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E-Book

Einsamkeit - die unerkannte Krankheit

schmerzhaft, ansteckend, tödlich

AutorManfred Spitzer
VerlagVerlagsgruppe Droemer Knaur
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783426437889
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Ein neuer verstörender Weckruf von Sachbuch-Bestseller-Autor Manfred Spitzer: Einsamkeit ist eine Krankheit mit fatalen Folgen für Körper und Seele. Ein neuer verstörender Weckruf von Sachbuch-Bestseller-Autor Manfred Spitzer: Einsamkeit ist eine Krankheit mit fatalen Folgen für Körper und Seele. Wer einsam ist, erkrankt häufiger als andere an Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz. Einsamkeit ist zudem ansteckend und breitet sich wie eine Epidemie aus - nicht nur Singles und Alleinstehende sind davon betroffen, sondern auch Verheiratete! Einsamkeit ist die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern, so Manfred Spitzer. Diese alarmierende Botschaft wird mittlerweile weltweit von zahllosen wissenschaftlichen Studien bestätigt. Manfred Spitzer beschreibt in seinem neuen Buch erstmals, wie krankmachende Einsamkeit aussieht und welch gravierenden Einfluss sie auf Körper und Seele der Betroffenen hat. Der streitbare Psychiater will damit eine Gesellschaft aufrütteln, die Einsamkeit immer noch als erstrebenswertes Wellnessangebot für gestresste Zeitgenossen betrachtet. 'Manfred Spitzer versteht sich nicht nur als Wissenschaftler, sondern in erster Linie als Arzt, der sofort helfen will.' aerzteblatt.de

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer ist Neurowissenschaftler und Psychiater. Seit 1998 leitet er das Psychiatrische Universitätsklinikum Ulm, Gastprofessuren führten ihn u.a. an die Harvard University. Neben der Forschung und Lehre ist er auch als Sachbuchautor erfolgreich und veröffentlichte u.a. die Bestseller Digitale Demenz (2012) und Einsamkeit (2018) im Droemer Verlag.

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Leseprobe

Narzissmus statt Empathie


Im Herbst 2016 war im Ruhrgebiet in einer Filiale der Deutschen Bank vor einem Geldautomaten ein 82-jähriger Rentner bewusstlos zusammengebrochen. Vier Personen stiegen nacheinander über ihn hinweg, holten Geld und gingen wieder – ohne zu helfen. Erst der fünfte Bankkunde leistete Hilfe; der Mann verstarb jedoch danach in einer Klinik.[44] »Schlägereien gab es schon immer«, sagen Polizisten, »aber heute treten die Leute auch dann noch ihrem Gegner ins Gesicht, wenn der schon regungslos am Boden liegt.« Berichte von Unfällen mit Verletzten, denen niemand hilft, die aber mit dem Smartphone schnell fotografiert werden, liest man seit einigen Jahren in den Zeitungen.[45]

Solche anekdotischen Berichte können lediglich illustrieren, was mittlerweile auch durch harte Daten belegt wurde: Das Mitgefühl der Menschen nimmt ab. Eine Metaanalyse von 72 Befragungen über drei Jahrzehnte hinweg (1979 bis 2009) mit Daten von insgesamt 13737 Studenten ergab einen deutlichen Rückgang der Empathie (empathic concern) und der Fähigkeit zur Einnahme der Perspektive anderer (perspective taking). Sonstige ebenfalls erfragte persönliche Eigenschaften wie beispielsweise das jeweilige Vorstellungsvermögen oder bekundete Probleme im Zusammenleben mit anderen waren demgegenüber während des Befragungszeitraums konstant. Ab dem Jahr 2000 war der Empathie- und Perspektivenwechselrückgang besonders deutlich ausgeprägt (siehe Grafik 1.5).

1.5: Summe der Werte für die Fähigkeiten Mitgefühl und Perspektivenwechsel über drei Jahrzehnte hinweg. Der Rückgang der Fähigkeit sowohl zur Empathie (p < 0,002) als auch zum Perspektivenwechsel (p < 0,03) war jeweils für sich statistisch bedeutsam.[46]

(© Computerkartographie Carrle nach Manfred Spitzer)

Die Autoren der Studie verweisen in ihrer Diskussion der Frage, warum die Empathiefähigkeit der Menschen abnimmt, auf parallel verlaufende Trends unter jungen Menschen; so ist beispielsweise eine zunehmende materialistische Einstellung zu verzeichnen.[47] In einer Umfrage aus dem Jahr 2006 gaben 81 Prozent der 18- bis 25-Jährigen an, dass »reich werden« eines der wichtigsten Ziele ihrer Generation sei, für 64 Prozent war es das wichtigste Ziel. Nur 30 Prozent der Befragten gaben als wichtigstes Ziel »den Hilfsbedürftigen helfen« an.[48]

Eine ganze Reihe weiterer Studien belegt, dass narzisstische Persönlichkeitszüge in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen haben.[49] Ein Beispiel: Der Aussage »Ich bin eine bedeutende Person« stimmten Anfang der Fünfzigerjahre nur 12 Prozent der 14- bis 16-Jährigen zu, Ende der Achtzigerjahre waren es 77 Prozent der Mädchen und 80 Prozent der Jungen in diesem Alter.[50]

Kurz zur Klärung der Begriffe: Unter Narzissmus versteht man die Charaktereigenschaft der maßlosen Ichbezogenheit, die sich in Selbstverliebtheit steigern kann. Die Bezeichnung geht auf den griechischen Mythos vom jungen Narziss zurück, der am eindrücklichsten von dem römischen Dichter Ovid (43 v.Chr.–17 n.Chr.) in seinen Metamorphosen überliefert wurde. Weil Narziss die Liebe einer Frau nicht erwiderte, wurde der Jüngling mit unstillbarer Selbstliebe bestraft; er starrte unentwegt auf sein Spiegelbild im Wasser (siehe Abb. 1.6) und verwandelte sich schließlich in eine schöne Blume – daher der Name »Narzisse«.

1.6: Das bekannteste Bildnis zum Mythos des Narziss ist sicherlich das Ölgemälde von Michaelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) in der Nationalen Kunstgalerie in Rom.

(© picture-alliance/akg-images/Erich Lessing)

Bis heute wird Narzissmus als Charaktereigenschaft in einem kritischen Sinn gebraucht.[51] Man unterscheidet hierbei narzisstische Persönlichkeitszüge, die bei jedem Menschen mehr oder weniger stark vorhanden sind und mit entsprechenden Skalen, sogenannten Persönlichkeitsinventaren, gemessen werden können, von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung als einer Diagnose im Bereich der Psychiatrie. Große Datensätze, die über Jahrzehnte hinweg im Rahmen wissenschaftlicher Studien an verschiedenen Orten gewonnen wurden, zeigen ein vermehrtes Aufkommen narzisstischer Persönlichkeitszüge in den letzten Jahrzehnten, im gleichen Zeitraum ist auch die Auftretenshäufigkeit (Prävalenz) der narzisstischen Persönlichkeitsstörung auf das Dreifache angestiegen.[52]

Wissenschaftliche Studien belegen ebenfalls, dass im Gegensatz zu früher junge Menschen heute weniger spenden (sie spendeten schon immer nicht gerade viel, denn sie haben ja auch noch nicht viel Geld; aber früher hatten sie noch weniger und spendeten dennoch mehr). Sie verhalten sich egoistischer, sind weniger empathisch, haben eine stärker ausgeprägte materialistische Einstellung, lügen eher, befinden sich seltener in einer festen Beziehung, lassen mehr Schönheitsoperationen an sich durchführen und neigen eher zu Aggressivität.

Manche Wissenschaftler sprechen mit Bezug auf den zunehmenden Narzissmus daher auch von einer Epidemie: »In Anbetracht der Beweislage, insbesondere der Verdreifachung der Lebenszeit-Prävalenz der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, glauben wir nicht, dass die Verwendung des Begriffs Epidemie hier übertrieben ist.« Die Autoren der Studie zitieren Webster’s Dictionary (in der Folge kursiv) und fahren fort: »Dies trifft insbesondere im Lichte der Definition des Wortes Epidemie als Krankheit zu, die eine untypisch große Zahl von Individuen in einer Population betrifft.«[53]

Die Diskussion über die Frage, ob und wie sich »die Jugend« im Hinblick auf Selbstsucht und Solidarität geändert hat, ist damit durchaus in der Wissenschaft angekommen, verlief jedoch zunächst kontrovers: Die einen behaupteten, es gäbe eine starke Zunahme des Narzissmus,[54] die anderen wiegelten mit Daten ab, die dies nicht zu bestätigen schienen. Es wurden jedoch methodische Probleme dieser Daten aufgedeckt, und letztlich ist mittlerweile gut belegt, dass Egozentrismus zugenommen und Gemeinschaftsdenken abgenommen hat.

Man kann hinzufügen: Auch wenn Sokrates schon vor knapp 2500 Jahren gesagt haben mag, dass die jungen Leute zu viel Süßes essen, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass der Satz heute falsch ist. Kein Mensch würde das als Argument gegen das nachweislich epidemisch auftretende Übergewicht bei jungen Leuten ernst nehmen. Man hat nämlich ganz einfach viele Kinder verschiedenen Alters zu verschiedenen Zeitpunkten und mehrfach wiederholt in vielen entwickelten Ländern gewogen und dadurch wissenschaftlich nachweisen können, dass Kinder heute mit einer größeren relativen Häufigkeit übergewichtig sind als früher.

Und im Hinblick auf die beiden oben genannten Zitate von Sokrates und Hesiod kommt hinzu, dass ich die Quellen trotz einigen Aufwands nicht lokalisieren konnte. Auch die Tatsache, dass die im Internet vielfach zu findenden Zitate nirgends quellenmäßig belegt und immer im gleichen Wortlaut wiedergegeben werden (handelte es sich um übersetzte Originalquellen, würden die Übersetzungen zumindest etwas voneinander abweichen), legt nahe, dass sie – wie vieles im postfaktischen Netzzeitalter – frei erfunden sind.[55]

Geht es um psychologische Sachverhalte wie den Narzissmus, wird dem gleichen Argument, das wir bei der Ernährung nicht durchgehen lassen würden, große Bedeutung beigemessen – nicht zuletzt, weil erstens sich die meisten Menschen »von Natur aus« für Psychologen halten und weil zweitens die wenigsten Menschen wissen, wie Psychologie als Wissenschaft funktioniert. Denn auch in der Psychologie wird gemessen und verglichen; es werden Durchschnittswerte gebildet und Abweichungen festgestellt, benannt und interpretiert.

Für die Skeptiker unter den Lesern sei an dieser Stelle noch eine weitere Untersuchung hierzu angeführt, weil sie das Gleiche – mehr »ich« und weniger »wir« im Denken der Menschen – mit einer völlig anderen Methodik ermittelte.

Könnte man nicht einfach in ein paar Hunderttausend Büchern aus unterschiedlichen Epochen die Wörter »ich« und »wir« zählen und auf dieser Basis prüfen, ob sich der Gebrauch dieser Wörter über die Zeit geändert hat? Und wenn die Bedeutung eines Wortes letztlich in seinem Gebrauch besteht, wie der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein eindrucksvoll herausgearbeitet hat, dann sollte die Bedeutung eines Wortes auch mit der Häufigkeit seines Gebrauchs zusammenhängen.

Es gehört zu den Segnungen der modernen Informationsgesellschaft, dass heute genau solche wissenschaftlichen Studien möglich sind, von denen man bis vor wenigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte. Die Funktion Ngram der Suchmaschine Google erlaubt solche statistischen Auswertungen von Texten, die ein einzelner Mensch niemals lesen könnte, und ermöglicht damit eine ganz neue Form von quantitativer Kulturwissenschaft. Mit diesem Verfahren untersuchten amerikanische Wissenschaftler die Verwendung der Wörter »ich« (bzw. »mein«, »mir«, »mich«) und »wir« (bzw. »unser«, »uns«) in mehr als einer Dreiviertelmillion (genau 766513) amerikanischer Bücher, die im Zeitraum von 1960 bis 2008 publiziert worden waren. Hierbei zeigte sich über den gesamten Zeitraum eine Abnahme des Wortes »wir« um 10 Prozent und eine Zunahme des Wortes »ich« um 42 Prozent.[56]

Wer diese Erkenntnisse mit dem Argument »Wörter sind Schall und Rauch« abtut,...

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