Sie sind hier
E-Book

DuMont Reiseabenteuer Im Schatten der Seidenstraße

Entlang der historischen Handelsroute von China nach Kurdistan

AutorColin Thubron
VerlagDumont Reiseverlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl472 Seiten
ISBN9783770199495
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR

Eine große historische Handelsroute ganz neu erlebt


In Bussen, Zügen, klapprigen Taxis und Geländewagen, auf Eselskarren und
Kamelen folgt Colin Thubron dem Verlauf der ältesten und berühmtesten
aller historischen Handelsrouten. Im Herzen Chinas beginnend, steigt sie
auf in die zentralasiatischen Gebirgsmassive, führt durch Uiguren- Land,
durch Usbekistan, Kirgisistan und Afghanistan und zieht sich schließlich
durch die weiten Ebenen des Iran und den kurdischen Teil der Türkei bis
ins alte Antiochia am Mittelmeer. In sieben Monaten legt Colin Thubron
mehr als elftausend Kilometer zurück. Mit Zähigkeit und bewundernswertem
Durchhaltevermögen meistert er die Strapazen seiner geradezu epischen
Reise. Den Rucksack nur mit dem Nötigsten gefüllt, das Geld in einer
leeren Flasche Mückenschutzmittel versteckt, Sandstürmen, Schnee und
Hitze trotzend, sucht er nach den Spuren einer Jahrtausende alten
Geschichte und ist immer und überall ein sensibler Beobachter,
neugieriger Gesprächspartner und glänzender Erzähler, der sich auf die
Menschen, denen er begegnet, einlässt und ihre Identität erspürt. Das
Werk zeigt Thubrons tiefe Passion für die Belange und die Geschichte
einer Weltgegend, die uns weithin unbekannt ist.


Über den Autor: Colin Thubron, 1939 in London geboren, gilt in
Großbritannien als Großmeister des Travel Writing. Seine literarischen
Reisereportagen zum Mittleren Osten, zur ehemaligen Sowjetunion sowie zu
Zentralasien und China machten ihn landesweit bekannt. Nach 'Among the
Russians', 'Behind the Wall. A Journey through China', 'The Lost Heart
of Asia' und 'In Siberia' legt Thubron mit 'Shadow of the Silk Road' den
Bericht über seine Reise entlang der historischen Seidenstraße vor. Er
gewann mit seinen schriftstellerischen Arbeiten, darunter mehreren
Romanen, zahlreiche Preise.


Dieses E-Book basiert auf folgender Printausgabe: 1. Auflage 2013

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Von Kashgar nach Maschhad


Kapitel 7 - Die Gebirgspassage


Die durch das Fenster meines Hotelzimmers leuchtenden Berge, unerreichbar hinter der geschlossenen Grenze, markierten die uralte Trennlinie zwischen Wüste und hochgelegenem Grasland. Hier verschmolzen die Bergketten des Tian Shan und Kunlun endlich mit dem öden Pamir-Gebirge, und die Seidenstraßen-Routen, die sich in Kashgar trafen, trennten sich gleich wieder und kletterten nach Norden und Westen in völlig verschiedene Landschaften. Die Pässe waren seit jeher prekäre Übergänge. Zu Sowjetzeiten waren sie so gut wie immer geschlossen. Und jetzt wartete ich voller Ungewissheit, zumal selbst im Sommer plötzliche Schneeverwehungen oder unvorhersehbare bürokratische Komplikationen den Weg versperren konnten.
Im August ging die SARS-Epidemie zurück. Ich mietete einen Land Rover mit einem schweigsamen Fahrer, der mich nach Norden durch die Vorhangfalten des gelben Vorgebirges zum Torugart-Pass brachte. Kirgisistan hatte seine Grenzen geöffnet. In den hallenden Räumen des chinesischen Zollgebäudes kon­trollierten schläfrige Militärs meinen Pass, durchsuchten meinen Rucksack und versuchten zu verstehen, was ich vorhatte. Mit nutzloser Sorgfalt sahen sie durch knitterige Sprachhandbücher, das bisschen Kleidung und unleserliche Notizen. Dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte, verwunderte sie, machte mich jedoch weniger verdächtig. Mein Geld war in einer ausgeleerten Flasche Mückenschutzmittel versteckt. Nach zwei Stunden endlich stempelte ein Beamter meinen Pass mit Mandarin-Geste ab, und das Letzte von Xinjiang, woran ich mich erinnere, ist eine Plakatwand neben der Straße, auf der eine zollfreie Zone angekündigt wurde, die »Everlasting Commodities Fair« (Immerwährende Warenmesse) heißen sollte. Der chinesische Himmel.
Über uns glänzten nackte, steiler werdende Berge. Mehr als hundert Kilometer ging es über einen staubblinden Pfad durch bitteres Niemandsland, dann waren wir im Gebirge. Die Bergflanken zeigten mauvefarbene und düster kohlenschwarze Schichten, das Geröll war blaurot. Neben uns floss der Ushmurvan-Fluss in einzelnen malzigen Rinnsalen durch sein Kiesbett hinunter in Richtung Taklamakan. Wir kamen in eine Abfolge von Schluchten, die sich in orangerot und marmorweiß gesprenkelten Bergflanken öffneten, manchmal bedeckte das Sommergrün noch einen fernen Hang. Die Straße war verlassen. Einundzwanzig hingemetzelte Chinesen waren hier im Frühling in einem ausgebrannten Bus gefunden worden; niemand wusste, wer sie getötet hatte. Die einzigen Autos, die uns begegneten, waren ein paar kirgisische Lastwagen mit Altmetall auf dem Weg nach Kashgar.
Die Schluchten entließen uns auf ein windgepeitsches Hochland. Halb verlassene Dörfer in der Farbe der Berge kamen in den Blick, am Himmel huschten Wolken vorbei. Nominell befanden wir uns noch immer in China, aber in den Dörfern sahen wir zottige, kurzbeinige kirgisische Hirten mit weiten Brustkörben und weißen Filzhüten. Vor siebenhundert Jahren waren ihre turksprachigen Vorfahren von den Mongolen aus ihrer Heimat an den Ufern des oberen Jenissei vertrieben worden und hatten sich weiter südlich im Tian Shan mit den dortigen Stämmen vermischt. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts nannten die Russen ihre versprengten Nachfahren eine Nation und legten die Grenzen ihres Territoriums fest, in denen sie nach dem Zusammenbruch des Sow­jetreichs überraschend die Unabhängigkeit erlangten.
Wir kamen auf Grasland mit Pferdeherden, am Horizont reckten sich schneebedeckte Gipfel. Vor uns lag der dreitausendsiebenhundertfünfzig Meter hohe Torugart-Pass. Dann plötzlich endete die Straße: Wir hatten die kirgisische Grenze erreicht. Mit den Schultern schoben ein paar schwer bewaffnete Soldaten ein mächtiges, wackliges, mit Stacheldraht umwickeltes Tor auf, und meine Land-Rover-Fahrt war zu Ende. Ich lief durch mit Steinplatten ausgelegte Räume, geschaffen für Menschenmengen, die hier nie durchkamen. Die einzigen anderen Einreisenden waren zwei uigurische Händler mit Säcken voller Gemüse aus der Oase Kashgar. Mein Pass fand kaum Beachtung. Hinter der geöffneten Tür wartete ein Lastwagen auf mich, ohne den ich von hier nicht weitergekommen wäre, und ich betrat Kirgisistan.
Der Wind blies trocken und kalt, und die aufgerissene Fahrbahn vor mir führte eindrucksvoll ins Dämmerlicht hinunter. Nachdem wir die militarisierte Zone verlassen hatten, steuerte mein Fahrer die einsame Karawanserei von Tasch Rabat an, zu der ich gebracht werden wollte. Viele Kilometer ging es an einem finsteren Überbleibsel der Sowjetzeit entlang: einem doppelten an Betonpfosten aufgespannten Elektrozaun mit einem dazwischen verlaufenden geharkten Minenstreifen. In regelmäßigen Abständen ragten Wachtürme empor, Symbole der Paranoia und alle leer, bis sich der Grenzstreifen von unserer Straße trennte und über die Berge verschwand.
Die Grenze wird heute gemeinsam von kirgisischen und russischen Soldaten bewacht. Es hieß, Zehntausende Chinesen hätten sie illegal überquert, Häuser und Grundstücke gekauft und Kirgisinnen geheiratet. Aber China war nicht länger der Feind, das Problem war ein quälender Terrorismus. Es gab fünfzigtausend Uiguren in Kirgisistan, die voller Zorn ihre Heimat zurückhaben wollten, und Peking bot Hilfe an, dafür dass sie unter Kontrolle gehalten wurden. China hatte sogar schon gemeinsame militärische Übungen mit Kirgisistan abgehalten, während weiter nördlich, nahe der Hauptstadt Bischkek, dreitausend US-Soldaten stationiert waren und auf der Luftwaffenbasis Manas eine Flotte Kampfjets bereitstand.
Russen, Chinesen und Amerikaner waren an dieser Länderscheide in einzigartiger Eintracht präsent, aber die wahre Grenze lag natürlich viel weiter östlich: dort, wo die chinesische Welt mit der turksprachigen zusammenstieß, wo die uigurischen Träume köchelten, wo sich Kuppeln erhoben und die Menschen von Gott redeten.

Wir verließen die Straße und folgten einem Pfad in ein ruhiges Tal. Ein kalter Bach rauschte neben uns. Die Höhen waren in vergilbendes Gras gekleidet und liefen in langen, felsenlosen Fingern zum Talgrund aus. Yaks und Kühe grasten auf den Wiesen, und seidige Ponys galoppierten dahin. Es gab keinen Teer, keine Telegrafenmasten und auch keinen Wind mehr. Über dem Fluss schwebten Vögel, die ich nicht kannte, sie waren so namenlos wie am Tag ihrer Schöpfung. Die Kirgisen wohnten hier in Jurten auf den Hangwiesen. Blauer Rauch stieg auf, und in der Ferne bewegte sich eine Herde Pferde still über die Berge.
Nach einer Weile schob sich an der Talseite dominant die Karawanserei in den Blick, aus dunklen Steinen erbaut, mit gerundeten Türmen. Niemand kannte ihr genaues Alter, aber der Standort existierte seit tausend Jahren. Auf ihren Wiesen sah ich ein paar Jurten und eine Hütte, und als wir näher kamen, stieg eine Gruppe gut gelaunter Kirgisen in zwei alte, geschundene Autos. Sie hätten am Abend zuvor ein Schaf geschlachtet, sagten sie, und bei Kerzenlicht mit ihrem Mullah die ganze Nacht in der Karawanserei gegessen und gebetet. Nach einem geräuschvollen Abschied fuhren sie in Staubwolken gehüllt davon, und mein Lastwagen folgte ihnen, einer ländlichen Sufi-Bruderschaft, die an all die Orte reiste, die sie für heilig hielt.
Ich ließ das hohe Tor der Karawanserei hinter mir und gelangte durch einen Korridor mit gewölbter Decke und unebenem Steinboden in den zentralen Raum. Es war niemand da. Der Raum war achteckig, seine nackten Wände wurden von groben Fenstern durchstoßen, durch die aschfahles Licht hereinleckte, und hier und da klebte noch die Ahnung eines alten Putzes in den Ecken. Über mir wölbte sich kalt eine schmucklose Kuppel. Im Halbdunkel schob ich mich durch verschiedene Gänge, deren Wände sich unter meinen Händen klamm anfühlten, und kam in Schlafkammern mit runden, mich an alte Bienenstöcke erinnernde Decken. Dahinter erstreckten sich lange Räume mit großen Podesten und winzigen Oberlichtern, durch die man die Sterne sehen konnte. Die dunklen Steinplatten der Wände sahen aus wie aufeinandergestapelte, ledergebundene Bücher. Nichts durchbrach die Stille des Gebäudes. Ich spürte mein von der Höhenlage beschleunigtes Herz schlagen. Vor den steinernen Podesten um mich herum hatten einmal Pferde und baktrische Kamele gedöst, während die Kaufleute, den scharfen Geruch der Tiere gewöhnt, zwischen ihren aufgetürmten Waren lagen. Männer aus dem Westen litten unter der plötzlichen Höhe. Die Höhenkrankheit nicht verstehend, nannten sie die Gebirgspässe ›Großer-Kopfschmerz‹-Pass und ›Kleiner-Kopfschmerz‹-Pass (die Chinesen dachten, das Unwohlsein rühre von wilden Zwiebeln her). Oft tauschten sie ihre Pferde gegen Maultiere und ihre Kamele gegen Yaks ein. Manchmal wurden komplette Karawanen von Schneestürmen begraben.
Aber die Karawanserei in diesem dunklen Tal neben der Hauptroute mag bescheidenerem Handel gedient haben. Das Nervensystem der Seidenstraße strahlte bis in ärmlichste Gegenden hinunter und passierte kleinste...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Fernreisen - Afrika - Australien - Asien

Mein Jahr am Nordpol

E-Book Mein Jahr am Nordpol

Es ist ein filmreifer Beginn: In einem Pub in der spitzbergischen Stadt Longyearbyen trifft die Britin Marie Tièche auf den deutschen Professor Hauke Trinks, der sie spontan zu seiner nächsten ...

Der heilige Bruno

E-Book Der heilige Bruno

Auf Spurensuche am KilimandscharoWer ist eigentlich dieser streng blickende Mann, dessen Foto über dem Esstisch hängt? Tillmann Prüfer weiß wenig über seinen Urgroßvater - nur, dass er Anfang ...

Das Paradies auf Erden...

E-Book Das Paradies auf Erden...

'Was würdest Du alles versuchen, wenn Du keine Angst hättest zu scheitern?' (Dunstabzugshaubenspruch in Chicago/USA) Sie sind weder Auswanderer noch Abenteurer. Sie wollen wissen, ob das Paradies ...

Koala, Känguru & Co

E-Book Koala, Känguru & Co

Es erwartet Sie eine Reise durch Australien mit Fotos von Koala, Känguru & Co., die in freier Wildbahn, Wildlife Parks oder Sanctuarys aufgenommen wurden und jetzt mit kurzen humorigen Kommentaren ...

Weitere Zeitschriften

Berufsstart Gehalt

Berufsstart Gehalt

»Berufsstart Gehalt« erscheint jährlich zum Sommersemester im Mai mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren und ermöglicht Unternehmen sich bei Studenten und Absolventen mit einer ...

caritas

caritas

mitteilungen für die Erzdiözese FreiburgUm Kindern aus armen Familien gute Perspektiven für eine eigenständige Lebensführung zu ermöglichen, muss die Kinderarmut in Deutschland nachhaltig ...

CE-Markt

CE-Markt

 Das Fachmagazin für Consumer-Electronics & Home Technology ProductsTelefónica O2 Germany startet am 15. Oktober die neue O2 Handy-Flatrate. Der Clou: Die Mindestlaufzeit des Vertrages ...

Courier

Courier

The Bayer CropScience Magazine for Modern AgriculturePflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und generell am Thema Interessierten, mit umfassender ...

küche + raum

küche + raum

Internationale Fachzeitschrift für Küchenforschung und Küchenplanung. Mit Fachinformationen für Küchenfachhändler, -spezialisten und -planer in Küchenstudios, Möbelfachgeschäften und den ...

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler ist das monatliche Wirtschafts- und Mitgliedermagazin des Bundes der Steuerzahler und erreicht mit fast 230.000 Abonnenten einen weitesten Leserkreis von 1 ...

DSD Der Sicherheitsdienst

DSD Der Sicherheitsdienst

Der "DSD – Der Sicherheitsdienst" ist das Magazin der Sicherheitswirtschaft. Es erscheint viermal jährlich und mit einer Auflage von 11.000 Exemplaren. Der DSD informiert über aktuelle Themen ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...