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Einführung in die Buchwissenschaft

AutorCorinna Norrick-Rühl, Stephan Füssel
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl142 Seiten
ISBN9783534726905
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Diese Einführung stellt die wichtigsten Informationen zur Buchwissenschaft zusammen. Sie macht mit der Geschichte des Faches und seinen zentralen Problemen und Fragestellungen vertraut und erläutert Theorien und Methoden, jeweils mit hilfreichen Literaturangaben und weiterführenden Hinweisen. Das Themenspektrum reicht von Rechtsfragen bis zur Medienkonvergenz. Der Band wendet sich an Studierende und alle, die ?rund ums Buch? arbeiten wie Bibliothekare, Buchhändler und Verlagsangestellte. In einer Zeit, in der sich das Buch als Medium stark verändert und neue Formen des Lesens kontrovers diskutiert werden, bietet er das nötige Hintergrundwissen, um aktuelle Entwicklungen beurteilen zu können. Mit praktischen Tipps für das Studium und nützlichen Adressen.

Prof. Dr. Stephan Füssel lehrt Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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Leseprobe

STEPHAN FÜSSEL

II. Wissenschaftsgeschichte
des Faches Buchwissenschaft


Die Buchwissenschaft beschäftigt sich mit der Rolle und der Bedeutung des Buchs für die Wissensvermittlung in Geschichte und Gegenwart; sie schlägt dabei eine Brücke von der Technik- zur Geistesgeschichte. Die frühesten Selbstreflexionen über die Bedeutung des Buchdrucks für die Wissensvermittlung finden sich bereits in den allerersten Drucken – genauso wie in Schreibervermerken der Handschriftenära über die generelle Bedeutung der Schriftlichkeit räsoniert wurde.

1. Frühe Reflexionen über den Buchdruck
und die Folgen


Frühe Reflexionen zur Bedeutung des Buchs

Die erste bedeutsame Reflexion über die neue Technik lässt sich schon in einem Kolophon (der Schlussschrift mit den Druckangaben) aus dem Jahre 1460 in Mainz nachweisen, der zwar nicht den Namen des Druckers, aber immerhin den Druckort belegt. Der offensichtlich theologisch versierte Verfasser könnte der Herausgeber oder der Überarbeiter des Buchs gewesen sein, da er die zitierten Bibelstellen aus dem Buch der Weisheit und aus den Evangelien von Matthäus und Lukas ganz selbstverständlich anklingen lässt. Es handelt sich um das Lexikon mit Sacherläuterungen Catholicon, ein bereits in der Handschriftenära weit verbreitetes Nachschlagewerk, das 1286 von dem Dominikaner Johannes Balbus de Janua (von Genua) als ein Hilfsmittel für Geistliche verfasst worden war, um das Verständnis der lateinischen Bibel zu fördern. Es enthält eine lateinische Grammatik und ein Wörterbuch, das über die reine Worterklärung hinaus enzyklopädische Informationen bietet. Schon der Titel weist darauf hin, dass es sich um ein „umfassendes Werk“ (wörtlich: „Catholicon“) handelt. In der lateinischen Schlussschrift wird (hier in deutscher Übersetzung) formuliert:

Unter dem Schutz des Höchsten, auf dessen Wink die Zungen der Unmündigen beredt werden und der oft den Kleinen enthüllt, was er den Weisen verbirgt, wurde dieses hervorragende Buch, das Catholicon, in der erhabenen Stadt Mainz, die der berühmten deutschen Nation zugehört, und die Gottes Güte mit so hoher Klarheit des Geistes und durch solches Gnadengeschenk vor allen anderen Nationen der Erde in ganz besonderer Weise auszuzeichnen gewürdigt hat, im Jahre 1460 der Menschwerdung des Herrn gedruckt und fertiggestellt ohne Hilfe eines Schreibrohrs, eines Griffels oder einer Feder, vielmehr dank eines wunderbaren Zusammenspiels, Verhältnis und Ebenmaß von Druckstempeln und Typen.

Preis und Ehre darob sei gebracht Dir, Hochheiliger Vater, samt dem Sohn und dem Heiligen Geist in dreifaltiger Einheit. Künde das Lob der Kirche, Catholicon, durch dein Erscheinen. Höre nicht auf zu preisen allzeit die fromme Maria. Gott sei Dank gesagt. (zitiert nach Widmann 1965, 16–17)

Neben den theologischen Implikationen ist besonders interessant, dass die Erfindung des Buchdrucks im Gegensatz zur Handschrift als eine zentrale und bedeutende Erfindung, geradezu als ein „Gnadengeschenk“ bezeichnet wird, das die deutsche Nation vor „allen anderen Nationen der Erde“ in ganz besonderer Weise auszeichnet. Es wird deutlich gemacht, dass es sich dabei um eine qualitative Entwicklung handelt, die die Verbreitung von Wissen und Bildung, hier speziell theologischen Wissens, auf eine völlig neue Basis stellt.

Kurie, Rom

Solche und vergleichbare Lobpreisungen lassen sich in der frühen Zeit des Buchdrucks immer wieder finden (vgl. Widmann 1973), so zum Beispiel in Italien in einem der ersten Drucke, die die deutschen Drucker Konrad Sweynheim und Arnold Pannartz 1468 in Rom herstellten (vgl. Füssel 2013a). In einem Widmungsbrief des Bischofs Giovanni Andrea Bussi, dem späteren Bibliothekar der Vaticana, an Papst Paul II. verweist Bussi auf die Bedeutung dieser herausragenden Erfindung für Deutschland und nennt den aus Kues an der Mosel stammenden Kardinal Nikolaus von Kues (Cusanus) als einen der größten Förderer dieser neuen Kunst:

Deutschland ist in der Tat wert, geehrt und durch alle Jahrhunderte hoch gepriesen zu werden, die Erfinderin der segensreichen Kunst. Das ist auch der Grund dafür, dass die stets rühmenswerte und des Himmelreiches würdige Seele des Nikolaus von Kues, des Kardinals zu St. Peter ad vincula, den heißen Wunsch hatte, dass diese heilige Kunst (sancta ars), die man damals in Deutschland entstehen sah, auch in Rom heimisch werde. Schon sind diese Wünsche in Deiner Zeit erfüllt worden. (zitiert nach Füssel 2013b, 48)

Neben der Betonung der Rolle Deutschlands, die stilistische Anklänge an den Kolophon des Catholicons aufnimmt, wird von einer „heiligen Kunst“ gesprochen, deren wichtigster Funktion, die Verbreitung von Texten, sich nun auch die Kurie bedient.

Universität Sorbonne, Paris

Bemerkenswert ist, dass neben der Kirche auch die Wissenschaft unmittelbar erkannt hat, welches Potenzial für die Lehre diese neue Technik bietet. So beauftragten der Prior der Sorbonne, Johannes Heylin vom Stein (de Lapide), und der Rektor der Universitätsbibliothek, Guillaume Fichet, drei deutsche Druckgesellen, Ulrich Gering aus Konstanz, Michael Friburger aus Colmar und Martin Crantz aus Straßburg, mit dem Druck von klassischen humanistischen Schriften, für die sie eine relativ große Antiquaschrift verwendeten. Als erstes Buch druckten sie 1470 eine Briefausgabe des Humanisten Gasparinus Barzizius und feierten den Erstdruck mit einem lateinischen Gedicht (hier wieder in deutscher Übersetzung):

Wie die Sonne überall ihr Licht verbreitet, so nimm Du, Paris, die Hauptstadt des Königreichs und Nährerin der Musen, diese fast göttliche Kunst des Schreibens, die Deutschland erfand, als Belohnung hin. Siehe da, die ersten Bücher, die dieser Fleiß auf französischem Boden in Deinen eigenen Häusern verfertigte. (zitiert nach Heckeroth/Stork 1992, 112)

Die Erfindung der Buchdruckerkunst wird verglichen mit dem Licht, das die Sonne verbreitet, ein „Licht“, das in diesem Falle Wissensvermittlung und Bildung an den Universitäten nun auf eine ganz andere Art und Weise ermöglicht. Ein Blick in die Universitätsgeschichte zeigt, dass vom 12. bis zum 15. Jahrhundert in den Vorlesungen besprochene Texte zunächst diktiert, danach grammatisch und stilistisch annotiert und dann erst interpretiert wurden. Durch die Bereitstellung von Unterrichtstexten, was nach und nach auch zu erschwinglichen Preisen möglich wurde, konnte der Vorlesungsbetrieb nachhaltig reformiert werden.

Nicht nur die Drucker, sondern auch ihre Förderer, die Universitätslehrer Fichet und Heynlin preisen immer wieder die Buchdruckerkunst und den Erfinder Johannes Gutenberg, zum Beispiel in der Einleitung Guillaume Fichets in seiner Rhetorica und in einem Brief an Robert Gaguin 1471:

Ein gewisser Johannes, mit dem Beinamen Bonemontanus [Gutenberg] […] hat als allererster die Druckkunst ersonnen, bei der nicht mit dem Schreibrohr, auch nicht mit der Feder, sondern mit Buchstaben aus Erz Bücher hergestellt werden, und dies in schneller, ansprechender und schöner Form. Darum verdient dieser Mann von allen Musen, allen Wissenschaftsfächern und allen Bücherfreunden mit göttlichem Lob geehrt zu werden. (zitiert nach Füssel 2013c, 140)

Conrad Celtis

Aus den zahlreichen sprechenden Zitaten über die Rolle und Bedeutung des gedruckten Buchs für die Entwicklung von Kultur und Gesellschaft, ragt eine lateinische Ode des deutschen Erzhumanisten Conrad Celtis (1459–1508) hervor, der in der Ode (III, 9) betont, dass die Deutschen nun nicht mehr „von den Italienern wegen ihrer angeblichen geistlosen Untätigkeit geschmäht werden könnten“ (zitiert nach Schäfer 1982). Dazu ist zu erläutern, dass die italienischen Humanisten sich in der Tradition der römischen Antike und damit als Bewahrer der Weisheit der Antike wähnten. Diese Fortsetzung der Translatio artium, also die Übertragung der Künste und der Wissenschaften von Italien in die Länder nördlich der Alpen, war daher das höchste Ziel deutscher Humanisten, die den Anschluss an die geistige Größe der Antike erreichen wollten, die einst von Griechenland auf Rom übergegangen war und die nun von dort ins Deutsche Reich geholt werden sollte (vgl. Schäfer 1982). In dieser Ode beschreibt Celtis, auf welchem Wege es nun möglich sei, die geistige Verspätung Deutschlands zu überwinden: Allein durch die technische Erfindung Gutenbergs, die es erlaube, „feste Typen aus Erz zu formen und die Kunst zu lehren, mit umgekehrten Buchstaben zu schreiben“ (zitiert nach Füssel 1993, 16–17).

Diese Technik ermöglichte nämlich:

– Bereitstellung von Texten der Antike in Anthologien und Editionen und damit Teilhabe an ihrer impliziten „Weisheit“,

– Bildung durch Wissensvermittlung mit Hilfe erschwinglicher Textausgaben, die philologisch exakt sind und eine angemessene äußere Gestaltung aufweisen,

– fundierte universitäre Lehre und Forschung,

– die Bergung von internationalen und nationalen Handschriftenschätzen.

Die Humanisten glaubten an die...

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