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E-Book

DuMont Reiseabenteuer Stadt im Rausch

Meine Suche nach dem Glück in Las Vegas

AutorChristoph Wöhrle
VerlagDumont Reiseverlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783770199792
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR

Unter Glücksrittern Es gibt viele Arten von Glück in Las Vegas: Glück im Spiel, Glück in der Liebe oder Glück im Big Business. Aber es gibt hier auch viele Verlierer, die bei all diesem Glück nicht mithalten können. »Stadt im Rausch« ist ein Buch über die Glücksritter von Las Vegas, über ihre Träume, und das, was daraus wurde. Christoph Wöhrle trifft Pokerspieler, Stripperinnen, Boxer, Unternehmer, Magier und Obdachlose, die alle ihre Fortune in Sin City gesucht und herausgefordert haben. Und natürlich probiert er sich auch selbst am Spieltisch, er lässt sich nach einer durchzechten Nacht den Kater von einem Arzt wegdoktern, er versucht erfolglos, einen Hamburger mit acht Lagen Fleisch zu essen, und er sucht nach den Gegensätzen der Glitzermetropole, pendelt zwischen denen, die es nach ganz oben geschafft haben, und denen, die es nach ganz unten zog. Die Stadt ist für ihn eine Amour Fou geworden, in deren Arme es ihn immer wieder treibt. En passant bereist er die Gegend rund um die Neonmetropole in der Wüste, er nimmt die Leser mit in ein Indianerreservat oder zum wunderschönen Lake Mead. »Stadt im Rausch« ist ein Buch für Las Vegas-Fans und für Las Vegas-Hasser, für USA- Reisende und für Liebhaber guter Geschichten.

Dieses E-Book basiert auf folgender Printausgabe: 1. Auflage 2015



Christoph Wöhrle, Jahrgang 1979, ist im Schwarzwald aufgewachsen. Zum Studium ging er nach Berlin, wo er auch die Berliner Journalisten-Schule besuchte. Seit 2001 ist er als freier Journalist vor allem für Magazine tätig, unter anderem schrieb er Reportagen und Porträts für »Stern«, » Spiegel«, »Focus«, »National Geographic«, »Mare«, »Playboy«, »Brigitte« und »Reportagen«. 2007 wurde er für seinen Beitrag »Dr. Fastfood und Mister Dschihad« mit dem renommierten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Wöhrle lebt mit Frau und Sohn in Hamburg und Berlin.

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Leseprobe

Kapitel

1

Poker um halb acht

»Ob es ihm gefällt oder nicht, der Charakter eines Menschen wird am Pokertisch bloßgelegt.«

ANTHONY HOLDEN, BRITISCHER SCHRIFTSTELLER

Es zirpt, als zirpten tausend Grillen. Steven van Zadelhoff lässt seine Chips durch die Finger gleiten. Tausende Spieler an den zweihundertvierundneunzig anderen Pokertischen tun es ihm gleich, daher dieser Sound, der den Raum wie ein unaufhörliches Hintergrundrauschen durchströmt. Ansonsten herrscht Stille, es ist eine fast feierliche Atmosphäre im Messesaal mit Namen Amazon. Grillenzirpen und Amazonas, das passt gut zusammen.

Ich bin selbst einmal vom brasilianischen Manaus in den Urwald gefahren, habe dort drei Tage verbracht, bin tags mit einem Führer umhergestreift und habe nachts in einer Hängematte geschlafen, gespannt von Baumstamm zu Baumstamm. Am Amazonas ist es immer still und niemals leise. Das trifft auch auf diesen Messeraum zu.

Ich stehe ganz dicht am Spieltisch und schaue, was hier passiert, bin etwas aufgeregt. Mein erstes Pokerturnier.

Der dreißigjährige holländische Pokerprofi Steven van Zadelhoff trägt Sonnenbrille, keiner soll in seinem Gesicht etwas lesen können. Mit am Tisch sitzen ein Mann mit Cowboyhut, ein dicker Unternehmer, drei junge Kerle mit Baseball-Caps, ein Langhaariger mit AC/DC-Shirt, ein Indianer und einer mit einem weiß-roten Karohemd, Typ Maschinenbaustudent.

Jetzt kommt es zum Showdown, die Karten werden gezeigt. »Also los«, raunt Steven in die Runde, dreht zwei Könige um und lächelt. Bestes Blatt, Spiel gewonnen.

Las Vegas im Juli. Die ganze Stadt atmet Poker. Der glitzernde Wahnsinn in der Wüste von Nevada huldigt Pik, Karo, Herz und Kreuz. Ich bin da, um über das Turnier zu schreiben. Schon im Taxi vom Flughafen ins Zentrum fragte mich der Fahrer: »Kommen Sie wegen Poker nach Las Vegas?«

Im Hotelzimmer liegt das »Las Vegas Magazine« auf dem Tisch. Der Titel auf dem Cover: »No Limit to the Action«. Es zeigt einen Mann mit Basecap, der ganze Bündel von Geldscheinen vor sich liegen hat, die aussehen wie Backsteine, mit denen man Wände hochziehen kann.

Ich bin hier der Chronist eines Spiels, das Millionäre macht. Irgendwie löst das Ganze eine feierliche Stimmung in mir aus. Werde ich hier vielleicht gerade Teil einer ganz großen Sache?

Im Hotel Rio, das nachts in Rot, Violett und Rosa erstrahlt, gastiert die World Series of Poker (WSOP), das größte Pokerturnier auf dem Erdball, die Weltmeisterschaft. Von Mai bis November werden rund sechzig Turniere ausgespielt; am wichtigsten, dem Main Event, nehmen diesmal fast siebentausend Spieler teil.

Gespielt wird die Variante Texas Hold’em, bei der jeder Spieler zwei Karten erhält, weitere fünf werden nacheinander aufgedeckt. Gewonnen hat das stärkste Blatt aus fünf dieser sieben Karten.

Jeder Teilnehmer muss zehntausend Dollar Startgeld einzahlen. Es gibt auch ein Turnier für Journalisten, nur zum Spaß und ohne Geldeinsatz, damit sie die Regeln lernen und sich nicht durch das Turnier stümpern müssen. Ich nehme nicht teil, irgendwie traue ich mich noch nicht recht. Glücksspiele habe ich bislang immer gemieden; ich behalte gerne die Kontrolle über mein Geld.

»Hier zu spielen ist der Traum eines jeden ernsthaften Spielers«, sagt Steven. Der Gewinner bekommt das Bracelet, ein Armband aus Silber und Gold, die höchste Auszeichnung für Pokerspieler.

Letztes Jahr betrug das Preisgeld für diesen ersten Platz über neun Millionen US-Dollar. Dieses Jahr wird der Gewinn noch höher ausfallen. Vermögen werden hier gemacht, Legenden geboren oder fortgeschrieben. Und Steven van Zadelhoff will eine dieser Legenden werden. Er ist nicht gekommen, um Lehrgeld zu bezahlen.

Über das Turnier zu schreiben, bringt leider nicht so viel Geld ein. Irgendwie bin ich plötzlich schlapp vom Flug, verliere zwischendurch die rechte Lust am Thema Poker. Ich habe enorme Stimmungsschwankungen und traue dieser Stadt nicht, an die ich nun mal keine so guten Erinnerungen habe.

Andererseits: Jetzt bin ich hier. Ich schicke meine Augen über die Spieltische und suche nach Spielerinnen. Es gibt nur wenige.

Denn Poker ist immer noch ein Männersport, zumindest bei den Live-Turnieren sind nur rund fünf Prozent der Teilnehmer weiblich. Und wenn sie spielen, sind sie oft eher die hübschen Accessoires, so wie Shannon Elisabeth, die glutäugige Austauschschülerin im Film »American Pie«.

Durch Online-Poker ist der Sport nach der Jahrtausendwende explodiert. Millionen Zocker weltweit versuchen sich jeden Tag an dem Spiel – Männer, Frauen, Kinder, Greise. Das Spiel verheißt das große Geld, den einen Glückstag, der alles verändert.

Steven sitzt in der Lounge und trinkt eine Diet Coke. Er trägt Bart, Glatze, dazu sportliche Klamotten und Römersandalen, er sieht fast aus wie ein Einsiedler. Seine blaugrauen Augen fixieren die Wand, wenn er spricht, und krallen sich in ihrer Raufaserstruktur fest. »Zocken und spielen hat immer zu meinem Leben gehört«, sagt er. Wir sind sehr verschieden, denke ich mir.

Steven gilt in der Szene als eines der größten Talente weltweit. In den Niederlanden hat er einen Wirtschaftsstudiengang abgeschlossen. Zum Pokern kam er 2001 durch einen Freund.

Dieses Jahr ist er zum vierten Mal bei der WSOP dabei. Steven steht auf, hüpft hibbelig auf der Stelle, er hat heute acht Stunden am Pokertisch gesessen. Es war ein guter Tag.

Früher trainierte Steven den Free Fight, eine Mischung aus Kickboxen, Ringen und anderen Kampfsportarten. Ein weiteres Hobby damals: mit Aktien spielen. Er schaffte es, das Vermögen seiner Eltern auf zweihunderttausend Euro zu verdoppelt; aber nach einem halben Jahr war alles wieder verloren.

2004 gewann Steven fünfundzwanzigtausend Dollar bei einem Online-Turnier und nannte sich fortan Profi. Wenn das Pokern heute seine Aktien darstellt, dann ist bei Steven seit Jahren Hausse. Er hat ein gutes Pokerhändchen: »Meine größten Gewinne waren bis heute einmal neunzigtausend und einmal vierundneunzigtausend Dollar.« Viele noch höhere Gewinne werden folgen.

Über Preisgelder redet er aber ungern, seit sich das niederländische Finanzamt auch für Einnahmen aus dem Glücksspiel interessiert. Folglich trägt er sein Geld nicht zur Bank, aber es sei an einem sicheren Ort, sagt er grinsend.

Später wird Steven nach Malta ziehen, um dem Finanzamt endgültig zu entkommen. Ich werde ihn noch häufiger treffen; auch wenn er nur hier zu Anfang des Buches auftaucht, war er mir immer ein geschätzter Gesprächspartner während meiner Reisen zur WSOP. Er war schließlich der Erste, den ich zum Thema Poker interviewt habe, und irgendwie schweißt uns das zusammen.

»Was macht einen guten Spieler aus?«, frage ich.

»Charakterliche und psychische Stärke, Geduld und eine Prise Glück«, sagt Steven.

Mal gewinne man zweihunderttausend Dollar auf einen Schlag, dann sei ein halbes Jahr Flaute.

Wichtig sei vor allem, den read drauf zu haben. Dabei geht es darum, den Gegner abzuchecken, zu ›lesen‹, wie er tickt. Was verrät sein Gesicht, was verraten die Hände? Deshalb die vielen Sonnenbrillen an den Pokertischen. Verbergen und verschatten ist alles. Man spielt nicht nur die eigenen Karten, sondern imaginär auch die des Gegners. »Durch die Augen des Gegenübers schauen«, nennt es Steven, und es klingt für mich nach Hokuspokus.

Ich wäre ein lausiger Pokerspieler, das wird mir spätestens jetzt klar. Denn meine Nervosität könnte ich bei guten Karten ebenso wenig verheimlichen wie bei schlechten. Mein Bluff wäre durchschaubar, meine Hände würden zittern, ich würde schwitzen, da bin ich mir sicher.

Es gibt viele Tricks, um vermeintliche Teilnahmslosigkeit und Coolness vorzutäuschen: Chips zählen, um zu zeigen, dass man bald erhöhen will, was die anderen aus der Reserve locken soll, selbst höher zu bieten. Getränke bestellen, um zu zeigen, dass man noch lange sitzen wird. Am Pokertisch gibt es keine Freundschaften, da wird sich belauert wie in einem Rudel Hyänen, das um ein Stück Aas kämpft.

Steven spielt für das Team von Everest Poker, einem Online-Anbieter aus Europa. Everest ist in diesem Jahr Hauptsponsor des Turniers und zahlt seinen Spielern die Startgebühr – dafür machen die Profis die Marke bekannter. Von seinen Gewinnen muss Steven nichts an den Sponsor abgeben. Immerhin sind das bei guten Spielern locker fünfzig- bis hunderttausend Dollar pro Monat, allein mit dem Online-Poker. Aber das schwankt, wie gesagt.

»Der van Zadelhoff gehört zur Elite«, sagt mir ein Pokerjournalist, als ich auf Stimmenfang bin.

»Was zeichnet ihn aus?«, will ich wissen.

»Dass du bei ihm nie weißt, was er als Nächstes machen wird. Und dass er wirklich kalte Augen hat.«

Früher war der Kollege selbst ein Zocker und hat dabei wenig Glück gehabt. Er schreibt für eine deutsche Zeitung und will nicht, dass ich seinen Namen notiere, schließlich hat Poker immer noch einen schlechten Ruf, als ginge es dabei nur um mafiöse Hinterzimmerpartien und Spielsucht.

»Pass bloß auf beim Thema Spielsucht«, schreit mir der Kollege hinterher, als ich weggehe.

Neben den großen Pokerturnieren gibt es noch das Cashgame, bei dem viele Spieler das meiste Geld verdienen. Beim Cashgame bleibt jeder so lange am Tisch, wie er lustig ist. »Live-Turniere sind dann eher für den Spaßfaktor«, so Steven.

Im Klartext: Beim Cashgame gibt es mehr Idioten, die man ausnehmen kann. Einen...

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