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E-Book

Drache auf tönernen Füßen

Die Entdeckung der Individuen in China

AutorMichael Gleich
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl324 Seiten
ISBN9783711750136
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
In Nachbarschaft zu Schanghai liegt die Küstenprovinz Zhejiang, die Wiege und das Zentrum der chinesischen Privatwirtschaft. Wer China besser verstehen will, muss auf diese Provinz schauen. Nirgendwo ist der kapitalistische Mittelstand so stark wie im Hinterhof Schanghais. Viele Pioniere der neuen Zeit sind bäuerlicher Herkunft. Sie bestachen die kommunistischen Kader, verbündeten sich mit ihren ärgsten Feinden und legten den Grundstein für eine frühkapitalistische Industrie. Längst sind einzelne Firmengründer zu Weltmarktführern aufgestiegen. Die 'Bauern' Zhejiangs machten vor, was Deng Xiaoping erst nachträglich legalisierte. Die Auflösung des Kollektivs hatte Mao vorausgesehen und für die Zeit nach seinem Tod befürchtet. Sein Volk - ein Volk von Eigensinnigen, von 'Rechtabweichlern'. Welch Ironie der Geschichte! Denn schließlich sind es seine Erben, die das Geschick Chinas und der Welt heute mitbestimmen. Doch ein Wirtschaftswachstum so gigantischen Ausmaßes bringt Unruhe und Unordnung mit sich. Gelingt es China, Maos größtes Vermächtnis - die Einheit des Staates - auch in kommenden Krisen zu bewahren? Seit 1994 reiste Michael Gleich mehrfach nach China. Die Menschen, die er trifft, berichten ihm Dinge, die außerhalb Chinas kaum bekannt sind. Drache auf tönernen Füßen - ein Wirtschaftskrimi als literarische Reportage. Und ein Essay über die Selbstbehauptung des Menschen unter widrigsten Umständen.

Michael Gleich, geboren 1960 in Lübeck, Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Hamburg. Reportagen für 'TransAtlantik', 'Frankfurter Allgemeine Zeitung', 'Frankfurter Allgemeine Magazin', 'Die Woche', 'Wochenpost'. Egon-Erwin-Kisch-Preis 1988. Lebt als freiberuflicher Reporter, Autor und Redakteur in Berlin. Im Picus Verlag erschien 'Drache auf tönernen Füßen'.

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Leseprobe
Der erste Akt: Dem goldenen Büffel dienen (S. 18-19)

Der Bus ist am Ziel. Der feine Regen hat aufgehört, aber es ist immer noch schwül. Jin Dujuan führt uns erneut in die mittelalterliche Stadt mit den engen Gassen und den schwarz-braunen Häusern. Wären wir nicht schon hier gewesen, dann wäre jetzt in der Nacht nicht auf Anhieb klar, dass diese Stadt durch und durch unecht ist, ein Museum aus Nachbauten.

Die roten Papierlaternen, die zwischen den Holzsäulen unter den Arkaden baumeln und ein flackerndes Schummerlicht werfen, das dumpfe Klackern unserer Schritte auf den Holzböden, das Plätschern der Kanäle zwischen den Gassen, die chinesischen Gondeln, auch sie von Lampions beleuchtet, die vielen Menschen, die unter weißen, roten, grünen und blauen Regenschirmen von Haus zu Haus schlendern – all das vermittelt ein fast authentisches, wenngleich verdächtig romantisches Bild.

Dem Surrealen ist schwer zu entkommen und die Imagination ergreift einen, wie sie Kinder überwältigt, die ein Weihnachtsmärchen sehen, mit ihrer Laterne gehen und eine Nachtwanderung machen. Man führt uns in eine Arena. Nein, es ist nicht die römische Arena, sondern ein riesiges Amphitheater. Am Vormittag sind wir daran vorbeigegangen. Die Zeit hat nicht ausgereicht, um alles zu sehen. Die chinesischen Schriftsteller, die vorhin im Regen gestanden haben, sitzen schon auf der überdachten Tribüne. Ihre Busse müssen eine Abkürzung gefahren sein. Wir Ausländer nehmen im Block neben den Schriftstellern Platz.

Im Hintergrund erhebt sich ein Berg. Jin Dujuan weiß nicht, ob der Berg hier schon immer stand oder ob man ihn aufgeschüttet hat. Am Hang stehen Häuser. Das Freilichttheater zeigt das alte China, und das Zentrum der Bühne ist der Marktplatz. Die Musik kommt vom Band, ein Chor tritt auf. Jin Dujuan sagt: »Die Bauern spielen eine uralte Sage nach, die man sich in dieser Gegend erzählt.« Aber Genaueres wisse sie leider auch nicht. Die Chorsänger tragen historische Kostüme. Sie beginnen in Opernmanier zu singen. Worum geht es?

Es ist mir ein Rätsel. Ein Mann und eine Frau treten auf. Ihre Kleider sind fein, bunt, aus Seide, vielleicht ein Edelmann und seine Gattin, ja, sie sind Vater und Mutter. Die Großeltern und ihre Enkel kommen hinzu. Der ganze Clan strömt auf dem Platz zusammen. Anscheinend droht Ungemach. Sie schauen sich um. Eine Menschenmenge ist zu hören. Der Chor. Die Menge ist aufgebracht. Sie nähert sich. Sie ist unbewaffnet. Diese Menschen tragen keine Seidenkleider.

Manche gehen barfuß. Es sind die Armen, die Bauern. Die Eintracht der Gemeinde ist gestört. Der Sohn des Edelmanns stellt sich gegen den Vater auf die Seite der Armen. Kann das sein, dass er sich gegen den Vater stellt? Der eine sagt dies, der andere sagt das. Es geht hin und her. Gefahren drohen, die Zukunft [28]lockt. Der Streit hat mit dem Berg zu tun. Darf man den Gipfel des Berges besteigen, dorthin gehen, wo der Berg dem Himmel am nächsten ist? Was haben die Bauern mit dem Berg vor? Darf man die Ruhe der Ahnen stören, die dort bestattet sind? Und während die Menschen hadern, erscheint auf einem Laufband ein Text. Er ist rot, in lateinischer Schrift, auf Englisch, um genau zu sein. Die Einzigen, die diese Hilfe vielleicht benötigen, sind wir, die Besucher aus dem Ausland.
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