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E-Book

Erleuchtete Weisheit

Die Einhundert Ratschläge des Padampa Sangye

AutorDilgo Khyentse
VerlagTheseus Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783958831827
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Vor beinahe eintausend Jahren zog der indische Gelehrte Padampa Sangye nach Tibet, um den Bewohnern des Schneelandes den Buddhismus nahe zu bringen. Kurz vor seinem Tod wurde er gebeten, die Essenz seiner Lehren der Nachwelt zu überliefern. Er hielt einen Vortrag, der unter dem Titel 'Die Hundert Ratschläge des Padampa Sangye' bekannt wurde. Dieser kurze Text gehört bis heute zu den wichtigsten Überlieferungen des tibetischen Buddhismus. Er ist berühmt für seine direkte und klare Sprache. Dilgo Khyentse, einer der bedeutendsten tibetisch-buddhistischen Lehrer des 20. Jahrhunderts, hat die Hundert Ratschläge kommentiert und einem zeitgenössischen, westlichen Publikum zugänglich gemacht. Ein Gipfeltreffen buddhistischer Weisheit, das beweist: Erleuchtete Weisheit ist zeitlos.

Dilgo Khyentse war ein Meister des Vajrayana, Gelehrter, Dichter, Lehrer und in der Zeit von 1987 bis 1991 als Nachfolger von Düdjom Rinpoche Oberhaupt der Nyingma-Schule des tibetischen Buddhismus.

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Leseprobe

Dilgo Khyentses Kommentar zu den Einhundert Ratschlägen des Padampa Sangye


Wenn wir einer Belehrung zuhören oder sie studieren, sollten wir zu Anfang stets den Vorsatz fassen, zum Wohl aller Wesen Erleuchtung zu erlangen. Die einzige Möglichkeit, diesen Wunsch zu verwirklichen und damit die Welt vom Leiden und dessen Hauptursache, der Unwissenheit, zu befreien, liegt in der spirituellen Praxis. Aus diesem Grund und im Bewusstsein der Seltenheit und Kostbarkeit der Lehren müssen wir sie mit großer Aufmerksamkeit und einer altruistischen Einstellung aufnehmen und anschließend in die Praxis umsetzen.

Die »Einhundert Ratschläge für das Volk von Tingri« sind das geistige Vermächtnis eines großen indischen Weisen, des Paramabuddha Padampa Sangye (pha dam pa sangs rgyas). Dieser war in einer seiner früheren Inkarnationen ein enger Schüler des Buddha gewesen, der ihm vorausgesagt hatte, er werde in einem späteren Leben unzähligen Wesen von großem Nutzen sein. Und so wurde er als pa dampa, der »erhabene Vater«, geboren.

Padampa war ein großer Gelehrter, der zu Füßen von einhundertfünfzig verschiedenen Meistern studiert und ihre Lehren praktiziert hatte, wodurch er zu einer wahren Schatzkammer an spirituellem Wissen wurde. Gleichzeitig war er ein großer Yogi, der viele Visionen hatte und zahlreiche Wunder wirkte, die von seiner Verwirklichung zeugten. Am Ende erlangte er den Vajra-Körper jenseits von Geburt und Tod.

Padampa Sangye reiste dreimal nach Tibet und ebenso oft nach China. Im Schneeland verbreitete er die Lehre der »Befriedung des Leidens«1, eine der acht großen Traditionen des tibetischen Buddhismus, die noch heute praktiziert wird.

Lange Zeit hielt er sich im Hochtal von Tingri an der tibetisch-nepalesischen Grenze auf. Unter den zahlreichen Schülern, die er dort hatte, standen ihm vier besonders nahe. Als einer von ihnen nach langer Abwesenheit nach Tingri zurückkehrte, war er erschüttert, seinen Meister so gealtert vorzufinden. Voller Trauer sagte er zu ihm: »Erhabenes Wesen, wenn Ihr diese Welt verlasst, werdet Ihr zweifellos von Glückseligkeit zu Glückseligkeit gehen, was aber wird aus uns, dem Volk von Tingri? In wen können wir unser Vertrauen setzen?«

Für Padampa war der Tod nur das Hinüberwechseln von einem Buddhagefilde zum anderen. Für seine Schüler aber hieß dies, nie mehr sein Gesicht zu sehen, nie mehr seine Stimme zu hören. Bei diesem Gedanken kamen ihnen die Tränen. Und so gab ihnen Padampa diese Einhundert Ratschläge.

»In einem Jahr«, so sagte er zu ihnen, »werdet ihr hier den Leichnam eines alten indischen Einsiedlers vorfinden.«

Ein Jahr verging, und Padampa wies Anzeichen einer schweren Erkrankung auf. Auf die besorgte Frage seiner Schüler nach seiner Gesundheit antwortete er lakonisch: »Mein Geist ist krank.« Und zu ihrer Verblüffung erklärte er: »Mein Geist hat sich vollkommen mit der Welt der Phänomene vermischt.« Auf diese Weise brachte er zum Ausdruck, dass er keinerlei dualistische Wahrnehmung mehr hatte. Dann fügte er mit gelassenem Humor hinzu: »Körperliche Krankheiten kann man heilen, diese Krankheit aber ist unheilbar.« Schließlich richtete er den Blick gen Himmel und starb.

Sein spirituelles Vermächtnis sind die »Einhundert Ratschläge für das Volk von Tingri«, die tiefsinnig und doch leicht verständlich sind. Wer ernsthaft praktiziert, wird in ihnen alle für die wahre Dharma-Praxis erforderlichen Unterweisungen finden.

Verehrung dem spirituellen Meister. Hört mir zu, vom Glück begünstigtes Volk von Tingri!

Zuerst erweist Padampa seinem Meister als der Quelle des Segens und als Verkörperung aller Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seine Verehrung. Die Leute von Tingri sind für ihn vom Glück bevorzugt, weil sie den brennenden Wunsch verspüren, den Dharma zu studieren und zu praktizieren, und es damit verstehen, ihrem Leben einen Sinn zu geben.

So wie abgetragene Kleider nie wieder wie neu werden, ist es sinnlos, den Arzt zu rufen, wenn ihr auf den Tod krank seid.

So wie ein Kleidungsstück im Lauf der Zeit fadenscheinig wird und schließlich in Stücke zerfällt, verbraucht sich unser Leben Tag um Tag, Sekunde um Sekunde. Nichts und niemand kann diesen unerbittlichen Vorgang aufhalten, und am Ende müssen wir alleine sterben und alles zurücklassen. Wir werden aus unserer vertrauten Umgebung herausgezogen wie ein Haar aus einem Klumpen Butter.2 Im Augenblick des Todes ist unser einziger Beistand die spirituelle Praxis, und unsere einzigen Freunde sind die im Laufe unseres Lebens ausgeführten positiven Taten.

Alle Flüsse fließen dem Meer zu. Und alle Lebewesen bewegen sich auf ein einziges Ziel hin.

So wie alle Flüsse am Ende in das Meer münden, hat auch unser Leben als einzig möglichen Ausgang den Tod. Deshalb gibt es nichts Wertvolleres als die spirituelle Praxis, weil sie uns im Augenblick des Todes beisteht.

Hier nun die Ratschläge eines, der wie ein Vögelchen von einem Ast bald davonfliegen wird.

Die illusorischen Besitztümer, die ein gewöhnlicher Mensch hinterlässt, haben für ihn zum Zeitpunkt des Todes keinerlei Wert mehr. Die Buddhas und Meister hingegen hinterlassen die von ihnen gegebenen Lehren als lebendigen Ausdruck ihrer Weisheit und bieten damit denen, die den Weg zur Befreiung einschlagen möchten, eine ständige Quelle der Inspiration. Denn wenn wir ihre Lehren praktizieren, können wir die gleiche Ebene der Verwirklichung erreichen wie sie.

1.


Wenn ihr eure Zeit vergeudet und mit leeren Händen aus dem Leben geht, Volk von Tingri, werdet ihr kaum wieder eine menschliche Existenzform erlangen.


Manche Leute meinen, es sei keine Eile geboten und sie hätten immer noch genügend Zeit vor sich, einen spirituellen Meister zu finden und Dharma zu praktizieren. Diese Einstellung verleitet sie dazu, den Dharma zugunsten von weltlichen Beschäftigungen zurückzustellen. Der Tod wird dann nur der jämmerliche Schlusspunkt eines sinnlosen Lebens sein.

Wenn es Zeit zum Säen ist, verschiebt der Bauer seine Arbeit nicht in weite Ferne, sondern fängt gleich damit an. Ebenso solltet ihr, wenn die günstigen Bedingungen für das Praktizieren des Dharma zusammentreffen, eure ganze Energie ohne jegliche Verzögerung auf die Praxis konzentrieren.

2.


Euch mit Körper, Rede und Geist den geheiligten Lehren zu widmen, Volk von Tingri, ist das Beste, was ihr tun könnt.


Unsere Taten, Worte und Gedanken bestimmen unser Karma, das Glück oder Leid, das uns erwartet. Wenn sich die Waagschale unserer Taten zur negativen Seite neigt, werden wir in den niederen Daseinsbereichen von Samsara leiden. Wenn sie zur positiven Seite neigt, werden wir fähig sein, uns aus Samsara zu befreien und Buddhaschaft in einem einzigen Leben zu erlangen. Die Wahl ist einfach: Vermeiden wir die Ursachen für Leiden und sichern wir uns das Glück.

Wenn wir als menschliche Wesen an einem Ort, wo der Buddhismus blüht, geboren wurden und einen spirituellen Lehrer finden, wird uns mit Sicherheit klar werden, dass es für dieses Leben und für die kommenden von unermesslichem Nutzen ist, dessen Unterweisungen zu befolgen. Wir merken, wie die weltlichen Zerstreuungen und Beschäftigungen uns in Samsara gefangen halten, und der intensive Wunsch, uns daraus zu befreien, wird in uns wach. Wir stehen nun an einem Scheideweg: Der eine Weg führt zur Befreiung, der andere in ein jammervolles samsarisches Schicksal.

In einem Sutra heißt es: »Der Körper ist das Boot, das zur Küste der Befreiung führt, oder der Stein, der uns in den Abgrund des Samsara hinunterziehen kann. Der Körper ist der Diener des Guten wie des Bösen.«3

Es ist also ganz wesentlich, die richtige Richtung einzuschlagen und alle Taten, Worte und Gedanken zum Dharma zu lenken, denn dadurch bekommen sie eine positive Färbung, ähnlich wie bei einem Kristall, der die Farben der Unterlage reflektiert, auf die man ihn stellt.

Als Anfänger sollte man seine ganze Energie darauf verwenden, positive Tendenzen herauszubilden und negative Gewohnheiten abzulegen. Der Brahmane Upagupta, der zur Zeit des Buddha lebte, hatte folgende Methode gefunden, seine Wachsamkeit zu schärfen und seinen Fortschritt zu messen: Abends legte er für jede negative Handlung während des Tages einen schwarzen Kieselstein und für jede positive einen weißen beiseite. Am Anfang war das Häufchen mit den schwarzen Steinen weitaus höher als das mit den weißen, doch nach und nach wurden sie beide gleich groß und schließlich war er so weit, nur noch weiße Kiesel anzusammeln.

3.


Überlasst euch rückhaltlos...


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