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Eine Frau erlebt die Polarnacht

AutorChristiane Ritter
VerlagRefinery
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783960480358
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
»Die Arktis ist die Zone der Welt, wo der Himmel die Erde berührt. Nicht jeder erträgt das große Licht, nicht jeder die Finsternis, nicht jeder die große Einsamkeit. Ich hatte die große Gnade, gleich am Anfang meines Abenteuers, und dies alleine, mitten hineingeschleudert zu werden in die Unerbittlichkeit der wilden Natur und erhielt meine Feuertaufe.« Im eisigen Spitzbergen, viele hundert Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt und ohne technische Hilfsmittel moderner Arktisexpeditionen, haben sich Christiane Ritter und ihr Mann einen Traum erfüllt: Sie lebten 1934 ein Jahr lang zusammen mit einem Pelzjäger in einer primitiven Hütte. Christiane Ritters Erlebnisbericht vermittelt eine Ahnung von der rätselhaften Faszination der Arktis.

Christiane Ritter wurde 1898 in Böhmen geboren. Mit 36 Jahren folgte sie ihrem Ehemann Hermann Ritter, einem Abenteurer und Kapitän, nach Spitzbergen, um dort zu überwintern. Christiane Ritter lebte später in Wien und starb 2000 im Alter von 103 Jahren.

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Leseprobe

Ausreise, und die Welt wird heller und kahler


Etwas blasiert sah ich dem Getriebe zu, als sich unser Schiff im Hamburger Hafen in Bewegung setzte. Vor meinem inneren Auge wuchs schon die weite Stille des hohen Nordens. Aber um mich herum winkte und schneuzte es tausendfältig zu dem sentimentalen Abschiedslied der Bordkapelle. Bordstühle wurden in rasendem Tempo gekauft, Kaffeesäle und Wechselschalter gestürmt – Großstadtmenschen im Großstadttempo beim Beginn der vierwöchigen Polarferienreise.

Ich flüchtete in meine Kabine, packte die Liebesgaben von zu Hause aus und war gerührt: die Bibel auf Dünndruck von Papa, Kamelhaarwäsche von Mama, ein unzerbrechlicher Spiegel von den Geschwistern, getrocknete Petersilie vom Gärtner, Kochlöffel und Quirl von der Köchin und von der Waschfrau ein mittelalterlicher Tobiassegen gegen alle bösen Geister!

Die eintretenden Mitreisenden meiner Kabine sahen mit Entsetzen auf mein verdächtiges Gepäck. Da ich aber von meiner bevorstehenden Überwinterung auf dem Schiff nichts verlauten lassen wollte, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, konnte ich ihnen das Rätsel nicht lösen.

Am nächsten Tag hatte sich der Sturm auf dem Schiff gelegt. Die eintausendvierhundert unruhigen Passagiere lagen mit entspannten Ferienmienen schlafend auf ihren eintausendvierhundert Bordstühlen, und ich ging, um mich zu vergewissern, daß gestern bei der Ausreise meine Gepäckmassen mit an Bord gekommen waren.

In dem großen, leeren, nur schwach erleuchteten Gepäckraum erhebt sich aus einer Ecke eine etwas schwerfällige Gestalt:

„Hoho, Fräuleinchen, sind Sie die Dame, die nach Spitzbergen will?“ ruft es in drohendem Baß.

„Woher wissen Sie denn das?“

„Na, das steht doch auf Ihrem Gepäck. Sagen Sie mal, was wollen Sie auf dieser gottverlassenen Insel?“ Mitleidig schaut mich der dicke alte Gepäckmeister über die Brille an, während er mir einen Frachtzettel ausfertigt.

„Nichts … Polarlichter anschauen.“

„Für die Universität?“

„Nein, für mich alleine.“

„So. Na, das schlagen Sie sich mal aus’m Kopp. Da frieren Sie ja tot auf der Insel. Da passen Sie nich hin, Sie kleene Puppe. Und Skorbut könn’ Sie da auch kriegen. Wer zweimal nacheinander gut schläft, dem ist der Skorbut nicht mehr fern, heißt es. Ich kann Ihn’ was erzählen. Ich war früher bei der Sanität.“

„Nein, danke, erzählen Sie mir lieber nichts. Aber nicht wahr, Sie sind so gut und schaffen mir mein Gepäck an Land?“

„Wo wollen Sie denn überhaupt an Land in Spitzbergen?“

„Ja, wenn ich das selber wüßte, ich habe wirklich noch keine Ahnung.“

„Na, denn fahr’n Se man wieder hübsch mit uns nach Hause. Unser Kapitän läßt Sie ja gar nicht vom Schiff runter. Nö, da kenn’ Se den schlecht. Der läßt so was gar nicht zu.“

Nun bekomme ich aber doch einen leichten Schrecken. „Wo ist denn der Kapitän zu sprechen?“ frage ich den Gepäckmeister.

„Oben“, sagt er und zeigt mit dem Zeigefinger senkrecht durch die Decke, wie in den Himmel. „Oben, auf der Kommandobrücke.“

Kurz entschlossen steige ich hinauf, unendlich viele Treppen, vorbei an den eintausend vierhundert von Sonne und Wind umsäuselten, schlafenden Passagieren, über die Kommandobrücke mit dem breiten, langen Fenster, mit dem Blick über einen unendlich weiten Horizont.

„Herr Kapitän, ich wollte Sie nur fragen, ob Sie mich in Spitzbergen irgendwo, irgendwann, irgendwie an Land setzen können.“

Der Kapitän schüttelt ernst den Kopf, das könne er ganz und gar nicht. Es sei im Gegenteil sein bestes Bestreben, alle Passagiere wieder heil nach Hause zu bringen. Außerdem müsse man die Erlaubnis der norwegischen Regierung haben, wolle man überwintern.

„Aber mein Mann erwartet mich oben.“

Im Laufe des Gespräches stellt es sich heraus, daß der Kapitän meinen Mann kennt, ihn selbst vor drei Jahren in der Kingsbai abgesetzt hatte.

„Wir legen natürlich Ihrer Ausbootung nichts in den Weg“, sagt er, „geben Sie uns Nachricht, wenn Sie das Telegramm wegen Ihrer Ausbootung erhalten haben.“

Erleichterten Herzens verlasse ich die Kommandobrücke, kaufe mir einen Bordstuhl und genieße die weitere Reise ebenso sorglos wie die Passagiere.

Es kommen die Fjorde, die typischen Nordlandfjorde, gletschergrünes Wasser, daraus herauswachsende steile dunkle Felsen, Wasserfälle, die von den Bergen wehen wie weiße Fahnen. Jeden Morgen, o welche Lust, stehen Bett und Zahnbürste in einem anderen Fjord. Die Passagiere werden ausgebootet, im Auto gefahren, in den romantischsten Winkeln abgesetzt, dürfen in Gletscherbächen von einem Stein zum andern springen, dürfen die wilden Bergziegen necken, haben Freßpakete, knipsen, schreiben und kaufen Reiseandenken.

Am Abend kommen wir zurück auf den von Maschinen, Küchenbetrieb und Komfort zitternden Schiffskoloß, werden gefüttert, gebettet und weitergeschifft. Man tanzt, flirtet, ißt und trinkt sich an berühmt-schönen Küsten entlang, bis man eines Tages deutlich merkt, wie die Welt nach Norden zu immer heller und heller und kahler und einsamer wird.

Abendhell bleibt die Nacht. Klippen und kahle Bergköpfe ragen aus dem fahlen Licht des Wassers. Ein fremder, kühler Hauch weht mich an aus dieser Urweltlandschaft. Wie die Erde im vorletzten Stadium der Sintflut sieht die Gegend hier aus.

Hinter den Glastüren des Promenadendecks, in den erleuchteten Kaffeesalons sitzen die Menschen. Sie rauchen, trinken und tanzen, sie denken und sprechen genau so, wie sie es am Abend in ihren Großstadtlokalen tun. Sie merken wohl nicht viel von der fremd werdenden Welt, aus der sie in wenigen Wochen rundgegessen und ausgeschlafen zurückkommen werden.

Wir sind in Tromsö. Fischdampfer und Eismeerschiffe liegen im Hafen, still und bescheiden. Sie riechen nach Teer und Tran, und eine Atmosphäre von Abenteuer, Eis, Sturm und Weite liegt auch um sie.

Heute gilt die Aufmerksamkeit der Tromsöer ausschließlich dem deutschen Ozeanriesen, sie gehen in den Straßen und am Hafen, alle Läden sind offen, es herrscht vollster Betrieb, obwohl es schon zehn Uhr abends ist.

Mit einer Adresse in der Hand frage ich mich durch nach einer Tromsöer Familie, an die ich empfohlen bin. Der Weg geht durchs Grüne, Birkenbäume, Gras und Unkraut. Alles ist hier gigantisch und schön. Der Schierling, fast drei Meter hoch, hat prächtige Blütendolden und Blätter von tropischer Üppigkeit. Das doppelte Licht des Sommers gibt doppeltes Wachstum. Ich komme zu einer weiß lackierten Holzvilla in einem Stück abgegrenzter Natur. Gärten und Parks scheint es hier nicht zu geben. Die üppige Natur ist Park genug.

Die Familie empfängt mich mit offenen Armen. Es sind die ersten Menschen auf der Reise, die von dem Ziel meiner Fahrt wissen. Weil ich kein Wort Norwegisch kann, ist eine Schwiegertochter Dolmetsch.

„Papa meint, er würde an Ihrer Stelle nicht in die Eiswüsten Spitzbergens gehen!“

„Ich fürchte mich nicht“, entgegnete ich, „mein Mann meint, es sei da oben nicht viel anders als in Mitteleuropa, wenn man entsprechend wärmer angezogen ist.“

„Ihr Mann ist ein routinierter Überwinterer“, sagt ein Sohn des Hauses und wiegt den Kopf.

Ob man mir in irgend etwas behilflich sein könnte, werde ich gefragt.

„Helmer Hansen weiß, was ich noch an Ausrüstung brauche, das soll ich dann heute noch einkaufen. Mein Mann hat ihm alles geschrieben.“

Helmer Hansen wird geholt. Ich stelle mir unter Helmer Hansen einen Hünen vor. Er war Amundsens Begleiter bei der Entdeckung des Südpols, er war Amundsens Begleiter auf der Nordwestpassage mit der „Gjöa“ und auf der Nordostpassage mit der „Maud“.

Helmer Hansen ist ein auffallend feingliedriger, stiller Mann, mit großen blauen herzensguten Augen. Er schüttelt mir immer wieder die Hände und sagt: „Kaptein Ritter wird sich freuen, daß ,fruen sin‛ kommt.“ Dann wird er sachlich: „Fruen soll sich Komaga kaufen. Wasserstiefel sind nicht notwendig, aber Filzsocken.“

Das Gewünschte wird mir aus der Stadt geholt in allen Größen zur Auswahl.

Komaga sind Lappenschuhe, breit wie Kähne und handgearbeitet aus weichstem Leder. Die Schuhspitzen stehen vorn in die Höhe. Sie haben Stulpen bis an die halbe Wade. Ich probiere das kleinste Paar, es ist mir viel zu groß.

„Zu klein!“ sagt Helmer Hansen energisch. Er rät mir zu dem allergrößten Paar. Es käme viel Gras in die Schuhe. Je größer die Schuhe, desto besser.

Um zwölf Uhr nachts werde ich wieder an den Kai gebracht. Der weiße Ozeanriese liegt draußen auf dem Meere wie in flüssigem Abendrot. Alle Decklampen brennen. Es ist ein imposanter Anblick. Die Passagiere schwirren an Deck hin und her, wie Falter im Lampenlicht. Sie scheinen alle etwas berauscht vom Zwielicht, vom Grellrot des Himmels und des Wassers, von dem zeitlosen grellen Abendrot, das bald nach Mitternacht übergeht in ein noch leuchtenderes Morgenrot. Keiner denkt an Schlafen heute. Erst als das Schiff wieder fährt und es kühl wird auf dem Meer. Die Luft bekommt nach und nach etwas Hartes, Kaltes.

Den nächsten Tag ist kein Land zu sehen. Das Fähnchen auf der Tourenkarte steigt nordwärts auf dem Meere zwischen Norwegen und der Bäreninsel. Die Bordkapelle spielt zum erstenmal übertags, und zwar gleich bei allen Mahlzeiten im Speisesaal, vielleicht um die Menschen aufzumuntern, damit kein Grausen aufkommt vor der großen, einsamen Insel im nördlichen Eismeer.

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