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Ein Preuß(e) entdeckt seine Vergangenheit

AutorGünter Preuß
VerlagBooks on Demand
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl200 Seiten
ISBN9783744858311
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Preußen war ein seit dem Spätmittelalter bestehendes Land an der Ostsee, zwischen Pommern, Polen und Litauen, dessen Name nach 1701 auf ein weit größeres, aus dem Kurfürstentum Brandenburg hervorgegangenes Staatswesen angewandt wurde, das schließlich fast ganz Deutschland nördlich der Mainlinie einschloss und bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestand. Bei diesem Buch handelt es sich um die Chronologie eines Neunzigjährigen.

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Leseprobe

1 Die ersten Erinnerungen


Sesshaft und doch immer unterwegs?


Das ist so eine Sache mit Erinnerungen in seinem Leben. Hat man sie wirklich selbst in seinen ersten Lebensjahren? Oder nimmt man sie in späterer Zeit aus den Erzählungen der Eltern auf und gibt sie dann gewissermaßen als eigene wieder? Sei’s drum: Ich glaube, ich war vier oder fünf Jahre alt, als ich meinte, in einer Wohnung zu sein, die aus einer Stube, einer Küche und einem kleinen Flur bestand. Es gab eine Gasbeleuchtung mit einem Münzautomaten und diese spendete ein ziemlich diffuses Licht. Das Mietshaus stand in der Berliner Straße 9 nahe des heutigen Kurt-Schumacher-Platzes in Berlin-Reinickendorf. Während des späteren Luftkrieges stürzte ein Bombenflugzeug mit voller Bombenlast auf den Platz, der nach dem Krieg nach dem SPD-Politiker Kurt Schumacher benannt wurde. Die umliegenden Häuser wurden völlig zerstört oder schwer beschädigt. Meine Geburt fiel in eine Zeit der Weimarer Republik. Namentlich sind mir noch einige Mieter aus damaliger Zeit bekannt. So erinnere ich mich noch gern an ein älteres Ehepaar: eine Familie Dumke, die sogar bei meiner Einschulung 1933 auf einer Fotografie abgebildet wurde.

Mein Vater, ein gelernter Schmied, stammte aus Radegosch bei Birnbaum, hatte im Frühjahr 1927 meine Mutter Elfriede Glowka, aus Krascheow bei Lipine stammend, geheiratet. Beide Orte gehören heute zum Staatsgebiet Polen.

Als Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges konnte mein Vater Wilhelm Paul Preuß nicht mehr in seine Heimat zurück und war zunächst von zwei seiner Schwestern, die schon in Berlin waren, aufgenommen worden. Vater war politisch sehr interessiert. So bot es sich an, Mitglied der SPD zu werden. Als sich abzeichnete, dass die NSDAP mehr politischen Einfluss haben könnte, kauften die Eltern ein Grundstück, das zwischen den Dörfern Wittenau und Rosenthal lag. 1920 war die Fläche Berlins durch einen Verwaltungsakt vergrößert worden. Beide Dörfer gehörten seit diesem Zeitpunkt zu Groß-Berlin.

Mein Elternhaus – 1930

Es wurde ein Holzhaus errichtet, und die neue Adresse lautete: Straße 128 Nr. 12.

An den Umzug von der Berliner Straße 9 zu unserem Grundstück kann ich mich nur an einen Vorfall erinnern: Als meine Mutter mit einem kleinen Leiterwagen, der mit einigen Habseligkeiten gefüllt war, Schwierigkeiten hatte, einen kleinen Hügel zu bezwingen, wollte ich absteigen und ihr helfen, die »Höhe« zu erklimmen. Ich stieg vom Wagen ab – ich brauchte bis dahin nicht zu laufen! Jedenfalls schaffte es meine Mutter, den Wagen nach oben zu ziehen. Natürlich schon deshalb, weil sie es leichter hatte, da ich mit meinem Gewicht (!) nun schon fehlte.

Die ganze Gegend hatte noch einen ländlichen Charakter. Manche Straßen waren nur ansatzweise zu erkennen. Unsere Straßen waren nur unbefestigte Wege ohne Versorgungsleitungen. Zwei Vertiefungen füllten sich nach stärkeren Regenfällen mit Wasser.

Eine Toilette – ohne Wasserspülung! – war außerhalb des Hauptgebäudes in einem kleinen Häuschen. Es stand nahe der nördlichen Grundstücksgrenze. Dahinter war ein Acker, der in der Folgezeit wiederholt mit Getreide bestellt wurde. Nach der Ernte wurde ich über den Zaun gehoben, um Ähren, die liegen geblieben waren, aufzusammeln. Diese kamen in späterer Zeit den Hühnern zugute, die zunächst in einem kleinen Stall untergebracht waren.

Einmal hatten wir einen Hahn, der, wenn er mich sah, auf mich losging. Bald traute ich mich gar nicht ohne einen kleinen Stock in der Hand aus dem Haus.

Wasser muss für Kinder wohl eine besondere Anziehungskraft haben! Die schon erwähnten Tümpel im Straßenverlauf führten dazu, dass ich anfing aus Holzstücken kleine Boote zu bauen. Manche hatten später sogar Segel! Sie wurden dann in den größeren Tümpel, der östlich von unserem Grundstück nach Regenfällen sich bildete, zu Wasser gelassen.

Ganz allmählich entstanden immer mehr Häuser in unserer Straße. Die unmittelbaren Nachbarn waren Ruletzki, Richter und Zeisig. Ferner waren noch Liermann, Barts, Leidokat, Raschpichler, Nowak, Kratzke, Zarnikow, Lahl, Ebel, Kreuzberg Namen, die mir heute nach 80 Jahren noch eingefallen sind. Einige von diesen Siedlern hatten auch Kinder, mit denen ich gelegentlich spielte. Herr Lahl, Vater von Anneliese Lahl, versuchte mich manchmal ein wenig zu ärgern. Wenn ich zur Anneliese zum Spielen kam, sang er: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben.«

Gelegentlich kamen Vaters Schwestern Alma und Else zu Besuch. Einmal wollten Tante Alma und Tante Else einen neuen Weg zu uns ausprobieren. Statt mit der Straßenbahn 68, die in Wittenau ihre Endstation hatte, fuhren sie mit der Straßenbahn 35 nach Wilhelmsruh. Die Endstation dieser Bahn war nur ein wenig weiter von unserem Grundstück entfernt. Den Fußweg waren sie jedoch vorher niemals gegangen. So war es jedoch nicht verwunderlich, dass sie sich verirrten und ihr neuer Fußweg circa zwei Stunden dauerte, während sie bei dem bekannten nur eine halbe Stunde gebraucht hätten. Nun hatten sie viel zu erzählen, insbesondere machten sie sich gegenseitig Vorwürfe!

Gelegentlich kamen von Vaters vielen Geschwistern noch Tante Emma und Onkel Otto zu Besuch. Einmal – und daran kann ich mich ganz besonders erinnern – kam mein Onkel Otto mit einem Auto bei uns an. Er hatte in Friedersdorf ein Haus mit einer Werkstatt – eine Firma, die elektrische Leitungen verlegte und Reparaturen machte. Als er erzählte, dass er wegen des starken Verkehrs in der Innenstadt lieber für die Rückfahrt den Außenring benutzen wollte, kam er auf den Gedanken, mich ein Stück bis nach Rosenthal mitzunehmen. Das war meine erste Autofahrt in meinem Leben! Die Fahrt bis zu dem Dorf dauerte etwa zehn Minuten. Mein Rückweg zu Fuß war dann allerdings mindestens eine halbe Stunde lang!

Zu meiner Tante Hilde hatte ich stets ein gutes Verhältnis. Sie wohnte in Schweidnitz, und meine Mutter und ich trafen sie einmal auf dem Hauptbahnhof in Breslau. Der Zug, der aus Oberschlesien kam, hatte auf diesem Bahnhof eine halbe Stunde Aufenthalt. Wie meine Mutter und ihre Halbschwester das zustande gebracht haben, weiß ich leider nicht. Zurückblickend war das für mich als Kind schon damals bemerkenswert, denn Telefone waren in begüterten Familien damals nur zu finden. Ich kann mich aber vor allem auch deshalb an das Treffen so gut erinnern, weil nach einem Besuch bei meinen Großeltern dieses Treffen auf der Rückfahrt von ihnen geschah. Mutter und ich machten sich nämlich damals große Sorgen wegen meiner Knieverletzung. Das Haus, das meine Großeltern bewohnten, war in der Nähe eines kleinen Flusses (Malapane) und die Ufer bestsanden aus einem breiten Weg, der geschottert war. Dort hatte ich mit Kindern aus dem Dorf Fußball gespielt und war auf dem geschotterten Weg so hingefallen, dass ich mir eine Verletzung des linken Knies zuzog, die nicht heilen wollte. Es hatte sich »faules Fleisch« gebildet, und mir wurde schon gesagt, dass man eventuell mein linkes Bein abnehmen müsste. Zum Glück heilte die Wunde dann doch noch. Aber bis heute ist die Narbe immer noch zu sehen.

Mein Großvater, der ein Gerichtsschreiber war, ging eines Tages ein Stück mit uns spazieren. In der Nähe von Bahngleisen erzählte er eine Geschichte, die mit seiner Arbeit im Zusammenhang stand und für mich ganz spannend war: An den Gleisen für die Eisenbahn gab es und gibt es auch heute noch Hinweisschilder für den Lokführer, sein Fahrverhalten darauf auszurichten. In bebautem Gelände war es untersagt, verbrannte Kohle, die man zum Heizen des Lokkessels gebraucht hatte und zum Teil noch glimmte, aus der Feuerstelle der Lokomotive an den Stellen, die durch Verbotsschilder gekennzeichnet waren, zu entfernen. Heizer und Lokführer hatten das vermutlich übersehen! Jedenfalls entstand im Gleisbett ein Brand, der auf Häuser des Dorfes übergriff. Etwa das halbe Dorf brannte ab. Mein Großvater, der als Gerichtsschreiber wohl eine Art Ankläger sein durfte, vertrat die Interessen der geschädigten Dorfbewohner. Das Gerichtsverfahren gegen die Reichsbahn endete mit einem Schuldspruch, der die Entschädigung für die Dorfbewohner enthielt. Ich war richtig stolz auf meinen Großvater!

Auch in Berlin hatte ich eine »Lieblingstante«: meine Tante Else, die in Britz im Süden von Berlin wohnte. Einmal fuhr ich mit meiner Mutter zusammen zu ihr mit der Straßenbahn 27. Der Weg führte uns durch die Innenstadt Berlins an vielen Geschäften vorbei. Aus der ländlichen Gegend meines Zuhauses kommend, muss das aufregend gewesen sein. Ich hatte einen Fensterplatz und erzählte meiner Mutter immerzu, was ich sah! Auf einmal sagte ich zu ihr: »Mutti, schau mal, da ist wieder eine Apotthecke«, gemeint war natürlich eine Apotheke. Einige Fahrgäste hatten das mitgehört und lachten. Ich wusste natürlich nicht, warum und war dann wohl den Rest der Fahrt ganz still. Mir zeigt es jedoch, dass ich wohl schon vor...

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