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E-Book

ePublic Health

Einführung in ein neues Forschungs- und Anwendungsfeld

VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783456758466
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis42,99 EUR

Die zunehmende Zahl an digitalisierten Anwendungen wirft viele Fragen auf: Wie lassen sich Anwendungen mit hohem Nutzenpotenzial identifizieren? Wie gelangen diese rasch in den Versorgungsalltag, um auch tatsächlich Nutzen zu stiften? Die interdisziplinäre Perspektive von Public Health kann im Diskurs zwischen technologischen, individualmedizinischen und bevölkerungsbezogenen Sichtweisen und Interessen gewinnbringend vermitteln. Gleichzeitig kann die Digitalisierung die Perspektive von Public Health und die Implementierung von Public-Health-Interventionen bereichern und neue Wege eröffnen, um Daten über den Status quo sowie den dynamischen Verlauf von Gesundheit und Krankheit in der Bevölkerung sowie spezifischer Subgruppen zu erheben. Das Werk stellt in vielen Facetten dar, welche Potenziale die Digitalisierung für die Prävention und Gesundheitsförderung hat. Übersichtlich werden Konzepte, Theorien und Methoden von ePublic Health (z.B. quantitative und qualitative Sozialforschung; Evaluation) dargestellt; zudem wird aufgezeigt wie die Organisation und Steuerung von ePublic Health (durch die Gesundheitspolitik sowie in Aus- und Fortbildung) bestmöglich funktionieren kann.

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Leseprobe

1 ePublic Health: Vorwort zur Erschließung eines neuen Forschungs- und Anwendungsfeldes


Christoph Dockweiler und Florian Fischer

Einleitung

Die Wechselbeziehungen zwischen (digitalen) Technologien und der Gesellschaft sind im höchsten Maße dynamisch. So wird auf der einen Seite gesellschaftlicher Wandel im Sinne eines technologischen Determinismus durch neue Technologien induziert. Anderseits prägen gesellschaftliche Prozesse als sozial-deterministische Position die konkrete funktionale Entwicklung, Implementierung und Nutzung von Technologien (Häußling, 2014). Technologische Innovationen wirken so in vielfältiger Weise (re-)strukturierend auf soziale Zusammenhänge – sie sind gleichzeitig soziale Innovationen. Sie ermöglichen neue Interaktions- und wissensbezogene Reproduktionsformen in der Gesellschaft und in deren Teilbereichen wie dem Gesundheitssystem. Dies zeigt sich nicht nur in den Wegen, wie Menschen Gesundheitsinformationen suchen, rezipieren und wiederum selbst innerhalb von Blogs, Foren und anderen sozialen Medien produzieren. Es zeigt sich auch darin, wie Online-Netzwerke sich auf die soziale und psychische Gesundheit auswirken und wie Krankheiten bewältigt werden (Maher et al., 2014). Schlussendlich zeigt es sich darin, wie gesundheitliche Versorgung technikunterstützt gestaltet wird (Schenkel, 2017). Dies bezieht sich auf den Einsatz innovativer Informations- und Kommunikationstechnologien, welche neue Wege in der medizinischen und pflegerischen Versorgung durch die Vernetzung relevanter Gesundheitsakteure ermöglichen sowie auf die Potenziale (neuer) Medien, durch welche sowohl Botschaften als auch Angebote der Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung nachhaltig und zielgruppenspezifisch in die Lebenswelten integriert werden können.

Technologische Innovationen prägen immer deutlicher unsere Lebenswelten durch die Veränderung von Arbeitsprozessen, von Organisationsmustern und interorganisationalen Beziehungen oder im Bereich der Mobilität und Transportlogistik. Dabei sind sie längst keine Randerscheinung mehr im Sinne (medizin-)exklusiver Expertensysteme. Technologien gehen zunehmend eine Symbiose mit der Technik in unserem alltäglichen Leben ein und interagieren dabei mit unserer Lebensumwelt, z.B. mit Blick auf die Förderung von Bewegung und sportlicher Aktivität, aber auch im Zugang zu barrierefreier Infrastruktur oder der Nutzung von Naherholungsräumen (Gigerenzer, Schlegel-Matthies & Wagner, 2016). Die Digitalisierung begründet infolgedessen neue Erfordernisse in Form rechtlich-regulativer Rahmensetzungen und übt einen mehr oder minder tiefgreifenden Einfluss auf vorhandene Institutionen und Systemstrukturen aus.

1.1 Zur Konvergenz zweier Perspektiven auf Gesundheit

Die Digitalisierung bietet durch diese beachtliche gesellschaftliche Diffusion große Potenziale für Public Health. Die Vernetzung unterschiedlicher Leistungserbringer auf allen Versorgungsebenen kann dazu beitragen, in Gebieten mit geringer medizinisch-therapeutischer oder pflegerischer Infrastrukturdichte die Versorgungssicherheit und -qualität zu gewährleisten oder zu verbessern. Durch die Digitalisierung können Gesundheitsinformationen und Informationen zu Rechtsansprüchen beispielsweise bei Krankheit niedrigschwellig über mobile Endgeräte bereitgestellt werden. Technologien machen es möglich, situativ über gesundheitsrelevante Einflüsse der Lebensumwelt und des eigenen Verhaltens aufzuklären und in Entscheidungen bezüglich Prävention, Gesundheitsförderung und medizinisch-pflegerischer Versorgung einzubeziehen. Gleichzeitig ermöglichen digitale Innovationen Veränderungen unserer Lebensumwelt, ebenso wie neue Prozesse der Erhebung und Analyse von gesundheitsrelevanten Daten in der Bevölkerung.

Public Health kann dabei einen entscheidenden Beitrag leisten, in der häufig technikgetriebenen Entwicklung von Digital Health eben diesen Perspektivwechsel hin zu einer konsequenten Nutzerorientierung einzuleiten, technologische Innovationen mithilfe relevanter gesundheitlicher Endpunkte evaluativ zu begleiten, Technikfolgen in sozialer, ethischer, versorgungspraktischer und gesundheitlicher Hinsicht interdisziplinär zu beleuchten und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen aktiv mitzugestalten. Daher ist Public Health für die nutzenstiftende Entwicklung von Digital Health unentbehrlich. Dies zeigt sich auch mit Blick auf die integrativen Potenziale der Interdisziplin sowie Multiprofessionalität von Public Health. Interventionsfelder wie Digital Health verlangen einen konsequenten inter- und transdisziplinären Diskurs zwischen Wissenschaft, Politik, Praxis und Wirtschaft, der möglichst frühzeitig in der Planung und Entwicklung von Innovationen ansetzt. Dazu gehören innovative Formen der Kooperation zwischen Praxis und Wissenschaft, die Koproduktion von Wissen sowie die Partizipation relevanter Nutzergruppen in Forschung und Entwicklung. Denn Fragen einer bedarfs- und bedürfnisgerechten (oder gar diversitätssensiblen) Einführung und Nutzung von Versorgungstechnologien lassen sich nicht allein durch die Prämisse des „technisch Möglichen“ lösen, sondern müssen sich viel mehr am „technisch Notwendigen“ orientieren (Dockweiler & Razum, 2016).

Die Konvergenz zweier Perspektiven – der technologischen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen Implikationen sowie der öffentlichen Gesundheit – treten unter dem Brennglas einer neuen fachlichen Ausprägung öffentlicher Gesundheit mit Querbezügen zu den bisherigen Elementen von Public Health zusammen (Abb. 1-1). Electronic Public Health (ePublic Health) kann somit – durch den Einsatz innovativer (digitaler) Technologien unter Berücksichtigung einer gerechten Verteilung und einer effizienten Nutzung der vorhandenen Ressourcen – als Wissenschaft und Praxis mit folgenden Potenzialen verstanden werden:

  • Verlängerung in Gesundheit verbrachter Lebenszeit (Mortalitätskompression),
  • technikunterstützte Vermeidung oder Linderung von Krankheiten und
  • Förderung von physischem, psychischem und sozialem Wohlergehen (Morbiditätskompression).

Abbildung 1-1: Elemente von ePublic Health.

1.2 Ausblick auf die Beiträge des Sammelbandes

Die genuin mit Public Health verbundenen Konzepte, Methoden und Ansatzpunkte werden in diesem Buch aufgegriffen und hinsichtlich der Anforderungen, Potenziale und Herausforderungen der Digitalisierung verortet. So bedarf die derzeit v.a. technikgetriebene Diskussion um digitale Innovationen im Gesundheitswesen – welche vorrangig im Kontext von eHealth stattfindet (Fischer, Aust & Krämer, 2016) – der Berücksichtigung von zentralen Konzepten von Public Health. Die Ergänzung der sozialwissenschaftlichen Perspektive (vgl. Kap. 2) ist ebenso erforderlich wie die Betrachtung der rechtlichen (vgl. Kap. 3) und ethischen Implikationen (vgl. Kap. 4), welche die Steuerung von ePublic Health direkt oder indirekt beeinflussen.

Im Zuge der Digitalisierung nimmt der Umfang an Daten und Informationen zu, welche für die Steuerung von Strukturen und Prozessen in Gesundheitsförderung, Prävention und Versorgung eingesetzt werden können. Die veränderten Datenstrukturen sowie Möglichkeiten der Erhebung, Verarbeitung und Auswertung von Daten erfordern somit eine Weiterentwicklung methodischer Vorgehensweisen. Ziel muss es sein, Daten in Zukunft so zu nutzen, dass Zusammenhänge aufgezeigt und Ansätze gefunden werden können, um Risiken und Krankheiten besser zu erkennen und dadurch Maßnahmen der Prävention und Behandlung frühzeitiger einleiten zu können. Daher werden Big Data und künstliche Intelligenz als zukunftsträchtige Methoden eingeschätzt (vgl. Kap. 5). Dies wird verstärkt durch neuartige Ursprungsquellen für Informationen, wie es z.B. über Social Media der Fall ist (vgl. Kap. 6). Dazu zählen aber auch veränderte Möglichkeiten und Anforderungen, welche sich durch die Digitalisierung sowohl für die qualitative (vgl. Kap. 7) als auch quantitative Sozialforschung (vgl. Kap. 8) ergeben und sich ebenso in methodischen Herausforderungen bei der Evaluation von ePublic-Health-Anwendungen zeigen (vgl. Kap. 9).

Vor dem Hintergrund von Präventionsparadox und -dilemma vermögen digitale Medien (vgl. Kap. 10) und insbesondere mobile Angebote (vgl. Kap. 11) im Rahmen von Prävention und Gesundheitsförderung ihre Wirkung zu entfalten, indem durch ihren Einsatz schwer erreichbare – teilweise vulnerable – Zielgruppen leichter angesprochen werden können. Die Digitalisierung führt zu einer tendenziellen Demokratisierung des Gesundheitssystems und kann dazu beitragen, den Bürger zum Souverän der eigenen Gesundheit zu machen. Die Bereitstellung von Informationen im Kontext der Digitalisierung in der Gesundheitskommunikation (vgl. Kap. 12) eröffnet dabei sowohl Chancen als auch Risiken. Informationen sind für die Bevölkerung leichter zugänglich, jedoch stellt sich vielfach die Frage nach deren Qualität und Evidenzbasierung. Verlässliche, wissenschaftlich fundierte und v.a. verständliche Gesundheitsinformationen stellen somit eine Grundvoraussetzung für ein gesundes Leben dar. Die Implementierung von digitalen Innovation im Gesundheitswesen erfolgt unter den Vorzeichen der gewachsenen Verfahren, Strukturen, Interessen und Machtstrukturen im deutschen Gesundheitssystem und ist in weiten Teilen experten-, medizin-, technik- und interessengeleitet....

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