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E-Book

Ein Jahr in Stockholm

Reise in den Alltag

AutorVeronika Beer
VerlagVerlag Herder GmbH
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783451334351
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Stockholm im Januar. Wusste sie, worauf sie sich einließ? Knapp 800 000 Stockholmer teilten sich sechs Stunden Tageslicht. Das musste genügen, schließlich durften Mensch, Tier und Pflanze oberhalb des Polarkreises noch eine geraume Weile warten, bis sich die Sonne überhaupt wieder blicken ließ. - Ein Jahr in Stockholm beginnt!

Beer, geb. 1981 in Moosburg, ist Journalistin und Politologin. Sie lebt in Stockholm und München und schreibt unter anderem für Die ZEIT, NEON und die Süddeutsche Zeitung.

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Leseprobe

februari


Die Stadt ist eine Wolke aus Zimt. An jedem Eck treffe ich auf herrliche Gerüche und jage ihnen hinterher wie Tom Jerry und Jerry dem Käse. Meistens sind es kanelbullar, die Neuankömmlinge wie mich über alle vierzehn Zentrumsinseln duftwandeln lassen. Die gemein guten Hefekringel sind mit einer Ladung Zimt und Kardamom gefüllt und liegen unter Hagelzucker begraben. Bei Caro und mir schlägt dieses Aroma an wie die Glocke bei Pawlow’schen Hunden. Es hält uns in seinem Bann und ist schuld daran, dass wir in den ersten drei Wochen vier Kilo zunehmen. Jeweils.

Hinzu kommen besondere Anlässe wie fettisdagen, der fette Dienstag – zeitgleich zum Fat Tuesday in den USA. Allerdings werden in Schweden keine Wahlen abgehalten, sondern am letzten Tag vor der Fastenzeit semlor gebacken, Hefebälle, die ausgehöhlt werden. Das weiche Innere wird mit Marzipan, Milch und Sahne vermischt und dorthin gesteckt, wo es hergekommen ist. Hefedeckel drauf, und dann schlemmen Caro und ich wieder – diesmal mit unserer Schwedin Elin in der Küche. Sie hatte das Rezept, stand vor der Tür, und wir waren sehr hungrig. „Isst du noch, oder platzt du schon?“, fragt mich Caro bei der dritten semla, und ich lache so hektisch, dass ich beim Luftholen den Puderzucker schnupfe und bis in die Nacht von Niesattacken befallen bin.

Ich habe Annoncen und Aushänge gelesen und Anfragen durch Stockholm geschickt wegen eines Gelegenheitsjobs. Sie sollen mich an Land und Leute heranführen und mich neben meiner Arbeit als freie Korrespondentin für Zeitschriften und Zeitungen über Wasser halten in diesem Ort an der Ostsee, der auch innerhalb der Stadtgrenzen so viel davon besitzt. Riddarfjärden, ein Ausläufer des Mälarensees, trifft auf Saltsjön aus dem Meer. An Slussen, den Schleusen zwischen der Altstadt und der Nachbarinsel Södermalm, stößt salziges Wasser auf süßes. Egal, welches von beiden es ist: Ich hoffe, es steigt mir nicht gleich bis zum Hals.



Lars wartet am Sergels torg auf mich. Er hatte auf Sannes Fest angeboten, mir einige Ecken seiner Metropole zu zeigen. Er nannte sie sein „überschaubares Paradies“, was sich schön gemütlich anhörte. Sven, ein anderer Partygast, sprach vom „Weltzentrum der Solidarität und Gleichheit“. Aha, der Wohlfahrtsstaat also. Für Selma Lagerlöf war sie die „schwimmende Stadt“, und mein Reiseführer titelte, wohl wegen der 57 Brücken, „Venedig des Nordens“. Dieses flunderplatte Resümee von einer Menge Wasser und Wegen darüber müssen bekanntlich auch Sankt Petersburg, Amsterdam, Kopenhagen und Paris ertragen. Origineller fand ich da Oskars Einschätzung, der auf seinen Teller mit Senf, Ketchup, Kaviar und der typischen braunen Soße deutete, in denen köttbullar, Fleischbällchen, und Kartoffeln schwammen: „Das ist Stockholm! Alles eben. Alles klar?“

„Kann nicht sein. Da ist ja mal wieder kein Stängel Grünes in deinem Essen“, wiegelte Caro ab, woraufhin Oskar eine Tube gehackte Essiggurken über seinem Feierabendsnack leerte. „Du verstehst nichts. Keine Insel hier in der Stadt ist wie die andere; sie sind Gegensätze. Und sogar auf den Inseln geht es total widersprüchlich zu, nichts passt zusammen – und eben doch. Stockholm ist alles und steckt voller Überraschungen – besonders für Ausländer, die keine Ahnung vom Leben hier haben.“

Er hat Recht. Ich weiß von der Stadt bislang wenig mehr, als dass sie permanent in Feierlaune ist. Caro und ich haben uns gerne zu diversen Vorfeten und Clubpartys verführen lassen – schon allein, um im Café Opera, im Undici, im Hotellet oder in der SpyBar die Schickeria Östermalms zu studieren, in der die Frauen künstliches Blond auf dem Kopf tragen, künstliches Braun auf der Haut und künstliche Brüste vor sich her. Die Männer dazu sind androgyne H&M-Models mit langem Haarschopf und anliegenden Jeans um die schlaksigen Beine. Ab zwei Uhr nachts gehen sie ab wie Schmitts Katze mit Zäpfchen, wie Caro es nennt, wenn ein Fang gut situierter Schweden über Cocktail-Theken hechtet und Barmänner zu Boden reißt, auf mit Tequila besudelten Tischen im Takt hopst und auf einem Sofa im Eck einen rhythmischen Striptease hinlegt. Sollte man gesehen haben.

Nun ist es aber Zeit, der hiesigen Kultur den Weg zu mir als neuem Mitglied der Stadtgemeinschaft zu bahnen – und nebenbei die Hosen am Bund wieder bequemzulaufen. Da kommt Lars gerade recht. Er verachtet die High Society, mich hingegen scheint er zu mögen. Mir gefällt er ohnehin – auch weil er die Mission unkonventionell angeht. „Hier siehst du: den hässlichsten Platz der Welt.“ Er deutet zum Springbrunnen vor meiner Nase, um den sich in mehreren Reihen ellipsenartig der Berufsverkehr schiebt. Aus der Mitte erhebt sich ein unförmiger Glasbrocken, der zu allem Übel noch beleuchtet wird. Ein bloßgestellter dreckiger Klotz. Die Stockholmer nennen diesen Turm verachtend dumma pinnen, dummer Stock; für Lars ist er der Rattenschwanz vom Bahnhofsviertel.

Diese Bezeichnung finde ich vor allem deswegen passend, weil meine t-bana vor wenigen Tagen für eine kleine Ewigkeit im Tunnel zwischen Östermalmstorg und T-Centralen steckengeblieben war. Den Grund dafür erfuhr ich, als ich am folgenden Abend mit meiner Mutter telefonierte und sie mir aus der Zeitung vorlas:

Eine Ratte hat in einem Stockholmer Umspannwerk für einen dreistündigen Stromausfall im Hauptbahnhof gesorgt. Auch Hotels und Geschäfte waren betroffen, wie ein Sprecher der Elektrizitätsgesellschaft Fortum sagte. Die Ratte habe eine Verbindung zwischen verschiedenen Komponenten hergestellt und so einen Kurzschluss ausgelöst. „Sie muss wirklich groß gewesen sein, denn zwischen den Teilen, die sie berührt hat, besteht ein gewisser Abstand“, sagte der Sprecher weiter. Das Tier zerplatzte und verursachte eine massive Verunreinigung.

In Braun- und Grautönen gestaltet sich auch der Rest der sogenannten Stockholmer City, des neuen Zentrums. Bei der Stadtsanierung in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren fiel die Abrissbirne über 750 kulturhistorisch wertvolle Gebäude in dieser Gegend her. Nun prägen „Die fünf Trompetenstöße“ das traurige Bild: uniforme 72-Meter-Riesen, die sich gegenseitig das Sonnenlicht und den Meerblick stehlen. In den farblosen Straßenzügen freut sich das Auge schon über die hellgraue Jugendstilfassade des Nobelkaufhauses NK, der Nordiska Kompaniet an der Hamngatan. Es ging durch die internationale Presse, als dort, in der Damenabteilung, Außenministerin Anna Lindh von einem Mann erstochen wurde, der später angab, die Stimme des Teufels habe ihm dies befohlen.

„Ich will hier weg.“ Der Ort ist nun wirklich keine Anmut. „Entscheide du. Der Rest haut dich um, versprochen!“ Lars freut sich über meine Reaktion. Ich hoffe, Trick siebzehn dient nur der Show und ist keine Notwendigkeit, um den Reiz dieser Stadt zu begreifen.

Wir beginnen dort, wo Stockholm begonnen hat: auf der Insel Stadsholmen mit der Altstadt Gamla stan, Europas größtem und besterhaltenem mittelalterlichen Stadtkern. Das sieht doch schon viel besser aus. Wir laufen über unregelmäßiges Kopfsteinpflaster durch die autofreie Zone der verwinkelten Gässchen. Die Häuserfassaden tragen Schmuck aus Stuck, sind vanille-, karamell- und himbeerfarben gestrichen. Und dazu passend hat die erste Eisdiele bereits geöffnet.

Kurz hinter dem Eingang hat sich wie üblich eine Schlange gebildet. Die Schweden scheinen die Minusgrade beim Schlecken nicht zu stören. Außer Rekordhalter im Kaffeetrinken dürfen sie sich auch Weltmeister im Eisessen nennen. Um die fünfzehn Kilo verdrückt der Schwede pro Jahr, dafür muss er sich früh ins Zeug legen.

In der Eisdiele ziehen wir einen Zettel mit Zahl aus einer Plastikschnecke auf Augenhöhe. Solche nummerlappar berechtigen zum Einreihen in die Schlange, zum gesitteten Warten und zum Sprechen, sobald Ladenbesitzer Enrico mit dem Eisportionierer auf einen Knopf neben der Kasse drückt. Auf der schwarzen Tafel über ihm leuchtet dann die Zettelnummer rot. Die gleiche Prozedur kenne ich bereits vom Bäcker, aus Elektroläden, von der Post und aus der Schuhabteilung. Offenbar ist ganz Schweden mit seinem Nummernziehen und Schlangestehen eine ulkige Hommage ans deutsche Arbeitsamt.

Pling.

D 34

Lars tritt an den Glastresen. Sind wir dran? Mein Zögern und den irritierten Blick missversteht Enrico als Angewidertsein und persönlichen Angriff auf sein Eis. „Madame will nichts bestellen“, bestimmt er, „aber der nette Herr vielleicht?“ Lars ordert zweimal Blaubeereis.

Während ich mir beim Verlassen der Eisdiele gleich wieder doof vorkomme, weil ich die Einzige bin, die die Waffel mit Handschuhen hält, erklärt mir Lars die Altstadt aus Schwedensicht. Hier unten auf der Västerlånggatan könne man sich im Grunde nicht aufhalten, weil nur Touristen unterwegs seien, vorzugsweise Russen, Amerikaner und Deutsche. Ginge also gar nicht. Eben ist tatsächlich ein Schild mit der Aufschrift „SPD Servicegruppe Flensburg 5“ an mir vorbeigewandert. Ihm folgte ein Rudel Mützenträger, das seine Führerin fragte, ob man – nach der anstrengenden Wachablösung am königlichen Stadtschloss – beim „Franziskaner“ am Ende der Straße langsam mal ein Bier trinken könne. Gut, dass Lars das nicht gehört hat. Wie das Establishment gehen auch Touristen an seine Substanz. Wahrscheinlich will er mich deshalb ratzfatz zu einer Hiesigen machen.

„Dieser...

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