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Dissoziative Identitätsstörung - Eine Überlebensstrategie

Eine Überlebensstrategie

AutorKatja Macheleidt
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl93 Seiten
ISBN9783638489805
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Sozialpädagogik / Sozialarbeit, Note: 1,3, Fachhochschule Erfurt, 42 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Seit Anfang der 90er Jahre findet die dissoziative Identitätsstörung in Deutschland zunehmend Interesse in der Öffentlichkeit. Dies hängt vermutlich auch damit zusammen, dass die Medien häufiger darüber berichten, da die Symptome sonderbar und gelegentlich bizarr scheinen. Die dissoziative Identitätsstörung ist eine der ungewöhnlichsten psychischen Zustände, die in der Psychologie bekannt sind. Das Vorhandensein scheinbar separater und unabhängiger Persönlichkeiten, die abwechselnd das Verhalten eines Menschen bestimmen, ruft einerseits Faszination, andererseits Protest und Unglauben hervor. Das Existieren einer solchen Entität stellt grundsätzliche Theorien des modernen Menschenbildes - die Vorstellung einer einheitlichen, in sich geschlossenen Persönlichkeit sowie die einer zentralen Struktur des Bewusstseins - in Frage. Somit stellt die dissoziative Identitätsstörung nicht nur für die Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, sondern auch für die Philosophie und einige Bereiche der Sozialarbeit im Hinblick auf die Natur des Menschen eine besondere Herausforderung dar. Menschen, die an einer dissoziativen Identitätsstörung leiden, wurden bereits in frühester Kindheit sexuellem und/oder körperlichem und/oder emotionalem Missbrauch in einem unvorstellbaren Maß ausgesetzt. Kinder, die sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder misshandelt werden, erleiden extreme Qualen und werden gezwungen ihre Körpergrenzen aufzugeben. Um das psychische Überleben zu sichern, ist es für die Kinder die meist einzige Möglichkeit, sich während der Missbrauchssituation mittels Dissoziation von ihrem Körper zu trennen, um die angstauslösenden und schmerzhaften Reize abzuwehren. Momentan gibt es immer noch nicht ausreichend professionelle Hilfen für die Betroffenen. Dies liegt unter anderem daran, dass einerseits in der Wissenschaft und Öffentlichkeit noch sehr wenig Wissen über dieses Störungsbild vorhanden ist, andererseits den Betroffenen aufgrund der extremen Lebensgeschichten oft nicht geglaubt wird. Selbst in der Fachwelt wird die Diagnose der Dissoziativen Identitätsstörung vielfach kritisch und teilweise auch sehr emotional diskutiert.

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Leseprobe

2 Dissoziation


 

Nach Fiedler (2001, S. 55) kann die Dissoziation als eine strukturierte Separation mentaler Prozesse (von Gedanken, Bedeutungen, Erinnerungen oder der Identität) gesehen werden, die bis dahin in die ganzheitliche Wahrnehmung integriert waren.

 

Im weitesten Sinne kann Dissoziation so verstanden werden, dass zwei oder mehr zusammengehörige Denkprozesse oder Verhaltensabläufe in Einzelheiten zerfallen, also nicht miteinander assoziiert werden, obwohl diese Teilbereiche normalerweise in das Bewusstsein, Gedächtnis oder Selbstbild integriert sind. Von einer Dissoziation können Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Bewegungsabläufe, Handlungsimpulse oder Körperempfindungen betroffen sein (ebd., S. 55f).

 

Putnam (2003, S. 21) sieht das Interesse an der psychopathologischen Rolle der Dissoziation bei zahlreichen psychiatrischen Störungen als neu erwacht. Dies lässt sich mit der zunehmenden Häufigkeit der Diagnose DIS, dem Interesse an der posttraumatischen Belastungsreaktion und der öffentlichen Aufmerksamkeit in Bezug auf Kindesmissbrauch begründen (Temminghoff 1999, S. 30). Demzufolge wurden eine Anzahl spezifischer dissoziativer Störungen identifiziert und entsprechende Diagnosekriterien festgelegt. Des Weiteren ist der Anteil des dissoziativen Prozesses an anderen Störungen, wie z.B. Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen, erforscht worden (Putnam 2003, S. 21).

 

Im Zuge dieses neu erwachten Interesses wurde auch erkannt, dass dissoziative Störungen nicht nur als akute, zeitlich beschränkte Reaktionen, die einem traumatischen Ereignis unmittelbar folgen, verstanden werden können. So kann es auch eine chronisch  dissoziative Pathologie geben, entweder als primäre Störung (wie bei der dissoziativen Identitätsstörung) oder als einen im Zusammenhang mit anderen Störungen auftretenden bedeutenden pathophysiologischen Prozess (wie bei der posttraumatischen Belastungsstörung) (ebd., S. 21).

 

Weiterhin sieht Putnam (2003, S. 29) Dissoziation als einen normalen Prozess, „der von den Menschen zunächst defensiv benutzt wird, um mit traumatischen Erfahrungen fertig zu werden, und der sich erst im Laufe der Zeit zu einem dysfunktionalen oder pathologischen Prozess entwickelt“.

 

Es ist bekannt, dass die Dissoziationsfähigkeit bei Kindern besonders ausgeprägt ist und mit zunehmendem Alter nachlässt. Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Dissoziation lassen sich dagegen nicht nachweisen (ebd., S. 76).

 

Dissoziative Phänomene können auf einem Kontinuum von flüchtigen Alltagserfahrungen über manifeste Symptome bis hin zu schweren psychischen Störungen angeordnet werden. Zur „Normalität“ gehören alltägliche Erfahrungen, wie z.B. das Versinken in Büchern oder Filmen, die Unaufmerksamkeit bei Gesprächen oder beim Auto fahren (Fiedler 2001, S.60f). Auch manifeste dissoziative Phänomene sind relativ häufig. Sie kommen vor allem in belastenden Lebenssituationen vor. So kann es bei Überarbeitungs- und Erschöpfungssituationen ebenso wie bei traumatischen Erlebnissen (z.B. schwerer Verkehrsunfall, Tod eines nahe stehenden Menschen) zu Gefühlen von Entfremdung von sich selbst oder der Umgebung kommen (Gast 2002, S. 6). Diese Fähigkeit zu dissoziieren besitzt jeder Mensch und sie wird auch von jedem Menschen genutzt (Huber 2002, S. 35f).

 

Auf die dissoziativen Phänomene im pathologischen Bereich wird im Kapitel 2.3 näher eingegangen.

 

2.1 Die Geschichte der Dissoziation

 

Pierre Janet[3] wird als der erste unter allen Medizinern und Wissenschaftlern gesehen, der sich mit der Dissoziation beschäftigt hat. Er interessierte sich sehr für die Ideen von Jean-Martin Charcot, welcher damals versuchte die Hypnose wieder als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen zu legitimieren. Als Janet 1883 in Le Havre Patienten für seine Dissertation suchte, wurde er von einem ansässigen Arzt mit Léonie bekannt gemacht. Janet führte mit Léonie verschiedene Experimente durch, welche er in einem Aufsatz beschrieb. Diese entfachten das Interesse von anderen berühmten Medizinern und Wissenschaftlern jener Zeit. Sie suchten Janet auf, um Léonie persönlich zu untersuchen und bestätigten Janets Ergebnisse. 1889  kehrte Janet nach Paris zurück und begann Medizin zu studieren. Währenddessen arbeitete er an Studien über Patienten, welche unter Amnesie, Fugue, sukzessiven Existenzen (Alter-Persönlichkeiten) und Konversionssymptomen litten. Janet ging davon aus, dass diese Symptome der Existenz von abgespaltenen Teilen der Persönlichkeit zuzuschreiben seien, welche unabhängig leben und sich entwickeln können. Des Weiteren fand er heraus, dass traumatische Ereignisse der Ursprung dieser dissoziativen Elemente waren, auf denen die Symptome oder Verhaltensweisen der Patienten basierten. Diese konnten behandelt werden, indem die abgespaltenen Erinnerungen und Affekte wieder bewusst gemacht und im weiteren Verlauf der Therapie transformiert wurden (Ellenberger 1996, S. 456ff).

 

In den USA interessierte sich u.a. Morton Prince für Janets Konzept der Dissoziation. Er machte es zur Grundlage seiner eigenen Hypothesen über Dissoziation. Princes Arbeit mit „Miss Beauchamp“[4], einer Patientin mit multipler Persönlichkeit, trug am meisten zu seinem Bekannt werden bei (Putnam 2003, S. 23).

 

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war die Dissoziation kein seriöser Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung mehr. Sie sank im klinischen Bereich in die Position eines obskuren, unbedeutenden Phänomens ab. Gründe hierfür waren wichtige Entwicklungen im Bereich der Psychiatrie. Mittels dieser wurden die dissoziativen Modelle der Psychopathologie an den Rand gerückt und die gleichen Symptome aus der psychoanalytischen Perspektive der Verdrängung interpretiert. Dieser Konflikt zwischen den psychoanalytischen und dissoziativen Modellen hatte sich schon in der Debatte zwischen Janet und Freud über die Frage, wem die Entdeckung der Mechanismen der Hysterie zuzuschreiben sei, angekündigt. In den 30er Jahren wurde zwar weiter geforscht und es wurden auch Entdeckungen im Bereich der Psychopathologie gemacht, aber als Ursache für die Verbannung von Affekten, Impulsen und Erinnerungen aus dem Bewusstsein wurde die Verdrängung angesehen. Amnesien und hysterische Symptome wurden für das Resultat des aktiven Verdrängungsprozesses gehalten, welcher den Menschen vor unerträglichen Trieben oder Affekten schützt – dieser Erklärungsansatz war für Freuds Idee vom „Dynamischen Unbewussten“ von zentraler Bedeutung (ebd., S. 25).

 

Das Wiederaufleben des Interesses an der Dissoziation lässt sich durch das Zusammentreffen mehrerer Trends begründen. Das Interesse an der Hypnose ist neu erwacht in Bezug auf ihre Funktion als therapeutisches Werkzeug und auch auf ihre Rolle in der Trance bei bestimmten Formen traumatisch induzierter Psychopathologie. Ebenfalls hat das Interesse der Öffentlichkeit am Problem Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung stark zugenommen. Weiterhin haben experimentelle Untersuchungen zur Physiologie von DIS und Arbeiten zum Phänomen des verborgenen Beobachters zur Wiederaufnahme von Laboruntersuchungen im Bereich der Dissoziation geführt. Im klinischen Bereich werden dissoziative Psychopathologien, besonders DIS, immer häufiger diagnostiziert. (ebd.)

 

Zudem hat das momentane Interesse an posttraumatischen Belastungssymptomen die Aufmerksamkeit auch auf die Rolle dissoziativer Symptome bei anderen Störungen gelenkt (ebd.)

 

2.3 Einordnung und Definition dissoziativer Störungen nach ICD-10

      und DSM-IV

 

Die folgende Darstellung der einzelnen dissoziativen Störungen orientiert sich am DSM-IV (APA 1996, S. 546ff) und an der ICD-10 (WHO 2001, S. 168ff), da sich beide in einigen Aspekten grundlegend unterscheiden.

 

Tabelle 1: Klassifikation von Dissoziation und Konversion in ICD-10 und DSM-IV

 

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­

 

ICD-10      DSM-IV

 

F44.0   dissoziative Amnesie       300.12 Dissoziative Amnesie

 

F44.1   dissoziative Fugue     300.13 Dissoziative Fugue

 

F44.2   dissoziativer Stupor

 

F44.3   Trance- und Besessenheitszustände

 

F44.4   dissoziative Bewegungsstörungen        300.11 Konversionsstörungen

 

F44.5   dissoziative Krampfanfälle

 

F44.6   dissoziative Sensibilitäts- und

 

            Empfindungsstörungen

 

F44.7   dissoziative Störungen

 

            (Konversionsstörungen), gemischt

 

F44.8   sonstige dissoziative Störungen

 

F44.80...

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