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"Euch zeig ich's!"

15 Zürcherinnen erzählen

AutorDorothee Degen-Zimmermann
VerlagLimmat Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl260 Seiten
ISBN9783857919657
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis33,99 EUR
Fünfzehn Frauen aus dem Kanton Zürich erzählen ihr Leben. Sie haben zumindest die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts miterlebt und mitgeprägt. Sie erzählen aus ihrer Kindheit, von Eltern und Gross­eltern, von Familie und Beruf, von Umbrüchen und Aufbrüchen, von erfüllten und unerfüllten Wünschen. Es ist ein reiches Spektrum weiblicher Bio­grafien in diesem Teil der Schweiz, die Bäuerin gehört ebenso dazu wie die Pfarrerin, die Fabrikarbeiterin wie die Geschäfts­frau, die Immigrantin wie die Altzürcherin, die Künstlerin wie die Intellektuelle, die Single-Frau wie die Familienmutter. So wird aus den individuellen Geschichten gleichsam eine Alltags­geschichte des zwan­zigsten Jahrhunderts im Kanton Zürich lebendig, mit den Kriegsjahren, dem wachsenden Selbstbewuss­tsein der Frauen, den Jugendunruhen, dem Umbau der Familien­strukturen, der Drogenproblematik, Ein­wanderung, Bauboom und vielem mehr.

Dorothee Degen-Zimmermann, geboren 1946 in Olten, Ausbildung zur Primarlehrerin. Redaktorin der Jugendzeitschrift "Contrapunkt" und der Fachzeitschrift "Und Kinder". Übersetzungen aus dem Englischen. Arbeitet als freie Journalistin. Im Limmat Verlag ist "Mich hat niemand gefragt - die Lebensgeschichte der Gertrud Mosimann" erschienen. Sie lebt in Zürich. Martin Volken, geboren 1974 in Brig, freischaffender Fotograf. Neben der Porträt- und Reportagefotografie hat er sich auf die Umsetzung von abstrakten Themen in Bildserien spezialisiert. Martin Volken lebt in Zürich

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Leseprobe

Ruth Angst, 1930

Handarbeitslehrerin, Rafz

«Wartet nur, euch zeig ich’s!»

Zuerst fallen die hellen, wachen Augen auf. Mit ihrem sonnengebräunten Gesicht und den rosigen Wangen sieht Ruth Angst aus, als hätte sie bis vor fünf Minuten im Garten gearbeitet. Stimmt nicht, leider. Vor zwei Jahren musste sie den Garten aufgeben, die Knie machten nicht mehr mit.

Die Freude am Gärtnern ist als Überraschung in ihr Leben gekommen. Längst ist sie bestandene Handarbeitslehrerin in Dübendorf, als ihr an einem trüben Novembertag ein holländischer Blumenkatalog in den Briefkasten flattert. An die Fensterscheiben prasselt der Regen, und aus dem Katalog leuchten ihr Tulpen, Osterglocken und Sterneblueme entgegen. Einem Impuls folgend, bestellt sie ein ganzes Paket Blumenzwiebeln. Denkt, das wäre etwas für ihre Schwester. Und weiss plötzlich: «Ich muss einen Garten haben.» Sie erbettelt sich von ihrem Vermieter, dem «Millionen-Keller», einem Immobilienhändler und ehemaligen Bauern, ein paar Quadratmeter Wiese und macht sich sofort an die Arbeit. Im Novemberregen sticht sie die zähen Graswurzeln aus, setzt Kompost auf, bereitet die Beete vor, und noch vor dem Klaustag steckt sie mit Begeisterung die Zwiebeln in die Erde. Abends ist sie hoch befriedigt, todmüde und kann endlich wieder einmal richtig schlafen. «Das ist es, das brauche ich als Ausgleich zum Schulalltag, dreckige Hände hin oder her.» Dabei hat sie als Kind dreckige Hände und Erde unter den Fingernägeln gehasst wie die Pest.

Fünf Gärten hat sie im Laufe der nächsten Jahrzehnte angelegt, jedes Mal aus einem Stück Wiese. Sie hat neben Blumen auch Gemüse und Beeren gezogen, und was in der Gefriertruhe keinen Platz mehr fand, «habe ich halt den faulen Weibern mit den gepflegten Fingernägeln schenken müssen. Man kann ja nichts umkommen lassen.»

Seit dreissig Jahren wohnt Ruth Angst in Rafz, in jener nördlichen Ecke des Kantons Zürich jenseits des Rheins, die von deutschem Gebiet umgeben ist. Seit dem Ausbau der S-Bahn ist das Dorf in den Sog der Agglomeration Zürich geraten. Ganze Einfamilienhausquartiere spriessen aus dem Boden. Die Gemeinde ist für Pendler attraktiv geworden. «Denen ist das Dorf egal, sie grüssen auch nicht.»

Geboren und aufgewachsen ist sie im Nachbardorf Wil. Am Sonnenhang über dem Dorf wachsen die Reben, dahinter senkt sich der Wald gegen die Grenze zu Deutschland. Im Süden breitet sich die Weite des Rafzerfeldes aus, topfebenes Schwemmland des Rheins. In ihrer Kindheit ist das noch Ackerland, so weit das Auge reicht. Ab 1960 wird hier in grossem Stil Kies abgebaut werden, «Futter» für die Autobahnen, Kläranlagen, Gewerbe- und Wohnbauten im ganzen Kanton. Fast alle im Dorf, so auch Ruths Eltern und Grosseltern, sind Bauern, es gibt zwei Schmitten, einen Wagner, einen Bäcker, vier Wirtschaften, damit hat sich’s. Wasterkingen, Hüntwangen, Wil und Rafz, die Zürcher Dörfer nördlich des Rheins, gehören zusammen und sind doch für sich. Die Siegrist in Wil schreiben sich mit IE, im Gegensatz zu den Sigrist mit I in Rafz. Sogar der Dialekt unterscheidet sich um Nuancen, die Ruth Angst auch im Alter noch bewusst pflegt: «Ich bin kein Windfahnen, spreche immer noch wilerisch wie in meiner Kindheit, ‹Vögili› mit dumpfem I, nicht mit dem spitzen Rafzer I.» Dagegen klingt der Dialekt der Knechte mit dem dunklen A schon fast exotisch. Sie kommen aus der Gegend um Zürich, das ist weit jenseits der Rheinbrücke von Eglisau.

Die Arbeit diktiert den Lebensrhythmus. Klar, dass die Kinder mithelfen in Haus, Feld und Stall. Ruth ist die Älteste von drei Schwestern, «leider», sie sollte Vorbild sein, das fällt ihr schwer. Viel lieber würde sie lesen, verschwindet ins Klo und stillt ihren Lesehunger mit den Zeitungspapierstücken, die als Klopapier dienen, denn Bücher gibt es nicht im Haus. Das setzt oft einen Klaps auf den Hintern oder bei frechen Antworten eine Maulschelle ab. Was soll’s, sie nimmt es hin wie die Sommergewitter.

«Zufällig» haben alle drei Mädchen in der zweiten Junihälfte Geburtstag, immer schön mit zwei Jahren Abstand. Als Ruth «schon drauskommt, wie das Ganze läuft», wundert sie sich darüber. «Wie habt ihr das fertiggebracht? Mit Knaus-Ogino?», fragt sie ihre Mutter. Die bekommt vor Verlegenheit rote Flecken am Hals: «Das mussten wir doch! Dann ist der Heuet vorbei, und bis zur Ernte mag man wieder mit dem Rechen gumpen.» Und die Zeugung fällt in die Sauserzeit, das passt auch nicht schlecht, folgert die gewitzte Tochter.

Ruth Angst, vierzehnjährig, «beim Verzetten auf unserer Wiese».

Auf den Tisch kommt, was man geerntet hat, Gemüse aus dem grossen Garten, Kartoffeln. Ruth beneidet die Kinder, die nach dem Mittagessen mit roten Spaghetti-Schnäuzen in die Schule kommen. Wenn es bei Familie Angst ausnahmsweise auch einmal Spaghetti gibt, stürzen sich die Mädchen mit Heisshunger darauf. Da bekommt der Grossvater feuchte Augen: «Das isch au schöö, weme de Chind cha gnueg z Esse gii.» Er hat in seiner Kindheit, als die Kartoffeln verdarben, Hungerzeiten erlebt.

In der Erdbeerzeit gehen die Kinder am Mittag von der Schule direkt aufs Erdbeerfeld unten in der Ebene, um beim Pflücken zu helfen. Die Körbchen werden gegen Abend von der Migros abgeholt. «Joghurt mit Beeren, mmh», steht darauf. Was ist Joghurt? «Ich habe gefragt, aber niemand hat es mir sagen können.» – «Lauft», ruft die Mutter übers Feld, wenn der Zeiger der Kirchturmuhr auf zehn vor zwei steht und sie zurück zur Schule müssen. «Die Hände waschen konnte man natürlich nicht.»

Jenseits der Grenze ist Krieg

Ruth geht in die dritte Klasse, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Die Generalmobilmachung holt die Männer von den Erntefeldern. Und – ebenso einschneidend für die Bauernbetriebe – auch die Pferde werden eingezogen. Harte Arbeit für alle Daheimgebliebenen, auch für die Kinder. «Man musste sich zu Tode schaffen damals, es war kein brauchbares Hosenbein mehr hier. Man hatte allenthalben zu wenig Hände.»

Im Frühling 1940 zieht sich die Schlinge rund um die Schweiz zu. In Wil erwartet man täglich den Befehl zur Evakuierung. Die Bäuerinnen werden aufgeboten, den Auszug zu proben: Wie lange dauert es, bis sie das Vieh über die Eglisauerbrücke getrieben haben? Keinesfalls will man den Deutschen den Rindsbraten überlassen! Mitten im verhassten Kartoffelstecken ist die Aussicht, fortzugehen, verlockend. Endlich keine dreckigen Hände mehr! Ruth stellt sich die Evakuierung abenteuerlich vor. Sie ist ja noch kaum je über das Rafzerfeld hinausgekommen. Wohin würden sie fliehen? Wo würden sie untergebracht?

Die Grenze vom Rhein um das ganze Rafzerfeld herum bis wieder zum Rhein wird mit vierfachem Stacheldraht gesichert. Gegen Menschen, nicht gegen Panzer. In den ersten zwei Kriegsjahren ist die Angst besonders gross. Die Männer sind weit weg, im Reduit.

Einmal kommt es zu einer Begegnung am Grenzzaun. An einem Sonntagnachmittag in der Weihnachtszeit gehen ihrer paar Mädchen, sie nennen sich die «Sonntagsbande», ins Holz hinauf go striele. «He, Kinder!», werden sie von jenseits des Stacheldrahtzauns angesprochen. Der Mann trägt eine schäbige Uniform, sein Deutsch klingt ganz anders als das vertraute Schwäbisch der benachbarten Dettighofer, fast unverständlich. «Ihr seht gut genährt aus», stellt er fest und erzählt von den polnischen Kriegsgefangenen, die er bewache, vom Hunger und dass er «heim zu Muttern» und «Plätzchen essen» möchte. Und die Mädchen wundern sich, wie viele Mütter er hat und dass man Plätzchen essen kann. Am nächsten Sonntag bringen sie, was sie zu Hause stibitzt haben, Chrööli, Käse, und die kecke Els bringt gar ein Stück Geräuchertes mit, weil sie das selber nicht mag. Sie schieben die Sachen in eine trockene Entwässerungsröhre, die unter dem Grenzzaun hindurch auf die deutsche Seite ragt. Dreimal werden die Sachen abgeholt, das vierte Mal macht sich der Fuchs darüber her.

Gefragt nach Flüchtlingen, fallen Ruth Angst merkwürdigerweise zuerst diejenigen ein, die die Grenze Richtung Norden passiert haben. Der Apotheker von Rafz etwa und Lehrer W., von dem die Leute sagen, er sei ein choge Nazi, verschwinden, nachdem im Herbst 1942 die ersten Todesurteile wegen Landesverrat bekannt werden. «Wir sind so gern zu dem in die Schule gegangen. Er war bildhübsch. Ich habe noch lange für ihn gebetet.»

An einem Wintermorgen wird sie früher als sonst geweckt: «Zieh dich weidli an, in der Küche steht einer.» Die Mutter hat in den frühen Morgenstunden in der Küche das Kraftfutter gerichtet für eine Kuh, die in der Nacht gekalbt hat. Da wird ans Fenster geklopft. Ein...

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