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E-Book

Einführung in das Werk Heinrich Heines

Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl142 Seiten
ISBN9783534719068
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Wie kein anderer Autor der deutschen Literatur des 19. Jh.s hat Heinrich Heine mit seinen Dichtungen provoziert. Das ironische Spiel mit Traditionen, die literarische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Moderne, die Gebrochenheit seines Selbst- und Weltbildes haben bis in die Gegenwart nichts von ihrer Aktualität und Unmittelbarkeit eingebüßt. Der Band gibt auf der Grundlage neuester Forschungsdebatten einen Überblick über Leben, Werk und Wirkungsgeschichte und stellt Heines Schaffen in den politischen, philosophischen, ästhetischen und intellektuellen Kontext seiner Zeit. Gattungen, Themen und poetologische Positionen werden eingehend analysiert und bewertet. Exemplarische Interpretationen ausgewählter Dichtungen bieten einen Überblick über die inhaltliche wie formale Vielgestaltigkeit seines Werkes. Vorgestellt werden u.a. »Die Harzreise«, »Buch der Lieder«, »Deutschland. Ein Wintermärchen« und »Romanzero«. Deutlich hervor treten so die charakteristischen Widersprüche von Heines Denken und sein Beitrag zur Genese der literarischen Moderne in Deutschland.

Gunter E. Grimm ist emeritierter Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft/Geschichte und Theorie der Literatur an der Universität Duisburg-Essen. Klaus-Michael Bogdal ist Professor für Germanistische Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

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Leseprobe

II. Zum Stand der Forschung


Problematik der Heine-Forschung

Mit dem Fall der Mauer im Jahr 1989 und dem Ende der Teilung Deutschlands in zwei Staaten in Folge des Zweiten Weltkrieges hat sich auch die Heine-Forschung, die traditionell von außerliterarischen und politischen Prämissen beeinflusst worden ist, grundlegend verändert. (Gutleben 1997) Auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk des Dichters ist nicht länger ein Bereich, in dem die weltanschaulichen Differenzen der ost- und westdeutschen Germanistik stellvertretend ausgetragen werden, stattdessen hat sich auch hier die Kanonisierung des Schriftstellers als eines Vertreters der deutschen Literatur von Rang vollziehen können. Des Weiteren ist in der Folge nicht nur die in der Deutschen Demokratischen Republik propagierte Sicht auf den Schriftsteller als eines frühen Vertreters einer „bürgerlich-revolutionären“ Literatur in Frage gestellt worden, sondern auch die von Germanisten in der Bundesrepublik Deutschland tradierte bildungsbürgerliche Perspektive auf sein Werk, die über lange Jahre die im späten 19. Jahrhundert entwickelten Deutungstraditionen und Urteilsmuster fortgeschrieben hat.

Historisch-kritische Ausgaben

Die heutige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Werk Heinrich Heines ist jedoch noch von einem anderen Aspekt geprägt worden. Das breite positive Wissen über das Leben des Schriftstellers, über die Entstehungs- und zeitgenössische Wirkungsgeschichte seiner Werke, das die beiden großen, in Düsseldorf und in Weimar sowie Paris entstandenen bzw. entstehenden historisch-kritischen Ausgaben der Werke und Briefe zusammengetragen haben, hat der Forschung neue Perspektiven eröffnet. Diese Werkeditionen haben nicht nur erstmals das Gesamtkorpus an literarischen Werken und Schriften in deutscher und französischer Sprache sowie Briefen erschlossen, sondern auch die oftmals komplizierten, zuvor nur lückenhaft bekannten Entstehungs-, Zensur- und Druckgeschichten seiner Werke aufgearbeitet. Ebenso verdienstvoll sind die Einzel- und Stellenkommentare, die im Rahmen dieser Ausgaben entstanden sind und die für das Verständnis der Texte wesentliche biografische, historische und literarische Kenntnisse bereitstellen. Die beiden historisch-kritischen Gesamtausgaben stehen nicht in einem Konkurrenzverhältnis zueinander, sondern ergänzen sich, da sie sich aufgrund ihrer jeweiligen editorischen Grundannahmen voneinander unterscheiden.

Wissenschaftliche Hilfsmittel

Darüber hinaus sind in den vergangenen Jahrzehnten weitere grundlegende wissenschaftliche Hilfsmittel der Forschung zur Verfügung gestellt worden. Hierzu gehören zum einen die Heine-Chronik von Fritz Mende, die Sammlung von Gesprächen und Berichten der Zeitgenossen über Begegnungen mit Heine, die Michael Werner zusammengetragen hat, die zwölfbändige Quellensammlung Heinrich Heines Werk im Urteil seiner Zeitgenossen, die Dokumente zur Rezeption seiner Werke im deutschen Sprachraum ediert, und die dreibändige Quellensammlung Die französische Heine-Kritik, in der Hans Hörling Dokumente zur Wirkungsgeschichte Heines in Frankreich versammelt hat. Zum anderen zählen hierzu das zwischenzeitlich in der dritten Auflage überarbeitete, erweiterte und ergänzte Heine-Handbuch von Gerhard Höhn und nicht zuletzt die Sammlung von Lebenszeugnissen, also sämtlichen überlieferten zeitgenössischen Dokumenten, die Auskunft über das Leben des Dichters geben, und die im Rahmen der Heine-Säkularausgabe momentan in Weimar erarbeitet wird.

Darüber hinaus hat das Heinrich-Heine-Portal den Text und Apparat der in Düsseldorf entstandenen historisch-kritischen Ausgabe sowie die Briefwechsel des Dichters, die in der Säkularausgabe ediert worden sind, zusammen mit anderen Materialien – wie Faksimiles zahlreicher handschriftlicher Entwurfsmanuskripte, Reinschriften, Druckvorlagen und Korrekturfahnen – im WorldWideWeb online verfügbar gemacht. Eine solche digitale Edition vermag die genannten historisch-kritischen Gesamtausgaben zwar nicht zu ersetzen, stellt aber gleichwohl eine Bereicherung für den Bereich der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Dichter und seinem Werk dar.

Diese beiden Aspekte haben die neuere Heine-Forschung nicht nur grundlegend bestimmt, sie haben auch zu einem Aufschwung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Dichter und seinem Werk im In- und Ausland geführt, wobei die Heine-Philologie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts traditionell auch Schwerpunkte in Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika aufweisen kann.

Bibliografien

Auskunft über die Vielzahl der jährlich erscheinenden wissenschaftlichen Studien gibt das Heine-Jahrbuch, das die Neuerscheinungen fortlaufend bibliografisch erfasst. Darüber hinaus sei an dieser Stelle auf die Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft verwiesen, die online verfügbar ist und die deutschen und internationalen wissenschaftlichen Publikationen zu Heine ebenfalls verzeichnet.

Wenngleich das Feld der Themen und Fragestellungen im Bereich der Heine-Philologie bereits seit langem so ausdifferenziert ist, dass es in seiner Qualität wie Quantität geradezu unüberschaubar geworden ist, wie bereits George F. Peters (Peters 1998) und Jeffrey L. Sammons (Sammons 1999) in ihren Forschungsberichten herausgestellt haben, haben sich seitdem einzelne Tendenzen herausgebildet, die aufzuzeigen vermögen, welche Bereiche und Themenfelder in den vergangenen Jahrzehnten primär Beachtung gefunden haben.

Biografische Darstellungen

An der Biografie und den Lebensumständen des Schriftstellers orientierte Deutungen seines literarischen Werkes, welche die ältere Heine-Forschung dominierten, sind von neueren Ansätzen vor dem Hintergrund einer kritischen Methodenreflexion und Diversifizierung der methodischen Möglichkeiten zwar nicht gänzlich verworfen, aber deutlich relativiert worden. Sammlungen, wie die im Rahmen der Heine-Säkularausgabe entstehende Dokumentation der Lebenszeugnisse oder Studien zum familiären Hintergrund des Dichters, zu einzelnen Lebensstationen, zu Beziehungen zu Zeitgenossen, Freunden und Weggefährten sowie traditionelle biografische Gesamtdarstellungen tragen zwar dazu bei, zu einem differenzierteren Bild der lebens- und zeitgeschichtlichen Umstände zu gelangen, ihre Ergebnisse werden jedoch nur mehr bedingt zur Textinterpretation herangezogen. In diesem Kontext sind als grundlegende Arbeiten die von Jeffrey L. Sammons (Sammons 1979) sowie Michael Werner und Jan-Christoph Hauschild (Hauschild/Werner 1997) verfassten Biografien des Schriftstellers zu nennen sowie zahlreiche, jeweils Detailfragen gewidmete Aufsätze, wie diejenigen biografischen Einzelstudien zu Heines Familie sowie seinen Lebensstationen, die Joseph A. Kruse in dem Band Heine-Zeit zusammengefasst hat. (Kruse 1997)

Literarische Selbstinszenierung

Grundlegend für die Abwendung von einer auf die Biografie ausgerichteten Textinterpretation waren, neben methodischen Neuorientierungen, die Studien von Michael Werner. (Werner 1977; Werner 1979) Diesen Ansatz fortschreibend und ausdifferenzierend hat die Forschung gezeigt, dass die Selbstporträts und -charakteristiken, die Verlassenheiten des Liebenden, des Kämpfenden, des Exilierten und schließlich des Sterbenden – und gerade die Verschränkung dieser Aspekte macht die Eigenart der Werke Heines aus – kalkuliertes literarisches Arrangement sind, aber auch dichterischer Ausdruck der eigenen Lebenswirklichkeit. (Bierwirth 1995) Als solche sind sie ein Teil der komplizierten, aber für die Analyse und Deutung des Werkes wesentlichen Verbindung von faktischen und fiktionalen Elementen, von dichterischem Werk und literarischer Inszenierung des eigenen Lebens. Sie sind Manifestationen der existentiellen Erfahrung des Verlassenseins des modernen Menschen und zugleich eine wesentliche Voraussetzung der eigenen künstlerischen Produktion. (Sammons 1999)

Judentum und jüdische Identität

Ausgehend von dem Gedanken, dass Heines Selbstdarstellungen ein künstlerisches Konstrukt sind, sind zahlreiche Aspekte und Probleme des Werkes in der Folge neu untersucht und interpretiert worden. Sicherlich zentral ist in diesem Zusammenhang die Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Einfluss und der Bedeutung der jüdischen Herkunft des Dichters auf sein Denken und sein literarisches Schreiben. Wesentliche Impulse in diesem Bereich der Forschung gab eine Studie von Klaus Briegleb, der jüdische Themen und Motive in Heines Dichtungen und Schriften untersucht und in ihrer Gebrochenheit als Signum der beginnenden Moderne gedeutet hat. (Briegleb 1997) Als weitere, die Forschung vorantreibende Studien sind die Arbeiten von Robert C. Holub, der die Frage betrachtet, inwiefern Heines kritische Perspektive auf die deutsche Romantik im Kontext der Diskurse der jüdischen Geistesgeschichte zu verstehen ist (Holub 1997), die Analyse von Walter Grab, die Momente jüdischen Denkens in Heines Dichtungen untersucht (Grab 1998), sowie die Arbeit von Regina Grundmann (Grundmann 2008), zu nennen, die neben Jeffrey Grossman (Grossman 2002) zugleich einen Überblick über die in diesem Themenspektrum diskutierten Fragen auf einem aktuellen Stand der Forschung bietet.

Die Beschäftigung mit den jüdischen...

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