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E-Book

Ein Jahr in Australien

Auswandern auf Zeit

AutorJulica Jungehülsing
VerlagVerlag Herder GmbH
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783451811494
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Julica Jungehülsing lebt in dem Land, in dem die Wüste rot ist und die Strände weiß, wo Fahrgäste dem Busfahrer beim Aussteigen danken und die Kinder vor dem Radfahren Surfen lernen: In diesem Buch erzählt sie von ihrem Alltag in Sidney, Abenteuern im Outback, dem Strand vor der Tür und von den unkompliziertesten Menschen der Welt, den 'Aussis'.

Julica Jungehülsing volontierte bei den Westfälischen Nachrichten und studierte Slavistik in Hamburg. Seit 2001 lebt sie in Sydney und schreibt für Geo, Merian, Stern und Brigitte.

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Leseprobe

Februar


WAS GENAU machte ich eigentlich hier? Dies war keine Wohnung, dies war ein Loch. Ein Kakerlakenwanderweg. Ein Verschlag mit rostigen Gittern vor zwei zu kleinen Fenstern. Durch die sah man eine lange Reihe Mülltonnen, und man konnte sie riechen. Würde ich mich mit dem Rücken auf den speckigen Teppichboden legen und den Kopf an die schimmelige Wand schieben, könnte ich dort oben zwischen den beiden Hauswänden ein Stück Himmel erkennen. Aber das sparte ich mir. Ich musste hier raus, und zwar hurtig. „Luftig, sonnig, groß, natürlich mit Balkon und wahrscheinlich mit Meerblick“ stand auf der Prioritätenliste für meine zukünftige Behausung; ich zog schließlich nicht irgendwohin, sondern nach Bondi Beach, Sydney. Nach Australien, auf den einsamsten Kontinent der Welt, mit zwei Menschen pro Quadratkilometer, und nicht 220 wie in Deutschland. Viel rote Erde, Staub und Regenwald, umgeben von Felsen, Sand und leuchtend blauem Meer. Indischer Ozean auf der einen, Südpazifik auf der anderen Seite, und an dessen Ufer eine der schönsten Städte der Welt. In der musste es doch irgendwo zwei charmante Zimmer für mich geben. Sicher, 342 Sonnentage im Jahr waren ein Problem: ständig diese ultravioletten Strahlen, böse Faltenwerfer, und die Haare blichen sie garantiert auch aus. Aber das war doch kein Grund, sich in einem muffigen Verschlag wie dem hier zu verbarrikadieren.

Kein Wunder, dass die junge Frau im kleinen Schwarzen sich für dieses Kabuff nicht selbst herbemüht hatte. Ramona Real Estate! Sandrina, Tamsin, Monique – Makler hießen in Sydney nicht nur, als wollten sie unbedingt für eine schlechte Vorabendserie gebucht werden. Sie liefen auch herum, als müssten sie später noch zur Oscar-Verleihung. Für ihren Namen konnte Ramona vermutlich nichts und Kleidung ist Geschmackssache, aber wir zwei hatten eindeutig ein Verständigungsproblem: „Hell, groß und mit Holzfußboden“, so hatte die High-Heel-Prinzessin diese düstere Behausung mit Mülleimeranschluss und verfilztem Teppich beschrieben. Dann hatte sie mit azurblau lackierten Fingernägeln den Schlüssel von einem der hundert Haken in ihrem Büro gezupft und mir noch ein „You’ll love it!“ nachgeflötet.

Nein, Ramona-Schatz, I love it überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich schlug die Tür zu, steckte den Schlüssel ein und schüttelte mich. Mein Kopf dröhnte, mir fehlte frische Luft und ein Kaffee. Genau, mehr Kaffee. Der vierten Wohnungsfolter an diesem sonnigen Freitag zum Trotz musste ich grinsen. „Weil es in Sydney den besten Macchiato der Welt gibt“, war in den letzten Monaten in Hamburg meine Standardantwort gewesen, wenn nicht so nahe Bekannte fragten, warum ich eigentlich ans Ende der Welt ziehen wolle. Die Antwort stimmte natürlich: Der Kaffee in Sydney war großartig. Besser jedenfalls als irgendwo zwischen Elbe und Isar, und ich behaupte: auch besser als an der Adria. Allerdings war das vermutlich nur einer der Gründe dafür, warum ich mir bei 32 Grad in Bondi Beach die Füße nach einer erträglichen Behausung wund lief. Warum ich nicht einmal mehr ein Fahrrad hatte, und trotzdem bald die wichtigsten Straßennamen im Schlaf hersagen konnte. Warum ich mich dabei ertappte, wie ich mit Neid jeden Passanten fixierte, in dessen Tasche vermutlich die Schlüssel zu einem Traumapartment mit gitterlosen Fenstern und Meerblick klimperten.

Weitere Gründe waren Wasser, Himmel und Horizont. Das Meer allen voran: jene surfbaren, süchtig machenden Bewegungen, genannt Wellen. Die Farben des Ozeans im minütlich wechselnden Licht, das Gefühl von Sand, Salz und Wind auf der Haut. Die Idee, morgens vor der Arbeit surfen zu können. Dann war da der Himmel, der über Australien eindeutig größer wirkte. Und der Horizont, der auf der Südhalbkugel, auch davon war ich überzeugt, einen weiteren Bogen umspannte als überall sonst auf der Welt. Und daneben gab es noch eine Reihe weiterer Gründe, die unter anderem mit Neugierde, Herzklopfen, der Lust auf Neues und der Angst vor Alltag zu tun hatten. Aber all das konnte ich ja schließlich nicht jedem Hamburger in einem Halbsatz erklären. Der Kaffee passte deshalb als plausible Antwort auf die Frage „Warum um Himmels willen …?“, denn allzu genau wollten die meisten es gar nicht wissen. Die einen konnten es sich denken, die anderen wollten vor allem loswerden, dass sie selbst ja NIE so weit wegziehen würden, oder aber genau das IMMER schon wollten, aber …

Wie auch immer, erst mal musste der Schlüssel des Grauens zurück zur Vorabendserien-Königin. Wie acht weitere Immobilienmakler-Büros lag auch das von Ramona in der Hall Street, einer sonst durchaus netten Straße: Sie führte in schnurgerader Linie bergab zum Strand, war gesäumt von schattigen Bäumen, zwei Buchläden, drei Banken und einer Menge freundlich aussehender Lokale. Ich ging zurück zum Gusto, einer Art Fensterbank-Straßencafé, in dem ich schon vor Inspektion der Kakerlakenbude auf Ramona gewartet hatte.

Der beste Platz im Gusto war auf einem von vier Holzhockern an einem überbreiten Fensterbrett, das zugleich Tresen und Zeitungs-Ablage war. Hier saß man nah genug am Geschehen, um den Duft frischer Kaffeebohnen zu riechen, und hoch genug, um Straße und Fußweg zu überblicken. Auf dem wurden Surfbretter zu Wasser getragen, zahme Papageien auf Schultern spazieren geführt, Schach gespielt und in allen Sprachen der Welt durcheinandergequatscht. Wie im Kino, nur dass dazu die Sonne schien.

Der Kerl mit dem Piercing hinter der Theke machte seiner Espressomaschine Dampf und schüttelte dann energisch den Kopf. „Das ist dein Letzter für heute! Zwei Extrastarke am Tag sind genug. Hattest du nicht vorhin schon zwei?“ In guten Cafés in Sydney ist das so: Den kleinen Schwarzen brüht nicht irgendwer auf, sondern der Meister der Espressokunst, genannt Barista. Ein guter Barista macht nicht nur vorzüglichen Kaffee, zu seinem Berufsethos gehört auch, dass er seine Kunden kennt, notfalls mäßigt und sich erinnert, was sie trinken. Kommt man zum dritten Mal ins gleiche Café, weiß der Kaffeemacher, ob man sein Koffein als Flat White oder Macchiato oder Long Black zu sich nimmt oder eher zu den Decaf-Soja-Latte-Typen gehört (aber derzeit wegen der Entgiftungswoche nur Chai trinkt). Erinnert er sich nicht, ist ein echter Barista untröstlich. Oder er ist ein als Barista verkleideter Backpacker aus Österreich, der insgeheim denkt: „Geh’, was soll der Schmarren, die könnten doch alle einfach Große Braune schlürfen, gell.“

„Ja, stimmt, ich hatte schon zwei“, gab ich zu, „aber das war doch vorhin, vor dieser grausamen Wohnung. Ach was sage ich, Wohnung – ein Albtraum war das.“ Zwar kannte ich den Typen mit den japanischen Schriftzeichen auf der Schulter kaum, aber immerhin wusste er, wie ich meinen Kaffee mochte. Auf eine Art waren wir also schon dicke Freunde. Ich konnte mich folglich nicht bremsen und verfiel in die urdeutsche Untugend des Jammerns. Müll, eng, muffig, dunkel, zu teuer, laut, dreckig, Ramona und überhaupt. Der Kaffeegott, den rundum alle „Mate“ riefen, hörte mit halbem Ohr zu, während er nebenbei weiter Bohnen mahlte, dampfte und Milch heißmachte. „Immobilien-Tussis“, sagte er, und dann noch „Pah!“ Am Tresen zu sitzen und zuzusehen, wie er mit geschäumter Milch Blumenmuster in die Crema malte, tat meiner Laune gut. Es stimmte mich irgendwie zuversichtlich, denn ein Ort, an dem Männer mit Schulter-Tätowierung und gepierctem Nasenflügel Cappuccinos mit Blumenmotiven verzierten, konnte nicht völlig hoffnungslos sein. „Muss es unbedingt Bondi sein?“, fragte er und musterte mich kurz.

Gute Frage. Bondi Beach war offensichtlich in Sachen „real estate“, wie Immobilien in Australien hießen, nicht das günstigste Pflaster. Der Vorort lag gut zwanzig Minuten von Innenstadt, Oper und Harbour Bridge entfernt, und damit war er der zentrumsnäheste Stadtteil mit eigenem Surfstrand. Wer zwei Millionen übrig hatte, kaufte sich hier ein Haus, wer nur die Hälfte hatte, eine Wohnung. Und wer neu, Tourist oder nicht ganz bei Trost war, der mietete. Außer gut betuchten Hauskäufern liebten auch Backpacker die Gegend. Das war sehr auflockernd für den Bevölkerungsmix, jedoch mit unerwünschten Nebeneffekten verbunden. Täglich kamen sie in Hundertschaften aus aller Welt und buchten 20-Dollar-Betten in einem der günstigen Hostels. Wenn ihnen Bondi zu gut gefiel – was oft passierte –, sie sich aber die Hostels nicht mehr leisten konnten – was ebenfalls oft passierte –, teilten sie sich mit fünfzehn anderen drei Zimmer in einem Abbruchhaus. Oder sie zogen in eine der Wohnungen von Ramona. Das entspannte den Mietmarkt nicht gerade.

Ich mochte die lichten Straßen rund um die halbmondförmige Bucht trotzdem. Ich liebte den genau einen Kilometer langen Strand zwischen den steilen, felsigen Landzungen – auch wenn der weiße Sand an heißen Wochenenden unter all den Schirmen und Handtüchern manchmal kaum auszumachen war. Mir gefielen die pastellbunt gestrichenen Häuser, der verblichene Charme der Art-déco-Blocks und die bunte Mischung von Gesichtern, Sprachen und Nationalitäten in den Straßencafés. Nebenbei war ich ein bisschen verknallt in die knatschgrünen Papageien in den Eukalyptusbäumen, wenngleich es die natürlich auch in Balmain oder Manly oder Potts Point gab. Am meisten aber, und das war vermutlich das Wichtigste, gefiel mir die Stimmung in Bondi Beach, und dass sie so wunderbar grundverschieden von der in Deutschlands Norden war: Sonnig, etwas verrückt, australisch lässig und irgendwie leicht fühlte sie sich an, so wie die Brise, die gerade vom Pazifik herüberwehte. „Ja, ich glaube schon“, nickte ich versonnen zu „Mate“ rüber, der...

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