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E-Book

DuMont Reiseabenteuer Fußball, Samba,Tropenfieber.

Vom Zuckerhut in den brasilianischen Dschungel

AutorChristoph Wöhrle
VerlagDumont Reiseverlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl301 Seiten
ISBN9783770199976
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR

Brasilien ist das fünftgrößte Land der Erde und für Christoph Wöhrle auch das schönste. Und das schrecklichste. Schon als Kind träumte er von der immerwarmen Tropensonne und den nimmer enden wollenden Stränden. So machte er sich mehrfach auf den Weg, das Land zu erkunden. Unterwegs trifft er Fischer und Fußballgenies, Transvestiten und Altnazis, Ganoven und Gutmenschen - und sogar das echte Girl von Ipanema. Er geht durch die Sümpfe des Pantanals, durch die grüne Hölle des Amazonas, den Beton-Dschungel von Sao Paulo und auf die Hügel der Armenviertel in Rio und Salvador. Er durchstreift die unendlichen Weiten der Rinderfarmen und wandert entlang endloser Sandstrände. Wöhrle zeigt Brasilien von allen Seiten - seine Armut, seine Dekadenz und die ungebrochene Lebensfreude der Menschen.

Dieses E-Book basiert auf folgender Printausgabe: 1. Auflage 2016



Christoph Wöhrle, Jahrgang 1979, ist im Schwarzwald aufgewachsen. Zum Studium ging er nach Berlin, wo er auch die Berliner Journalistenschule besuchte. Seit 2001 ist er als freier Autor und Journalist vor allem für Magazine tätig, unter anderem schreibt er Reportagen und Porträts für #Stern", #Cicero", #Spiegel", #Focus", #National Geographic" oder #Mare". 2007 wurde er für seinen Beitrag #Dr. Fastfood und Mister Dschihad" mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Wöhrle lebt mit Frau und Sohn in Hamburg und Berlin.

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Leseprobe

Kapitel

2

Dona Ute und ihre Kinder

Die nächsten zwei Tage brauche ich zur Akklimatisierung. Helmut und ich sitzen viel zusammen, trinken Bier und palavern. Am dritten Tag wache ich auf und habe schlecht geschlafen. Helmut und ich hatten gestern eine längere Diskussion, bei der es etwas ruppig zuging. Wir beide stammen schließlich aus dem Schwarzwald. Dort spricht man die Dinge deutlich aus und verklausuliert nichts. Kurz: die Schönrednerei ist dem Schwarzwälder ein Graus. Deshalb bin ich Helmut gegenüber auch sehr offen und direkt, auch wenn er mehr als 15 Jahre älter ist als ich. Er passt manchmal wie ein großer Bruder auf mich auf, und man kann vortrefflich mit ihm wortfechten. Wir waren noch einmal in einer Churrascaria, einem echten Gourmettempel, in der Nähe eines nahe gelegenen Einkaufszentrums. Draußen parken die Mitarbeiter die Autos für die Kunden. Drinnen schaut man bei gedämpftem Licht auf ein fulminantes Buffet mit riesigen Shrimps, grünem Spargel, Palmenherzen und Mozzarellakugeln – alles Beilagen, die später zum Fleisch gereicht werden. Die Kellner bieten einem die verschiedensten Fleischsorten an, auch hier gibt es überwiegend Rind. Wir trinken Caipirinha, mit Hochprozentigem vom Feinsten, und brasilianisches Bier. Unser Gesprächsthema: die Gewinner und Verlierer der Weltwirtschaft. Die oft zitierten Gegensätze zwischen Arm und Reich haben mich in Brasilien immer schon sowohl betrübt als auch neugierig gemacht. Bis heute begegnen einem die großen sozialen Unterschiede auf Schritt und Tritt auf der Reise durch das Land. Ich behaupte, als Deutscher weiß man nicht, wie arme Menschen wirklich leben müssen. Vielleicht hat man eine entfernte Ahnung davon, aber wirklich wissen kann man es wohl nur, wenn man eine Zeit lang den Alltag mit ihnen teilt.

Genau an diesem Punkt begann unser Streit. Helmut sagte, dass die Armen in Deutschland genauso leiden, dass es ihnen nicht wirklich besser ergehe. Und dass »arm hier oder arm dort immer die gleiche Scheiße ist«. Ich habe ihm vehement widersprochen. »Helmut, du warst zu lange nicht in Deutschland«, habe ich geantwortet, als unsere Mägen voll und unsere Kehlen geölt waren. »Immerhin gibt es bei uns noch eine soziale Absicherung, und auch wenn trotzdem so mancher durch das soziale Netz fällt, sind die Lebensumstände auch in ärmeren Wohngegenden doch nicht mit denen in einer Favela vergleichbar.« Es ging noch etwas hin und her, aber wir haben das Gespräch lieber vertagt, sind nach Hause gefahren und haben uns schlafen gelegt, bevor wir uns die Köpfe heiß redeten. Für den nächsten Tag hatte ich einen Gesprächstermin vereinbart, der mich in eine der Favelas im Supermoloch São Paulo führen sollte. Diese Armenviertel sind Teil des Stadtbildes und zwängen sich zwischen die »normalen« Wohnviertel oder liegen ganz weit draußen am Stadtrand.

So wie die Favela Monte Azul im Süden von São Paulo. Wenn es das Gesicht der Armut wirklich gibt, dann zeigt es hier seine hässliche Fratze, aber es hat sich auch viel getan. Das ist zumindest mein erster Eindruck, als ich das Viertel im März 2016 betrete. Ich war vor sechs Jahren schon einmal hier, da gab es noch einen brackigen Fluss, Unrat und streunende Hunde. Inzwischen ist das Viertel etwas urbanisiert worden: Ein Abwassersystem und viele neue gepflasterte Straßen und Wege sind die positiven Folgen dieser Entwicklung. Monte Azul scheint zu glühen, so heiß ist es hier heute, auch noch am späteren Nachmittag. Der Slum strahlt aus der Ferne betrachtet in einem schmutzigen Orange. Das kommt von den unverputzten Ziegelsteinwänden der bis zu vierstöckigen, aber dennoch sehr kleinen Häuser der Favela, zwischen denen sich Treppenlabyrinthe die Hügel hinaufschlängeln. Sie werfen das Sonnenlicht warm zurück. Auf dem Weg zu meiner Verabredung gehe ich durch die Straßen, Stromleitungen ziehen sich wie Spinnweben von Haus zu Haus. An den Masten hängt jeweils ein Knäuel aus Kabelsalat. Wer ist hier der Elektriker?, frage ich mich, wenngleich ich weiß, dass hier jeder private Haushalt die vorhandenen Stromleitungen anzapft. Die meisten der Bewohner sind arm – um das zu erkennen, braucht es keinen Armutsexperten: Sie werden von den Besserverdienenden descamisados genannt, die Hemdlosen. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Bezeichnung für die »Have nots«, die Habenichtse in ihrer Mitte. Helmut hatte mir vor längerer Zeit einmal erzählt, dass es hier in Monte Azul eine deutsche Frau gibt, die sich mit den sozialen Gegebenheiten nicht abfinden mochte. Sie kämpft dafür, dass auch in der Favela jeder ein Hemd tragen kann.

»Als ich hier zum ersten Mal herkam, wusste ich, dass ich helfen will«, sagt Ute Craemer, nachdem wir uns die Hand gegeben, uns vorgestellt und mit etwas Smalltalk in ihrem Büro des Projekts angenähert haben. »Helfen wollen« war anfänglich ein zaghafter Wunsch, aus dem inzwischen ein Bollwerk gegen die Armut geworden ist. 1975 gründete Ute Craemer ihr Hilfsprojekt »Monte Azul«, das zu einem der erfolgreichsten und bekanntesten in Brasilien geworden ist.

»Wie haben Sie angefangen?«, frage ich sie.

Frau Craemer nestelt an ihren grauen Haaren, wenn sie von ihrem Leben erzählt. Sie hat schon viele Interviews gegeben und die Fragen waren oft die gleichen. Sie hätte früh viel Leid gesehen. Die 78-Jährige wurde in Weimar geboren. Ihr Vater war Wissenschaftler und die Familie zog mit ihm um die halbe Welt: zuerst nach Graz, dann nach Jugoslawien, Ägypten und schließlich nach Pakistan. Sie erlebte die Folgen der Teilung von Indien und Pakistan, die Flüchtlingsströme, das Elend der Entwurzelten. 1949 rief sich Pakistan zur ersten Islamischen Republik der Welt aus. Im gleichen Jahr zog Ute Craemer zurück nach Deutschland, studierte dort Französisch und Russisch und wurde Dolmetscherin. Doch diese Tätigkeit war nicht befriedigend für sie.

»Warum nicht?«, will ich wissen.

»Ich wollte etwas für die Völkerverständigung tun. An etwas Sinnvollem mitwirken.« Deshalb trat sie 1965 in den Deutschen Entwicklungsdienst ein. Eigentlich wollte sie nach Asien. Aber als Ute Craemer dann ins südbrasilianische Londrina geschickt wurde, merkte sie schnell, »dass die Menschen hier auf mich gewartet haben«. Sie arbeitete von Anfang an mit Kindern, was nicht anders wurde, als sie 1971 nach São Paulo kam.

In diesem Ungetüm von Stadt lebt und wirkt sie bis heute. Ganz zu Anfang bot sie Spielnachmittage für Kinder aus der Favela an, die sie mit ihren Waldorfschülern zusammenbrachte. In der Zeit arbeitete sie noch Vollzeit als Lehrerin und wollte schichtenübergreifend Brücken bauen. Die Kinder aus reichen Familien sollten mit den weniger betuchten Altersgenossen in Kontakt kommen. Zwar arbeitet sie in jenen frühen Tagen noch allein, fühlt sich aber nicht allein gelassen, sondern geht in ihrem Engagement auf. Täglich kommen ganze Karawanen von Kindern zu ihr. Irgend wann wohnen auch einige von ihnen bei ihr zu Hause, vor allem solche, die aus problematischen Familienverhältnissen kommen.

»Es war klar, dass man hier etwas Größeres aufbauen musste«, sagt Ute Craemer und ihre hellen Augen leuchten wie Funkelsteine aus dem sonnengebräunten Gesicht. 1975 gründet sie einen Gemeinschafts-Verein. Ein Anwalt aus München hört von ihrer Arbeit und spendet spontan 10 000 D-Mark. Davon ließ Ute Craemer ein Haus in der Favela als Begegnungsstätte für Kinder bauen. Wie eine Bienenkönigin, die ihren Stock Wabe für Wabe aufbaut, lässt Ute Craemer auch das Sozialprojekt Stück um Stück wachsen. Mittlerweile gibt es mehrere Standorte in Monte Azul. In Krabbelgruppen, Kindergärten, Vorschul- und schulbegleitenden Jugendgruppen sowie in berufsausbildenden Werkstätten werden weit über tausend Kinder und Jugendliche betreut.

Favelas bestehen meist aus kleinen mehrstöckigen Häusern, durch die sich enge Gässchen schlängeln.

»Worauf liegt Ihr Hauptaugenmerk?«

»Wir versuchen, die schlechten Bildungschancen hier mit unserem Angebot auszugleichen«, sagt sie. Dabei stehen Spielen und spielerisches Lernen im Vordergrund. Die Kinder malen, basteln, spielen Fußball oder werden bei ihren Hausaufgaben unterstützt. In einer eigenen Schreinerei, einer Bäckerei, einer Puppenwerkstatt und einer Papier-Recyclingwerkstatt können junge Menschen aus der Favela einen Beruf erlernen und arbeiten. Man füttert die Menschen nicht durch, sondern zeigt ihnen, wie sie ihr Leben selbst anpacken können.

Ich denke an Helmut und an Deutschland. Vielleicht gibt es doch eine Parallele: Wenn du von unten kommst, bleibst du meist unten. Wichtiger als allein soziale Leistungen zu erhalten, wäre auch in Deutschland, dass man Menschen noch öfter die Chance gibt, ihre Fähigkeiten zu erproben und sich weiterzuqualifizieren. Egal, welchen Bildungsstand und welches Alter sie haben. In der Tischlerei von Monte Azul wirken die Menschen bei der Arbeit zufrieden.

»Das hier ist eine große Chance für mich. Ich kann mein Geld hier auf legale Weise verdienen«, sagt der 17-jährige Paulo, dem ich dort begegne. Wer weiß, was aus ihm sonst geworden wäre, hier, wo Drogen und Gewalt unterschwellig immer eine Rolle spielen und das Leben der Einwohner bedrohen können.

»Wir wollen die Menschen dazu bringen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie sollen die harte Realität, in der sie leben, selbst verändern lernen«, sagt Ute Craemer. Sie hat das Angebot in den letzten Jahren ausbauen können. Denn neben Spenden aus aller Welt gibt es seit einigen Jahren auch Unterstützung von der Stadt São Paulo.

»Das wäre zu Zeiten...

Blick ins Buch

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