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'Et in Arcadia ego'. Das humanistische Erbe des Arkadien-Topos bei Iacopo Sannazaro

AutorAndré Markmann
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl82 Seiten
ISBN9783668352261
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Masterarbeit aus dem Jahr 2016 im Fachbereich Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde, Note: 1,5, Westfälische Wilhelms-Universität Münster (Romanische Philologie), Sprache: Deutsch, Abstract: Diese Masterarbeit behandelt die Wiederentdeckung und humanistische Weiterentwicklung des Arkadien-Topos durch Iacopo Sannazaro. Unter Bezugnahme auf antike Vorbilder (unter anderem Theokrit und besonders Vergil) sowie unter direktem Einfluss Giovanni Boccaccios entwickelte der Neapolitaner Iacopo Sannazaro eines der beliebtesten Motive der späthumanistischen Literatur, das bis in die Gegenwart hinein strahlt und der Konzeption von Arkadien noch immer einen nostalgisch-verträumten Zauber innewohnen lässt, welcher rational schwer zu fassen ist. Ziel dieser Arbeit ist es, diesem Bild und seiner Wirkung nachzugehen und die Bedeutung und Kraft des arkadischen Traums herauszuarbeiten.

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Leseprobe

2. Arkadien – Landschaft oder Zustand? Die Vorläufer des Iacopo Sannazaro


Im zweiten Kapitel dieser Arbeit werden die Rahmenbedingungen, die Sannazaro bei der Verarbeitung der Thematik zur Verfügung standen, dargelegt. Deshalb soll das literarische Arkadien kurz dem realen entgegengestellt und in der Folge die Vorläufer bukolischer Dichtung und die Ursprünge dieses Topos beleuchtet werden, derer der Autor sich dann in seiner Umsetzung der Arcadia bedient.

2.1 Arkadien – graue Lebensrealität oder literarisches Idyll?


Dass der Begriff ‚Arkadien‘ auch heute noch bei vielen Literatur- oder Kunstinteressierten ein mehr oder weniger konkretes Bild im Kopf erzeugt, liegt wie bereits angedeutet weniger an der real existierenden gebirgigen, kargen Landschaft auf der Peleponnes[2], als vielmehr am literarischen Arkadien, das im Jahre 42 v. Chr. als solches von Vergil ‚entdeckt‘, von Iacopo Sannazaro über 1500 Jahre später erneut aufgegriffen und in den darauf folgenden Jahrhunderten (auch in der Kunst) weiterentwickelt wurde. Um eine möglichst objektive bzw. einheitliche Vorstellung dieses Bildes gewährleisten zu können, sei auf die Definition eines arkadischen locus amoenus von Dagmar Korbacher hingewiesen, die schon einige Facetten des Szenarios in der Arcadia antizipiert:

 

„In seiner Schönheit ist Arkadien ein sehr reizvoller Ort, an dem alle Sinne des Menschen auf angenehme Weise angesprochen werden. Schöngewachsene Bäume, grüne Wiesen und bunte Blumen erfreuen das Auge, murmelnde Bäche und Vogelgezwitscher das Ohr. Blüten, Früchte und Blätter duften süß, der weiche Rasen, eine klare Quelle und der Schatten unter den Bäumen laden ein zur Rast in der Mittagshitze und bieten Erfrischung für Körper und Geist. Nicht nur Sinnliches, auch das Übersinnliche, Numinose ist hier präsent, vornehmlich in Gestalt von Naturgottheiten wie Pan oder den Nymphen. Die eigentlichen Bewohner Arkadiens sind jedoch die Hirten, die ein ursprüngliches Leben mit und in der Natur führen. Ihr Alltag ist weniger von harter körperlicher Arbeit geprägt als vielmehr von Muße und dem Lagern im Schatten der Bäume. Dementsprechend sind sie kaum mit dem Wohlergehen ihrer Herde beschäftigt, sondern eher damit, eine unglückliche Liebe durch Musik und Gesang zum Ausdruck zu bringen und sich darin in musikalischen Wettkämpfen zu messen.“[3]

 

Dabei hat die geographische Realität Arkadiens, dieser graue und durchaus lebensunfreundliche Landstrich, mit dem Mythos, der sich wie ein roter Faden durch die europäische Literatur der post-humanistischen Jahrzehnte und Jahrhunderte zieht, rein gar nichts gemein. Warum also wurde gerade das ursprüngliche Arkadien „als ideales Reich vollendeter Seligkeit und Schönheit, als verwirklichter Traum unbeschreiblichen Glücks […], das dennoch vom Schein ‚süß-trauriger‘ Melancholie umgeben blieb“[4] derart idealisiert und welche Verbindung ließe sich zwischen dem fantastischen Bild und der vorhandenen landschaftlichen Realität herstellen? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

2.2 Der antike Ursprung und die ‚Erfindung‘ durch Vergil


Wie bereits angedeutet, geht diese „merkwürdige Verklärung“[5] Arkadiens zurück auf Vergil. Dieser hatte bei dem aus Arkadien stammenden und stark heimatverbundenen Polybios (Historiae IV, 20) gelesen, dass sich die Arkadier von früher Jugend an stetig im Singen übten und musikalische Wettkämpfe veranstalteten, was der augusteische Dichter daraufhin unmittelbar auf die dortigen Schäfer bezog, zumal Arkadien als Hirtenland die Heimat des Hirtengottes Pan war. Jenem schreibt Vergil die Erfindung der Flöte, die fortan symbolisch für die Bukolik insgesamt stehen und dessen Namen tragen sollte, ebenso zu wie die Schutzherrschaft über die dortigen Hirten[6]. Ovids Metamorphosen (1, 689-712) beschreiben mit der Geschichte von Pan und der Nymphe Syrinx den mythologischen Hintergrund der Entstehung der Panflöte. Dort wird die Metamorphose der vor der Liebe des Pan fliehenden Syrinx in Schilfrohre (calamos), welche mit Wachs verbunden sind, erklärt. Als der Wind durch die Rohre pfeift und schöne Klänge erzeugt, wird erstmals eine Komponente des Panflötenspiels herausgestellt, die für die Arcadia charakteristisch werden sollte: die lautliche Nähe zum Klang einer Klage[7].

 

Auf dieser Vorstellung begründet sich also das Bild der singenden Arkadier[8], welches den Landstrich überhaupt erst dazu legitimierte, zur Heimat der bukolischen Traumwelt zu werden.

 

Die Wahrnehmung Arkadiens divergiert bei anderen Autoren der Antike jedoch stark. Manche betonen die Kargheit und Schlichtheit der Heimat des Polybios, die nämlich ebenso aus dessen Schilderungen hervorgeht: während Juvenal etwa in Sat. VII, 160 einen besonders langweiligen Redner als Arcadic[us] iuueni[s]bezeichnet, entwirft Ovid in den Fasti ein Bild der Arkadier als rüdes, animalisches und unzivilisiertes Volk[9]. Indem letzterer den – für Vergil entscheidenden – Aspekt der Musikalität unerwähnt lässt, stellt er „das Arkadien des Polybios noch schlimmer hin als es war“[10].

 

So überrascht es kaum, dass weder griechische noch lateinische Dichter bis Vergil ihre Hirten in Arkadien auftreten lassen. Theokrit beispielsweise siedelt seine Idyllen auf Sizilien an, sodass Pan den Weg von Arkadien nach Sizilien auf sich nehmen muss, als der sterbende Daphnis dem Gott seine Hirtenflöte zurückgeben will.

 

Vergil aber idealisiert die Heimat des Polybios derart, dass er nicht nur die tatsächlich arkadischen Tugenden (z.B. die Musikalität) preist, sondern ihr auch Reize wie eine reiche Vegetation, den ewigen Frühling oder elegische Komponenten zuteilwerden lässt, die im realen Arkadien nicht vorzufinden sind. Im Grunde transferiert Vergil die Hirtendichtung Theokrits in ein „Arkadien seiner Vorstellung“, in dem sogar Arethusa, die Quellnymphe von Syrakus, den entgegengesetzten Weg im Vergleich zum Pan der Idyllen einschlägt[11]. Dadurch gelingt ihm die Synthese zweier unterschiedlicher Realitäten (die Tugend Arkadiens und die sinnliche Lieblichkeit Siziliens) zu einem fiktiven Bild, das durch seine beträchtliche Entfernung vom römischen Alltagsleben eigentlich dazu legitimiert ist, sich realistischer Interpretationen widersetzen zu können[12].

 

Vergil, der weit davon entfernt ist Theokrit als Vorgänger in der bukolischen Dichtung zu verkennen (Sicelides Musae), nimmt dessen Ideen auf und erweitert sie um Elemente, die auch für Sannazaros Arcadia von Belang sein werden: den Zusammenhang zwischen poetischer und politischer Welt (Ecl. IV, 1: Sicelides Musae, paulo maiora canamus!) sowie “la presenza di un prevalente interesse autobiografico”[13].

 

Es ist sicherlich kein Zufall, dass diese Rückwendung auf und gleichzeitige Abwendung von Theokrit in Vers 1 der vierten Ekloge erfolgt. Vergil will dort maiora besingen, also Dinge, die über das rein Bukolische oder Mythische hinausgehen und mit dem Bereich des Wirklichen verlinkt sind[14]. Wenn er in der Folge die Geburt eines Erlösers prophezeit, der die Missstände beseitigen und alles verbessern werde, bildet alles Bukolische nur noch den Rahmen, sodass die Anspielung auf Oktavian gewissermaßen die Öffnung zum politischen Geschehen der Zeit manifestiert[15].

 

Dieses Phänomen ist somit ein vergilisches und bei Theokrit nicht zu finden. Zwar haben die Hirten in den Idyllen auch eher andere Dinge im Sinn als das Versorgen ihrer Herden, aber sie erscheinen nie „als unwirkliche Gestalten, denn der Zusammenhang mit dem Arbeitsalltag geht nie verloren“[16]. Obwohl die Dichtung Theokrits also um vieles wirklichkeitsnäher ist, spielt der zeitgenössische Bezug nur bei Vergil eine Rolle. Dennoch bleibt festzuhalten, dass auch bei ihm weder ein normativ motiviertes Eingreifen ins Tagesgeschehen noch eine aktive Mitgestaltung beabsichtigt oder in irgendeiner Weise realistisch ist; es zeigt vielmehr das „Nebeneinander und Ineinander von Wirklichem und Mythischem [auf], das so charakteristisch ist für alles Arkadische“[17].

 

Am stärksten tritt das arkadische Milieu in der zehnten und letzten vergilischen Ekloge zutage, die nicht nur in Arkadien verortet ist und in der die Arkadier direkt angerufen werden (s.o. Ecl. X, 31-33a), sondern die auch das Liebesklagen des Gallus zum Thema hat und das gleichzeitige Auftreten von Mensch, Tier und Göttern ermöglicht[18]. Der Topos der unglücklichen Liebe und elegische Elemente im Allgemeinen sind spätestens seit Vergil für das Verständnis von Bukolik so zentral, dass die Grenzen der Gattungen häufig zu verwässern scheinen[19]. Exemplarisch dafür stehen das aphoristisch anmutende und so berühmt gewordene Omnia vincit Amor: et nos cedamus Amori (Ecl. X, 69) und die darin angedeuteten Motive des servitium amoris und der...

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