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Ein König wird beseitigt

Ludwig II. von Bayern

AutorHeinz Häfner
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl544 Seiten
ISBN9783406617850
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
Es gibt wahrscheinlich keinen neuzeitlichen Herrscher, dessen Leben und tragisches Ende von so vielen Legenden umrankt ist, wie Ludwig II. von Bayern (1845-1886). Aus verfassungsrechtlichen Gründen und bislang nur teilweise offengelegten Motiven hatte Prinz Luitpold, der spätere Regent, die bayerische Regierung gewonnen, an einem Entmündigungs- und Absetzungsverfahren gegen den König mitzuwirken. Bernhard von Gudden lieferte das von ihm erwartete Expertenurteil: unheilbare Paranoia, Geistesschwäche und dauernde Regierungsunfähigkeit. Prinz Luitpold ermächtigte den Psychiater, den König festzunehmen und auf Schloss Berg - unbefristet - zu internieren. Zwei Tage später, am 13. Juni 1886, ertrank der König zusammen mit von Gudden im Starnberger See. Im vorliegenden Buch kommt der renommierte Psychiater Heinz Häfner zu dem Schluss, dass der König weder nach den damals geltenden Kriterien noch nach einer mit Mitteln moderner Neurowissenschaft durchgeführten Analyse an einer Geisteskrankheit (Psychose) gelitten hat. Ludwig II. war weder wahnsinnig noch geistesschwach. Das Machtentzugsverfahren, dessen Opfer er wurde, hat Vorbilder und Parallelen im 19. Jahrhundert. Das dafür erforderliche Instrumentarium bot die junge, im 19. Jahrhundert heranwachsende medizinische Disziplin der Psychiatrie. Sie ersetzte mit dieser noch keineswegs besonders humanen Maßnahme die härteren Methoden früherer Tage wie Tötung, Kerker oder Verbannung. 9 Abbildungen können aus lizenzrechtlichen Gründen leider nicht im E-Book angezeigt werden.

Heinz Häfner, Dr. med. Dr. phil., Dr. h.c. mult., ist em. Professor für Psychiatrie der Universität Heidelberg und ehem. Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit. Für seine Forschungen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

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Leseprobe

1. KAPITEL


Persönlichkeitsbildung


Um die angebliche Krankheit Ludwigs, sein Thronverständnis und Verhalten verlässlich einzuordnen, ist es notwendig, seine familiär-dynastische Herkunft und politische Tradition,[1] seinen Lebenslauf, seine Persönlichkeit sowie alle relevanten Informationen, die sein Welt- und Selbstverständnis, seine körperliche und seelische Gesundheit betreffen, zu analysieren, soweit es die Quellen zulassen. Dieses Kapitel wird den Versuch unternehmen, zentrale Einflüsse auf Ludwigs Persönlichkeitsentwicklung und seine wesentlichen Persönlichkeitszüge zu skizzieren.

Geburt und Aufwachsen


Ludwig II. wurde am 25. August 1845 in Schloss Nymphenburg als ältester Sohn des bayerischen Königs Max II. (1811–1864) und der 1825 geborenen Königin Marie, Tochter des Prinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, geboren (Abb. 1).

Weil er am Geburtstag und zur Geburtsstunde seines darüber hocherfreuten Großvaters, König Ludwigs I., zur Welt gekommen war, bot dieser sich als Taufpate und Namensgeber seines ersten Enkels an.[2] Die Entbindung soll nach handschriftlichen Aufzeichnungen des Hofarztes Dr. Gietl wegen eines engen Beckens der Mutter sehr schwer gewesen sein und zehn Stunden gedauert haben.[3] Die ärztliche Betreuung der Schwangeren trug Dr. Gietl den persönlichen Adel durch Ludwig I. ein. Der Säugling gedieh gut, bis er im März 1846 im Alter von sieben Monaten nach seiner Amme, die in wenigen Tagen daran verstarb, an einer akuten eitrigen Meningitis erkrankte.[4]

Die ausgedehnten narbigen Veränderungen der Hirnhäute über den vorderen Abschnitten des Großhirns, die er davongetragen hatte, waren die Ursache der chronischen Kopfschmerzen, vermutlich auch der Schlafstörungen, unter denen Ludwig lebenslang zu leiden hatte (s. Kapitel 13: «Der Beitrag von Schädel- und Hirnsektion zur Erklärung der Krankheit Ludwigs II.»).

1 Die königliche Familie mit den beiden Kindern, Otto und Ludwig, Lithographie von]. Woelffle nach einer Zeichnung von Erich Correns, 1850

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2 Erbprinz Ludwig mit Bilderbuch, Aquarell von Ernst Rietschel, 1847

Von einzelnen Biographen werden Entwicklung und Persönlichkeit Ludwigs II. aus nicht objektivierbaren psychoanalytischen Interpretationsmustern erklärt.[5] Davon wollen wir, ohne über ihre Validität zu urteilen, aus Gründen der Methode Abstand nehmen. Wir werden versuchen, unsere Analyse durch beobachtbare und belegbare Fakten zu stützen.

Am 15. November 1845, kaum drei Monate alt, wird Ludwig der Titel Erbprinz zuteil. 1848, im Alter von fast drei Jahren, wird er durch die Abdankung seines Großvaters und die Thronbesteigung seines Vaters Kronprinz.[6]

Ludwigs Eltern, so wird von mehreren Zeugen, vor allem von dem lange in einer Vertrauensstellung tätigen Kabinettssekretär Franz von Pfistermeister, geurteilt, hätten nicht nur seine und die seines jüngeren Bruders, Prinz Ottos, Erziehung vernachlässigt, sondern auch versäumt, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen – ein Versäumnis, das in vergleichbaren Herrscherhäusern eher die Regel als die Ausnahme gewesen sein dürfte. Ludwig II. soll deshalb als Erwachsener seinen Eltern mit Kälte und Hass gegenübergestanden haben. Ein bildhafter Aspekt dieser Behauptung, «Hass auf die Eltern», wird durch Trauminhalte des Königs begründet, die in das psychiatrische Gutachten über die Regierungsfähigkeit des Königs Eingang gefunden haben (s. Kapitel 10). Die Erinnerung an das kühle Verhältnis zu seinem Vater, an einen verfehlten Erziehungsgang und an die unzureichende Vorbereitung auf das Herrscheramt habe den König zeitlebens belastet, so behauptet jedenfalls Hacker.[7] Bemerkenswert ist, dass sowohl Ludwigs Vater, Max II., als auch sein Großvater, Ludwig I., eine ausgesprochen schlechte Beziehung zu ihren Vätern hatten (s. Kapitel 2: «Die Vorfahren Ludwigs II. …»).

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3 Schloss Hohenschwangau nach einer im Alter von 13 Jahren angefertigten Zeichnung des Kronprinzen Ludwig

Von früher Kindheit an verbringt Ludwig die Sommermonate auf Schloss Hohenschwangau (Abb. 3), im nahe gelegenen Schweizer Haus Elbigenalp und bis zum Alter von 19 Jahren zeitweise auch in der königlichen Villa zu Berchtesgaden. In vielen Briefen vor allem an seinen verehrten Paten und Großvater Ludwig I. beschreibt er eine genussreiche Jugendzeit mit Fischen, gelegentlich auch mit Entenjagden,[8] Schwimmen und Schmetterlingsfangen, Wandern und Reiten meist im bayerischen Allgäu, im und am Starnberger See oder in Berchtesgaden.

Von Ludwigs Mutter, Marie von Preußen, wird gesagt, sie sei bar jeder musischen Neigung gewesen und habe wenig Wärme ausgestrahlt.[9] Ob diese akzentuierte Bewertung die unverzerrte Wahrheit wiedergibt, muss dahingestellt bleiben. Zur kindlichen Erlebniswelt des Kronprinzen zählten jedenfalls auch Spiele und vom achten Lebensjahr an zahlreiche Bergwanderungen und Gipfelbesteigungen mit der Mutter.

4 Königin Marie, König Ludwig II. und Prinz Otto im Landhaus Elbigenalp, Photographie von Joseph Albert, 1864

Die Mutter notierte in ihr Tagebuch, Ludwig habe als Kind mit Freuden zugehört, wenn sie ihm biblische Geschichten erzählte und Bilder dazu zeigte. Er hätte eine Vorliebe für die Frauenkirche in München gehabt, sich gerne als Klosterfrau kostümiert und Freude am Theaterspielen gezeigt. Von der Adoleszenz an ist eine Abneigung Ludwigs gegen seine Mutter unübersehbar. So schreibt er in einem undatierten Brief aus den ersten Jahren seines Königsamts an die Oberhofmeisterin, Gräfin von der Mühlen:

«Die Königin hat eine mir gegenüber sich äußernde, nur Ihr allein eigene höchst unsympathische Art zu sprechen. In Ihrem ganzen Wesen, Ihren Blicken und Worten legt sie nicht selten ein gewisses Mißtrauen, einen hie und da sich zeigenden lauernden Argwohn an den Tag … nie in meinem Leben werde Ich es vergessen, wie Ihr im allerhöchsten Grade unangenehmes, um nicht viel ärgere Ausdrücke zu gebrauchen, Benehmen gegen mich im Sommer 1864, 1865 und 1867 war.»[10]

Am 1. Februar 1869 lesen wir in einem Befehl an Kabinettssekretär Lorenz von Düfflipp: «… die Königin tötet mich durch ihre Geistlosigkeit und Langweile.»[11]

Menschliche Nähe erfuhr Ludwig II. in seiner Kindheit und Jugend bei anderen Personen wahrscheinlich häufiger als von seinen Eltern, was wiederum für königliche Prinzen nicht ungewöhnlich sein dürfte. Auch der Vater hatte Schwierigkeiten, Zugang zu seinem Sohn zu finden.[12] Nach dem Bericht des langjährigen Kabinettssekretärs Franz von Pfistermeister sah er seine beiden Söhne, Ludwig und Otto, mittags zum zweiten Frühstück und abends bei der Hoftafel. Er reichte ihnen die Hand zum Gruß und empfahl sich rasch. Es kostete Mühe, den König dazu zu bewegen, seinen ältesten Sohn auf den Morgenspaziergang in den Englischen Garten mitzunehmen, was sich nur wenige Male ereignet habe. Der König soll in diesem Zusammenhang einmal geäußert haben: «… was soll ich mit dem jungen Herrn sprechen? Es interessiert ihn nichts, was ich anrege.»[13]

Max II. soll im Rahmen der strengen, asketischen Erziehung des Kronprinzen, den er zu einem gewissenhaften christlichen König machen wollte, auch vor Prügelstrafen nicht zurückgeschreckt sein.[14] Als Dreißigjähriger, so berichtet Hacker, schreibt Ludwig an den Kronprinzen Erzherzog Rudolf von Österreich, der ihn am 27. Juni 1878 auf der Roseninsel besucht hatte:

«Du bist sehr zu beglückwünschen, eine so durch und durch ausgezeichnete, verständnisvolle Erziehung genossen zu haben, ein Glück ferner ist es auch, daß der Kaiser persönlich so lebhaft für Deine Ausbildung sich interessiert. Bei meinem Vater ist dies leider ganz anders gewesen, stets hat er mich de haut en bas [von oben herab] behandelt, höchstens en passant einiger gnädiger, kalter Worte gewürdigt. Diese eigentümliche Art und sonstige Erziehungsmethode wurde aus dem sonderbaren Grunde beliebt, weil es bei seinem Vater ebenso gehalten wurde.»[15]

Bis zum Alter von acht Jahren war Ludwig der liebevollen Betreuung und Erziehung seiner ihn sehr verehrenden Gouvernante, Sibylle Meilhaus, spätere von Leonrod (Abb. 5), überantwortet. Sie wurde ihm zu einer Art Ersatzmutter. Danach wurde seine Erziehung dem Generalmajor Theodor Graf Basselet de la Rosée, der dabei von Baron Wulffen und später von Major von Orff unterstützt wurde, übertragen.

1856 begann die quasigymnasiale Ausbildung. Der Kronprinz erhielt Privatunterricht u.a. in den Gymnasialfächern Religionslehre, Philosophie, bayerische Geschichte und dazu eine gründliche militärische Unterweisung in Theorie und Praxis. Zeichenunterricht erhielt Ludwig von dem angesehenen...

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