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E-Book

Erwin Wexberg

Ein Leben zwischen Individualpsychologie, Psychoanalyse und Neurologie

AutorUlrich Kümmel
VerlagVandenhoeck & Ruprecht
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl191 Seiten
ISBN9783647401362
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Als Schüler von Sigmund Freud, Alfred Adler und Emil Redlich steht Erwin Wexberg im Schnittpunkt bedeutender Kulturtraditionen des 20. Jahrhunderts. In seinem Werk spiegelt sich die Vielfalt der individualpsychologischen Forschungen der frühen 1920er Jahre. Wexberg gilt als der Theoretiker und Systematiker unter den Individualpsychologen. In seinen Beiträgen integrierte Wexberg das kausal determinierte Denken des Naturwissenschaftlers mit den final orientierten Sichtweisen des Individualpsychologen. Dies führte ihn zu Erkenntnissen, die eine erstaunliche Nähe zu heutigen Auffassungen der Integrierten Psychosomatik zeigen.Wexberg lehnte entgegen dem Zeitgeist jeglichen Schulenstreit ab. Sein Denken zeichnet sich durch Eigenständigkeit, Weltoffenheit und Flexibilität aus. Er bewahrte sich zeitlebens eine Hochachtung vor Freuds Lebenswerk, mit dem er sich vorurteilsfrei, aber kritisch auseinandersetzte. Wexberg war der Auffassung, dass es in der Wissenschaft keine absoluten Wahrheiten gebe und Wissenschaft immer offen sein müsse für neue Erkenntnisse.Bisher unveröffentlichte Fotos und Briefdokumente illustrieren das eindrucksvolle Lebensschicksal Wexbergs.

Dr. phil. Ulrich Kümmel war Sozialarbeiter und Sonderschullehrer und ist jetzt freiberuflich tätig als Lerntherapeut in Berlin.

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Leseprobe
Auseinandersetzung mit der Wertfrage in der Psychologie (S. 105-106)

Neben der Betonung des wissenschaftlichen Arbeitens kündigte sich in diesen frühen 1930er Jahren ein anderes umfangreiches Thema an, die Auseinandersetzung mit dem Thema »Werte in der Psychotherapie«. Stellungnahmen zur Frage der Ethik hatte es innerhalb der Individualpsychologie vorher schon gegeben. Der erste Band der Schriften des Vereins für freie psychoanalytische Forschung, verfasst von Furtmüller (1912), hatte den Titel »Psychoanalyse und Ethik.

Eine vorläufige Untersuchung«. Mit der Formulierung »Eine vorläufige Untersuchung« unterstrich Furtmüller die zu dieser Zeit innerhalb der Individualpsychologie noch vorherrschende Auffassung, dass wissenschaftliche Forschung immer für neue Erkenntnisse offen sein müsse. Furtmüller postulierte ein polygenetisches, vorgegebenes Solidaritätsgefühl, einen sozialen Instinkt, eine soziale Veranlagung als Wurzel des ethischen Lebens.

Das ethische Bewusstsein, das Gewissen aber habe durch die Erkenntnisse der Psychoanalyse seinen Absolutheitsanspruch verloren. Mit Hilfe der Kunstgriffe, die die psychoanalytische Methode entwickelt hat, werde versucht, zu einer größtmöglichen Klarheit über die tiefsten Wurzeln des Handelns zu kommen. Dabei sei die Selbstanalyse kein Allheilmittel. Es sei die Aufgabe, an Stelle des naiven Gewissens ein kritisches und mit Skepsis gegen sich selbst gerichtetes Gewissen zu entwickeln. Freud beschrieb nach Furtmüller die Wirkungen der ethischen Imperative auf das psychische Erleben, Adler untersuchte die Kräfte, die die Verdrängung hervorrufen.

Ausgehend von der Idee, dass jeder Mensch sich von Beginn an gegenüber den Anforderungen der Realität minderwertig fühlt, sieht Adler in den ethischen Forderungen, die Eltern und Gesellschaft an das Kind herantra gen, die Möglichkeit einer Verstärkung dieser Minderwertigkeitsgefühle. Das Kind unterliege einem doppelten Druck: Es soll sich den ethischen Imperativen beugen oder es muss die Ablehnung der Eltern bis hin zum Bestraftwerden in Kauf nehmen.

Nach Furtmüller kann das Individuum aber, indem es diesen ethischen Anforderungen zu stimmt, sich die sozialen Gebote zu eigen machen und damit einen in neren Be - freiungsakt vollziehen. Er bezeichnet dies als Fiktion der Wil lensautonomie. Diese Fiktion sei Grundlage und Voraussetzung der Ethik. Wexberg (1914e) hat in der ersten Auflage von »Heilen und Bilden« in seinem Beitrag »Rousseau und die Ethik« den Versuch unternommen, eine charakterologische Deutung von Rousseaus Persönlichkeit zu finden, die dessen kulturgeschichtlich bedeutsames Werk aus den Notwendigkeiten seines Charakters abzuleiten versucht. Während Wexberg den pädagogischen Ideen Rousseaus einen die Zeit überdauernden Wert beimaß, beurteilte er die ethischen Postulate Rousseaus sehr kritisch. Unermüdlich versuche Rousseau seine Ethik aus der angeborenen natürlichen Anlage zum Guten abzuleiten. Wexberg sah darin eine Parallele zur christlichen Ethik. Die Natur wurde Rousseau zum mystischen Inbegriff alles Guten:
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Cover1
Title Page4
Copyright5
Table of Contents6
Body
10
Vorbemerkung8
Kindheit und Jugend in Wien10
Medizinstudium22
Erster Weltkrieg27
Die familiäre Entwicklung (1917–1927)30
Die Individualpsychologie in den 1920er Jahren32
Individualpsychologische Grundlagenwerke36
Handbuch der Individualpsychologie37
Individualpsychologie. Eine systematische Darstellung41
Individualpsychologische Schriften zur Erziehung47
Schriften zur Sexualerziehung49
Lehrtätigkeit51
Wexberg und der Sozialismus55
Zusammenarbeit mit Viktor Frankl60
Wexberg als Psychiater62
Schriften zur Leib-Seele-Problematik65
Zur Psychogenese des Asthma nervosum66
Die Angst als Kernproblem der Neurose67
Organminderwertigkeit, Angst und Minderwertigkeitsgefühl69
Die Grundstörung der Zwangsneurose70
Neurosenwahl72
Die Beziehung zu Sigmund Freud76
Die Montagsitzung vom 9. Mai 192782
Internationale Kongresse91
Die Beziehung zu Adler in Briefen (1927–1933)95
Auseinandersetzung mit der Wertfrage in der Psychologie . .106
Familie und persönliche Entwicklung in den Jahren 1927 bis 1934113
Emigration in die USA (1934)118
Professor an der Louisiana State University124
Vorlesungsskripte: Introduction to Medical Psychology125
Wichtige Schriften aus den Jahren 1934 bis 1942127
Die Rolle der Individualpsychologie in den USA128
Familiäre Veränderungen134
Freiwilliger Dienst in der Armee (1942–1945)136
Arbeitssituation in der Neuropsychiatrischen Militärklinik im Panamagebiet137
Zwischen Neurologie und Psychotherapie138
Der Brief vom 3. Juni 1943139
Kritische Gedanken141
Politische Überlegungen142
Zukunftsperspektiven143
Bericht von Prof. Harrison Gough über seinen Dienst unter Wexberg144
Direktor im Health Department, Washington146
Die letzten Jahre152
Moralität und psychische Gesundheit, Wexbergs Vermächtnis156
Abschließende Bemerkungen166
Quellennachweis170
Literatur171
Anhang: Korrespondenz Wexberg – Adler178
Back Cover
194

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