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E-Book

Ein Jahr in London

Reise in den Alltag

AutorAnna Regeniter
VerlagVerlag Herder GmbH
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783451333545
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Lebenstraum London: Mit Anfang 30 zieht Anna Regeniter in die schillernde Hauptstadt Großbritanniens. Selbstironisch erzählt sie vom Aufeinanderprallen ihrer Londonträume mit der Realität - von ihrem unglaublich komischen Alltag als Deutschlehrerin, von ihrem pakistanischen Zeitungshändler und ihrem griechischen Vermieter, von Cream Tea, Clubs voller Popstars und der entscheidenden Wahl des Lieblingspubs.

Anna Regeniter lebt als Lehrerin und Journalistin in London. Dies ist ihr erstes Buch.

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Leseprobe

September


Und dann kommt sie auch schon, die nächste Woche, und damit der Tag meiner ersten Unterrichtsstunde. Ich habe die ganze Nacht Alpträume von verlegten Lehrplänen, verspäteten Zügen und randalierenden Kindern, aber zum Glück habe ich zuallererst eine siebte Klasse mit Schülern, die gerade erst die Grundschule beendet haben und hier genauso neu sind wie ich. Kein Problem also, denke ich.

Schon am Tag vorher habe ich mein Klassenzimmer mit deutschen und französischen Fähnchen, einer großen Landkarte und meinem alten Borussia-Dortmund-Schal geschmückt, und als die Schelle zum Unterrichtsbeginn leutet, stehe ich gut vorbereitet auf der Türschwelle.

Ich weise den Schülern ihre Plätze nach meinem eigens angefertigten Sitzplan zu, damit ich ihre Namen schneller lernen kann, was ich mir allerdings hätte sparen können. Es heißen sowieso alle James, Kelly, Jessica oder Mohammed.

Zehn Minuten später, nachdem endlich alle mehr oder weniger sitzen, fange ich an, mich vorzustellen.

Ähm, also, my name is Frau Regeniter. Willkommen zu eurer ersten Deutschstunde. I’m from ...“ Nicht ein einziger Schüler zeigt auch nur einen Hauch von Interesse.

Five One! Five One!“, fängt ein kahlgeschorener Junge in der letzten Reihe an zu schreien, und zwei weitere machen bald mit.

Fünf eins?

„We beat you Five One!“ Nach einigen Sekunden wird mir klar, dass von dem Fußballspiel vor einigen Jahren die Rede ist, in dem zum ersten Mal in der Geschichte England zufällig gegen uns gewonnen hat. Das Five One würde ich in den kommenden Wochen noch so oft zu hören bekommen, um einen ausgiebigen Hass auf Oliver Kahn zu entwickeln, der in diesem schicksalhaften Spiel so viele Tore hatte durchgehen lassen.

Ich ignoriere die rufenden Kinder, und lege mein Deutschland-Quiz auf den Projektor, um die Stunde zu retten.



Frage 1: In welchen Ländern spricht man Deutsch?

Frage 2: Welche deutschen Wörter kennt ihr schon?

Frage 3: Welche berühmten Deutschen kennt ihr?



Die erste Frage können die meisten mit Leichtigkeit beantworten: Deutschland, Frankreich, Holland, Spanien und Dänemark.

Als wir zur zweiten Frage kommen, fangen alle im Chor an zu rufen: „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“

„Kartoffelkopf!“, fügt ein kleines, rothaariges Mädchen stolz hinzu.

Und bei der dritten Frage fängt wieder der Chor an: „Hitler! Hitler! Hitler!“

Das Mädchen, das leise „der Papst?“ hinzufügt, würde ich aus Dankbarkeit am liebsten umarmen. Doch ihr Tischnachbar Niall, der bisher nur gelangweilt aus dem Fenster gestarrt hat, schaut plötzlich interessiert auf.

„Wie heißt eigentlich der englische Papst, Miss?“

„Es gibt nur einen Papst in der Welt und zur Zeit ist das ein Deutscher“, erkläre ich.

Rubbish“, meinte ein anderer Schüler aufgebracht. „Jedes Land hat seinen eigenen Papst. Das weiß doch jeder.“

„Nein, glaub es mir. Es gibt wirklich nur einen.“

„Irgendjemand hat Ihnen da ganz großen Mist erzählt“, klärt Niall mich auf. Die Kinder schauen mich mitleidig an.

Bevor ich wieder zu Wort komme, schellt es schon zur Pause und die ganze Klasse springt lärmend auf. Zu meiner Überraschung bedanken sich die Schüler beim Verlassen des Klassenzimmers sogar bei mir. „Thanks, Miss!“

„Wie fandest du deine erste Deutschstunde?“, frage ich ein mit Sommersprossen übersätes Mädchen. „Great! Deutsch is great!“

Gott sei Dank finde ich später heraus, dass wir nicht das einzige Volk sind, mit dem die Briten verfeindet sind: Die Franzosen belegen nur knapp den zweiten Platz, und wenn sie mal Pech haben und ein Fußballspiel gegen England gewinnen, dann geht es ihnen genauso wie uns. Was Fußball betrifft, verstehen die Engländer keinen Spaß.

Einige Wochen nach meinem Dienstbeginn stürzt ein vielleicht 14-jähriger, mir unbekannter Schüler in meine Klasse und baut sich vor mir auf, während ich gerade einer Gruppe von 11-Jährigen die Zahlen von eins bis vier beizubringen versuche.

„Sind Sie Deutsche oder Französin?“, fragt er mich drohend.

„Deutsche“, flüstere ich vorsichtig.

„Na, dann ist ja gut“, entgegnet er und schleicht dann enttäuscht aus dem Zimmer.

Frankreich hatte am Vorabend das englische Team mit 3 : 1 besiegt.



Nachmittags, wenn ich an meinem kleinen Tisch die Stunden für den nächsten Tag vorbereite und es sonst ganz ruhig im Haus ist, horche ich nach Lauten aus dem Zimmer unmittelbar neben meinem, mit dem ich mir meinen Balkon teile, höre aber nicht das leiseste Geräusch. Bis doch irgendwann erst ein Schlüssel in der Nachbarstür zu hören ist, und dann, so laut, als stünden sie direkt in meinem Zimmer, die Stimme meines Vermieters und die eines ausländisch klingenden Mannes.

„O. k., die Miete ist jeden Montag fällig, und wenn du noch Fragen hast, klopf an unsere Tür nebenan.“

„Vielen Dank, Barry.“

„Und hier ist der Schlüssel.“

Ich öffne meine Tür und schiele hinaus. Die Tür nebenan steht noch offen, und ich erblicke einen chinesisch aussehenden jungen Mann mit kugelrundem Gesicht und lachenden Augen. Ein kurzer Arm streckt sich mir entgegen.

„Hallo, ich bin Yitkee aus Singapur, ich ziehe übermorgen ein.“

Als ich ihm erzähle, dass ich aus Deutschland komme, ist er begeistert und fragt, ob ich Bohn kenne.

„Bohn?“

„Ja, Bohn. Mein Traum ist, einmal nach Bohn zu kommen. Ich liebe Beethoven!“

Auf meine Antwort, dass ich nicht allzu weit von Bonn aufgewachsen bin, reagiert er mit Jubel: „Das muss Schicksal sein, dass meine Zimmernachbarin aus der Nähe von Bonn kommt!“

Ich verspreche ihm, ihn irgendwann einmal mitzunehmen und ihm meine Heimat zu zeigen.

Sein Zimmer, bemerke ich, ist nicht nur kleiner als meines, es ist so schmal, dass man sich regelrecht am Bett vorbeiquetschen muss, um überhaupt bis zum gegenüberliegenden Fenster vorzudringen.

Yitkee allerdings scheint damit sehr zufrieden, denn er strahlt von Ohr zu Ohr. Da wir von nun an mehr oder weniger im selben Zimmer wohnen werden, getrennt nur von einer jedes Geräusch durchlassenden Pappwand, bin ich sehr froh, dass mein neuer Mitbewohner auf den ersten Blick einen so sympathischen Eindruck macht.

Mein zweites Treffen mit Yitkee findet einige Tage später statt, als ich morgens um halb acht von dem Lärm eines Lasters aufgeweckt werde, der vor unserem Haus zu parken versucht. Verärgert stelle ich die Kaffeemaschine an und öffne die Gardinen, denn an Weiterschlafen ist wohl nicht mehr zu denken. Der Laster trägt die Aufschrift „Phelps Pianos Kentish Town“, und zu meiner Überraschung sehe ich, wie niemand anders als Yitkee vom Beifahrersitz springt, gefolgt von zwei breitschultrigen, kahlköpfigen Männern, die die Tür zum Rückraum des Wagens öffnen und dort hineinklettern. Sie ziehen und stoßen und schreien sich gegenseitig an, bis ich endlich erkennen kann, was sie zu liefern gedenken. Jetzt ist es erst mal aus mit meinen ruhigen Abenden zu Hause, an denen man sonst nichts hört als die paar Gesprächsfetzen, die von der Straße hochdringen, und ab und zu einem Türenknallen aus dem Hausflur, denke ich verärgert. Denn es handelt sich um ein Klavier. Und zwar ein großes Klavier.

Es dauert eine gute halbe Stunde, bis die zwei Männer das schöne Stück durch die Eingangstür gezwängt und dann die Treppe hochgestemmt haben. Dann höre ich nur noch ein nicht enden wollendes Krachen und Scheuern an meiner Tür, und nach viel Gestöhne und Gefluche ist es dann irgendwann geschafft und es wird wieder still im Haus.

Ich klopfe an Yitkees Tür, der mir mit traumatisiertem Blick aufmacht.

„Was ist denn mit deinem Bett passiert?“

Er zeigt auf einen Stapel von Holzbrettern auf dem Balkon.

„Ich musste es auseinanderbauen.“

„Und wo schläfst du jetzt?“

„Auf der Matratze.“ An der rechten Zimmerseite lehnt eine dünne Matte, die wohl eben noch so in die Lücke neben Wand und Klavier passt.

Niemand kann behaupten, Yitkee wäre seiner Musik nicht leidenschaftlich ergeben.

Und der zu erwartende Lärm bleibt zum Glück auch aus, denn Yitkee ist echter Profi und spielt für das Royal Orchestra, und wenn er nicht gerade eine Aufführung hat, legt er nun allabendlich ein klassisches Konzert hin, das jedenfalls für meine unerfahrenen Ohren richtig magisch klingt. Und so lerne ich sogar in den kommenden Monaten dank einem Singapurianer alle Symphonien Beethovens Ton für Ton auswendig.

Mit Felice und Yitkee habe ich jetzt schon zwei Bekanntschaften geschlossen, mit denen ich die Umgebung erkunden kann. Und schon bald ergibt sich auch die Gelegenheit, meine anderen Mitbewohner kennenzulernen: Als ich an einem Freitagabend erst spät von einem Konzertbesuch mit meinen Kollegen Maddie und Paul wiederkomme, kommt mir irgendetwas komisch vor. Erst als ich die Brücke zu Primrose Hill erreicht habe, wird mir klar: Es ist irgendwie dunkler als sonst. Weder die Straßenlaternen noch die Lichter im „Pembroke Castle Pub“ sind wie üblich erleuchtet, und aus keinem der Nachbarhäuser dringt auch nur ein Lichtstrahl. Stromausfall.

Als...

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