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E-Book

DuMont Reiseabenteuer Als Spion am Nil

4500km ägyptische Wirklichkeit

AutorGerald Drißner
VerlagDumont Reiseverlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl280 Seiten
ISBN9783770199433
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR

Tradition und Revolution zeitgleich erlebt

Große Kulturgüter und großartige Strände - so kennt man Ägypten. Der überwiegende Teil des nordafrikanischen Landes jedoch ist anders. Die Menschen sind arm, folgen den alten Regeln und sind zutiefst religiös. Sie sind herzlich, humorvoll und liebenswert. Der Autor nimmt den Leser mit auf seine Reisen in fünfzehn Dörfer und Städte. Er fährt mit dem Minibus, der ihn in fast jeden Winkel des Landes bringt. Die Gespräche im Bus drehen sich um Gott, den ägyptischen Alltag, Korruption und abstruse Verschwörungstheorien. Die Fahrten münden mal in Pannen und nicht selten in einem Abenteuer. So erfährt der Autor, warum die meisten Ägypter noch nie die Pyramiden besucht haben und was eine deutsche Firma, die Autokennzeichen herstellt, mit dem korrupten Mubarak-Regime verbindet. Er besucht das Dorf im Nildelta, in dem der Terrorpilot des 11. September aufgewachsen ist, und die Stadt, in der die mächtige Muslimbruderschaft gegründet wurde. Er fährt in Gegenden, in denen die Revolution bis heute nicht angekommen ist und wird dort von der Polizei auf Schritt und Tritt verfolgt.

Und immer wieder wird er bei seinen Reisen als Spion verdächtigt und landet deshalb fast in einem Militärgefängnis.

Über den Autor: Gerald Drißner geboren 1977 in einem Bergdorf in Vorarlberg, studierte Volkswirtschaftslehre und machte eine Ausbildung zum Journalisten an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Danach war er Redakteur beim Magazin Stern. 2007 zog er nach Alexandria in Ägypten und blieb dort fünf Jahre. In dieser Zeit bereiste er das ganze Land. Er spricht fließend Arabisch. Für seine journalistischen Arbeiten ist er mehrfach ausgezeichnet worden: mit dem renommierten Axel-Springer-Preis, dem Columbus-Förderpreis und dem Meridian-Journalistenpreis.

Dieses E-Book basiert auf folgender Printausgabe: 1. Auflage 2013

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Leseprobe

Vor und nach der Revolution - Alexandria und Kairo


Kapitel 1 - Alexandria


Die Sonne ist gerade untergegangen und lässt den Horizont aussehen, als hätte dort jemand mit einem Schweißbrenner gearbeitet. Die Wüste glüht und pocht in der Ferne, so sehen das meine Augen. Die Sonne wirkt in Ägypten größer und kräftiger als in Deutschland. Staub, Abgase und die flirrende Hitze machen sie, anders als in Hamburg, mehr zu einer reifen Blutorange als zu einer blassen Zitrone.
»Niemand zieht hier die Schuhe aus!«, ruft der Fahrer auf Arabisch nach hinten. Die Klimaanlage laufe auf Hochtouren, und er werde deshalb auf keinen Fall die Fenster aufmachen, »nur, weil es im Bus stinkt«. Dann stellt er den Koran im Radio wieder an, es läuft die Sure al-Baqara. Die Sure heißt deshalb so, weil Moses darin sein Volk auffordert, eine Kuh (baqara) zu opfern.
Ich sitze in einem Minibus auf dem Weg von Kairo nach Alexandria, an einem Montagabend im Oktober, und die Außentemperatur ist noch immer höher als meine Körpertemperatur. In dem weißen Toyota Hiace haben fünfzehn Leute Platz. Einige Männer führen einen kleinen Koran mit sich. Sie lesen still vor sich hin und wippen dabei mit dem Oberkörper leicht nach vorne und hinten. Die Straße führt durch die Wüste in Richtung Norden, 220 Kilometer durch eine Landschaft, die aussieht, als hätte jemand eine graue, staubige Decke über das Land gelegt. In der Ferne sehe ich ein paar Teile einer nie vollendeten Brücke aus Beton. Die leeren Chipstüten der Marke Schibsi, Coladosen und leere Wasserflaschen, die am Straßenrand liegen, machen mir klar, dass ich nun in Ägypten bin, einem der faszinierendsten, aber auch schmutzigsten Länder der Welt.
»So, so, nach Alexandria also wollen Sie«, sagt der Mann neben mir plötzlich.
Er spricht Englisch mit amerikanischem Akzent, hat graue Haare und ist dicker als ein dicker Ägypter. Ich fühle mich wie eine Sardine in der Büchse. In Alexandria gebe es zwei Arten von Menschen, sagt der Mann: »Diejenigen, die hier geboren sind, und diejenigen, die in die Stadt zogen, um vor etwas davonzulaufen.« Er erzählt mir, dass Rudolf Hess im Jahr 1894 in Alexandria zur Welt gekommen ist. »Und wissen Sie, was dabei interessant ist?«, fragt er. Ausgerechnet in Ibrahimia sei Hitlers Stellvertreter aufgewachsen, »dieser Hurensohn«, einem damals wie heute zutiefst islamischen Stadtteil. Vor ein paar Jahren habe er in einem Kaffeehaus einen Mann getroffen, der den Falten im Gesicht nach längst hätte tot sein müssen. Dieser Mann wusste noch, was sich die Leute damals voller Stolz erzählten: dass Hess sich geweigert habe, Englisch zu sprechen. »Die Ägypter mögen Leute wie Hess«, sagt mir mein Nachbar, »und dafür gibt es drei Gründe: Erstens finden die Ägypter jeden gut, der gegen die Briten und die Amerikaner ist. Zweitens sind Ägypter von großen Führern fasziniert. Und drittens ist Adolf Hitler für viele hier ein Idol, weil er von der Idee besessen war, die Juden auszurotten. Du kannst hier an jeder Straßenecke »Mein Kampf‹ kaufen, und übrigens, ich heiße Sam.«
Nun wurde ich nicht wie Rudolf Hess in Alexandria geboren, sondern wie sein Chef in Österreich, allerdings nicht im oberösterreichischen Innviertel, sondern in einem kleinen Bergdorf in Vorarlberg. Ich bin also jemand wie Sam und die wenigen anderen Ausländer, die nach Alexandria ziehen.
Ich bin Anfang dreißig, Journalist und habe mich nach einiger Zeit in Deutschland gelangweilt, weil alles so funktioniert, wie es zu funktionieren hat. Hört man deutsche Nachrichten, hört man Moll und nicht Dur. Einem Autor des US-Magazins »Vanity Fair« ist während einer Recherche in Deutschland aufgefallen, dass viele Alltagsbegriffe mit Exkrementen zu tun haben: Dreck, Mist, Scheiße (die man gelegentlich auslöffeln muss), Scheißdreck, Kacke (die auch dampfen kann), Kackwurst, Arsch, bescheißen, scheißegal, Klugscheißer, Geldscheißer, Scheißangst und das etwas Hintergründige »Leck mich«. Hört sich nicht nach einem netten Land an.
So komme ich als deutscher Muttersprachler auch nicht umhin zu erwähnen, dass man den Ägyptern nachsagt, sie würden einen gern bescheißen, seien scheißfreundlich und stinkfaul. Hört sich auch nicht gut an, doch die Klischees bestätigten sich leider bei meiner Ankunft. Am Flughafen in Kairo lauerten Dutzende Männer in der Empfangshalle auf unbedarfte Urlauber aus dem Westen. Sie grüßten mich mit »Welcome to Egypt«, wollten Geld fürs Koffertragen und später noch einmal Geld, weil sie mich zu einem klapprigen Taxi begleitet hatten, das ich nicht wollte und das völlig überteuert war.
Ich möchte Ägypten aber eine Chance geben. Denn ich habe auch viel Gutes über das Land und seine Menschen gehört. Ale–xandria habe ich gewählt, weil ich meine Arabischkenntnisse verbessern möchte. Die Lehrer an der Universität dort sollen gut sein. Es wird ein Abenteuer. Ich war noch nie in dieser Stadt am Mittelmeer. Sie ist wohl so etwas wie die Petersilie auf dem Teller eines Wiener Schnitzels mit Kartoffeln: liegt am Rand, sieht nett aus und stört niemanden.
»Und was machen Sie in Alexandria?«, frage ich Sam.
»Ich bin Rentner und ein bisschen müde geworden«, antwortet er.
Sam erzählt, dass er aus South Dakota stammt. In den Sechzigerjahren verschlug es ihn beruflich nach Moskau und später nach Ostberlin, weshalb er noch ein paar Brocken Deutsch spricht. Anschließend schickten ihn seine Arbeitgeber in den Libanon, um ein »paar kleine und große Aufträge« zu erledigen. Sam lernte Beirut noch als das Paris des Nahen Ostens kennen, bis er die Stadt 1982 fluchtartig verlassen musste, als die Israelis das Land übernehmen wollten. »Dann habe ich etwas Ruhigeres gesucht und in Kolumbien ein Stück Land gekauft, direkt an den Ufern des Orinoco, um dort eine große Farm zu bewirtschaften, die mir ein paar Bastarde später niedergebrannt haben. Kurz nach dem 11. September 2001 bin ich schließlich nach Alexandria gezogen«, sagt Sam. Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist Sam ein Kommunist oder er ist ein Spion.
Wir sind jetzt seit zwei Stunden unterwegs, und die Nacht schluckt das letzte Licht. Es gibt entlang dieser Wüstenautobahn nur wenige Straßenlaternen. Es ist aber auch deshalb so finster draußen, weil unser Fahrer meistens mit Standlicht fährt. Die Wagen, die uns entgegenkommen, machen das auch. Sobald sich zwei Autos näher kommen, warnen sich die Fahrer gegenseitig und schalten für zwei Sekunden das Fernlicht ein. Es muss wirklich wahnsinnig viele Schutzengel geben, denn eigentlich müsste es hier pausenlos krachen.
Von Sam erfahre ich, dass dieses Fahren ohne Licht im Krieg gegen Israel eingeführt wurde. Der israelische Geheimdienst, der Mossad, sollte mit seinen Fernrohren und Satelliten nichts sehen können. Heute zählt es quasi zum ägyptischen Brauchtum.
»Ich habe mal einen Wagen in Kairo gemietet und bin mit Abblendlicht gefahren, wie man es überall sonst auf der Welt tut. Ein Polizist hat mich angehalten und höflich darum gebeten, es doch bitte auszumachen. Jemand aus dem Westen kann das nicht verstehen, aber die Ägypter wollen niemanden blenden und nicht im Rückspiegel geblendet werden«, erzählt Sam.
Andere fragen sich, warum man mit Licht fährt, wenn es doch auch ohne geht. Schließlich, so die ägyptische Logik, liest auch niemand ein Buch mit Brille, wenn er keine braucht. Und die Glühbirnen und die Batterie schont es auch noch.
Sam meint, da sei noch etwas, was ich über das Autofahren in Ägypten wissen müsse: »Falls Sie mal jemanden niederfahren, drücken Sie aufs Gas und rufen Sie die Polizei.« Für einen Europäer gehöre es zur moralischen Pflicht, dem Verletzten zu helfen. »Doch die Leute hier würden Sie womöglich noch an Ort und Stelle lynchen. Die meisten Ägypter sind eben doch noch sehr traditionell«, sagt Sam.
Plötzlich sehe ich Tausende kleine Lichter, die sich im Wasser spiegeln. Es sind Raffinerien und große Fabriken, das sieht nach Leben aus, nach einer pulsierenden und arbeitenden Stadt, die nicht schläft. Das muss Alexandria sein, die einst berühmteste Metropole der Welt, in der heute fünf Millionen Menschen leben. Alexander der Große, ein Feldherr aus Makedonien, gründete sie im Jahr 331 vor Christus. Von hier aus brach er auf, um Persien, den Hindukusch und Indien zu erobern, und hier ließ er sich auch begraben, noch keine dreiunddreißig Jahre alt, gestorben wohl an einer Überdosis Weißen Germers (Veratrum album). Die giftige Pflanze wurde damals zur Entschlackung verschrieben. Das Rätsel um den genauen Ort seines Grabes ist bis heute eine Quelle für Legenden.
In Alexandria stand die berühmte Bibliothek, in der das Wissen der Welt...

Blick ins Buch

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