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E-Book

DuMont Reiseabenteuer Unter Engeln und Wasserdieben

Tausend Kilometer auf dem Israel National Trail

AutorStefan Tomik
VerlagDumont Reiseverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl312 Seiten
ISBN9783770199808
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
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Israel zu Fuß erlebt

Der Weg durch die Negev-Wüste zehrt an den Kräften. Dort hat Stefan Tomik vor seiner Wanderung Wasserdepots angelegt. Aber die Sorge, dass sie geplündert werden, reist immer mit. Der Trail führt ihn über Klippen und Grate, durch Canyons und Krater. Er trifft auf einen Mitwanderer, der eine Pistole trägt, und ihn vor Beduinen warnt. Er hilft bei der Feldarbeit in einem Kibbuz, in dem alle dauernd schweigen. Er wohnt bei Hippies in einem Ashram, der mitten im Militärübungsplatz liegt, und bei Ingenieuren, die in der Wüste Solarzellen montieren und unbedingt deutsche Schimpfwörter lernen wollen. Eine Hitzewelle zwingt ihn zur Eile. Am Ende der Wüstenetappe kommt es dann tatsächlich zu einer Begegnung mit den Wasserdieben. Erst nördlich von Arad wird die Landschaft grüner und die Besiedelung dichter. Immer wieder nehmen Trail Angels Stefan Tomik bei sich auf. So erfährt er, warum ein Rabbi einen Kuhstall mit Videokameras überwacht, und warum in einem Kibbuz Schweine gezüchtet werden dürfen, obwohl das im Heiligen Land streng verboten ist. Er verbringt den Schabbat in einer religiösen Gemeinde. Zehn Wochen lang ist Stefan Tomik zu Fuß auf dem tausend Kilometer langen Israel National Trail unterwegs, von Eilat im Süden bis zum Kibbuz Dan kurz vor der libanesischen Grenze. Seine Reisereportage öffnet den Blick auf ein kaum bekanntes Israel jenseits der Schlagzeilen.

Dieses E-Book basiert auf folgender Printausgabe: 1. Auflage 2015



Stefan Tomik, 1974 geboren und in Halle (Westfalen) aufgewachsen, reist seit der Jugend mit dem Rucksack. Nach einer Ausbildung zum Fotografen in Hamburg und ersten Aufträgen als Fotoassistent und Reporter studierte er Politikwissenschaft in Berlin mit Stationen in Frankreich und Amerika. Seit 2004 ist er Politikredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Israel besuchte er zum ersten Mal auf einer Journalistenreise. Fasziniert von der Vielfalt und Widersprüchlichkeit des Landes machte er sich während eines Sabbaticals auf, es in ganzer Länge zu durchwandern.

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Leseprobe

Wasser in die Wüste

Es war schon früher Morgen, und ich konnte immer noch nicht schlafen. Bis in die Nacht hatte ich meine Wanderung durch die Negev-Wüste geplant, Etappen vermessen und Versorgungspunkte auf der Karte markiert. Ich konnte an nichts anderes denken. An sechs Stellen wollte ich noch vor Beginn meiner Wanderung Wasserflaschen vergraben. Es war Frühjahr, es wurde immer heißer, und ich brauchte voraussichtlich sechs Liter Wasser am Tag – mindestens. Manchmal würde ich tagelang unterwegs sein, ohne Trinkwasser nachfüllen zu können. Aber mehr als acht Liter konnte ich unmöglich auf einmal schleppen. Ich hatte ja auch noch das Essen und die Zeltausrüstung zu tragen, und das bei Temperaturen von weit mehr als dreißig, manchmal an die vierzig Grad. So wollte ich dem Rat israelischer Bekannter folgen und überall dort Wasserdepots anlegen, wo mein Weg eine Straße kreuzte. Diese Stellen konnte ich vorher mit einem Mietwagen anfahren. Aber was würde ich tun, wenn meine Depots entdeckt und die Wasserflaschen gestohlen würden? Von solchen Fällen hatte ich gehört. Und war ich den Bedingungen im Negev überhaupt gewachsen?

Es würde nicht mein erster Aufenthalt in der Wüste werden. 1998 war ich im Wadi Rum in Jordanien gewesen. In Aqaba hatten mein Bruder und ich einen Führer aufgegabelt. Abdullah fuhr uns in seinem klapprigen, verbeulten Land Rover. Der Wagen grub sich ächzend durch den tiefen Pulversand. Immer wieder kreuzten Beduinen unseren Weg. Sie saßen in modernen Geländewagen und interessierten sich sehr für uns. Immer hielten sie an, ließen die Fensterscheibe herunter und sprachen mit Abdullah. Sie wollten ihn überreden, die Nacht mit uns in einem ihrer Camps zu verbringen. Wahrscheinlich witterten sie ein gutes Geschäft mit den zwei Deutschen. Aber wir wollten draußen campieren, weit weg vom Rest der Welt. Abdullah war auf die Beduinen nicht besonders gut zu sprechen. Warum das so war, konnte ich damals nicht herausfinden, ich sprach kein Arabisch und er nicht genug Englisch. Oder er wollte es nicht erzählen. Jedenfalls hatte Abdullah immer einen Revolver im Wagen liegen, eingewickelt in ein dreckiges Tuch. Der Revolver hatte ordentlich Wumm. Wenn man ihn abfeuerte, machte er einen Höllenkrach.

Später war ich zweimal im Death Valley. Es liegt in Kalifornien, fast hundert Meter unter dem Meeresspiegel. Weil mächtige Gebirge das Tal zur Westküste vom Regen abschirmen, ist es einer der trockensten Orte der Vereinigten Staaten. Ich hatte einen Geländewagen gemietet und erkundete allein die steinigen Pisten im nordwestlichen Teil des Nationalparks, in den sich Touristen selten verirren. Nachts schlug ich mein Zelt an einsamen Plätzen auf. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich hatte verdammtes Glück. Zwar war der Wagen höhergelegt und verfügte auch über Allradantrieb, aber die Autoreifen waren für die scharfen Steinkanten, über die sie rollten, eigentlich nicht gemacht. Nur durch Zufall blieb ich nicht mit einer Reifenpanne liegen.

Das alles war womöglich nur ein Vorgeschmack gewesen, eine Anzahlung auf meine große Wüstentour. Jetzt wollte ich wochenlang durch den Negev wandern, ohne Geländewagen, ohne Klimaanlage, aber mit bis zu zwanzig Kilo Gepäck auf dem Rücken. Was würde mich erwarten? Sollte ich diese Tour wirklich allein unternehmen?

 Am  Morgen holte ich meinen Mietwagen ab, es war ein weißer Fiat Panda. Ich fuhr von Tel Aviv nach Süden. Israel stellte sich mir als Hightech-Land vor. Der Wagen ließ sich nur mit einem fünfstelligen Code starten, den die Autovermietung mir per SMS auf mein Handy schickte. Im Mietvertrag musste ich mich damit einverstanden erklären, dass der Wagen jederzeit mittels eines GPS-Senders geortet werden dürfte. Die Autobahnmaut wurde automatisch abgerechnet. Es gab keine Vignette, keine Kassenhäuschen und keine Warteschlangen. Nur ein Schild kündigte an, dass der folgende Abschnitt der Autobahn 6 mautpflichtig war. Kameras lasen die Kennzeichen der vorbeifahrenden Fahrzeuge, und so wusste wohl irgendein Computer in irgendeiner Leitstelle, wer wann welchen Abschnitt befahren hatte. Die Rechnung erreichte mich einige Zeit später in einer E-Mail der Autovermietung.

Mit jedem weiteren Kilometer in Richtung Süden wurde die Landschaft brauner, sandiger, trockener. Am Straßenrand sah ich Schafherden, ihre Schäfer waren in dunkle Kutten gehüllt. Kurz vor Arad, der letzten Stadt vor der Wüste, lief ein Kamel über die Fahrbahn, die Vorderläufe zusammengebunden. Alle Autos mussten anhalten.

Am Stadtrand fand ich eine Shoppingmall. Ein Wachmann stand am Eingang und schaute in jede Tasche und jeden Rucksack, den man hineintrug. Ich ging in den Supermarkt in der Mall und füllte einen Einkaufswagen bis zum Rand mit Wasserflaschen. Dann fragte ich mich zu einem Gartenmarkt durch und kaufte die stabilste Schaufel, die ich finden konnte. Meinem Vorhaben stand jetzt nichts mehr im Weg.

Als ich kurz hinter Arad auf die 258 nach Süden bog, öffnete sich die Landschaft und gab den Blick über viele Kilometer frei. Vor mir breitete sich die Negev-Wüste aus. Bis zum Horizont Sand und Steine. Und nirgends Schatten. Bei Be’er Ef’eh bog ich von der asphaltierten Straße links ab und hielt am Anfang einer Piste. Ich hatte hier ein kleines Dorf vermutet oder zumindest ein paar Häuser. Stattdessen sah ich nur Strommasten und Büsche. Be’er Ef’eh war eine Straßenkreuzung im Nirgendwo. Hier würde ich später auf der Wanderung übernachten. Das sah jedenfalls mein Plan vor. Und hier wollte ich das erste Wasserdepot anlegen.

Noch bevor ich die Schaufel in den Boden rammen konnte, sah ich zwei Wanderer über eine Düne steigen. Die beiden schleppten schwere Rucksäcke, so, wie ich es bald auch tun würde. Sie kamen auf mich zu. Es waren zwei junge Israelis, die sich als Tal und Assaf vorstellten. Sie waren im Süden aufgebrochen, in Eilat, und hatten die Passage durch die Negev-Wüste fast hinter sich. Auch Tal und Assaf folgten dem Israel National Trail. Er würde sie in den kommenden Wochen noch an Jerusalem vorbei, durch Tel Aviv und am Mittelmeer entlang nach Norden führen, später durch das Karmel-Gebirge und am See Genezareth vorbei bis zum Kibbuz Dan kurz vor der Grenze zum Libanon.

Sand und Staub hingen in Assafs Kleidung, die schweißnassen Haare klebten ihm an der Stirn. Sein Blick war müde, ausgelaugt. Ich solle aufpassen, sagte er, die Beduinen klauten das Wasser. Auch Tal und er hätten Depots angelegt, und die Hälfte davon sei leer gewesen. Hier in Be’er Ef’eh hätten sie von drei Flaschen nur noch eine gefunden, sagte Assaf. Die Nachtlager würden regelmäßig abgesucht.

Ich schenkte den beiden eine Zwei-Liter-Flasche Wasser, noch hatte ich ja genug davon, und ließ sie weiterziehen. Von Beduinen war weit und breit nichts zu sehen, und ich wunderte mich: Warum sollte jemand Wasser stehlen, das im Supermarkt nur einen Schekel je Liter kostete? Das waren bloß zweiundzwanzig Cent. Dafür lohnte sich doch die ganze Sucherei nicht. Hatten Tal und Assaf sich vielleicht geirrt? Hatten sie ihre Wasserflaschen so gut versteckt, dass sie die eigenen Depots nicht mehr wiederfanden?

Ich suchte einen Platz etwas abseits der Straßenkreuzung, von dem ich glaubte, dass er vor neugierigen Blicken geschützt war. Dort hob ich ein Loch aus, legte drei Wasserflaschen hinein und schüttete es zu. Ich trat ein paar Schritte zurück und betrachtete mein Werk. Jeder Idiot sah meine Fußabdrücke und die Spuren der Schaufelei. Mit Regen, der die Spuren tilgen würde, war nicht zu rechnen. Ich hob ein paar Schaufeln feinen Sand hoch und ließ ihn hinunterrieseln, um meine Spuren zu verwischen. Es half nicht viel. Also probierte ich, den Boden mit den Händen glattzustreichen. Aber was ich auch tat, die Spuren ließen sich nicht beseitigen. Eher wurde alles noch schlimmer.

Um sicherzugehen, dass ich die Stelle auch in vier Wochen noch wiederfinden würde, machte ich ein Foto, notierte eine Beschreibung des Ortes in meinem Notizbuch und nahm auch noch die GPS-Koordinaten auf. Die schiere Sorge trieb mich zu äußerster Sorgfalt. Es wäre zu blöd, wenn ich später hier herumirrte, durstig und erschöpft, nur wenige Meter von meinem Depot entfernt und doch nicht in der Lage, den Schatz zu heben.

Dann stieg ich wieder ins Auto und fuhr weiter nach Süden. Die Straße war hervorragend asphaltiert, aber leer. Nur ab und zu sah ich einen Lkw, der von einer Mineralienmine kam. Israel ist nicht besonders reich an Bodenschätzen, aber in diesem Teil des Negev gibt es Phosphate. An der Böschung lagen zerfetzte Reifen. Ich schaltete die Klimaanlage eine Stufe höher und drückte das Gaspedal durch. Mit hundertzehn glitt ich durch die Wüste.

Das zweite Wasserdepot legte ich bei Mezad Tamar in einem alten Lkw-Reifen an, der neben einer Schotterpiste im Sand steckte. Auf dem Weg hierher war mir eine neue Idee gekommen: Wenn ich meine Spuren schon nicht verwischen konnte, wollte ich wenigstens ein paar falsche Fährten legen. Also buddelte ich ein bisschen in der Umgebung meines Verstecks herum, warf hier und da ein kleines Häufchen Sand auf. Die Wasserdiebe, wer auch immer sie sein mochten, sollten es zumindest nicht leicht haben. Vielleicht würde sie ja ein erster Misserfolg abschrecken, und sie gäben ihre Suche auf.

Das Thermometer zeigte vierunddreißig Grad. Die Landstraße 206 führte durch ein Militärgebiet. »Fotografieren verboten« stand auf einem Schild. Es war so groß, dass man es vermutlich noch aus dem Weltraum lesen konnte. Ein Schild reihte sich ans nächste. Nicht die Straße verlassen! Nicht anhalten! Achtung, Schießübungen!

Für das dritte Depot fuhr ich auf einer schmalen Stichstraße bis an den Rand des...

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