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Doing Social Problems

Mikroanalysen der Konstruktion sozialer Probleme und sozialer Kontrolle in institutionellen Kontexten

AutorAxel Groenemeyer
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl327 Seiten
ISBN9783531923109
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,96 EUR
Arme, Kranke, Kriminelle, Behinderte oder hilfsbedürftige Familien stellen Kategorien der Betroffenheit von soziale Problemen dar, mit denen jeweils bestimmte Institutionen der Problemarbeit und der sozialen Kontrolle verbunden sind. Diese Einrichtungen der Bearbeitung sozialer Probleme können als Ergebnis einer erfolgreichen öffentlichen und politischen Institutionalisierung sozialer Probleme verstanden werden. In den Einrichtungen der Polizei und Justiz, der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit oder des Gesundheitssystems werden soziale Probleme in Fälle verwandelt, die dann in einer jeweils typischen Art und Weise behandelt werden. Mit dem neuen Konzept des 'Doing Social Problems' oder der 'Problemarbeit' werden diese Prozesse und institutionellen Kontexte der Bearbeitung sozialer Probleme auf der Ebene des Alltags von Institutionen der sozialen Kontrolle in einer vergleichenden Perspektive untersucht.
Mit diesem Buch wird diese Perspektive, die in den USA bereits zu einem fruchtbaren Forschungsprogramm geworden ist, erstmals in Deutschland systematisch dargestellt und anhand empirischer Fallstudien aus verschiedenen Bereichen erläutert.

Dr. Axel Groenemeyer ist Professor für Theorie und Empirie der Sozialpädagogik am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Soziologie der Universität Dortmund.

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Leseprobe
II. Analysen der institutionellen Konstruktion und Bearbeitung sozialer Probleme (S. 105-106)

Bernd Dollinger

Doing Social Problems mit Wissenschaft Die Entwicklung der Sozialpädagogik als disziplinäre Form der Problemarbeit 1. Einführung: Das Problem wissenschaftlichen Problemwissens Gemäß landläufiger Meinung stellt wissenschaftliches Wissen einen Sonderfall dar: Es kommt nach besonderen Regeln zustande, muss sich selbst immer wieder in Frage stellen, es muss konsistent und logisch aufgebaut sein und sich disziplinären Vorgaben unterwerfen.

Lange Zeit galt es auch wissenschaftstheoretisch als relativ unbestritten, dass es deshalb mit alltäglichen Wissensformen kaum vergleichbar ist. Vor allem, wo Fehler auftraten, schien der Sonderstatus der „Wissenschaftlichkeit“ verletzt worden zu sein, während ansonsten gleichsam auf ‚adäquate’ Weise Wissenschaft betrieben werde. Rudolph Virchow (1877: 32) stellte diesen Anspruch heraus, indem er die Verantwortung des Wissenschaftlers betonte, nur das als wissenschaftliche Erkenntnis zu kommunizieren, „was wirklich objective Wahrheit ist“. Lediglich erwiesene Tatsachen sollten der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden und die Chance erhalten, in den Common Sense einzumünden.

Es gibt gute Gründe, diesem Verständnis von Wissenschaft kritisch zu begegnen. Zwar wird kaum daran gezweifelt, dass sich wissenschaftliches und alltägliches Wissen grundlegend unterscheiden. Jenes ist auf einen skeptischen Wahrheitsbegriff verpflichtet, dieses auf die Anforderung, in praktischen Handlungszusammenhängen zu „funktionieren“ und „plausibel“ zu wirken (vgl. Plessner 1980: XIV).

Dennoch legten wissenschaftstheoretische Arbeiten offen, dass wissenschaftliches Wissen nicht nur dann kulturellen, politischen, persönlichen und anderen Einflüssen unterliegt, wenn – wie auch immer bestimmbare – Fehler passieren. Die Einflüsse kommen auch bei ‚normaler’ wissenschaftlicher Arbeit zum Tragen. Explizit pointiert diese Erkenntnis Bloor in seinem „strong Programme“ des Konstruktivismus; auch als „wahr“ betrachtetes Wissen ist demzufolge eng mit wissenschaftsexternen Einflüssen verwoben (vgl. Bloor 1976: 4 f.).

Unabhängig von der Auseinandersetzung um dieses Programm (vgl. Schützeichel 2007) ist festzuhalten, dass wissenschaftliches Wissen in jedem Fall abhängig ist von vielfältigen Einflussfaktoren. Wie etwa wissenschaftssoziologische Laborstudien belegen, sind selbst naturwissenschaftliche „Fakten“ im Sinne des Wortes „gemacht“ (vgl. Weingart 2003: 67: ff.). Sie sind dies nicht im Sinne einer arbiträren Konstruktion, sondern sie zeigen sich als Ergebnisse organisational eingebundener, interaktional ausgehandelter und symbolisch geformter Praktiken, und dies gilt für Befunde in den Natur- wie auch in den Sozialwissenschaften (vgl. Knorr Cetina 2002: 245 ff.). Knorr Cetina (1995: 128) betont dabei eine „,starke’ Rolle der Kultur“, um die Flexibilität und interpretative Offenheit von Prozessen der Erkenntnisproduktion hervorzuheben.

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