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E-Book

Europa im Mittelalter

AutorKarl Bosl
VerlagPrimus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783896788955
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
'Geschichte aber hat nur dann eine Funktion in der modernen, demokratischen Industriegesellschaft, wenn sie deren Menschen die Aktualität und Gegenwartsbezogenheit des geschichtlichen Denkens sichtbar macht, Denkformen und Begriffe verwendet, die dem durch die Massenmedien aufgeklärten und vorgeprägtem Denken und Erkennen des heutigen Menschen verstehbar und fassbar sind.' So beschrieb Karl Bosl 1976 in einem Selbstporträt sein Verständnis der Vermittlung von Geschichte. Das jetzt von Georg Scheibelreiter neu herausgegebene und bearbeitete Werk - es erschien zum ersten Mal 1970 - zeigt in vielerlei Hinsicht die Einzigartigkeit dieses großen Mediävisten: Sein immenses Wissen, das ihn vielleicht als einen der letzten Universalgelehrten erscheinen lässt, der Mut, sowohl als ernsthafter und verdienstvoller Forscher als auch als moderner 'Sachbuchautor' zu wirken und eben dieses Wissen nicht nur an Wissenschaftler, sondern an alle geschichtlich Interessierten weiterzugeben. Ihm gelingt es, eine längst vergangene Zeit wiederaufleben zu lassen und den Leser gekonnt durch die Jahrhunderte und die Fülle der Ereignisse zu führen. Nicht zuletzt aber ist sein Ansatz nach wie vor aktuell: die Frage nach Europa, seiner Geschichte und seiner Zukunft: 'Niemand aber wird Europa selbst in der Gegenwart verstehen, der nicht seine mittelalterlichen Grundlagen kennt.'

Zum AutorKarl Bosl, 1908 - 1993, von 1960 bis zu seiner Emeritierung Professor für Geschichte in München, außerdem Mitglied zahlreicher in- und ausländischer Gremien und Einrichtungen. Zum HerausgeberGeorg Scheibelreiter, geb. 1943, ist Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien. Bei Primus erschienen: »Die barbarische Gesellschaft« (1999) und »Höhepunkte des Mittelalters« (2004)

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Leseprobe

Alarichs Marsch auf Rom


Die germanischen Völker waren schon jahrhundertelang vor der sogenannten Endvölkerwanderung (375 – 568) in Bewegung geraten. Das dauerte von 200 vor bis zirka 570 nach Christus. Die Endwanderung hat das westliche Römerreich, aber nicht seine Kultur ausgelöscht. Den Anstoß dazu gab die Hunnenwelle (Hsiung-nu oder Hiung-nu), Teilgruppen der Turanier aus den mongolischen Ebenen. Diese nomadisierenden Viehzüchter und Reiter siedelten im 3. Jahrhundert nördlich des Baikal- und Aralsees, brachen um 355 in Rußland ein, unterdrückten dort die Alanen und griffen in der Ukraine die Ostgoten an. Nach dem Tode ihres Königs ergab sich der eine Teil des Großstammes, der andere wich nach Westen in das Siedelland der Westgoten nördlich der Donau aus. Am Dnjestr überrannten die Hunnen ein Heer der Westgoten; deren Reste ließen sich südlich der Donau auf römischem Boden in Mösien und Thrakien nieder. Die Römer behandelten diese Menschen schamlos; um nicht zu verhungern, mußten sie ihre Kinder in die Sklaverei verkaufen.

Der westgotische Heerkönig Fritigern trieb die verzweifelten Westgoten zum Krieg an, nachdem er selbst einem Mordanschlag fast zum Opfer gefallen wäre. Thrakien erlag ihren Plünderungen und ihrem Gemetzel. Auf der Ebene von Adrianopel besiegten die Westgoten 378 ein römisches Söldnerheer unter Kaiser Valens, die schwerste römische Niederlage seit Cannae (216 v. Chr.), ein Sieg der Kavallerie über die Infanterie. Die Römer mußten die Legionstaktik aufgeben und zur beweglichen Kriegführung übergehen. Die Goten, die gegen Konstantinopel zogen, konnten jedoch die Verteidigungssperren vor der Hauptstadt nicht durchbrechen. So wandten sie sich, Hunnen und Ostgoten im Rücken, ungehindert nach dem Balkan und drangen bis an die Grenzen Italiens vor.

In Italien hatte der 375 frühverstorbene Kaiser Valentinian I. die Grenzen verstärkt, ebenso in Gallien, und die Germanen über den Rhein zurückgetrieben. Nach einem kurzen Zwischenregiment korrupter Generäle und Beamter setzte der kraftvolle neue Kaiser des Ostens, Theodosius, Valentinian II. auf den Thron des Augustus zu Mailand. Dieser bewährte spanische Feldherr genoß hohes Ansehen in der halben Welt; er vermochte sogar die Westgoten in sein Heer einzugliedern. Valentinian II. aber stand unter der Kontrolle seiner Ratgeber und hoher Beamter, vor allem des fränkischen Heermeisters Arbogast, der in Gallien sich als Kaiser aufspielte und Valentinian 392 in Vienne ermordete. Arbogast hatte Eugenius als Schattenkaiser eingesetzt. Mit einem Heer, das sich aus Goten, Alanen, Kaukasiern, Iberern und Hunnen zusammensetzte, in dem der Gote Gainas, der später Konstantinopel eroberte, der Wandale Stilicho, der Rom verteidigte, und der Westgote Alarich, der es 410 plünderte, Unterfeldherren waren, obsiegte Theodosius am Frigidus bei Aquileja. Kurz vor seinem Tode in Mailand übertrug er die west liche Reichshälfte seinem Sohne Honorius, die östliche dem Arcadius. Seitdem waren Ost- und Westreich politisch getrennt. Die politische Distanz wurde kulturell noch vertieft.

Solange das Weltreich, das im Osten und Westen zum Spielball ehrgeiziger Minister wurde, die Goten beschäftigte und bezahlte, gaben sie Ruhe. Als sie aber im Westgoten Alarich, der als Diplomat und Feldherr den Römern weit überlegen war, den geeigneten Führer für ihre arbeitslosen Heermannen fanden, da wurden sie zur tödlichen Gefahr. Er führte die Goten Thrakiens auf die Peloponnes, wobei er den Demetertempel in Eleusis zerstörte; Athen kaufte sich 396 durch ein hohes Lösegeld frei. Kaiser Arcadius gab ihnen Siedelland in Epirus, dessen Waffenschmiede den Germanen die Rüstung lieferten. Alarich brach 401 in Italien ein; die Menschen flüchteten sich mit ihrer Habe und ihrem Vieh hinter die schützenden Mauern von Mailand, Ravenna, Rom und anderer Städte; die Reichen wichen nach den Inseln Korsika, Sardinien, Sizilien aus.

Mit einem schnell zusammengekratzten Heer konnte Stilicho bei Pollentia die Goten zunächst aufhalten, die er beim Beten überraschte. Schließlich erkaufte sich Kaiser Honorius mit viel Geld den Abzug der Goten aus Italien; diese setzten gerade zum Marsch auf das unverteidigte Rom an. Honorius hatte aus Mailand Zuflucht in Ravenna gesucht, dem von Sümpfen, Lagunen und Seebänken geschützten Adriahafen, der nun zur letzten großen Hauptstadt des Westens aufstieg.

Kaum hatte sich Alarich zurückgezogen, drang der Barbar Radagais mit zwanzigtausend Alanen, Quaden, Ostgoten und Wandalen über die Alpen und wurde bei Florentia von Stilicho zum Stehen gebracht. Am Hofe des Honorius aber gingen Korruption, Luxus, Intrige dessen ungeachtet weiter; eine Kamarilla von Patriziern, Prinzessinnen, Bischöfen, Eunuchen und Generälen gab dort den Ton an.

Die Germanenheere waren bunt zusammengewürfelt aus lockeren Stammesverbänden und Gefolgschaftshaufen verschiedenster Herkunft; vielfach bildeten sich die neuen Großstämme, deren Namen wir kennen, erst auf Wander- und Kriegsfahrten; Gefolgschaftswesen und Gefolgschaftsnormen waren Mittel und Weg zu Reichs- und Großstammbildungen, die das Wanderzeitalter hervorbrachte.

Nachdem der Heermeister Stilicho, der dreiundzwanzig Jahre lang Roms Heer siegreich geführt und den Westen gerettet hatte, zusammen mit Tausenden seiner Anhänger, darunter unentbehrlichen Führern von Barbarenlegionen, einem Intrigenspiel des ravennatischen Kanzlers Olympius zum Opfer gefallen war, kam die große Stunde Alarichs für den Aufbruch nach dem Westen und den Marsch auf Rom.

Der germanische Sturmwind fegte über das geplünderte Aquileja und Cremona hinweg auf der Via Flaminia bis vor die Tore der »Ewigen Stadt«. Der Ingrimm über den Mord an ihren Führern beflügelte die Kampfeswut von zusätzlichen dreißigtausend Söldnern, die die Schlagkraft Alarichs verstärkten. Er machte die »Urbs« in mehreren Belagerungskampagnen, die jeweils mit Unsummen von Geld und Waren abgelöst wurden, sturmreif; 410 fiel die mit mächtigen Festungsmauern bewehrte Stadt zum ersten Male nach 800 Jahren einem fremden Eroberer zum Opfer.

Peters- und Paulskirche blieben unberührt bei der dreitägigen Plünderung durch das vierzigtausend Mann starke Heer, in dem auch Hunnen und Sklaven vertreten waren. Unter den Gefangenen befand sich auch Galla Placidia, die Halbschwester des Kaisers Honorius, die später den Westgotenkönig Athaulf heiratete und beherrschte; ihr Grabmal zu Ravenna bei San Vitale zählt zu den großen Kostbarkeiten der Kunst dieser Zeit.

In diesem Sturm wurden in Rom viele Kunstdenkmäler wegen ihres Edelmetallgehaltes eingeschmolzen, und große Meisterwerke der Bildhauerei und Baukunst wurden von haßerfüllten Sklaven zerstört. Nachdem Alarich seine Truppen wieder unter Kontrolle bekommen hatte, brach er nach der Kornkammer Sizilien auf und starb an Malaria im kalabrischen Cosenza. Sklaven, die man nach der Bestattung der Geheimhaltung wegen tötete, begruben seinen Leichnam im Flußbett des Busento.

Über Gesellschaft und Kultur im damaligen Rom, die schon lange stagnierten, berichtet uns der letzte klassische Geschichtsschreiber der Antike, der syrische Grieche Ammianus Marcellinus, der 365 in der Stadt eintraf, mit unbedingter Tatsachentreue. Er verachtet den luxuriösen Lebenswandel der Stadt, in der Musik die große Mode war. Das Leben der Stadt kam ihm unwirklich vor, hinter der Tünche beobachtete er Verderbnis bis ins Mark.

Den Schwanengesang auf Rom zu singen war der Dichter Claudianus berufen (seit 394), ein Grieche von Geburt, der ein flüssiges Latein schrieb, Hofdichter des Kaisers Honorius, Angestellter des Wandalen Stilicho, Ehemann einer reichen und vornehmen Hofdame. In einem Preisgedicht auf Stilicho rühmt er die Stadt als »Mutter des Krieges und des Rechtes, als Quelle der Herrschergewalt und Wiege der ersten Gesetze für die Erdenbewohner«.

Wie in Alexandria und Athen lebten auch in Rom zu Ende des 4. Jahrhunderts noch starke heidnische Minderheiten und standen noch 700 heidnische Tempel. Symmachus, einer der Führer dieser religiösen Minderheit, zeigt in seinen Briefen eine fast rokokohafte, charmante Aristokratie in Rom, die sich am Vorabend des Untergangs für unsterblich hielt. Für diese reichen Villen- und Großgrundbesitzer, deren Güter über ganz Italien verstreut waren, bildeten römische Kultur und altrömischer Glaube eine Einheit. In der Plünderung Roms durch Alarich sahen diese Kreise eine Rache der mißachteten Götter, die zur Strafe die stolze Hauptstadt demütigten. Die Weltstadt konnte tatsächlich nicht länger mehr die Hauptstadt sein, sie schien reif für ihr Schicksal.

Alarichs Schwager und Nachfolger Athaulf, der Galla Placidia, die Tochter Kaiser Theodosius’ I., zur Frau nahm, führte die Westgoten nach Südgallien in den Raum von Narbonne, Toulouse und Bordeaux, starb aber schon 415. Sein Nachfolger Wallia errichtete 418 das Westgotenreich von Toulouse. Placidia kehrte nach Ravenna zurück und regierte dort als Verweserin für ihren Sohn aus zweiter Ehe, Valentinian III.

Stilichos Fall († 408) ist typisch für die Germanen, die die Assimilation an die römische Welt und ihre Kultur vom Barbarentum getrennt hat, ohne daß sie gleichzeitig für die Romania annehmbare Partner oder Römer wurden. Stilichos Ehrfurcht vor der kaiserlichen Autorität war so groß, daß er sich widerstandslos hinrichten ließ. Seine Assimilationspolitik hatte versagt; nach ihm schwur kein Barbar mehr seinen Ursprüngen und seiner Abstammung ab zugunsten der undankbaren römischen Gesellschaft. Er ist aber auch ein Zeugnis dafür, daß die Germanen führende Köpfe hervorbrachten, als die Römer nur noch Bürokraten, Professoren, Kurtisanen zeugten. Diese barbarischen Naturen waren brutal und grausam,...

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