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E-Book

Eine sonderbare Stille

Warum der Tod ins Leben gehört

AutorKatharina Schmidt
VerlagChristian Brandstätter Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783710600289
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis5,99 EUR
Einst war er fixer Bestandteil des menschlichen Daseins und des gesellschaftlichen Alltags: Heute wird der Tod verdrängt, jeder Gedanke an das unweigerliche Ende so lange wie möglich hinausgeschoben. Während Sterbende der High Tech-Medizin überlassen werden und Trauern keinen Platz findet, diskutiert man auf politischer Ebene über die Suizidbeihilfe. Dazwischen stehen Fragen, die uns alle betreffen: Wie wollen wir uns dem Thema Tod wieder annähern? Wie können wir Alte und Sterbende besser versorgen? Und: Wie wollen wir selbst sterben? In ausführlichen Gesprächen mit Ärzten, Pflegenden und Angehörigen sucht die Autorin nach Antworten und kommt zu dem Schluss: Die Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit schärft den Blick auf das Leben.

Katharina Schmidt, geboren 1983 in Wien, begegnete der Tod schon früh. Sie begleitete den Tod ihres Vaters und beschäftigt sich seither auch journalistisch mit diesem Thema bei der Wiener Zeitung. Das Sterben wieder ins Leben zu holen, ist ihr wichtigstes Anliegen.

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Leseprobe

WARUM DIESES BUCH


Alles sieht genauso aus wie in den vier Wochen zuvor. Die Pappeln am Straßenrand; darunter die grüne Bank, auf der wir noch vor wenigen Tagen in der Sonne gesessen sind und überlegt haben, ob man nun das Konto leerräumen muss; das kleine Eisentor, das angeblich – so warnt jedenfalls das halbverwitterte Schild am Zaun – nur bis 16 Uhr Einlass in das Gelände bietet und doch immer offensteht. Auch der kurze Asphaltweg zwischen Tor und dem halbverfallenen Pavillon, in dem die 4. Medizinische Abteilung des Krankenhauses untergebracht ist, ist wie immer gesäumt von Roten Nacktschnecken. Lebendigen und von eiligen Füßen zertretenen. Ich habe es eilig. Trotzdem sind meine Sinne auf das Höchste geschärft und ich schaffe es auch jetzt, mitten in der Nacht, den schleimigen Tierchen auszuweichen.

Wie an jedem anderen Tag in den vier Wochen zuvor frage ich mich, wann einmal ein Fassadenteil auf einem Besucher oder einem Patienten landen wird. Aber immerhin, der Aufzug funktioniert. Fast schon aus liebgewonnener Gewohnheit drücke ich den Knopf für den zweiten Stock. Ich atme kurz durch.

Es hat sich abgezeichnet, lange schon. Immer wieder hat mein Vater in den vergangenen Jahren Tage oder Wochen im Krankenhaus verbringen müssen, meist war es das Herz, manchmal auch die Lunge, nie waren es Lappalien. Als am 21. August 2010 um 4.12 Uhr das Handy läutet – „Twisted Nerve“ von Bernard Herrmann, das gepfiffene Lied aus Quentin Tarantinos „Kill Bill“ –, bin ich nicht einmal überrascht. Nur verwundert, dass ich genau jetzt zum ersten Mal von ihm geträumt habe. Die Couch meiner Kindheit im Haus meiner Kindheit, in dem meine Mutter bis heute wohnt. Ein braunes Cord-Ungetüm, das irgendwann in den 1970er Jahren einmal der letzte Schrei gewesen sein muss. Darauf mein Vater, 68 Jahre alt, dösend. Er sieht aus wie immer, nur sehr erschöpft. Rundherum stehen wir – meine Mutter, meine Geschwister – und beratschlagen, wie wir ihm jetzt erklären sollen, dass er sterben wird. Ihm, der sich immer vor dem Tod so gefürchtet hat.

Gut, dass er im Koma liegt, denke ich mir, als ich aufspringe, um nach meinem Telefon zu greifen. Meine Mutter sagt irgendetwas, das mich dazu bringt, meinen Freund zu wecken. Ich laufe ins Badezimmer im Keller des kleinen Gartenhäuschens, in dem wir diesen Sommer verbringen, und wühle in meiner Unterwäsche. Wenn der Tod kommt, muss man schöne Unterwäsche tragen. Keine Löcher, nicht zu provokant. Merkwürdig, welche Streiche einem das Gehirn spielt, um in Ausnahmesituationen reibungslos funktionieren zu können. Innerhalb von fünf Minuten sitzen wir im Auto. Mein Freund fährt, er hat Angst, ich würde rasen. Würde ich auch, wenn ich könnte. So beschränke ich mich darauf, ihn von Zeit zu Zeit anzutreiben und das Lied von „Subway to Sally“ in meinem Kopf mitzusummen: „Ich hab heut’ Nacht vom Tod geträumt, er stand auf allen Wegen. Er winkte und er rief nach mir so laut.“

Als wir das Spital erreichen, ist die Sonne noch nicht aufgegangen. Mein Vater liegt seit vier Wochen auf der Herzintensivstation im künstlichen Tiefschlaf. Mehr und mehr wird er mit Medikamenten vollgepumpt, um eine nicht auffindbare Infektion zu bekämpfen, die langsam ein Organ nach dem anderen zerstört. Das Krankenhaus sieht aus wie immer, als wäre es sich der Größe dieses Augenblicks nicht bewusst. No offense, ich bin es auch nicht. Als ich an der Tür der Intensivstation läute, will ich wie immer meine Hände in Desinfektionsmittel baden. Ich lasse es diesmal sein. Im Zimmer hat sich seit meinem letzten Besuch nicht viel verändert. Auf den ersten Blick deutet nichts auf das baldige Ende hin. Erst auf den zweiten erkenne ich die schwarze elektrische Kerze, die die Schwestern zwischen all den Schläuchen und Infusionen aufgestellt haben. Und das Dialysegerät, das in den letzten Tagen auf Hochtouren gelaufen ist, steht nutzlos in einer Ecke. „Nieren-Anstartversuch“ haben sie das gestern genannt, ohne viel Hoffnung. Im Bett die Hülle meines Vaters, bewegungslos, die Augen mit Hilfe einer dicken Salbe verschlossen, ohne irgendein Zeichen, dass da noch ein Rest Leben ist. Erst vor ein oder zwei Wochen habe ich mir eingebildet, er hätte mit einem Auge gezuckt, als ich ihm ein paar seiner Lieblingsstücke und das WM-Lied „Waka Waka“ von Shakira vorgespielt habe. Links und rechts neben seinem Bett stehen meine Mutter und meine Schwester. Beide weinen. Meine Schwester macht Platz, damit ich auch noch ein Stück meines sterbenden Vaters berühren kann. Sein eingebundener Arm riecht ein wenig streng, wahrscheinlich hat man ihm die Mühe des Verbandswechsels nicht mehr angetan. Die Anzeige auf dem Hightech-Intensivbett mahnt ein, dass ein Teil der Matratze zu entlüften wäre, um ein Wundliegen zu verhindern. Auch das wird nun wohl nicht mehr geschehen. Und so warten wir auf das Erwartete und Unvermeidliche. Keiner traut sich, auf die Toilette zu gehen oder etwas zu Trinken zu holen. Keiner setzt sich hin. Nur ich gehe ab und zu auf den Gang und versuche meinen Bruder in München zu erreichen. Er wird es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Wir starren auf den Monitor, der uns anzeigt, wie viel physisches Leben noch in meinem Vater ist. Dass der Wert immer weiter sinkt, ist ebenso logisch wie unbegreiflich. Jetzt und hier geht langsam ein Leben zu Ende. Wir sind nur Beobachter, die hoffen, dass der geliebte Mensch in unserer Mitte in dieser starren, furchteinflößenden Krankenhausatmosphäre unsere Anwesenheit auch spürt.

Sterben gehört hier zum Alltag. Um sieben Uhr kommt die Putzfrau. Sie rumort herum, dreht das Wasser im Waschbecken neben meinem Vater auf und verschwindet, ohne es wieder abzudrehen. Das macht dann meine Schwester, die Würde ist leidlich wieder hergestellt. Wir schauen weiter den Linien und Zahlen auf dem Monitor zu, und wie sie – für uns Laien nichtssagend, aber trotzdem verständlich – immer flacher und niedriger werden.

Um 7.24 Uhr hebt es irgendwas in meinem Herzen aus. Wie auf einer Achterbahn den Magen. Dann piepst der Monitor nur mehr einen langen Ton. Den Herzschrittmacher müssen sie extra ausschalten, der weiß nicht von alleine, dass sein Job jetzt getan ist. Die Krankenschwester macht das Fenster auf, damit die Seele meines Vaters in den Sommermorgen entschwinden kann. Es ist einer der letzten heißen Tage im Jahr 2010. Im Krankenhaus geht der Alltag weiter.

Die Tage und Wochen nach dem Tod meines Vaters vergingen wie im Nebel. Wir funktionierten, gingen ins Büro, organisierten das Begräbnis, die Papiere, die Verlassenschaft. Das hielt uns aufrecht. Die Familie rückte näher zusammen, wir blätterten in Fotoalben und redeten viel. Wie wahrscheinlich jede andere Familie hatten auch wir uns immer fürchterlich vor dem Tod gefürchtet und jeden Gedanken daran weggeschoben. Vor allem mein Vater. Zu Weihnachten durften jahrelang keine Foto- und Filmaufnahmen gemacht werden, weil in einer Zeit lange vor meiner Geburt immer dann, wenn zu Weihnachten fotografiert wurde, kurz darauf ein Familienmitglied starb. Von seinem 64. Geburtstag an wiederholte mein Vater jedes Jahr, dass er jetzt schon älter sei als jeder seiner männlichen Vorfahren. Doch war diese Angst gerechtfertigt? Natürlich ist mein Vater viel zu früh verstorben, wir hätten ihm so sehr noch zahlreiche gesunde Jahre, seine Pension und seine Enkelkinder genießend, gewünscht. Und natürlich haben wir getrauert und trauern heute noch – sein Tod hat ein Loch in unsere Familie gerissen, das nicht mehr zu füllen ist. Aber ich traue mich auch zu behaupten: Die Angst vor dem Tod war unbegründet. Denn mein Vater ist exakt so gestorben, wie es für ihn gepasst hat – er musste sich nicht fürchten und hatte nach menschlichem Ermessen keine Schmerzen. Alleine dieses Wissen ist uns ein wichtiger Trost geworden. Vielleicht aber hätten wir uns alle – allen voran mein Vater selbst – weniger vor dem Tod und dem Sterben gefürchtet, hätten wir uns vorher damit beschäftigt.

Darum dieses Buch. Denn die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und mit dem Tod als Teil des Lebens nimmt uns ein wenig die Angst davor. Selbstverständlich können wir uns nicht darauf vorbereiten, denn das Sterben – das eigene oder das eines Angehörigen – wird immer einen anderen Verlauf nehmen, als wir es erwarten und wird uns auch manchmal kalt und jäh erwischen. Aber wir können uns die essentiellen Fragen des Lebens und des Sterbens schon früh – rechtzeitig, wenn man so will – stellen. Wir können mit unseren Angehörigen darüber reden, damit sie unsere Vorstellungen kennen und im Ernstfall für die Wahrung unserer Würde eintreten können. Und umgekehrt. Wir können die Gegenwart unserer An- und Zugehörigen intensiver genießen, wenn wir nicht in der Illusion leben, sie wären für immer da. Und wir können unser eigenes Leben intensiver genießen, wenn uns seine Endlichkeit bewusst wird. In diesem Zusammenhang kann es tröstlich sein, die Geschichten von Menschen zu hören, die mit Schicksalsschlägen konfrontiert sind oder selbst am Ende ihres Lebens stehen und darüber...

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