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Die Wechselwirkung von Musik und afroamerikanischer Bürgerrechtsbewegung

AutorRaúl Gaston Krüger
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl76 Seiten
ISBN9783656427025
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis29,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2012 im Fachbereich Englisch - Landeskunde, Note: 1,0, Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Englisches Seminar), Sprache: Deutsch, Abstract: 'The civil rights movement without its music would have been like a bird without its wings' (John Lewis, Kongressabgeordneter) Einfluss ist keine messbare Größe und deshalb schwer nachweisbar. Dennoch soll hier gezeigt werden, dass Musik die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung wesentlich gestärkt und gleichsam die Bewegung die Musik der Zeit maßgeblich geprägt hat. Da es ein schwerwiegender Fehler wäre, den Jahrhunderte währenden politischen Kampf der Afroamerikaner auf die 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts festzuschreiben, befasst sich die Arbeit eingangs mit dem historischen musikalischen Erbe. Dazu werden wichtige Entwicklungen in der spirituellen und säkularen Musik der Afroamerikaner nachgezeichnet, um nachzuvollziehen, welchen mittelbaren und unmittelbaren Einfluss frühere Musikformen auf die Musik der Bürgerrechtsbewegung hatten. Neben Formen und Musiktraditionen können auch individuelle Musiker politische Potentiale entfalten. Mit zunehmender Beliebtheit afroamerikanischer Musik seit Beginn des 20. Jahrhunderts gelangten einige schwarze Musiker zu großer Popularität. Im dritten Kapitel wird untersucht, inwieweit diese politisch aktiv wurden und ob und inwiefern sie Wegbereiter für die Bewegung waren. Abgesehen von afroamerikanischer Musik zählen folkloristische Protestsongs zum unverzichtbaren Soundtrack der Bürgerrechtsbewegung. Dieser Umstand ist vor allem auf die Arbeit Pete Seegers und des Highlander Centers um Guy Carawan zurückzuführen. Durch sie ist auch 'We Shall Overcome' in der Bewegung prominent geworden. Ihr Einfluss wird im vierten Kapitel erörtert. In den Jahren zwischen 1955 und 1967 erreicht die Bewegung eine Geschlossenheit und Komplexität, wie es sie bis dahin und seither nicht gegeben hat. Ferner werden die größten politischen Erfolge in dieser Zeit erwirkt. Auch wenn der Blick in dieser Arbeit auf das Musikschaffen vor und nach diesen ereignisreichen Jahren schweift, so wird es im Schwerpunkt um die Wechselwirkung von Musik und Bürgerrechtsbewegung in diesen Jahren gehen. Entsprechend werden im fünften Kapitel verschiedene Teilaspekte des musikalischen Protestes in den 60er Jahren ausführlich untersucht, unter anderem schwarze und weiße Musiker, sowie 'schwarze' Plattenfirmen und Musikrichtungen. Abschließend werden die Befunde abstrahiert und die wechselseitigen Einflüsse von Musik und Bewegung ausführlich dargestellt.

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Leseprobe

2. Historisches Erbe


 

Die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung entsteht nicht erst in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern hat eine Geschichte, die mit der beginnenden Sklaverei im frühen 17. Jahrhunderts ihren Anfang nimmt. Genauso verhält es sich mit Musik, die sich zwar immer verändert, dabei aber stets auch auf ihren Wurzeln aufbaut. Um im Verlauf dieser Arbeit Rückgriffe auf alte Stile und Formen aussagekräftig begründen zu können, soll in diesem Kapitel auf die Wurzeln afroamerikanischer Musiktradition eingegangen werden. Dazu werden die wichtigsten Stationen des Musikschaffens der Afroamerikaner seit ihrer Ankunft in Nordamerika als Sklaven dargestellt. Zusätzlich wird an gegebener Stelle auf das Erbe aus der afrikanischen Musik eingegangen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann diese Zusammenfassung nicht erheben, sie behandelt dennoch wichtige Genres exemplarisch und verweist auf weitere Formen. Dabei wird insgesamt darauf geachtet, diejenigen Strukturen zu thematisieren, die von den Musikern in den 1950er und 1960er Jahren wieder aufgegriffen und weiterentwickelt wurden.

 

2.1. Spirituelle Musik


 

1619 kamen die ersten afrikanischen Sklaven in der englischen Kolonie Virgina an. Es war für sie von Anfang an sehr schwierig, die reiche Kultur aus ihrer Heimat zu pflegen, geschweige denn weiterzugeben. Die Ursachen dafür sind zahlreich; zum einen gehörten die Sklaven vielen unterschiedlichen afrikanischen Stämmen an und teilten somit kein gemeinsames kulturelles Erbe, oft sprachen sie auch unterschiedliche Sprachen. Zum anderen wurde die übliche mündliche Überlieferungstradition dadurch unterbrochen, dass Familienmitglieder einzeln verkauft wurden und somit die Familienstrukturen auseinander brachen (Brunotte 4f.).

 

Von Anfang an entwickelt sich bei den Sklaven in Nordamerika eine neue und eigene Kultur. Diese wird zwangsläufig von den Entbehrungen ihres Lebensalltags und der Unterdrückung durch die Weißen und deren Kultur geprägt. So übernehmen die Schwarzen die Sprache und Religion der Kolonialherren. Die Kultur der Sklaven, die sich in dieser Zeit entwickelt, wird treffenderweise als ‚Überlebenskultur‘ bezeichnet, da in ihr alles Einzug fand, was das Leben oder Überleben in einer harten Realität vereinfachte oder erträglicher gestaltete. So ist es nicht verwunderlich, dass in dieser Kultur Religion und Musik von herausragender Bedeutung waren. Dies lag nicht zuletzt auch daran, dass die Sklaven von den Weißen zur Ausübung von Religion und Musikermutigt wurden, während für anderweitige kulturelle Aktivität kaum Raum gegeben war (Brunotte 5). Vor allem aber spendeten sowohl Religion, als auch Musik den Sklaven Hoffnung in schweren Zeiten. Außerdem konnten in ihnen Elemente afrikanischer Kultur aufgenommen werden, so unter anderem das Ekstatische in der Religion,sowie Rhythmik und Stilistik in der Musik. Infolgedessen entstand eine Musik die stärker am Afrikanischen orientiert war, als am Europäischen.

 

Festzuhalten ist, dass der Verlust großer Teile der afrikanischen Kultur der Heterogenität und Isolation der Sklaven geschuldetwar. So gingen auch die einzelnen von Stamm zu Stamm verschiedenen Lieder verloren, die zugrunde liegenden musikalischen Strukturen hingegen waren weitestgehend gleich und blieben erhalten. Typische Elemente sind unter anderem die Call and Response-Struktur, ein durchgehender synkopischer Rhythmus und die Betonung der 2. und 4. Zählzeit (Brunotte 12).

 

Andererseits war aber auch entscheidend, dass die Musik der Sklaven zahlreiche Elemente aus der europäischen Musikkultur aufgriff, was nicht zuletzt dazu führte, dass die Musik von den Weißen überhaupt akzeptiert und oft sogar gefördert wurde. Levine zieht diesbezüglich folgendes Fazit: ”A good deal of the integrity of the slaves own musical heritage could be retained while compatible elements of Euro-American music were fused to it. The result was a hybrid with strong African base” (1977: 24).

 

Interessant ist dabei, dass das Musikschaffen der Schwarzen durch die Weißen generell gefördert wird, gleichzeitig Trommeln – die neben dem Gesang als wichtigstes Element afrikanischer Musik gelten können – verboten wurden (Brunotte 12). Während Weiße also für gut hielten und förderten, was ihren Hörgewohnheiten entsprach, lehnten sie das Fremde ab. Genau daraus entwickelte die Musik der Sklaven eine ihrer späteren Besonderheiten, denn anstelle der Trommeln traten rhythmisches Stampfen und Klatschen.

 

Nimmt man die beiden tragenden kulturellen Säulen afroamerikanischer Kultur während der Sklavenzeit, Religion und Musik, ist es naheliegend, dass spirituelle Musik unter den Sklaven weitverbreitet war. Inspiriert durch die Kirchen- und Volkslieder der Weißen, bereichert mit afrikanischen melodischen und rhythmischen Gestaltungsmerkmalen,entstand die Musikform des Negro Spiritual. Insgesamt ist es aufgrund der schlechten Quellenlage allerdings schwierig genaue Grenzen zwischen weißen und schwarzen Spirituals aus der Zeit zu ziehen, auch wie sie sich gegenseitig beeinflusst haben, lässt sich nur schwer bestimmen (Levine 1977: 59).

 

Die Negro Spirituals waren bestimmt vom Call and Response-Muster und wurden anfangs einstimmig gesungen. Später wurden sie durch polyrhythmische Begleitung mit Instrumenten, Fußstampfen, Klatschen und Fingerschnippen bereichert (Brunotte 13).Außerdem griffen sie teils auf einen Tonvorrat zurück, den die europäische Musik nicht kannte, sogenannte Blue Notes[1]. Entscheidend für die Negro Spirituals ist, dass sie aus der Improvisation heraus entstehen und in der Regel ausschließlich mündlich weitergegeben werden.

 

Die Texte beschäftigten sich vor allem mit Themen aus dem Alten Testament, so behandelten sie Geschichten über Helden oder von der Befreiung des Volkes Israel aus Ägypten beziehungsweise der Leidensgeschichte des israelischen Volkes (Brunotte 13). In diesen Themen und Liedern konnten die Sklaven metaphorisch ihre Lebensumstände beklagen, was W.E.B. DuBois dazu veranlasste, sie als „sorrow songs“ zu bezeichnen. In Spirituals wie „Nobody Knows the Trouble I’ve Seen“ kommt dieser Charakter deutlich zum Ausdruck. Andererseits gab es auch zahlreiche Spirituals wie „Little David Play on your Harp“ oder „When the Saints Go Marchin‘ In“, die die Erwartungshaltung einer besseren Zukunft zum Ausdruck brachten. Deshalb nimmt Floyd (41) eine Unterscheidung zwischen sorrow songs und jubilees vor und betont, dass Negro Spirituals,neben Trauer und Unzufriedenheit über die gegebenen Lebensumstände, auch Hoffnung auf Freiheit und Besserung besingen, die ihre thematische Analogie in der biblischen Befreiung Israels findet.

 

Insgesamt kann man den Negro Spirituals eine stark kollektivierende Kraft zuschreiben, da die afroamerikanischen Sklaven in ihnen gemeinsam ihr Leiden und ihre Hoffnungen ausdrücken. In den Spirituals spiegelt sich die Hoffnung auf Veränderung im Diesseits wider, anders als im Gospel, der aus ihnen hervorgeht und zur bestimmenden schwarzen, spirituellen Musikform in der Post-Bellum-Ära wird.

 

Der Entstehung des Gospels gehen Veränderungen in der Lebenserfahrung der Sklaven voraus. Im 18. Jahrhundert setzt in Europa die Aufklärung ein, deren humanistische Gedanken mit der Institution der Sklaverei nicht in Einklang zu bringen sind, da diese eine klare Menschenrechtsverletzung darstellt. In Nordamerika gipfeln die Ideen der Aufklärung im Unabhängigkeitskrieg und der in seiner Folge verfassten Unabhängigkeitserklärung sowie der Verfassung der Vereinigten Staaten. Beide Dokumente haben bis heute eine große Bedeutung für die nationale Identität der US-Amerikaner. Das klare Bekenntnis zu Menschenrechten in ihnen kann also ebenso wie die Gründung pro-schwarzer Lobbygruppen als Beleg für eine veränderte Einstellung zu dieser Zeit gesehen werden. Zudem wurden die Armeen auf beiden Seiten aus militärischen Gründen für Schwarze geöffnet, denen im Gegenzug die Freiheit angeboten wurde.All das führte dazu, dass sich die rechtliche Stellung der schwarzen Bevölkerung in kurzer Zeit stark verbesserte.Doch die Verfassung selbst spiegelteschon den schwachen Versuch eines Kompromisses zwischen den pro Sklaverei eingestellten Südstaaten und den egalitäreren Nordstaaten wider. Dieser ungelöste Interessenkonflikt führte ein knappes Jahrhundert später zum Amerikanischen Bürgerkrieg. Durch den Sieg der Nordstaaten kam es zum Inkrafttreten des 13. Verfassungszusatzes und somit zum Ende der Sklaverei. De jure waren die Schwarzen somit gleichgestellt, de facto wurden ihre Rechte in den kommenden Jahren aber unter anderem durch literacy tests, den grandfather clause und den seperate but equal-Grundsatz immer weiter beschnitten. Die stärkere Diskriminierung in den ländlichen Gegenden – vor allem im Süden – führte zu einer Landflucht und hatte die Entstehung von Ghettos in den Großstädtenzur Folge (Brunotte 6f.). Die Bedeutung der Ghettos für die afroamerikanische Kultur und somit ihre Musik, wird im Verlauf der Arbeit noch ausführlicher thematisiert werden.

 

Entscheidend für ihre spirituelle Musik ist die Tatsache, dass die Hoffnungen der schwarzen Bevölkerung nach über zwei Jahrhunderten,trotzkurzfristiger Erfolge, durch ständige Rückschläge enttäuscht...

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