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Die Welt des konservativen Katholizismus - am Beispiel Joseph Ratzingers

Sind Glaube und Vernunft wirklich vereinbar?

AutorBernd Galeski
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783828861466
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Ein Leben ohne Gott führt zu nichts - jedenfalls zu nichts Gutem. Wenn Sie nicht glauben, sind Sie fast schon kriminell. Und ohne Gott verliert sich die Menschheit in Chaos, Anarchie und Gesetzlosigkeit. Solche und ähnlich verstörende Thesen werden heute immer noch von konservativ-katholischer Seite vertreten. Joseph Ratzinger, Papst im Ruhestand und bedeutender katholischer Theologe, ist ein Hauptexponent dieser weltfremden und selbst auf viele Katholiken antiquiert wirkenden Denkrichtung. Bernd Galeski folgt in seinem Buch den Spuren dieses stark ideologisch geprägten Denkens und legt die Wurzeln einer Weltsicht frei, die von Ratzinger und anderen ernsthaft als Heilmittel für eine bessere Welt verkauft wird. Dabei untersucht er die Frage, wieso Ratzinger und andere in ihrem Denken fehlgehen und warum deren Weltsicht in ihrem Kern unvernünftig ist.

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Leseprobe

Atheistisch-marxistische Heilslehre und ihre unausweichlichen Schrecknisse

Gleich die einleitenden Sätze aus dem Vorwort zur Neuausgabe 2000 verraten Ratzingers auf den Glauben als Grundlage und Lösung der Weltprobleme ausgerichtetes Denken. Dazu malt er ein düsteres Bild der Welt der 68er Jahre des 20. Jahrhunderts, in denen enttäuschte junge Leute die Ketten der Altlast ihrer Eltern zu sprengen suchten. In ihrem Bemühen, es besser zu machen und Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit herzustellen, haben sie sich an den Schriften von Marx als Richtschnur für gesellschaftliches Miteinander orientiert. Als aber 1989 die sozialistischen Systeme in ihrem Anspruch, der Menschheit das Heil zu bringen, gescheitert waren, haben sie „ein trauriges Erbe zerstörter Erde und zerstörter Seelen“ hinterlassen (S. 9). Wer nun die Stunde des Christentums als Alternative gekommen sah, habe sich getäuscht gesehen. Der Marxismus habe als die einzige ethisch motivierte und dem wissenschaftlichen Weltbild gemäße Wegweisung in die Zukunft dagestanden. Deshalb habe er nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme auch nicht abgedankt, obwohl es dazu allen Grund gegeben hätte.

Schließlich müsse man die „Schrecknisse kommunistischer Gulags“ oder Pol Pots mörderisches Regime mit erwähnen, aber das sei nicht geschehen, weil „eine Art Scham“ es verbiete (S. 10). Die Generation der 68er habe sich von diesen Entwicklungen enttäuscht gezeigt, und daher traue man großen moralischen Verheißungen nicht mehr. Der Marxismus habe sich aber als eine solche Heilslehre verstanden, wollte Gerechtigkeit für alle, Frieden und die Abschaffung ungerechter Herrschaftsverhältnisse. Dazu habe man sich jedoch der ethischen Grundlagen wenigstens zeitweise entledigt und durch Terror die hehren Ziele durchsetzen wollen. Dies habe am Ende dieses ‚Menschheitsversuchs‘ (meine Wortwahl) „Trümmerfelder der Menschlichkeit“ hinterlassen (S. 10). Seither habe man sich aufs „Pragmatische“ verlegt oder man bekenne sich ganz „unverhüllt zur Verachtung des Ethischen“ (S. 10). Dazu zieht Ratzinger Kolumbien als Beispiel dafür heran, wie aus einer anfänglich marxistischen Befreiungsbewegung der Bauern und „von den großen Kapitalien Getretenen“, am Ende „eine der staatlichen Macht entzogene Rebellenrepublik“ geworden sei. Sie lebe ganz offen vom Drogenhandel und suche dafür auch „keine moralischen Rechtfertigungen mehr“, denn schließlich befriedige sie damit die Nachfrage reicher Länder und gebe den Armen die Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen, denn diese haben ja in der großen Weltwirtschaftsordnung keinen Platz (S. 10).

Es fällt auf, wie sehr Ratzinger auf die marxistische Ideologie Bezug nimmt und ihre Verirrungen und Verbrechen akribisch nachzeichnet. Wir werden uns eingehender damit beschäftigen, wenn er im Verlauf seiner Erörterungen erneut darauf zu sprechen kommt. Dann wird auch ein Wort über das besondere Verhältnis seiner Kirche zu dieser Konkurrentin in Sachen Menschheitsbeglückung zu verlieren sein.

Die düstere Zustandsbeschreibung einer gottlosen (= marxistischen) Welt scheint für Ratzinger der unausweichliche Verlauf einer Menschheit zu sein, die, weil ihr die Rückbesinnung auf eine übergeordnete Moralinstanz abhanden gekommen sei, am Ende nur einen zerstörerischen Weg ins Verderben und der Auslöschung von Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden gehen könne; so scheint es bereits hier zwischen den Zeilen hindurch.

„Muss in einer solchen Situation der Ratlosigkeit das Christentum nicht … versuchen, seine Stimme wiederzufinden, um das neue Jahrtausend in seine Botschaft ‚einzuführen‘, sie als eine gemeinsame Wegweisung in die Zukunft verständlich zu machen? Wo war die Stimme des christlichen Glaubens in dieser Zeit?“, so fragt er und bemerkt ganz zutreffend, dass die Religion im 19. Jahrhundert in den Bereich des Subjektiven, Privaten verdrängt worden war. Dort sei ihr Ort und weil sie dem Bereich des Subjektiven zuzuordnen sei, dürfe sie für den Gang der Geschichte und die darin zu fällenden Entscheidungen nicht länger mitbestimmend sein (S. 10-11).

Zu Recht, wie ich meine. Denn in den Jahrhunderten zuvor hatte sich die Religion in alles eingeschaltet, was den Menschen ausmacht, hatte alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens, ja selbst intime Bereiche unterhalb der Bettdecke und innerhalb des Kopfes reguliert. Überreste solcher Bevormundung finden sich noch heute im kirchlichen Arbeitsrecht, in dem geregelt ist, dass Ehescheidung und Glaubensleugnung ein Grund für verwehrte Beschäftigung und für die Kündigung von Arbeitsverträgen sein kann. Und ganz aktuell hören wir aus Spanien, dass die amtierende Regierung das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper zurücknimmt. Darin folgen die katholisch-konservativen Politiker den Vorstellungen, die jüngst erst durch den neuen Papst, Franziskus, als katholisches Dogma bestätigt worden waren. (Wir werden uns noch mit der Problematik zu beschäftigen haben, die entsteht, wenn jenseitige Vorstellungen Gesetzeskraft erlangen.) Auch muss wenigstens ein Mal erwähnt werden, dass die letzten Hexenverbrennungen nicht im finsteren Mittelalter geschahen, sondern unrühmlicherweise im bereits aufgeklärten 18. Jahrhundert: So wurden erst 1736 in Schottland die Gesetze gegen das Verbrechen der Hexerei in aller Form aufgehoben. 1745 gab es die letzte Hexenhinrichtung in Frankreich. 1775 wurde letztmalig in Deutschland eine Hexe zum Tod verurteilt. Im Stift Kempten (Allgäu) war Maria Anna Schwegelin wegen erwiesener Teufelsbuhlschaft angeklagt und für schuldig befunden worden. Zwar wurde das Todesurteil nicht vollstreckt, dafür aber starb sie 1781 in einem Zuchthaus in Kempten. Und schließlich wurde im Jahre 1782[!] im Kanton Glarus (Schweiz) die letzte Hexe auf europäischen Boden verbrannt.3

Zudem war im 19. Jahrhundert eine philosophische, bibelkritische Disziplin aufgekommen, die sich der historischen Zuverlässigkeit und dem Wesen besonders des Neuen Testaments (NT) zuwandte. Dabei tauchten erhebliche, gut begründete Zweifel sowohl an der Echtheit sogenannter Apostelbriefe als auch an ihrer Datierung und historischen Verankerung im 1. nachchristlichen Jahrhundert auf. Man nahm die Texte der Bibel ernst, glich sie mit den mehr und mehr mit wissenschaftlichen Methoden erarbeiteten Erkenntnissen der Moderne ab und stellte fest, dass sie nicht überein zu bringen waren, ohne einer der beiden Ebenen des Erkenntnisgewinns Gewalt anzutun. Berühmte Philosophen dieser erkenntnisgeleiteten Betrachtung der Welt und besonders des Christentums sind Ludwig Feuerbach und Friedrich Nietzsche.

Wie Ratzinger bei diesem Sachverhalt ernsthaft die Frage stellen kann, ob das Christentum nicht wieder “seine Stimme wiederzufinden“ versuchen sollte, “um das neue Jahrtausend in seine Botschaft ‚einzuführen’ und sie als “eine gemeinsame Wegweisung in die Zukunft“ anzubieten, kann man nur nachvollziehen, wenn man seine antiquierte Art des Denkens kennen gelernt hat. In diesem Denken scheint es die selbstkritische Betrachtung des eigenen Weltbildes und seiner offensichtlichen Defizite nicht zu geben. Ratzinger klammert die unzweifelhaft düsteren Seiten und das Machtgebaren seiner katholischen Kirche komplett aus. So zutreffend er die verheerenden Wirkungen einer als Heilslehre daherkommenden Zwangsbeglückung der Menschheit im Marxismus beschreibt, so wortkarg wird er in Bezug auf die Schattenseiten der Geschichte und des Werdegangs der katholischen Kirche im Lauf der Jahrhunderte. Aber wer sich der Vergangenheit der eigenen Gemeinschaft in ihrer Ganzheit nicht stellt, ist, wie Ratzinger es uns exemplarisch vorführt, dazu verurteilt, sich darüber verwundert die Augen zu reiben, dass man sie „ins Ghetto des 19. Jahrhunderts verdrängt“ hatte (S. 11). Und wer nicht sieht, dass menschliches Zusammenleben sehr wohl gelingen kann, wenn man Religion in den Bereich des Privaten drängt und sie als für kluges Regierungshandeln nicht notwendig beiseite lässt, zeigt, dass er die Welt ohne Gott zu denken nicht imstande ist. Dies gelingt Ratzinger nicht und daher räsoniert er weiter über den, seiner Meinung nach, beklagenswerten Zustand der an den Rand gedrängten Rolle des Christentums in der modernen, zunehmend säkularen Welt.

Dazu berichtet er über die Zielsetzung des II. Vatikanischen Konzils, wozu u. a. gehörte, „dem Christentum wieder geschichtsbildende Kraft“ zu verleihen. Der Glaube der Christen umfasse schließlich das ganze Leben, er stehe „mitten in der Geschichte und … der Zeit“ und sei „über den Bereich subjektiver Vorstellungen hinaus belangvoll“ (S. 11). Die Idee einer “Verschmelzung“ von christlichem Impuls und weltlich politischem Handeln“ sei besonders in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie sichtbar geworden (S. 12). Zwar habe diese mit dem Bild Jesu als “Verkörperung aller Leidenden und Unterdrückten“ und als ... Stimme des Umbruchs und der Veränderung (S. 14), in den politischen Diskurs und auch in die Liturgie „viele bedenkenswerte Einsichten“ eingebracht. Als aber „der Glaube an Politik als Heilsmacht zusammenbrach“, verlor die „Synthese des Christlichen mit der Welt“ an Bedeutung. „Das eigentliche und tiefste Problem der Befreiungstheologien“ sei der faktische „Ausfall des Gottesgedankens. Gott wurde nun für die ‚Realität’, der man sich zuwenden musste, nicht gebraucht. Er war funktionslos“, so stellt Ratzinger wehmütig fest. Das christliche Bewusstsein habe sich damit abgefunden, dass der Glaube an Gott etwas Subjektives sei, das in den Bereich des Privaten gehört und nicht in die gemeinsamen...

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