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Die Welt der Kinder im Wandel der Zeit

AutorAnonym
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl90 Seiten
ISBN9783640366927
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Facharbeit (Schule) aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Soziologie - Kinder und Jugend, Note: 15, , Sprache: Deutsch, Abstract: Das Erscheinen von 'L'enfant et la vie familiale sous l'ancien régime' von Philippe Ariès um 1960 hat die eigentliche Erforschung der Geschichte der Kindheit in Gang gebracht. Ziel dieser Seminarkursarbeit ist, einen kleinen Einblick in die Ergebnisse dieser neueren Forschung zu bieten. Dabei beschränke ich mich auf den Raum Europa. Der Schwerpunkt liegt auf dem Zeitraum zwischen dem Spätmittelalter und der voranschreitenden Industrialisierung, wobei zur besseren Veranschaulichung auch die Antike und die heutige Zeit angesprochen werden. Wenn man von Kindheit spricht, so muss man zwischen 'Kindheitsbild' und 'Kinderleben' unterscheiden. Das 'Kindheitsbild' ist das Bild, das sich eine Gesellschaft von Kindheit macht und das ihre Einstellung und ihr Verhalten gegenüber Kindern maßgeblich beeinflusst. 'Kinderleben' beschreibt hingegen die erlebte Wirklichkeit von Kindern. In diesem Rahmen werde ich folgende Fragen zu klären versuchen: Wie haben Menschen im Laufe der Zeit Kinder wahrgenommen und welche Impulse haben zur Veränderung ihres 'Kindheitsbildes' beigetragen? Gab es schon immer eine Idee von Kindheit, wie wir sie heute haben, und wenn nicht, wie ist sie entstanden? Wie verhielten sich Eltern und Erwachsene gegenüber Kindern und wie hat sich ihr Verhalten geändert? Wie sah das Leben von Kindern konkret aus? Und schließlich die Frage, wie Kinder erzogen wurden und wie sich das Bildungswesen entwickelt hat. Dabei ist das Thema der Geschichte der Kindheit oft eine Sache der Interpretation und sehr subjektiv. Hinzu kommt, dass die Forschung zu diesem Thema noch nicht abgeschlossen ist. Die zu klärenden Fragen werden in drei Hauptkapiteln 'Kinder im Blick der Gesellschaft', 'Kinderleben' und 'Erziehung' behandelt, wobei Überschneidungen aufgrund der Komplexität des Themas möglich sind. In jedem Unterkapitel bemühe ich mich darum, jeden Aspekt chronologisch darzustellen. [...]

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Leseprobe

 

2. Kinder im Blick der Gesellschaft


 


2.1. Kindesalter


 

Nach allgemeiner Auffassung im Mittelalter war mit dem Erreichen des siebten Lebensjahres die erste Phase der Kindheit (infantia – nicht reden könnend), während der die Kinder hilflos und von den Erwachsenen vollkommen abhängig sind,[3] und damit wahrscheinlich auch die eigentliche Kindheit zu Ende. „Charakterisiert wird die Kindheit durch mangelndes Sprachvermögen, bedingt durch die nicht abgeschlossene Zahnentwicklung.“[4] Danach wurde das Kind ins Stadium der Erziehung entweder an Schule, Lehrer oder in einen anderen Bereich außerhalb der Familie übergeben oder aber bereits ins Arbeitsleben der Erwachsenenwelt integriert. Dieser frühe Einstieg in die Arbeitswelt ist jedoch nicht als Ausbeutung zu werten, [5] sondern bedeutete den Eintritt „in die große Gemeinschaft der Menschen“.[6] Hier „mischten die Kinder sich unter die Erwachsenen [und erwarben] durch den alltäglichen Kontakt mit den Großen [...] die nötigen Lebenserfahrungen“.[7] Dem römischen Recht und dem Schwabenspiegel (einem der deutschen Rechtsbücher des Mittelalters) zufolge gelten Kinder unter sieben Jahren als strafunmündig und sind im Fall von Straffälligkeit vor Strafe geschützt. Demnach versuchte die Gesetzgebung, dem Kind in der Frage der Verantwortlichkeit gerecht zu werden.[8]

 

Die zweite Kindheitsphase (pueritia – von puritas="Reinheit" abgeleitet[9]), die mit der Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, sprechen und Entscheidungen treffen zu können, im Alter von sieben Jahren eintrat, war bei Mädchen mit dem Erreichen des 12. und bei Knaben des 14. Lebensjahres, also mit dem Eintreten der Pubertät und der Erlangung der Zeugungsfähigkeit zu Ende. In diesem zweiten Lebensabschnitt konnte das Kind bereits verlobt werden. Manche Theologen des Mittelalters waren der Ansicht, dass die Neigung, zu sündigen, in diesem Alter steige und Kinder deswegen schon zur Beichte gehen und Buße tun sollten.[10]

 

Nach der pueritia setzte die dritte Entwicklungsphase (adolescentia) ein, die der Jugendzeit entsprechen würde. Die Volljährigkeit als deren Ende wurde sehr uneindeutig angesiedelt. Jugendliche waren ab nun an ehemündig, konnten als Zeugen vor Gericht aussagen und selbst als Angeklagte das volle Strafmaß erwarten. Das Alter, ab dem man wirtschaftlich unabhängig wurde, frei über sein Erbe verfügen oder ein öffentliches Amt bekleiden konnte, schwankte von Gegend zu Gegend.[11]

 

Während ein Enzyklopädielemma von 1721 das Kind bloß als neugeborenen Menschen betrachtet, sieht ein anderes von 1737 das Kind als „einen Menschen mit noch unvollkommen ausgebildeten Kräften,“ was Kinder von Erwachsenen rechtlich trennt und „zum Ausgangspunkt für das erzieherische Einwirken auf das Kind wird.“[12] Die Fähigkeiten des Kindes, das noch „unvermögend [ist], zu denken und zu urteilen“, entwickeln sich allmählich. „Kindheit wird mit dem Rückgriff auf die Bezeichnung Infans als Lebensalter, in dem ein Mensch dem Unsinnigen nahe kommt verglichen, sie wird in diesem Sinn bloss als Transitorium verstanden.“[13] Der Mangel an seelischen und körperlichen Kräften wird in den genannten Stellen negativ gewertet, bekommt in einer anderen Enzyklopädie aus dem Jahre 1786 jedoch eine andere Dimension: Die Natur des Kindes zeichnet sich in einer „Gemütsruhe, [...] Zufriedenheit und [...] Unschuld der Seele“ aus, ihr „Verderben [ist] durch den Lauf der Natur – durch das Älterwerden – bereits vorgegeben“.[14] Zudem kristallisiert sich zunehmend ein anderer, medizinischer Blick auf Kindheit aus, der das Besondere des Kindes hervorhebt: „Das Kind ist anders als der Erwachsene, es ist eine besonders reizbare Menschenmaschine, die entsprechender Einwirkung bedarf.“[15] Während im Mittelalter das Kind vorwiegend über seine Rechte und Pflichten definiert wurde, der Begriff „Kind“ gar bloß als Abhängigkeitsverhältnis zu verstehen war, versuchte man nun verstärkt seine Psychologie zu ergründen.

 

Heute tendiert man dazu, Kinder als „Personen aus eigenem Recht“[16] anzusehen, und betrachtet die Entwicklungsstadien wesentlich differenzierter, als dies in den vorhergehenden Jahrhunderten geschehen ist. So hat man z. B. Aspekte der Entwicklung von sozialen Beziehungen und der Persönlichkeitsbildung im Blick.[17] Auch ist man sich der Empfindlichkeit von Kindern bewusst und weiß, dass sie nicht jedes Erlebnis psychisch verarbeiten können. Man hat auch erkannt, dass Kindheit mehr ein „kultureller, sozialer, denn ein biologischer Begriff“ und somit zeitlich und räumlich variabel ist.[18] Die vorangegangene Entwicklung des Kindheitsbildes ist demnach nicht zu übersehen und soll im Folgenden vorgezeigt werden.

 

2.2. Kindheitsbild


 


2.2.1. Das Bild des Kindes in der Kunst


 

Zu jeder Zeit befand man es für äußerst wichtig, Säuglinge und heranwachsende Kinder ordnungsgemäß zu pflegen und zu erziehen, was die zahlreichen Traktate aus vielen Jahrhunderten beweisen. Jedoch scheint das eigentliche Interesse am Kind mit dem Ausklingen der Antike verschwunden zu sein, weil gleichzeitig das realistische, kindheitsgetreue Bild des Kindes, welches die Griechen „in Anatomie und Ausdruck meisterhaft zu verdeutlichen“[19] vermochten, aus der Kunst verschwunden ist. (S. Abb. 1 im Anhang.) Was übrig blieb, war eine aus Byzanz übernommene Bildform, die „hieratisch streng [und] von statuarischer Starrheit“ war und das Lineare „in einem neutralen Raum“ betonte.[20] In dieser ungehobelten Darstellungsform waren Kinder nur durch ihre Größe von Erwachsenen zu unterscheiden. (S. Abb. 2 im Anhang.) Man schien sich nicht die Mühe zu machen, ihnen kindestypische Formen zu verleihen. So besitzt in einer Darstellung um 1200 der kürzlich geborene Ismael bereits die Bauch- und Brustmuskulatur eines Mannes.[21] In epischen Dichtungen des 12. Jahrhunderts (=Jh.s) ist die Schilderung der Kindheit durch Handlungen gekennzeichnet, die den künftigen Helden erkennen lassen. „In der höfischen Epik sprechen und handeln Kinder wie Erwachsene.“[22] Der deutschen Dichtung des 12. und 13. Jh.s ist „eine kindgemäße, das heißt dem Wesen des Kindes gerecht werdende Erziehung“ fremd. „Ihr ist das Kind unvollkommen, nur Vorbereitung auf das Erwachsenenleben.“[23] Dass man so sehr davon besessen war, im Kind den künftigen Erwachsenen zu sehen, „legt den Gedanken nahe, daß die Kindheit nicht nur in der ästhetischen Darstellung, sondern auch in der Lebenswirklichkeit nur eine Übergangszeit war.“[24] „Wie die griechische Antike schätzt das Mittelalter, zumindest in den pädagogisch und theologisch ausgerichteten Traktaten, das Kind mehr im Hinblick darauf, was aus ihm werden soll, ist mehr am vollendeten als am unvollkommenen Menschen interessiert.“[25]  Das Kind war in der damaligen Vorstellung eine tabula rasa, vergleichbar mit einem Stück Wachs, und sollte durch Erziehungsprozesse in eine vollkommene Form gebracht werden.[26] Denn es war von „Schwäche, Unreife, Unvernunft, Hilflosigkeit, Anfälligkeit, Unvollkommenheit“ gekennzeichnet. Die Vorstellung, „die Kindheit selbst [sei] Krankheit“ und solle pädagogisch und ärztlich überwunden werden, dominierte von der Antike bis zur Aufklärung.[27] Während im Frühmittelalter allerdings das Bild des Kindes überhaupt verschwunden zu sein scheint, nahm im Hochmittelalter das Kind in der geistlichen Kunst wieder Gestalt an, zunächst zusammen mit Jungfrau Maria als Jesuskind, welches noch erwachsene Körperproportionen und Züge trug. Jedoch darf man daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen und der mittelalterlichen Gesellschaft deswegen unterstellen, sie hätte in Kindern kleine Erwachsene gesehen. Denn die damalige Kunst beabsichtigte nicht, ein reales Abbild des Jesuskindes zu schaffen, sondern vor allem das Göttliche, das Jesus schon im Kindesalter innewohnte, hervorzuheben.[28] Ähnlich verhielt es sich in den wohlhabenden Schichten: Kinder wurden mit erwachsenen Attributen versehen porträtiert, jedoch diente dies vor allem zu Repräsentationszwecken. Mit der Auflösung der absolutistischen Gesellschaft nach der Aufklärung und der französischen Revolution war ein veränderter, das Individuelle und Kindliche hervorhebender Blick auf das Kind im künslerischen Bild möglich.[29] (S. Abb. 12 und 13 im Anhang.) Vorerst wird um 1200 „eine neue Einschätzung und Hinwendung zum Kind erkennbar“[30]: Die Darstellung der Mutter-Kind-Beziehung wurde inniger und die Jesu deutlich kindgemäßer. Im 12. Jh. fingen gleichzeitig auch die geistliche Literatur und die romanische Wandmalerei an, sich mit der Persönlichkeit des Kindes in Gestalt Jesu zu beschäftigen. Seit dem Ende des 14. Jh.s erfreut sich das Motiv der „,Madonna lactans‘, der dem Kind die Brust reichenden Muttergottes“[31] großer Beliebtheit. „Die religiöse Ikonographie spiegelte die idealtypische Vorstellung der...

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