein langer Weg zurückgelegt werden, aber spätestens im Herbst 1943 war klar, dass Deutschland militärisch keine Chance mehr hatte.

(1) 14.–26. Januar 1943: Konferenz von Casablanca. US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill beraten mit ihren Militärs das weitere Vorgehen gegen Deutschland. Roosevelt verkündet anschließend das Kriegsziel der Alliierten: bedingungslose Kapitulation Deutschlands, Japans und Italiens. Hinter Roosevelt (v. l.): Admiral Ernest King, dann General George C. Marshall, 1939–1945 Stabschef der US-Armee und von 1947–1949 Außenminister.

Zu diesem Zeitpunkt gab es auf britischer und amerikanischer Seite bereits zahlreiche Überlegungen im Hinblick auf Nachkriegsdeutschland, das von Anfang an im Mittelpunkt aller Planungen stand. Auf der Außenministerkonferenz in Moskau im Oktober 1943 überreichte dann der amerikanische Außenminister Cordell Hull einen detaillierten, aber noch inoffiziellen Vorschlag für eine relativ milde Behandlung Deutschlands. Der Plan sah u. a. vor: ganz Deutschland wird von amerikanischen, britischen und sowjetischen Streitkräften besetzt; eine interalliierte Kontrollkommission übernimmt die vorläufige Regierungsgewalt; Deutschland wird entmilitarisiert, entnazifiziert, demokratisiert, die Kriegsindustrie zerstört, die NSDAP sofort verboten und aufgelöst; Deutschland leistet Reparationen.

(2) 18.–30. Oktober 1943: Außenministerkonferenz in Moskau. V. l.: Cordell Hull (USA), Wjatscheslaw Molotow (Sowjetunion) und Anthony Eden (Großbritannien) beschließen u. a. die Einrichtung der Europäischen Beratenden Kommission mit Sitz in London und die »Moskauer Deklaration« über die Zukunft Österreichs (s. Kap. 13).

Die Frage der Grenzen des zukünftigen Deutschland sollte »bei einer allgemeinen Regelung des deutschen Problems« ins Blickfeld gerückt werden. Diese Formulierung machte die Meinungsverschiedenheiten zwischen Präsident Roosevelt und dem State Department – mit Ausnahme seines Vertrauten, Unterstaatssekretär Sumner Welles, der für eine Zerstückelung Deutschlands eintrat – deutlich. Hull sprach sich für eine »politische Dezentralisierung«, d. h. für ein föderalistisch strukturiertes Deutschland aus, um so die preußische Vorherrschaft über das Reich zu beseitigen.

Das waren Überlegungen, die auch den Vorstellungen des Foreign Office entsprachen. Für den britischen Außenminister Anthony Eden war das Memorandum dann auch ein »nützlicher Beitrag«. Der sowjetische Außenminister Molotow reagierte ebenfalls zustimmend – angeblich war Stalin geradezu begeistert –, bezeichnete den Plan allerdings als »Minimal- und nicht als Maximalvorschlag«; er versicherte Hull, dass »die Sowjetunion allen Maßnahmen voll zustimme, die Deutschland für alle Zukunft unschädlich machen würden«, entschuldigte sich aber gleichsam dafür, dass seine Regierung angesichts der starken Beanspruchung durch militärische Aufgaben »mit dem Studium der Behandlung Deutschlands nach dem Kriege noch nicht weit genug sei«.1

Im Anschluss an die Außenministerkonferenz trafen die »Großen Drei« – Stalin, Roosevelt und Churchill – vom 28. November bis 1. Dezember 1943 in Teheran zusammen, wo Roosevelt und Churchill ihre Lieblingsvorstellungen mit Blick auf Deutschland entwickelten. Roosevelt sprach von fünf Staaten:

1. Preußen;

2. Hannover und Nordwestdeutschland;

3. Sachsen mit dem Raum um Leipzig;

4. Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel und das Gebiet südlich des Rheins;

5. Bayern, Baden, Württemberg.

Außerdem sollten Kiel, der Nord-Ostsee-Kanal und Hamburg sowie das Ruhrgebiet und das Saarland unter internationale Kontrolle gestellt werden.

Churchill plädierte dafür, Sachsen, Bayern, die Pfalz und Württemberg vom Reich zu lösen und einem zu schaffenden Donaubund (Österreich, Ungarn) einzugliedern. Stalin legte keinen eigenen Plan vor, gab aber zu erkennen, dass auch er eine Zerstückelung Deutschlands favorisierte. Über einen unverbindlichen Meinungsaustausch kam man in dieser Frage aber nicht hinaus.

In zwei anderen Fragen wurden dagegen Grundsatzentscheidungen von historischer Bedeutung getroffen. Zum einen ging es um die zukünftigen Grenzen Polens, zum anderen um die Errichtung der »zweiten Front«– ein Begriff, den Stalin geprägt hatte. Roosevelt und Churchill akzeptierten als neue polnische Ostgrenze die Curzon-Linie. Diese Linie war 1919 als polnisch-russische Grenze festgelegt worden, so benannt nach dem damaligen britischen Außenminister Lord Curzon. Sie war von Polen 1923 aber in einer Schwächephase der jungen Sowjetunion um 200 km nach Osten verschoben worden. Mit der Anerkennung der Curzon-Linie durch Roosevelt und Churchill in Teheran war auch klar, dass Polen in irgendeiner Weise mit deutschem Territorium entschädigt werden sollte. Diese »Westverschiebung Polens« sollte dann auf der nächsten Gipfelkonferenz im Februar 1945 in Jalta ein entscheidendes Thema werden. Wichtiger war in Teheran aber die Frage, wo die »zweite Front« errichtet werden sollte.

(3) 28. November – 1. Dezember 1943: Treffen der »Großen Drei« in Teheran; v. l.: Kremlchef Josef Stalin, US-Präsident Franklin D. Roosevelt und Winston Churchill. Es geht in erster Linie um die zukünftigen Grenzen Polens und die Errichtung der »zweiten Front«. Mit dabei (hintere Reihe): US-Botschafter in Moskau, W. Averell Harriman (verdeckt), dann W. Molotow, der britische Botschafter in Moskau, Archibald Clark Kerr, und Anthony Eden.

Churchill versuchte eine Entscheidung herbeizuführen, diese Front in Oberitalien, im Rücken der Deutschen zu errichten, um so die Basis für einen Durchbruch nach Laibach zu gewinnen und von dort weiter nach Wien vorzustoßen, um noch vor den Sowjets in Zentraleuropa präsent zu sein – und so das Ergebnis künftiger Friedensverhandlungen zu präjudizieren. Stalin sah das offensichtlich genauso und forderte daher die Errichtung der »zweiten Front« in Nordfrankreich. Er behandelte dies als Bündnisfrage und wurde darin von Roosevelt unterstützt. Der amerikanische Präsident begriff nicht, dass es schon in der Planung der Operation darauf ankam, den Grundstein für den zukünftigen Frieden zu legen. Amerika werde, so erwartete er die zukünftige Entwicklung, nach diesem Krieg stärker als jede andere Großmacht und stark genug sein, um die richtigen politischen Lösungen durchzusetzen. Im Überfluss der Macht könne er sich leisten, zurückzustellen, was nicht unmittelbar jetzt entschieden werden müsse. Als man sich im Februar 1945 in Jalta traf, war das eingetreten, was Churchill befürchtet und Stalin offensichtlich gehofft hatte: in Ost- und Südosteuropa stand die Rote Armee; die Westmächte konnten dort keinen Einfluss mehr nehmen.

Auf der Außenministerkonferenz in Moskau war auf Antrag der Briten die Einrichtung eines interalliierten Planungsgremiums mit Sitz in London beschlossen worden. Dieser Europäischen Beratenden Kommission (European Advisory Commission, EAC) legte der britische Vertreter, Sir William Strang, am 15. Januar 1944 einen Plan vor, der die Aufteilung Deutschlands in drei Besatzungszonen vorsah: je eine für die Sowjetunion, die USA und...

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