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E-Book

Eingefangene Schatten

Mein jüdisches Familienbuch

AutorDagmar Nick
VerlagVerlag C.H.Beck
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl268 Seiten
ISBN9783406681493
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
Eine unheimliche Stimmung grundiert diese Familiensaga, die mit Flüchtlingen beginnt und mit Verfolgten endet: Die Dichterin Dagmar Nick erzählt die wechselvolle Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren in Hamburg, Berlin und Breslau vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Selten zuvor wurde so lebendig nachvollziehbar, was jüdisches Leben in Deutschland über Generationen bedeutete. Sie kamen aus Spanien, arbeiteten sich von Hausierern zu Hoflieferanten hoch, finanzierten als gnädig geduldete Hofjuden mehrere Herrscher, aber ihre Existenz hing immer am seidenen Faden. Ein falscher Verdacht konnte Haft und Folter bedeuten. Dagmar Nick kann für ihre atmosphärisch dichte Erzählung auf erstaunliche Funde in zahlreichen Archiven zurückgreifen, aber auch auf die berühmten Lebenserinnerungen der Glückel von Hameln oder den einzigartigen Erlebnisbericht des Isaak Behrens. Die Große Alte Dame der deutschen Lyrik erweist sich in diesem Buch als begnadete Erzählerin, die souverän mit wenigen Worten den Kern einer Sache trifft, Personen zum Leben erweckt und Spannung erzeugt.

Dagmar Nick, Tochter des Komponisten Edmund Nick und Kusine des Historikers Fritz Stern, gehört zu den wichtigsten deutschen Lyrikerinnen nach 1945. Sie ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

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Leseprobe

Die Spaniers


Nathan Spaniers Vater Moses, der 1550 vermutlich in Hamburg geboren wurde, jedenfalls dort als Handelsmann tätig war, heiratete die Tochter eines Kaufmanns aus Stadthagen, wo er sich später niederließ und 1617 starb. Es lebten damals in dieser alten Residenz und Handelsstadt schon einige sephardische Familien, glücklich im Schutz der toleranten Grafen von Schaumburg und sicher weniger großartig als ihre Verwandten im noblen Hamburg. Doch Stadthagen war kein verschlafenes Nest, immerhin gab es hier bereits seit 1565 eine Lateinschule, später sogar eine Universität. Wir wissen nicht, womit Moses Spanier handelte, aber er muß es als Kaufmann zu etwas gebracht haben und für den Landesherrn in irgendeiner Beziehung nützlich gewesen sein, denn er erhielt am 22. Juni 1586 von Graf Adolf XIV. zu Holstein und Schaumburg einen Schutzbrief und konnte dafür sorgen, daß auch sein 1575 in Hamburg geborener Sohn Nathan, sobald er sechzehn Jahre alt, also testierfähig war (1591), einen solchen Schutzbrief bekam. Da diese Dokumente erhalten blieben, wissen wir, daß Moses Spanier, bevor er 1586 nach Stadthagen zog, für drei Jahre im wenige Kilometer entfernten Obernkirchen wohnte, später vorübergehend auch in Wunstorf. Es scheint, als hätte Moses Spanier seinem Sohn Nathan alle Wege für ein einträgliches Leben ebnen wollen. Aus Nathan sollte nicht nur ein hervorragender Kaufmann werden, sondern auch ein würdiges Mitglied der jüdischen Gemeinde, was er eines Tages beweisen konnte, als er sich um die armen aus Polen und Litauen vertriebenen hochdeutschen Flüchtlinge kümmerte, die bei den sephardischen Glaubensbrüdern keine offenen Türen fanden. Für Nathan Spanier gab es keine Trennlinie zwischen Aschkenasen und Sepharden, mochten sie auch noch so verschieden sein in ihrer Herkunft, ihren Sitten und in manchen Riten ihrer Gottesdienste.

Daß Nathan kein Einzelkind war, zumindest noch zwei Schwestern hatte, erfahren wir aus einem am 12. Oktober 1601 für ihn ausgestellten Geleit- und Schutzbrief, der auch für seine Schwäger galt, für Jakob zu Obernkirchen und Jobst zu Rodenberg. Die Ortsnamen sagen uns, wie gerne man familiennah im selben Sprengel wohnte: In Stadthagen, Krumme Straße 35, besaß Nathan ein eigenes Haus, hier heiratete er 1598 die Tochter eines Stadthagener Handelsmanns, Zippora, die ihm im Jahr darauf eine Tochter gebar, Freude genannt. Fünf weitere Kinder folgten: Isaak, Mosche, Chajim, Abraham und Esther, doch keines davon machte später eine so glanzvolle Partie wie die Erstgeborene, unser Freudchen, von der wir noch einiges hören werden.

Ob alle Kinder, deren Namen uns überliefert wurden, von Zippora stammten, ist unbekannt, denn sie starb am 5. April 1632, und Nathan heiratete, wie es sich für einen frommen Juden gehört, bald darauf ein zweites Mal, ein Mädchen namens Reize, Tochter eines Isaak, das aber schon 1640 starb, möglicherweise als Opfer der damals grassierenden Pestepidemie. So kam es, daß Nathan noch eine dritte Ehe einging, diesmal mit Hadassa, der Tochter des Schmuel aus Hildesheim.

Nathan Spaniers erster Schutzbrief von 1591, der ihn jährlich sechs Reichstaler kostete, zahlbar jeweils am Michaelistag, war nach zehn Jahren abgelaufen, und der 1601 folgende Geleit- und Schutzbrief, in den auch seine beiden Schwäger einbezogen waren, scheint ebenfalls für zehn Jahre gegolten zu haben. Es zeigt uns, wie angesehen und vielleicht auch seinen Herrschern unentbehrlich Nathan gewesen sein muß, denn er bekam bereits 1612 erneut einen Schutzbrief, den er auch brauchte, denn er reiste jetzt öfter nach Altona, wo er sich für die zugewanderten aschkenasischen Flüchtlinge einsetzte, die als sogenannte Betteljuden keinen Paß erhielten, also auch keine Aufenthaltserlaubnis. Doch Nathan verschaffte sie ihnen mit seinem Geld und begünstigt durch seinen Kontakt zu Graf Ernst III. von Holstein-Schaumburg. Wie großzügig er dabei unterstützt wurde, beweist ein Befehl des Grafen vom 4. Mai 1612 «An den Drost und Amtmann zu Pinneberg», einen von Nathan präsentierten, namentlich nicht genannten Juden unter die Schutzjuden Altonas aufzunehmen. Kein Wunder, daß Nathan dann später, sicher ab 1632, offiziell als Hoffaktor am Schaumburger Hof tätig war. Das hieß, er hatte für den Einkauf und Transport gewisser Waren zu sorgen, die vornehmlich in Hamburg zu beschaffen waren, wie Gewürze und andere Köstlichkeiten aus Übersee, für die man die besten Handelsverbindungen zu Spanien und Portugal benötigte, die zweifellos fest in den Händen der sephardischen Kaufleute lagen.

Obwohl Nathan als Vorsteher und Leiter der Landjudenschaft Schaumburgs fungierte und von seinen gräflichen Gönnern gegen eine gewisse Geldsumme manche Vergünstigung erhielt, gelang es ihm nicht, in Stadthagen eine Synagoge bauen zu dürfen. Sicher hätte er seine Erstgeborene, Freudchen, deren Hochzeit 1619 bevorstand, dort gerne selbst getraut. Auch sein künftiger Schwiegersohn, der reiche Josef (Jobst) Goldschmidt aus Hameln, der neben mehreren Häusern auch in Stadthagen, Krumme Straße 15, ein Haus sein eigen nannte, konnte mit seinem Geld da nichts ausrichten. Immerhin erlaubte man ihm 1620, in diesem Stadthagener Haus einen Betraum einzurichten, damit die jüdische Gemeinde dort ihre Gottesdienste abhalten konnte – bitte möglichst nicht mit lautem Gesang! Es war bei den christlichen Nachbarn bekannt und gab oft genug Anlaß zur Klage, daß vor allem die aus dem Osten zugewanderten Juden über mächtige Bruststimmen verfügten, so daß man hinter den Fenstern des kleinsten Betraumes einen vierzigstimmigen Männerchor zu hören meinte.

Ringsum tobte noch immer der Dreißigjährige Krieg, freilich nicht in allen Gegenden, aber die Wege waren unsicher und das Reisen in rumpelnden Planwagen sowieso kein Spaß, so daß Nathan, der als Handelsmann ständig zwischen Stadthagen und Altona unterwegs sein mußte, sich entschloß, nach dem Tod seiner Frau Zippora seinen Wohnsitz ganz nach Altona zu verlegen, wo er vermutlich seine zweite Frau, Reize, ehelichte, die leider so bald verstarb. Als 1640 auch Nathans Gönner Graf Otto von Schaumburg starb, sah es vorübergehend etwas bedrohlich für Nathan aus, der Erneuerung seiner Schutzbriefe wegen, doch wurden diese lebenswichtigen Dokumente umgehend, 1641, von Christian IV. von Dänemark, der jetzt zu bestimmen hatte, bestätigt und verlängert.

Inzwischen war Nathan fünfundsechzig Jahre alt und zum Parnass, also zum Vorsteher der Gemeinde, aufgestiegen. Seine Kinder machten ihm keinen Kummer, drei seiner Söhne waren in seinen Schutzbrief mit eingebunden, nur über den vierten Sohn, Chajim, fehlen alle Unterlagen. Vielleicht gehörte er zu den Pestopfern, über die man nicht gerne sprach, selbst auf dem Friedhof wurden ihre Grabsteine «verkehrt herum» aufgestellt, als wollte man weiteres Unheil dadurch abwehren.

Tochter Esther hatte den nicht sehr wohlhabenden, aber biederen Löb Jehuda ben Mosche aus Hildesheim geheiratet, den Nathan bald zu sich nach Altona holte, um ihn besser unterstützen zu können. Auch Esther trug etwas dazu bei, wenn sie, eine versierte Geschäftsfrau, einmal im Jahr, im unwirtlichen Januar, zur Messe nach Kiel fuhr, um dort ihres Gatten Waren, wir wissen nicht welche, feilzubieten. Es mag an dieser Schwiegersohn-Bindung gelegen haben, daß der Witwer Nathan seine dritte Ehefrau, Hadassa, dann just in Hildesheim fand.

Und Freudchen, Nathans Älteste, war ein Jahr nach ihrer Hochzeit mit Josef Goldschmidt aus Hameln, einem lumpigen, unlustigen Ort, nach Hannover gezogen, wo sie 1640 ihrem neunten, letzten Kind, Chajim, das Leben schenkte, was darauf hinweist, daß ihr Bruder Chajim nicht mehr lebte: Man gab gerne den Kindern die Namen jüngst verstorbener Onkel und Tanten. Über Freudchen und ihren Josef, meist Jobst Hameln genannt, dessen Stammbaum bis zu den ältesten Goldschmidt-Familien, die tatsächlich Goldschmiede waren, nach Stuttgart und Frankfurt reicht, brauchte sich Nathan nicht weiter zu sorgen. Jobst handelte mit Getreide in großem Stil. In Stadthagen und Hameln sagte man ihm nach, daß er alle kleinen Kaufleute mit seinen Großhandelspreisen in den Ruin treibe, nebenbei arbeitete er als Juwelenhändler, offenbar auch als Juwelier und natürlich als Wechsler und Geldverleiher.

Was durfte man sonst als Jude in einer Welt, in der die christliche Nächstenliebe nicht bis zu denen reichte, deren Vorfahren einst neben Maria und Jesus auf dem Tempelberg gebetet haben, was durfte man als Jude anderes tun, um seinen Lebensunterhalt zu sichern, als das, was erlaubt war: Handel treiben – freilich nur von Haus zu Haus, also mit der Kiepe auf dem Rücken oder einem Bauchladen, nicht etwa in einem eigenen offenen «Gewölb». Und vor allem durfte man das, was den Christen verboten war und ihnen damit die Chance gab, von scheinbar ethischer Höhe auf die Juden als «Wucherer» hinabzusehen: Geld gegen Zinsen verleihen und die höchst riskante Pfandleihe betreiben. Wie oft bekam man da eine silbernen Schale angedreht, die nie mehr ausgelöst wurde und erst, als der Schuldner über alle Berge war, sich als völlig wertlos oder gestohlen herausstellte und den darauf sitzengebliebenen...

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