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Drogensuchtausstiegskarrieren

Strategien veränderter Identitäten - unter besonderer Berücksichtigung der Theorie von Irving Goffman

AutorManuel Sommer
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783640169702
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Doktorarbeit / Dissertation aus dem Jahr 2002 im Fachbereich Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft, Note: legitime, Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz), 140 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Viel hat sich in den Sozialwissenschaften in den letzten Jahren verändert, insbesonders in der Forschung. Um dem Anspruch 'ethnographies of intimacy, not distance; of stories, not models; of possibilities, not stabilities; and of contigent understandings, not detachable conclusions' zu entwickeln, gerecht zu werden, wird im ersten Kapitel, neben einer allgemeinen Einbettung der Problematik dieser Arbeit, eine Einführung in die dieser Problematik zugrundeliegender unterschiedlichen Perspektiven von Suchtkarrieren, dargestellt. Es wird ebenfalls die unterschiedlichen Verständnisse der verschiedenen Identitätsniveaus vorgestellt und in die wissenschaftliche, hauptsächlich soziologische, Diskussion eingebettet. Ebenfalls wird in diesem ersten Abschnitt eine historische Perspektive der Suchtproblematik vorgestellt, die den Wandel der Konzepte und des Verständnis der Drogensucht über die letzten hundert Jahre erkennen lassen soll. Um der möglichen Kritik, dass diese Arbeit lediglich eine individuell biographische Arbeit, die individuelle Suchtausstiegskarrieren analysiert, vorwegzugreifen, wird dieser Arbeit ebenfalls eine mesoskopische Ebene eingeführt, die eine institutionelle Ebene der Drogenproblematik darstellt. Diese Ebene wird durch eine Analyse von Annamnesefragebögen einer staatlichen Institution, welche seit 25 Jahren im Lissabonner Raum Suchtkranke behandelt, dargelegt. Ziel ist es, eine institutionelle und eine öffentliche Repäsentation der Drogenabhängigkeit als Ergänzung zur individuell-biographischen Perspektive, vorzulegen. Im dritten Kapitel geht es darum, eine erste analytische Einbettung dieser Arbeit zu gewährleisten und die ersten subjektiven Erfahrungen des Suchtausstiegs und der Neuorganisation der Identität bei einigen ausgestiegenen Suchtakteuren zu rekonstruieren. Dabei stehen die Fragen der Motivation zu Veränderungen und eine erste analytische Perspektive der neuen Rollenbesetzungen und der neuen Rollenverhalten beim Ausstieg im Mittelpunkt dieses Kapitels. Im vierten Kapitel werden grundlegende identitäre Mechanismen die zum Ausstieg geführt haben, aus dem vorliegenden Interviewmaterial rekonstruiert. Die grundlegende Dynamik der direkten Interaktion in alltäglichen Zusammenhängen, die aus den einzelnen Ausstiegserfahrungen herausgearbeitet wird, wird mit grundlegenden sozialpsychologischen Verarbeitungsmechanismen verbunden und als neuangeeignete Ausstiegsidentität, die in der neuangeeigneten Suchtausstiegskarriere bündelt, veranschaulicht. Diese einzelnen rekonstruierten Erfahrungen werden anschliessend im letzten Kapitel in der Form unterschiedlicher identitärer Beziehungen zum Drogenmilieu und dem Produkt Droge zu typischen Drogenkarrieren erschlossen.

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Leseprobe

THEORETISCHER TEIL

 

Kapitel

1

 

DAS KONZEPT „SUCHT“ UND „SUCHTKARRIERE“

 

Dieser Arbeit liegt das Karrierekonzept zugrunde. Durch Everett Hughes[23] wird der Begriff der Karriere in die soziologische Forschung eingeführt, damals jedoch noch unter einer Perspektive von eher berufsbiographischen Analysen, in welchen der Verlauf eines Arbeitnehmers durch verschiedene Stadien seiner Berufsentwicklung analysiert wird.[24] Im Mittelpunkt standen objektive Aspekte der Karriere, welche „movements that the person may make through a social structure“, erörtern. Es ging darum „status passages, movements in and out of the labor market, educational settings, marriages, friendships, or groups[25] zu analysieren. Jede Karriere beinhaltet jedoch auch subjektive Faktoren die Auswirkungen auf das Selbst und auf das Selbtsbild haben.[26] Goffman hat die inhaltliche Doppelseitigkeit des Karrierebegriffes in den Mittelpunkt seiner Arbeiten gestellt und diese Doppelseitigkeit in Beziehung zur Identität des Akteurs in Interaktion mit anderen Akteuren illustriert:

 

„...zu den Vorteilen des Begriffes der Karriere gehört seine Doppelseitigkeit. Einerseits berührt er jene hoch und heilig gehaltenen Dinge wie das Selbstbild und das Identitätsgefühl; andererseits betrifft er die offizielle Stellung, rechtliche Verhältnisse sowie den Lebensstil, und ist Teil eines der Öffentlichlichkeit zugänglichen institutionellen Ganzen. Der Begriff der Karriere erlaubt uns also, uns zwischen dem persönlichen und dem öffentlichen Bereich, zwischen dem Ich und der für dieses relevanten Gesellschaft hin und her zu bewegen, ohne dass wir allzu sehr auf Aufgaben darüber angewiesen sind, wie der betreffende Einzelne sich in seiner eigenen Vorstellung sieht.“[27]

 

Hervorzuheben ist hierbei der moralische Aspekt der Karriere, „welcher sich auf den regulären Ablauf der Veränderungen, die die Karriere im Selbst des Menschen und im metaphorischen Bezugsrahmen, mit dem er sich und andere beurteilt, zur Folge hat“[28], bezieht. In dieser Arbeit geht es um subjektive Ausstiegskarrieren von ehemaligen suchtabhängigen Individuen, die mindestens eine zweijährige Ausstiegskarriere belegen. Diese moralische, eher dem Akteur eigene Karriere, kann von seiner objektiven und eher allgemeinen und zum Teil selbst ausgewählten Suchtkarriere getrennt werden, weil „whether or not they want to, all individuals have personal moral carrers that encompass all of their experiences, actions, and commitments up to and including the present moment. Thus although many careers are optional, the personal moral careers is not. Every individual, accordingly, has a set of accounts or stories that explain and justify the current status of his or her personal career.“[29] Innerhalb dieses Rahmens sollen die Ausstiegskarrieren von ehemaligen Suchtabhängigen untersucht werden.

 

Während Goffman von „sozialen Wechselfällen im Lebenslauf eines jeden Menschen“ spricht, schlägt Becker konkret vor, den Karrierebegriff in die Devianzdiskussion einzuführen und „deviante Karrieren“[30] im Lichte seines Sequenzmodells zu analysieren. Obwohl diese Analyse nicht das Ziel dieser Arbeit ist und wir uns nicht mit der labeling-Pespektive beschäftigen werden, ist jedoch der Hinweis auf die Wichtigkeit der Konsequenzen auf die Identität, die in der Folge auf die Stigmatisierung von devianten Akteuren auftreten, von grosser Bedeutung. Verbunden mit der Identitätsproblematik ist der Faktor Zeit[31] in diesem Modell zentral, weil die identitären Veränderungen mit den Veränderungen im Laufe der Zeit, in welcher die Devianz ausgelebt wird und in der sich die in Interaktion sich betreffenden Individuen, also die mit dem als deviant eingestuften Individuum, in Zusammenhang stehen:

 

„...en tout cas, le fait d’être pris et stigmatisé comme déviant a des conséquences importantes sur la participation ultérieure à la vie sociale et sur l’évolution de l’image de soi de l’individu. La conséquence principale est un changement dans l’identité de l’individu aux yeux des autres. En raison de la faute commise et du caractère flagrant de celle-ci, il adquiert un nouveau statut. On a découvert une personnalité différente de celle qu’on lui prêtait...“[32]

 

Während für Becker zentral in seinem Sequenzmodell die Analyse von der Bildung von devianten Karrieren und der Einstieg in bestimmten Subkulturen, mit der entscheidenden Hilfe durch die Reaktion der Gesellschaft durch den Prozess der Stigmatisierung, gestanden hat, geht es in dieser Arbeit um den Ausstieg aus einer devianten Karriere und der Bildung einer neuen durch die Aufnahme bestimmter Handlungsmechanismen, die interaktionell ausgelebt werden und die mit dem Akteur sich in Interaktion befindenden Individuen, von dem Ausstieg aus der devianten Karriere und der Aufnahme einer neuen Karriere überzeugen sollen. Durch diese neuangewandten Strategien werden von dem aussteigenden Akteur identitäre Veränderungen vermittelt die ihn unter einem neuen sozialen Gesichtspunkt dastehen lassen und ihn erneut zu einem akzeptierten gesellschaftlichen Mitglied werden lassen sollen. Unter diesem Gesichtspunkt möchten wir in dieser Arbeit die Problematik der Sucht angehen und dabei beleuchten, nicht wie die deviante Suchtkarriere an für sich vonseiten der Akteure angegangen wird, sondern die Identitätsproblematik von Akteuren zu verstehen, die aus einer Sucht, nach einer mehrere Jahre andauernden Suchtkarriere, aussteigen. Die aus dieser Dynamik sich herauskristalisierenden identitären Veränderungen sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

 

Wie wir verstehen werden, ist der entscheidende Moment der Ausstiegskarriere eines suchtabhängigen Akteurs nicht etwa die Tatsache aufzuhören zu konsumieren, oder etwaige andere objektive Faktoren, sondern das Verständnis des aussteigenden Akteurs von den interaktionellen Bedingungen seiner sozialen Umwelt. Dies verdeutlicht, dass der Akteur diese entscheidenden Interaktionsmomente verinnerlicht, diese anschliessend in seine persönliche Identität integriert und dann in direkter Interaktion in alltäglichen Zusammenhängen weitervermitteln muss. Diese Analyse der direkten Interaktion und der in dieser direkten Kommunikation vorliegenden und zum Teil für den guten Verlauf derselben entscheidenden „kleinen Verhaltensmomente“[33] ist einer der zentralen Inhalte dieses Untersuchungsfeldes.

 

Bevor wir uns jedoch auf die detaillierte Analyse dieser interaktionellen und intersubjektiven[34] Analyse ausgestiegener Suchtakteure und deren Auswirkungen auf die persönliche und soziale Identität konzentrieren, gilt es die allgemeine wissenschaftliche Suchtdiskussion aus drei unterschiedlichen Gesichtspunkten zu erörtern. Ziel dieses Absatzes ist es, unsere Analyse in die allgemeine Diskussion einzubetten und zu zeigen, wie wenig die Perspektive der aussteigenden Akteure und die von denselben Akteure elaborierten identitäre Ausstiegsmechanismen bislang in die wissenschaftliche Diskussion eingegangen sind. Daher wird in dieser Arbeit das Konzept der Karriere eines einer subjektiven und intersubjektiven Karriere definiert, welche von interagierenden Akteuren konstruiert wird und die kontinuierlich die biographische Identität derselben formt.

 

1.1. UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN VON SUCHTKARRIERE(N)


 

Bevor wir uns dem Thema des Ausstiegs aus einer Suchtkarriere widmen werden, geht es in diesem Kapitel darum die unterschiedlichen Perspektiven der Entwicklung von Suchtkarrieren zu erörtern. Die Suchtproblematik ist eine seit mehreren Jahrzehnten unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche berührende Problematik und wird auf unterschiedlicher Weise von verschiedenen Berufsbereichen und Disziplinen angegangen. Das Ziel in diesem Abschnitt ist grob drei Prespektiven, die sich aus der Fülle des wissenschaftlichen Materials zum Thema herauskristalisieren, vorzustellen und zu umschreiben. Dabei ist die Trennung der drei Perspektiven zum Teil eine konzeptuelle Trennung, weil eine Überlappung der Perspektiven nicht wenig öfters zu beobachten ist.

 

1.1.1.Die Perspektive der Medizin: Sucht als Krankheit


 

Spätestens seit Jellineks aufgestellten und umschriebenen Krankheitskonzept[35] ist die Definition der Alkoholabhängigkeit und verallgemeinert von anderen Suchtabhängigkeiten, darunter insbesonders die Heroinabhängigkeit, als Krankheiten, ein gängiger Erklärungsansatz[36]. Im Zentrum dieser Perspektive stehen die pharmakologischen Eigenschaften der Drogen und ihre physiologischen Wirkungen. Hauptsächlich geht es dabei um die durch den Konsum zu beobachtbare Entwicklung einer physiologischen Abhängigkeit und die notwendige Dosissteigerung um dieselben pharmakologischen Wirkungen zu erzielen. Verbunden mit dieser pharmakologischen Sichtweise wird davon ausgegangen, dass Drogenabhängige eine bestimmte, vornehmlich kranke,...

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